Parallel Dazu
«Die Alte, vorwärts, marsch», parallel dazu: «Waggis, hesch mir eppis?», parallel dazu: «Zaige & Zewai» – die Fasnacht kennt viele unterschiedlichen Hauptfiguren, Regeln und Publikum. Wer genau hinschaut, merkt schnell: Es gibt nicht die «eine» Fasnacht. Es gibt viele Fasnachten, die nebeneinander existieren, sich überlappen, widersprechen — und genau das macht sie besonders.
Fasnacht, um Fasnacht zu machen oder um zu musizieren. Schon beim «Drummle und Pfyffe» zeigt sich ein Zwiespalt. Auf der einen Seite stehen jene, die bis heute jede Note ernst nehmen, sauber einstudieren, präzise spielen — als stünden sie auf der Bühne des Stadtcasinos. Auf der anderen Seite jene, die sagen: Hauptsache laut, Hauptsache gemeinsam, Hauptsache Fasnacht.
Dieser Zwiespalt ist keineswegs eine Neuheit. Bereits im 19. Jahrhundert begann man, die musikalische Fasnacht zu systematisieren. In den 1920er-Jahren versuchten Persönlichkeiten wie Fritz Berger mit seiner Trommel-Notenschrift oder der Komponist Karl Roth mit dreistimmigen Märschen wie «Ryyslaifer» und «z’Basel», die Musikalität der Fasnächtler*innen auf ein neues Niveau zu heben. Doch nicht alle waren begeistert. Für viele waren Trommel und Piccolo keine Instrumente, die zur Perfektion gedacht sind, sondern ein Mittel zum Zweck, um Lärm, Stimmung und Gemeinschaft zu erzeugen.
Diese Spannung zwischen der Obrigkeit und dem Pöbel zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Schon im Mittelalter machten die Menschen nicht gemeinsam, sondern getrennt Fasnacht. 1376, bei der sogenannten «bösen Fasnacht», veranstaltete der Adel ein ritterliches Turnier — geschniegelt, geordnet, kontrolliert. Währenddessen tobte das einfache Volk auf ganz eigene Weise: Es zog durch die Gassen, beschmierte Gesichter mit Russ, schlüpfte in Tierhäute, dichtete Spottverse vor den Häusern der Reichen und plünderte, wenn möglich, ihre Keller für etwas Ess- oder Trinkbares. Manchmal wurden sogar Dächer entziegelt.
So herrschte oben Disziplin, unten Chaos. Zwei Welten geteilt in der Stadt und wenig voneinander entfernt.
Auch Jahrhunderte später änderte sich daran erstaunlich wenig. Um 1820 organisierte der Basler Daig — die gesellschaftliche Elite — einen eigenen Fasnachtsumzug am Montag. Ein ordentlicher, angekündigter Kostümzug ohne bissige Themen, ohne anarchischen Humor. Man wusste genau, wer mitlief, und ein vorher verteilter «Zeedel» (wohlgemerkt der erste historisch notierte) erklärte brav, was zu erwarten war. Die Bevölkerung reagierte prompt — allerdings nicht mit Applaus. Am Mittwoch zog ein Gegenzug durch die Stadt und zwar mit einem Sujet einer Bauernhochzeit, die sich genüsslich über den vornehmen Montagszug lustig machte. Die Fasnacht nun also als Kommentar, als Gegenrede, als subversives Theater auf offener Strasse.
Im 20. Jahrhundert verlagerte sich die Trennlinie von Arm und Reich zunehmend zwischen drinnen und draussen. Während die Strassenfasnacht laut, wild und unberechenbar blieb, feierte die Oberschicht lieber hinter verschlossenen Türen auf Maskenbällen. Für Frauen galt das Herumziehen auf der Strasse lange als unsittlich. Der Ballsaal dagegen war akzeptabel, denn er war kontrolliert und sicher – safe space sozusagen.
Erst ab den 1970er-Jahren kippte dieses Gleichgewicht. Die Strasse gewann immer mehr Menschen für sich und so wollten immer mehr Teil des öffentlichen, lebendigen Spektakels sein. Die Maskenbälle starben langsam aus, und mit ihnen verschwand auch ein Stück jener Fasnacht, die einst unter Kronleuchtern stattfand.
Heute begegnet man einer Fasnacht, die wie ein Mosaik wirkt. Cliquen, Wagen, Guggen, Einzelmasken — jede Gruppe lebt ihre eigene Version. Die einen streben musikalische Perfektion an, die anderen pure Ausgelassenheit. Manche planen jahrelang an einem Sujet, andere ziehen einfach los, weil Montagmorgen ist und «s Gässle» ruft. So wird klar: «Fasnacht im Singular» gibt es eigentlich nicht. Es gibt Fasnachten — viele kleine Universen, die sich drei Tage lang denselben Raum teilen.
Und vielleicht liegt genau darin ihr ursprünglicher Sinn. Die Fasnacht war immer auch ein Ventil, ein Moment, in dem gesellschaftliche Spannungen sichtbar und hörbar wurden — laut, schräg, manchmal unbequem. Paradoxerweise sind es heute oft nicht mehr jene, denen es am schlechtesten geht, die dieses Ventil nutzen. Doch die Möglichkeit ist noch da und diese sollten wir uns, in unserer privilegierten Lage bewusst werden und nutzen. Ob Bängg vor einem gezahlten Lappe-fuffzig für ein Drei-Gänge Menü-Publikum singen oder wild in Keller heruntersteigen, die Fasnacht ist und bleibt ein Zustand, der bespielt, gedehnt und verdreht werden möchte.