🚀
.

Wir waren am ersten digitalen Social Muscle Club und es war: ❤️💪❤️💪❤️💪❤️

04/01/20, 10:52 AM

Aktualisiert 04/10/20, 07:31 AM

Die drei Organisator*innen des digitalen Social Muscle Clubs mit Basis im Kraftwerk Züri: 
Björn Müller, Ramona Sprenger, Benedikt Wyss. Foto: nicolasgysin.com

Die drei Organisator*innen des digitalen Social Muscle Clubs mit Basis im Kraftwerk Züri: Björn Müller, Ramona Sprenger, Benedikt Wyss. Foto: nicolasgysin.com

20:13 Uhr. Noch zwei Minuten zum Start. Ich sitze zuhause, das fahle Licht meines alten Laptopbildschirms fällt mir asozial ins Gesicht. Ich bin müde. Habe zuviel in diesen Bildschirm gestarrt die vergangenen Tage. Bildschirmzeit am Handy unterdessen: 5 Stunden und 39 Minuten. Im Durchschnitt.

20:15 Uhr. Es geht los. «Alle da? Könnt ihr mich hören?» Ein Mann in gelbem Hemd und roter Krawatte spricht zu mir, er stehe im Kraftwerk in Zürich, sagt er über ein paar gewaltige Zimmerpflanzenblätter hinweg. Das selbstironische Setting beruhigt mich sofort. Durchatmen. Bier auf. 

20:17 Uhr. Der Ton ist weg. Der Mann im gelben Hemd, der sich später als Benedikt Wyss vorstellt, spricht mit Stimmbändern aus Metall, die über eine Wandtafel knirschen. So klingt das. Eine Audiospur wie ein Autounfall. ARGH. 

20:20 Uhr. Plötzlich ist da kristallklarer Ton. Ein anderer Herr hinter Pflanzen, Björn Müller, heisst mich willkommen zum ersten digitalen Social Muscle Club. Ich sei einer von 100 Gästen, angemeldet hatten sich viel mehr. «Das Motto heute lautet Brot und Spiele», sagt die dritte Person auf der Bühne, Ramona Sprenger. Dann müssen wir schwören.

Jeder Gast bringt einen Wunsch und ein Angebot – Schlüssel zur Interaktion

Der Social Muscle Club (SMC) hat ein Ziel: Menschen miteinander zu verbinden, die sich vorher nicht kannten. Normalerweise findet der Club natürlich auf persönlicher Ebene statt, seinen Ursprung hat er, na klar, in Berlin. Von da expandierte er 2013 nach Basel und dann in andere Städte Europas, in die USA, nach Bogota und Johannesburg. Jede*r Teilnehmer*in des Social Muscle Clubs bringt zwei Dinge mit: Ein Angebot und einen Wunsch. Das ist der Schlüssel zur Interaktion.

20:22 Uhr. «Bei den Träumen, die die Galaxie umsegeln. Beim Blut, das in meinen Adern wallt. Bei den Dingen, die sind und bei denen, die nicht sind. Beim Eis, wenn es schmilzt und bei brennenden Herzen... schwöre ich, dass ich halte, was ich heute Abend verspreche.»

Das Leben ist nur noch ein Changieren zwischen digitalen Oberflächen. Hier zu sehen: Schwur-Szene aus unserer Insta-Story, die wir parallel während des Social Muscle Clubs erstellt haben.

Das Leben ist nur noch ein Changieren zwischen digitalen Oberflächen. Hier zu sehen: Schwur-Szene aus unserer Insta-Story, die wir parallel während des Social Muscle Clubs erstellt haben.

Was geht denn hier ab, denke ich. Während ich höre, wie eine unbestimmte Zahl Stimmen diesen, von einem Zeremonienmeister mit seltsamer Kopfbedeckung vorgetragenen, Schwur nachmurmelt.

Ein Kult. Eyes wide shut, Internet-Edition. Wo ist der Nix-wie-raus-hier-Knopf?

20:30 Uhr. Die Pflanzen auf dem Screen sind weg. Ich sehe jetzt mich und fünf andere Menschen auf kleinen Bildschirmausschnitten. Offenbar hat die Regie mich in eine Art digitaler Privatkammer gebeamt. Jede Kammer hat einen Namen. Wir sind die Gruppe Vollkorn.

