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Rojava-Demonstrationen in den Basler Medien: Erst kommt das Fressen.

10/31/19, 08:31 AM

Wie Rojava-Demonstrationen in den Medien nie gezeigt werden. Als friedliche Sit-Ins, wie hier zum Beispiel auf dem Marktplatz in Basel.

Wie Rojava-Demonstrationen in den Medien nie gezeigt werden. Als friedliche Sit-Ins, wie hier zum Beispiel auf dem Marktplatz in Basel.

Im Zusammenhang mit den Rojava-Demonstrationen wird aktuell wieder über linksextreme Gewalt geschrieben. Die Basler Zeitung und Prime News nehmen einen Demonstrationsaufruf auf Barrikade.info zum Anlass, die Bewegung zu diskreditieren.

Am Dienstag, dem 30. Oktober, wurde eine Stellungnahme an Journalist*innen verschickt, unterzeichnet von der Kurdischen Jugend Schweiz, sowie vom Rojava Komitee Basel. Darin heisst es, in der Berichterstattung über die Demonstrationen werde suggeriert, dass sich die Schweizer Linke nicht wirklich für Rojava interessiere, sondern eigene Ziele verfolge.

Zitat aus der Stellungnahme: «Wir wehren uns entschieden gegen diese Unterstellung: Wir, die antikapitalistische Linke und die kurdische und türkische Linke, wir haben gemeinsame Interessen und deshalb gehen wir gemeinsam auf die Strasse.»

Weiter steht: «Genauso wie es innerhalb der Schweizerischen Linken Meinungsverschiedenheiten über unterschiedliche Mittel gibt, so gibt es sie innerhalb der kurdischen Freiheitsbewegung. Es gibt unterschiedliche Vorstellungen davon, wie Widerstand Wirkung entfaltet.»

In der Demonstrationsankündigung hat es unzweideutige Passagen, keine Frage. Die Firmen, die vom Krieg profitierten und die politischen Entscheidungsträger*innen müssten unter Druck gesetzt werden, heisst es. «Dies gelingt nicht mit Appellen, sondern mit direkten Aktionen. Es braucht Walk-Ins, Blockaden, Besetzungen und Angriffe bei Kriegsprofiteur*innen.» 

Damit hier kein Missverständnis aufkommt: Gewalt, insbesondere gegen Personen, erachtet Bajour nicht als Mittel der freien Meinungsäusserung.

Aber wer den Demonstrationsaufruf auf die zitierte Passage verkürzt, verkürzt auch die Demonstrationsteilnehmenden und ihre Anliegen auf Extreme. Das ist unrichtig, billig und wird auch den bisherigen Ereignissen nicht gerecht.

Die Verzweiflung der Demonstrierenden findet medial fast nicht statt

Vor und seit dem Einmarsch türkischer Truppen in Rojava hat es in Basel eine Vielzahl von Demonstrationen mit unzähligen Redebeiträgen, Flyern, Filmvorführungen und Informationsabenden gegeben, ohne dass über die lokale inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Krieg (oder wie die Basler Zeitung schreibt: der türkischen Intervention) in Rojava auch nur eine Zeile geschrieben worden wäre. Die Demonstrierenden, ihre Geschichten, ihre Wut, ihre Verzweiflung werden beinahe ausgeblendet.

Geschrieben wurde stattdessen über «vereinzelten Vandalismus». Und auch hier das Meiste unter Verzicht auf Augenzeugenschaft oder sonst eine Art von Bodenhaftung. Stattdessen wurde gemutmasst, wo sich eine Demonstration «erfahrungsgemäss auflösen werde», es werden Leserreporter zitiert, die Brände gesehen haben und ganze Artikel aus den wutentbrannten Tweets empörter Politiker zusammengeschustert.

Apropos SVP-Grossrat Joël Thüring: Seine Deeskalationsstrategie für Samstag besteht darin, beim Justizdepartement Wasserwerfer gegen die Demonstrierenden zu fordern. Wir lassen das mal so stehen.

Das Credo lautet: Was den Samstagsverkauf stört, kann weg

Mittlerweile ist die Demonstration für Samstag polizeilich bewilligt. Das heisst, man könnte sich ab sofort wieder sachlichen Auseinandersetzungen zuwenden, wäre es nicht ach so einfach, die vorher aufgeputschte Empörungswelle jetzt erst richtig abzureiten und alles für die eigene Meinung zu vereinnahmen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Die Schausteller*innen an der Herbstmesse! Die Restaurants! Die Familien! Das BIP!

Die Strategie der medialen Empörungswelle ist denkbar einfach: Durch die Skandal-Berichterstattung werden die Rojava-Demonstrationen konsequent zum Spielball fremder Interessen (der Antikapitalist*innen oder Linksextremen oder der Politik) degradiert. Sie werden damit inhaltlich entkernt, ihre Botschaft unter den Tisch gekehrt. Sie werden damit delegitimiert. Was den Samstagsverkauf oder sogar die Herbstmesse stört, kann weg.

Erst kommt das Fressen. Aber wer dann auf die Moral wartet, wartet vermutlich vergeblich.

Man muss nicht an diese Demonstrationen gehen. Man kann shoppen gehen oder Zuckerwatte essen. Irgendwann kommt dann diese Demonstration vorbei. Man kann sie zum Anlass nehmen, innezuhalten, kurz nachzudenken, den Kindern zu erklären, um was es geht. Man kann die Demonstration zum Anlass nehmen, sich solidarisch zu zeigen. Auch während der Herbstmesse, mit Zuckerwatte in der Hand. Glauben Sie uns, das geht.