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#gärngschee

Von viral auf einigermassen stabil in einer Woche – das ist seit dem Raketenstart rund um «Gärn gschee – Basel hilft» passiert. Und so gehts weiter.

Update aus dem Maschinenraum einer kleinen Basler Redaktion, die nun nicht mehr so klein ist, wie sie vor zwei Wochen noch war. Einen schönen Wochenstart, allerseits!

03/13/20, 05:09 PM

Aktualisiert 11/17/20, 01:19 PM

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Selbes Bild, gleiche Stimmungslage wie vor einer Woche.

Selbes Bild, gleiche Stimmungslage wie vor einer Woche.

Wir dachten: Das wars dann. 

Wir dachten, mit dem Beitritt von 1500 Mitgliedern in dieser Facebook-Gruppe in einer Nacht sei der Gipfel erreicht. Mehr geht nicht. Das war vor einer Woche. Wie falsch kann man liegen.

In der Zwischenzeit (seit Anfang letzter Woche) ist unsere Redaktion von sechs auf temporär ungefähr sechzehn Mitarbeiter*innen angewachsen. In der Zwischenzeit sind über 13’000 Mitglieder in die Gruppe «Gärn gschee – Basel hilft» eingetreten. In der Zwischenzeit haben wir Anrufe von Facebook, Entwicklern von Online-Bezahlsystemen und ziemlich vielen grossen Festivals und Konzertveranstaltern in der ganzen Schweiz und in Deutschland erhalten, die mit Bajour zusammenarbeiten wollen. 

In der Zwischenzeit ist die Überforderung zum Modus operandi geworden. Wir werfen hier in unregelmässigen Abständen einen Blick auf uns selbst. Also auf euch. Ein Innen und Aussen ist bei Bajour längst nicht mehr auseinanderzuhalten. Umso wichtiger scheint uns darum, wenigstens den aktuellen Stand der Entgleisung zu protokollieren. Ab geht's.

Angefangen hat das Aufweichen aller Grenzen zwischen der Kernredaktion und freiwilligen Professionellen mit dieser Facebook-Gruppe. Es muss an Tag 3 nach der Gründung gewesen sein, als uns, der Redaktion plus Geschäftsleitung, der banalste Grundsatz aller Grundsätze in Sachen Gruppendynamik sehr schnell sehr klar wurde: 

Diese Gruppe mit mehreren tausend Mitgliedern wird nur so nett sein und bleiben, wie ihre hässigsten Kommentator*innen. Das heisst: Moderation musste her. Und zwar schnell. 

Auf unseren Aufruf meldeten sich Seraina Kobler, Christo Schneider und weitere, die seither mit unermüdlichem Engagement die Timeline entlangsurfen und auf die Nettiquette pochen. Sandie Collins telefoniert für uns mit Hilfesuchenden, die unsere Flyer in den Quartieren gesehen haben. Sie alle sind Gold wert. Gold wert ist auch die Professionalität der Aktivistin und Netzcourage-Gründerin Jolanda Spiess-Hegglin, deren Erfahrung respektiert wird da draussen, das spüren wir. Hinter den Kulissen hilft neu die Journalistin Marguerite Meyer dabei, den Output aller Schreibenden zu ordnen.

Unser Kommunikationskanal Slack fasst den aktuellen Stand Ende Woche so zusammen. Danke, Slackbot.

Keine «Gärn-gschee-Gruppe» der Schweiz, nicht in Zürich, nicht in Genf oder Bern, hat so viele Mitglieder wie die in Basel. Das ist Stoff für Verantwortung, keine Kraftmeierei in Sachen Solidarität. Wie gehen wir damit um? 

Wir verteilen. Kanalisieren. Vermitteln. Das lokale Gewerbe schmiert ab, wie können wir helfen? Ein Zürcher Unternehmer hat sich kundig gemacht und informiert klug – wir dürfen die Tipps übernehmen. Wir bauen eine Karte, auf der sich Dienstleister eintragen können, damit die Zuhausesitzenden einen Notfall-Klempner oder den Risotto-Lieferdienst im Quartier finden. Überall entstehen Scharniere und neue Teilchen. Aus dem ganzen Bajour-Betrieb ist innert Wochenfrist eine Maschine geworden, deren Zahnräder allesamt für genau einen Zweck ineinandergreifen: 

So prompt wie möglich, so nützlich wie möglich zu sein.    

Nützlichkeit misst sich manchmal auch in emotionaler Währung. 

Ein absolutes Highlight war der Auftakt zu Gärn gschee Kultur mit Manuel Gagneux. Glücklicherweise schiessen zur Zeit die Live-Streams wie schillernde Raketen aus dem Cyberspace! Aber mit einer Prise Unbescheidenheit haben wir beobachtet, dass das, was da aus einer alten Bäckerei im St. Johann über die Bajour-Kanäle ins Internet raste, in Sachen Bild und Ton-Qualität ganz, ganz weit vorne gelandet ist. 

