Wer kennt diesen Kamin im Gundeli?

Der Block 6.1.021 beherbergt einen ganz speziellen Bewohner: Einen alten Fabrik-Kamin. Was hat es auf sich mit ihm und was soll aus ihm werden? Yaël Debelle hat sich für Bajour auf Spurensuche begeben.

Yaël Debelle

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Um ihn geht es heute: Den hohen Kamin im Hinterhof. (Foto: Yaël Debelle)

Innenhöfe haben ein Eigenleben. Das wusste ich schon als Kind. Jedes Mal wenn ich mit dem 36er-Bus zur Kunsteisbahn fuhr, betrachtete ich wehmütig die drei Pferde, die – auf das Garagentor gemalt – an der Dornacherstrasse 101 aus der Box lugten. Ich stellte mir vor, dass es im Innenhof einen Ponyhof gibt. Betreten habe ich den Innenhof nie, dazu war ich zu schüchtern.

Heute bin ich kein Mädchen mehr, das sich nach einem Ponyhof sehnt, sondern Journalistin mit der Lizenz zum Nachfragen und Nachschauen. Für Bajour gehe ich der Frage nach, was es mit dem knapp 30 Meter hohen Industriekamin auf sich hat, der – versteckt hinter dem Haus mit den drei aufgemalten Pferden – in den Gundelihimmel ragt.

Wie findet man heutzutage heraus, was ein alter Turm in einem Innenhof zu suchen hat? Online zunächst. Ich google die Adresse. Der Turm wirft auf dem Satellitenbild von Google Maps einen langen Schatten über das Dach des Hinterhofgebäudes. Die Online-Auskunft des Grundbuchamtes verrät mir in zwei Klicks, dass das Kamingebäude zur Güterstrasse 140 gehört, also nicht zu meinem Pony-Gebäude an der Dornacherstrasse. Die anthroposophische Stiftung «Schule und Beruf» sei die Eigentümerin.

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Ein paar Beulen und Ecken hat der Turm. Zumindest, wenn man ihn sich bei Google anschaut. (Foto: Google Maps)

Aber die Website der Stiftung ist tot. Moneyhouse verrät mir zwar die Telefonnummer, aber niemand nimmt ab. Ich checke im digitalen Stiftungsverzeichnis den Stiftungsrat – und entdecke Barbara Buser. Die Grande Dame der Basler Architekturszene, Taktgeberin und Tausendsassa in fast allen Um- und Zwischennutzungen der Stadt, Expertin für die Wiederbelebung von Fabrikbrachen, hat auch hier ein Wort zu sagen. Sie ist Mitglied des Stiftungsrates, ihr Baubüro «in situ» hat die Wohnungen der Liegenschaft renoviert. Da mir das Internet sonst nichts mehr über den alten Kaminturm verrät, rufe ich Buser an. Menschen wissen auch heute oft mehr als das Netz.

Der Fabrikkamin ist ihr – wie könnte es anders sein – nicht egal. Er ist ein industrie-historischer Rohdiamant, versteckt im Innenhof führt er ein Mauerblümchendasein. Buser will ihn sichtbarer machen.

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Das Mauerblümchen, eine Mauer und Blümchen. (Foto: Yaël Debelle)

Riechbar war der Kamin früher, als Barbara Buser noch ein Kind war und an der Solothurnerstrasse gleich um die Ecke lebte. Der Kaminschlot gehörte zur Kaffeerösterei «Cafeor», er spie Rauch in den Himmel. «Es stank nach verbranntem Kaffee», erzählt Buser.

Drinnen, in den Räumen der Rösterei, duftete es hingegen wunderbar nach frischem Kaffee, erinnert sich Mischa Bindler, der Enkel von Cafeor-Inhaber Paul Keller. Seit den 1950er Jahren röstete und verpackte Cafeor exquisite Bohnen im Gundeli, wartete als erster Betrieb Kaffeemaschinen im 24-Stunden-Service. In seiner Freizeit verpackte Keller in den Räumen der Cafeor Hilfspakete für Osteuropa, mit Schoggi, Farbstiften und Teigwaren drin.

Doch dann kam das Computer-Zeitalter und Eigentümer Paul Keller wollte davon partout nichts wissen. «Das war der Untergang, es ging alles den Bach ab», sagt Enkel Bindler. «Eine dramatische Geschichte.»

Kultur und Therapie im Hinterhaus

Vor der Jahrtausendwende machte «Cafeor» dicht. Seither erinnert nur noch der filigrane Backsteinturm mit der gusseisernen Tür an die Industrievergangenheit des Blocks. Im Jahr 2000 kaufte die Stiftung «Schule und Beruf» die Liegenschaft und quartierte hier während gut 10 Jahren eine dreijährige Berufschule ein, für Schulabgänger*innen mit ungewisser Zukunft. Aus dem russigen ehemaligen Kesselraum wurde der lichtdurchflutete Theatersaal der Schule. Die Schüler*innen schrubbten die Wandschwärze in den Sommerferien weg, strichen die Decke weiss und machten aus der «verrauchten Hexenküche ein luftig helles» Schulforum.

2013 wurde die Schule geschlossen. Heute vermietet die Stiftung das Hinterhaus an ein Dutzend nicht sehr zahlungskräftige Kulturschaffende und Therapeut*innen: Ein Achtsamkeitstrainer, eine Heilerin und die weltbekannte, über 90-jährige Jazz-Tänzerin Othella Dallas wirken in der ehemaligen Rösterei. Die Mieter*innen bieten buddhistische Zen-Meditation, Deutschkurse und Sexualberatung, spirituelle Heilung und Massagen, Tanzunterricht und Flöten-Ensembles. Ausserdem werden die Räume von der Sprachschule für Migrant*innen K5 und der Akademie für ganzheitliche Heilkunst genutzt.

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Ein Blick durch das Dachfenster im Hinterhaus. (Foto: Yaël Debelle)

Farbiger Rauch aus dem Kamin?

Craniosacral-Therapeut Peter Wydler schwärmt vom alten Industriekamin, der sich direkt vor seinem Studiofenster in die Höhe türmt. «Es ist eindrücklich, neben einem solchen Monument zu arbeiten.» Das Farbenspiel im Herbst ist berückend schön. Die roten Blätter der wilden Weinrebe, die sich um den Turm rankt, kokettieren mit dem rötlichen Backstein.

Der Fuss des Kamins liegt in einem engen Innenhof, von Mauern umgeben, zugänglich nur über eine Besenkammer und vom Hinterhaus aus nicht sichtbar. Das würde Barbara Buser gerne ändern. Sie spielt mit dem Gedanken, Fenster in die Mauern einzubauen, damit man den Kamin aus dem Inneren des Gebäudes sehen kann. Und sie sähe gerne ein künstlerisches Projekt, das den Turm inszeniert: In einer Kunstinstallation könnte etwa farbiger Rauch aus dem Kamin emporsteigen und an die Vergangenheit erinnern... «Ideen sind herzlich willkommen», sagt Buser.

Nur stinken, das sollte die Installation lieber nicht.

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In Betrieb ist der Kamin nicht mehr. Wegzudenken allerdings auch nicht. (Foto: Yaël Debelle)

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