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Der Krieg & ich

«Eugenia, wie sieht die Welt jetzt aus?»

Die ukrainische Schriftstellerin Eugenia Senik hat eine Gabe. Und eine Aufgabe: Sie hört den Menschen im Krieg zu. Und gibt weiter, was sie gehört hat.

03/21/22, 04:14 PM

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Eugenia Senik nimmt Worte aus Berlin nach Basel mit.

Eugenia Senik nimmt Worte aus Berlin nach Basel mit. (Foto: zvg)

Jeder von uns hat seine Gabe. Wenn man mich nach meiner fragen würde, würde ich sagen: Mit den Menschen sprechen. Menschen mit unterschiedlichsten Persönlichkeiten und in verschiedensten Lebenssituationen begegnen, ihnen zuhören, reflektieren und danach ihre Geschichten weitergeben. Bedeutet dies Schrifsteller*in sein? Vielleicht. Ich mache einfach das, was mir mehr oder weniger gelingt. 

Mit dem 24. Februar kam ein enormer Schock und er fuhr zum Reflex, etwas zu tun. Einfach etwas tun, ohne gross nachzudenken, um die humanitäre Katastrophe zu stoppen. Ob wir effektiv darin waren, ist schon eine andere Frage. Der Ruf zur Tat war viel zu stark, um ihn zu ignorieren. Ich wollte wie eine Wahnsinnige gleichzeitig in alle Richtungen rennen, bis ich sehr schnell erschöpft war. Deswegen brauchte ich eine Pause, um eine gewisse Distanz einzunehmen, um ein gesamtes Bild erfassen zu können und dabei meinen Platz auf diesem Bild zu erkennen, wo ich am effektivsten für die Menschen in und aus der Ukraine sein kann. 

«Die Frau mit zwei Kindern musste mehrere Nächte in Deutschland in der Kirche auf dem Boden verbringen.»

Eugenia Senik

Bevor wir Berlin verlassen haben, haben wir noch mal ganz genau den «Freiwilligenstab» durchstudiert, den die Ukrainer und deutsche Freunde am Hauptbahnhof aufgebaut haben. Dieses Stabsquartier in Berlin hat eine unglaublich gut organisierte Struktur. Die schutzsuchenden Ukrainer werden am Bahnhof empfangen und sofort über ihre nächsten Schritte informiert. Oftmals fahren sie weiter, deswegen brauchen sie Tickets bis zu ihrem nächsten Ziel. Sie brauchen auch Erholung und Essen. Es gibt gleich am Bahnhof einen Raum, wo die Ukrainer etwas zu Essen bekommen. In den Räumen daneben gibt es eine Ecke, wo die Kinder spielen, basteln oder malen können, während ihre Eltern (vor allem die Mütter und die Grossmütter) alle nötigen Formulare ausfüllen.

Wir stiegen in den Zug ein und mit uns auch viele Ukrainer, die von den Freiwilligen begleitet wurden. Schon zu Hause am Abend hat uns meine Schwester von einer Frau erzählt, die sie vor kurzem kennengelernt hat. Die Frau mit zwei Kindern musste mehrere Nächte in Deutschland in der Kirche auf dem Boden verbringen. Jeden Tag hatte sie die Hoffnung eine Unterkunft zu finden. Sie und ihre Kinder wechselten die Städte in Deutschland, aber nirgendwo gab es einen Platz für sie. Dann hat sich die Frau für die Schweiz entschieden, und zwar für Basel. Hier wurde sie schon am ersten Tag aufgenommen. Sie wunderte sich, dass man ihnen sogar zwei Zimmer und ein separates Bad zur Verfügung stellte. Weil sie nur mit den Rucksäcken aus Kharkiv fliehen konnten, hatten sie fast keine Kleidung dabei. Auch damit wurde ihnen geholfen.

Dazu kann ich nur sagen: Ihr seid grossartig, meine lieben Schweizer! Das dachte ich mir, als ich meiner Schwester zugehört habe. Und das denke ich immer, wenn ich eure riesige Solidarität jeden Tag sehe und erfahre. Es ist nicht einfach eine fremde Familie in sein eigenes Haus oder in die eigene Wohnung reinzulassen. Und doch, viele von euch machen es trotzdem. Dafür bin ich euch unendlich dankbar. Sowie die viele Ukrainer, denen ihr eure Türen öffnet.  

Aus der Distanz in Berlin habe ich erfahren, wie viele Menschen sich für die Hilfe für die Ukrainer engagiert haben. Nach 25 Tagen könnte jeder von uns seine Stelle finden, die ihm am besten passt. Es gibt viele Menschen, die weiterhin jeden Tag humanitäre Hilfe sammeln und in die Ukraine verschicken. Es gibt Menschen, die selber spenden oder helfen, diese Spenden zu sammeln. Es gibt die, die am Bahnhof den Schutzsuchenden helfen, und die, die sie bei sich Zuhause aufnehmen. Die anderen organisieren Schulen und Sprachkurse oder geben weitere Informationshilfe. Man kann diese Liste noch lange schreiben.  

«Es ist so wichtig einen Kontakt mit der friedlichen Welt zu haben.»

Freundin von Eugenia Senik

In dieser Liste habe ich eine Stelle gefunden, die am meisten meiner Gabe entspricht. Ich spreche mit den Menschen, die sich immer noch in der Ukraine befinden oder denen es gelungen ist, die Gefahr zu verlassen. Ich höre ihnen einfach zu. Und nach unseren Gesprächen bekomme ich plötzlich von ihnen ganz unerwartete Nachrichten. 

«Danke, dass du mit mir sprichst. Es ist so wichtig zu wissen, dass jemand dir zuhört.» 

«Danke, dass du mir immer antwortest.»

«Es ist so wichtig einen Kontakt mit der friedlichen Welt zu haben. Erzähl mir, wie jetzt diese Welt aussieht. Was denken sie über uns? Ich will es unbedingt hören!»      

Ich erzähle ihnen von der Solidarität und der riesigen Unterstützung von der ganzen Welt. Ich erzähle von der Grosszügigkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen, die ich jeden Tag antreffe. Und dann bekomme ich eine Idee, auch euch etwas mehr von diesen Menschen zu erzählen, mit denen ich tägliche Gespräche führe. Und von diesen Gesprächen, in welchen sie sich an euch wenden können. Um auch euch ihre Geschichten und Gefühle mitzuteilen. 

Was ist genau meine Gabe, könntet ihr mich ganz berechtigt fragen. Ich bin eine Brücke. So habe ich immer meine Aufgabe als Schriftstellerin gesehen. Ich denke, dass jeder Mensch seine einzigartige Geschichte durchlebt. Jede Person ist ein einmaliges Universum. Und ich bin ein Link zwischen all diesen unwiederholbaren Welträumen.  

Ich finde diese Aufgabe besonders wichtig in der Zeit, wenn die Welt von einem grausamen Krieg erschüttert wird. Deswegen nehme ich meinen Platz ein, ich höre zu, denke viel nach, reflektiere und gebe weiter.

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