Hier kannst du dich, wenn du magst, selber davon überzeugen.

Über 3000 Franken Spende kamen während des Konzerts zusammen. Die Kulturklinik wird das Geld bereits dieses Woche in einer ersten Tranche an Kulturschaffende ausschütten. Soforthilfe für die Kunst. So haben wir uns das vorgestellt.

Das kann nie funktionieren, dachten wir. Dass es funktioniert hat, und zwar ohne Panne, ist eigentlich die überraschendste aller Überraschungen, weil irgendwas geht immer schief, steht im ungeschriebenen Gesetz für ad-hoc Lösungen. Oder etwa nicht?

Wie wir den Balken mit dem aktuellen Stand der Spenden in die Live-Übertragung eingebaut haben, wollte ein Festival aus Luzern anderntags wissen. Wie wir die Payrexx-Bezahlfunktion mit dem Facebook-Stream verknüpft haben, fragte ein Konzertmanager aus Freiburg im Breisgau. Wir haben in den vergangenen Tagen sehr, sehr viele sehr technische Fragen erhalten.

Ich sag wie’s ist: Ich habe absolut keinen Plan. (Wir werden sobald es geht alles open source zur Verfügung stellen!)

Alles, was ich weiss ist, dass ein paar sehr kluge, begabte Köpfe, darunter Elias Buess, Thomas Keller, Livio und Flavio Spaini, Samuel Hufschmid und Martin Schaffner, innert vier Tagen in obskuren Netzkonferenzen dieses Ding aus dem Boden gehämmert haben. Dass wir alle dachten, das kann nie funktionieren. Dass es funktioniert hat und zwar ohne Panne und dass das eigentlich die überraschendste aller Überraschungen ist, weil irgendwas geht immer schief, steht im ungeschriebenen Gesetz für ad-hoc Lösungen. Oder etwa nicht?

Stilechter Hintergrund für Tech-Konferenzen in Corona-Zeiten. 
Gross im Bild: IT-ler Flavio Spaini, oben links Elias Buess, oben rechts Livio Spaini.

Stilechter Hintergrund für Tech-Konferenzen in Corona-Zeiten. Gross im Bild: IT-ler Flavio Spaini, oben links Elias Buess, oben rechts Livio Spaini.

Gärn gschee Kultur geht weiter. Nächster Act ist Evelinn Trouble (Mittwoch, 25. März, 20:15 Uhr). Aber die Situation hat sich mittlerweile verschärft und was das für uns bedeutet, diskutieren wir sachlich. Die Sicherheit und das Einhalten der vorgeschrieben Regeln geht vor. 

Überhaupt geht vor, was da draussen geschieht. Und damit kommen wir zum Schluss dieser Umschau, die den Blick auf das Wesentliche nicht verschleiern soll: Wir leben im absoluten Ausnahmezustand, Ansammlungen von mehr als fünf Personen sind mittlerweile verboten. Und nur, weil auch schöne Dinge und neue Netzwerke entstehen, und wir uns gegenseitig daran erinnern, wie freundlich wir alle sein können, setzen wir in erster Linie alles daran, diese Krise so schnell wie möglich zu bewältigen. 

Das heisst auch, dass wir aus dem Sprint- in den Langdistanzmodus schalten. Auf dass uns die Puste auf halber Strecke nicht ausgeht.

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Dieser Artikel ist ein Update eines älteren Textes zur Geschichte hinter Gärn gschee – Basel hilft. Den ersten Text, publiziert am 13. März, liest Du hier:

Rückblende. 

Eigentlich hätte es bei Bajour im März um ein ganz anderes Thema gehen sollen, nämlich um Nutzungskonflikte im öffentlichen Raum. Eine Pitch Night war angedacht, 7 Expert*innen waren organisiert, Geschichten aufgegleist. Wir hatten gehörig Hirnschmalz und Energie in ein Themenpaket gesteckt, das plötzlich wie ein schlaffer Ballon in sich zusammensank. 

Da draussen wurden Weltcupfinals abgesagt. Grenzen zugemacht. Schulen geschlossen. Und wir warben auf Social Media damit, in einem engen Raum vor Publikum ein Podium abhalten zu wollen? Das passte nicht. Wie kippten das Vorhaben und jeder tippte aus seiner Arbeitsecke in den zentralen Kommunikationskanal #corona auf Slack:

«Was nun?»

Die gesamte Bajour-Redaktion

Zwei waren zuhause und niesten sich in die Armbeuge, Homeoffice. Zwei sassen im Büro. Der Rest war irgendwo. Aktualität musste her, soviel stand fest. Da rauschte einem von uns auf Instagram das Foto durch die Timeline: «Liebe Nachbar*innen» stand darauf.

«Sollten Sie über 65 Jahre alt sein und ein geschwächtes Immunsystem haben, möchte ich Euch unterstützen, gesund zu bleiben.»