20:32 Uhr. «Hallo zusammen, schön dass ihr da seid», sagt Lea. Lea ist die Gastgeberin. Dann ist da noch «Hochi». Er hat kleine Kakteen auf einem weissen Tshirt und wohnt im Gundeli. Eine Frau im Kimono nennt sich Glöcklifrosch, sie wohnt in Bern. Zwei Musiker, die sich als Duo Pelati Delicati vorstellen, sitzen irgendwo an der Breisacherstrasse in ihrer Küche und essen Risotto. Zwischen ihnen hängt eine Scheibe aus Plexiglas. Dann ist da noch Isabelle. Sie hat sich eigentlich als Sauerteig angemeldet, aber ist jetzt in der Gruppe Vollkorn gelandet. Was solls. Hallo Isabelle. 

100 Screens, 100 Gesichter. Da kommt Stadionstimmung auf. Foto: nicolasgysin.com

100 Screens, 100 Gesichter. Da kommt Stadionstimmung auf. Foto: nicolasgysin.com

Ganz schön seltsam, denke ich, während wir uns vorstellen und so etwas wie Smalltakt entsteht.

Gefühlt hat uns diese Krise von einer Stunde auf die andere in unsere vier Wände katapultiert, wo wir seither sitzen wie Federkiele in der Tinte. Dunkel ists. In meiner Wahrnehmung war das bislang alles irgendwie erträglich, aber ich hab gut reden. Ich bin jung. Ich habe einen Job. Das plötzliche Abkippen allen Miteinanders in den Cyberspace hat aus meiner Sicht gut geklappt und ich und meine Freunde und ganz viele andere Leute da draussen schicken sich seither lustige Memes und Screenshots von Teammeetings #crazytimes.  

Wir feiern uns für unsere digitale Fitness. Wenn die Augen schmerzen, gehen wir kurz auf den Balkon, weil wir einen haben. Ich glaube, die meisten hier haben einen Balkon. Hallo Nachbarn 🙋‍♂️.

Und kurz muss ein Riss durch die Matrix gegangen sein, denn jetzt stellt sich heraus, dass Lea bei mir um die Ecke wohnt.

20:50 Uhr. Der Social Muscle Club will konkrete Aktionen schaffen, das haben wir geschworen. Lea, die Gastgeberin, zieht jetzt unsere Namen, die sie zuvor auf eine Handvoll Zettel geschrieben hat, aus einer Brotform. «Isabelle, was bietest du an?»

20:51 Uhr. Isabelle: «Ich flüstere ein paar Gedichte in dein Ohr». Schöne Sache, sagt Lea, wer will das Angebot annehmen? Glöcklifrosch will, «aber wie machen wir das, ich meine – jetzt?» Ich denke an Youtube-Videos und diesen Trend von 2016, ASMR. Menschen machen da sehr leise Geräusche und andere hören zu und erleben dabei neuronale Orgasmen.

Meins ist das nicht so, aber Gedichte find ich grundsätzlich gut. Lea und Isabelle einigen sich auf ein Treffen nach Corona. 

20:55 Uhr. Die Pelatis sind dran: «Wir bieten ein Hinterhofkonzert. Sag uns, wo du wohnst, und wir kommen mit den Gitarren und singen ein paar Lieder.» Lea sagt sofort zu. Lea nennt ihre Adresse.

Und kurz muss ein Riss durch die Matrix gegangen sein, denn jetzt stellt sich heraus, dass Lea bei mir um die Ecke wohnt. Wir teilen denselben Innenhof. JACKPOT! Am Samstag, den 4. April kommen also Pelati Delicati in einen Innenhof im St. Johann und spielen ein paar Lieder und ich und Lea und alle Nachbarn werden auf den Balkonen stehen und zuhören. Am Samstag ist zufällig mein Geburtstag. Ein paar soziale Muskeln werden gerade heftig gestretched. 

Das Duo Pelati Delicati irgendwo an der Breisacherstrasse, aber eigentlich ist das dem Internet egal. Foto: nicolasgysin.com

Das Duo Pelati Delicati irgendwo an der Breisacherstrasse, aber eigentlich ist das dem Internet egal. Foto: nicolasgysin.com

Streiflicht in unsere Privatkammer. Die Gäste wussten, dass ein Journalist anwesend ist.