Der Aushang stammt offenbar aus Wien, erfuhren wir später. Entdeckt haben wir ihn auf dem Instagram-Profil der Süddeutschen Zeitung.

Der Aushang stammt offenbar aus Wien, erfuhren wir später. Entdeckt haben wir ihn auf dem Instagram-Profil der Süddeutschen Zeitung.

Tolle Initiative, dachten wir. Und dann:

Geistesblitz. Wir machen eine Facebookgruppe! Hilfesuchende, die wegen des Virus zuhause festsitzen, suchen dort nach Unterstützung, junge, weniger gefährdete Menschen bieten umgekehrt ihre Hilfe an. Hat nicht die abgesagte Fasnacht gezeigt, dass diese Solidarität unter Basler*innen existiert? Wurden da nicht die bei den Wagencliquen liegengebliebenen Orangen verteilt, schossen da nicht Guerilla-Initiativen gegen die drohenden Lebensmittelverschwendung wie Pilze aus dem Stadtboden?

Könnten wir nicht der anschwellenden Angst etwas entgegensetzen? Für einen Lichtblick sorgen und mit einfachen Mitteln grossen Nutzen erzeugen?

Wir können, dachten wir. Und dann ging alles sehr schnell

Ein Name musste her. Einer, der sofort klar machte, worum es in dieser Gruppe gehen sollte. Also nicht dieser:

Aber der: 

Was ist mit denen, die nicht auf Facebook sind? Die sollen bei uns anrufen, wie ging nochmal die Nummmer des Redaktionstelefons? Eine Whatsapp-Kontaktnummer muss auch her! Wir drucken Flyer und verteilen sie in den Quartieren. Hängen Aufrufe an die schwarzen Bretter in den Läden, Apotheken, Quartiervereinen. Das muss funktionieren, dachten wir, und dann ging die Facebook-Gruppe online.

Nach zwei Stunden: 400 Mitglieder. 

Am Morgen danach: 800 Mitglieder.

Zur Morgensitzung um 9:00 Uhr: 1200 Mitglieder. 

Kurz: Das Feedback war Überwältigend. Die Gruppe wurde geflutet mit Angeboten aus den Quartieren, es hagelte Postleitzahlen und Hilfsangebote. Auch Hilfesuchende meldeten sich. 

Stand Freitagabend, 17:00 Uhr, hatte die Gruppe 2700 Mitglieder. Un.fass.bar.

Der Rest war Medienrummel und paralysiertes Dabei-Zusehen, wie sich unsere Idee immer engmaschiger über die ganze Schweiz legte. tsüri.ch machte mit Gärn gscheh – Züri hilft den Anfang, dann kam Biel, Bern, Suhr, Baden. Und weitere Städte. Unter hilf-jetzt.ch finden sich mittlerweile nicht weniger als 20 Netzwerke

Ob mit dem Export der Idee in die ganze Schweiz unser Zeil erreicht sei, fragte mich der Reporter Matthias Fuchser von Radio Bern1 während eines Interviews am Telefon. Welches Ziel, dachte ich, während ich irgendwas von geglückter Aktion redete. Wir wollten was Schönes für Basel schaffen. Dass wir damit die Schweiz anstecken, daran hätten wir nicht im Traum gedacht. 

Und dann noch dies: Die Initiative zur Nachbarschaftshilfe haben wir nicht erfunden, die war schon da. Wir haben sie lediglich gesehen, aufgenommen und mutiert. Jetzt geht die Idee ihren Weg und auch dafür sind nicht wir verantwortlich, sondern die Leute da draussen. Ihnen gebührt der Dank, wir arbeiten derweil weiter.

Was wir jetzt machen

Denn es gibt zu tun. Wie erreichen wir diejenigen, die aufgrund ihres Alters zur Gruppe gefährdeter Personen gehören und kein Facebook-Profil haben? Eine Flyer-Vorlage kreieren, die die Leute zuhause ausdrucken können. Zur gemeinsamen Flyer-Aktion in den Quartieren einladen. Den Aufruf auf Türkisch und Englisch übersetzen, denn nicht alle Basler*innen verstehen Deutsch, aber alle sollen Hilfe in Anspruch nehmen können.

Wir machen einen Schichtplan für die Moderation der Gruppe und vernetzen im Hintergrund Anfragen, die lieber anonym bleiben wollen, mit Helfer*innen. 

Wir schauen voraus und planen: Wie können wir bajour.ch vorübergehend zur Landing page für verschiedene Hilfsangebote machen? Jetzt wo die Schulen zu sind, könnten wir uns mit der entstandenen Reichweite nicht an der Koordination von Kinderbetreuung beteiligen? Darüber diskutieren wir gerade.

Wir sind dankbar und überwältigt. Danke an alle, die sich beteiligen!

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Du hast Fragen zur Aktion? Hier gehts zu unserem Q & A

Was sollten Helfer*innen unbedingt beachten? Tipps gibt uns das Rote Kreuz

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