Streiflicht in unsere Privatkammer. Die Gäste wussten, dass ein Journalist anwesend ist.

21:05 Uhr. Plötzlich werden wir per Fernsteuerung aus unserer privaten Kammer herausgerissen und in den Zentralspace geschaltet. Auf dem Bildschirm ist jetzt eine Bühne zu sehen. Die Slam-Poetin Rebecca Lindauer performt einen Text, es geht um Kinder. Zum Glück habe ich jetzt keine Kinder, denke ich, stell dir vor.

Ob hier wohl viele mitmachen, die Kinder haben? Oder sind wir hier unter uns? Die kinderlose Internetelite in offener Beziehung zum WLan hehehe rofl?

21:15 Uhr. Zurück in der Kammer, nochmal 30 Minuten. Hochi bietet an, ein Porträt von jemandem zu machen, er ist neben seinem Job auch Fotograf. Pelati Delicani proben gerade für ein neues Programm, sie brauchen noch Bilder für die Promo. EIN MATCH! Glöcklifrosch vermisst es, mit Menschen im Kontakt zu sein, «biz zu flirten, einfach zu reden, zusammen zu sein». Hochi erfüllt den Wunsch: Ein gemeinsames Abendessen, digital, wir anderen sind auch eingeladen, wenn wir wollen. 

So geht das hin. Während wir in unserer Privatkammer Wünsche und Angebote tauschen, passiert dasselbe in ungefähr zwanzig anderen Gruppen. Was die wohl alle reden? Was passiert heute da draussen? Lernen sich heute vielleicht Leute kennen, die später mal zusammenkommen? Verliebt sich hier irgendwer? Wir haben geschworen, unsere Wünsche einzuhalten. Alles ist möglich. 

Dann. Kurzer Absturz in die Dystopie. Was, wenn das hier nie mehr aufhört? Was, wenn das hier das neue normal ist? Wir lachen hier und scherzen mit dieser kindlichen Freude, bei etwas Aussergewöhnlichem dabei zu sein.

Bei meinen Nachbarn stand heute Nachmittag ziemlich lange ein Krankenwagen vor dem Haus. Ein älterer Mann stand hilflos da und sah zu, wie jemand behutsam in den Wagen gehievt wurde. Seine Frau? Ich habe ein bisschen geweint.

Ein Sternschnuppenhagel im Cyberspace

21:25 Uhr. Ich habe einen Sauerteigsetzling angeboten. Gewünscht hab ich mir dafür ein Feuerwerk. Das krieg ich. Und wie. 

Zum Schluss dieses Social Muscle Clubs kommen alle nochmal im Zentralspace zusammen. Wenn man oben rechts auf die Kachelansicht klickt, kann man alle hundert Gäste gleichzeitig sehen, da kommt richtig Stadionstimmung auf. Und jetzt, keine Ahnung wie ich das verdient habe, wird mein Wunsch als einer von wenigen vom Zeremonienmeister an alle hundert Gäste herangetragen. Eine Minute lang Feuerwerk. Jemand macht Musik an. 

Und über hundert kleine Bildschirme flimmern jetzt Feuerzeuge, Handytaschenlampen, Wunderkerzen, Velolichter. Es glitzert und blinkt und schillert wie die grosse verdammte Milchstrasse einer digitalen Galaxie. Ein Sternschnuppenhagel im Cyberspace. Ich kann nicht mehr. 

Während ich diese Zeilen schreibe, mittlerweile ist es bald 02:00 Uhr, hängen immer noch ein paar Glückselige in diesem Raum fest und tanzen, jede*r in vor dem Bildschirm, zu elektronischer Musik. Etwas früher war noch Freed from desire von Gala gelaufen, dazu haben auch alle getanzt. Du scheussliche neue, du schöne neue Welt. Ich leg mich schlafen.

__________

Mehr Sternschnuppen gibts jeden Morgen in unserem Blick auf das, was in Basel zählt: Bitte hier entlang zur Anmeldung am BaselBriefing. Du willst mehr für uns tun? Toll! Hier kannst du Member werden (40 CHF / Jahr).

Netzwerkgerechte Extase drüben auf Insta. Aber es war, ungelogen, wirklich schön.

Netzwerkgerechte Extase drüben auf Insta. Aber es war, ungelogen, wirklich schön.