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Aus meiner Sicht

«Ich fühle mich im Alter nicht ärmer als vorher»

Die 80-jährige Annemarie Fischer lebt von Ergänzungsleistungen. Sie sieht sich trotzdem als Glückspilz.

05/03/21, 01:13 PM

Aktualisiert 05/04/21, 07:55 AM

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Annemarie Fischer in ihrer Wohnung in Allschwil.

Annemarie Fischer in ihrer Wohnung in Allschwil.

Im März wurde publik, dass der Ständerat im Rahmen der AHV-Reform das Frauenrentenalter auf 65 erhöhen will. Daraufhin regte sich von vielen Seiten heftiger Widerstand. Mitte März reichten Gewerkschaften und Parteien über 300’000 Unterschriften für die Petition «Hände weg von der Frauenrente» ein.

Ende April meldeten sich Frauenverbände und Politikerinnen zu Wort, die statt AHV-Reform eine gemeinsame Reform von AHV und zweiter Säule fordern. Grund: Die fehlenden oder tiefen Pensionskassenrenten führten dazu, dass Frauen nach ihrer Pensionierung im Schnitt 37 Prozent tiefere Renteneinkommen als Männer haben.

Im Zuge dieser Debatte fragten wir uns: Wie geht es Senior*innen, die mit Ergänzungsleistungen leben müssen? Wir trafen auf Annemarie Fischer, die uns in ihrer Wohnung in Allschwil empfing und aus ihrem Leben erzählte.

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Ich bin gelernte Perückenmacherin. Die Lehre habe ich damals gegen den Willen meiner Eltern gemacht. Es gab keine Ausbildungsleistungen, weil die Perückenmacher nicht Teil der Coiffeurschulen waren. Das fand mein Vater natürlich gar nicht toll. Aber Geld bekam er so oder so: Ich hatte 95 Franken Monatslohn und gab jeweils die Hälfte zuhause ab, wo ich auch wohnte. In der Zeit machte ich also keine allzu grossen Sprünge. 

Ich arbeitete 52 Stunden die Woche und ging nach Feierabend gerne tanzen. Ich war auch in der Guggenmusik der Kunstgewerbeschule. Über die Fasnachtszeit schlief ich manchmal fast am Lockenstab ein, so müde war ich. Nach der Lehre arbeitete ich im Verkehrshaus als Schriftenretuschiererin. Die sagten, du als Perückenmacherin hast doch sicher eine ruhige Hand! Jede Nacht retuschierten wir die gestempelten Tafeln der Flugzeughalle, am Morgen huschten wir kurz vor der Eröffnung mit den Kesseln zum Hinterausgang raus.

Eines Tages rief mich meine Mutter an. Ob ich nach Korsika wolle? Eine Familie war dort für ein paar Monate in den Ferien und suchte nach einer jungen Frau, die ihr den Haushalt machte. Und ob ich wollte!

Jeden Tag lief ich mit einem Schemeli zum Bach, um auf den Knien im knöchelhohen Wasser die Wäsche der fünf Kinder zu machen. Einmal teerten sie die Strasse und meine ganze Wäsche war voller Flecken. Da konnte ich wieder von vorne anfangen.

Die Familie war aus Po in den Pyrenäen, der Vater war Direktor eines Haras, eines Nationalgestüts. Da bin ich später auch mit, als sie in die Bretagne versetzt wurden. Reiten lernte ich nie, aber ich habe die Freude an Pferden meiner Tochter weitergegeben. Mit fünf Jahren verkündete sie, sie gehe jetzt mit dem Pferd übers Meer zu den Indianern. Das machte sie später tatsächlich, sie hat mittlerweile eine Pferdeschule in Spanien.

«In den Sechzigerjahren lebte ich wirklich von der Hand in den Mund. Aber das machte mir wenig aus.»

Nach einem Jahr in der Bretagne ging ich nach Paris. Ein Freund aus dem Verkehrshaus sagte mir, ich müsse da hin. Haarteile und Perücken waren gross in Mode, alle Royals und Berühmtheiten brauchten für ihre Feste Haarteile und weiss ig nid was auf dem Kopf. Also fuhr ich nach Paris und fand Arbeit bei einer Haarkosmetikfirma. Ich verdiente 300 Francs, das entsprach damals 300 Franken. Mein Studentenzimmer im zehnten Stock eines Hochhauses kostete 100 Francs. Ich lebte also wirklich von der Hand in den Mund. Aber das machte mir wenig aus.

Die Sechziger in Paris waren wahnsinnig aufregend, ich fand es toll. Ich bewegte mich in Künstlerkreisen und wir arbeiteten mit vielen grossen Namen. Für die Modenschauen machten wir die Prototypen nach den Zeichnungen der Coiffeure. Ich lernte Wirbel knüpfen, für einen berühmten Künstler, der immer Wirbeltoupets trug. Kürzlich sah ich einen Film mit Romy Schneider, da trägt sie in einer Szene eine 60cm lange Perücke mit Mittelscheitel. Auch das eine Massanfertigung von uns.

Mein Chef wollte, dass ich ihnen erhalten bleibe und so bekam ich ein Atelier in Basel, an der Feierabendstrasse. Es war 1962 und Hochsaison für Haarteile. Unsere Kunden waren die Coiffeure, die uns ihre Kunden schickten, zum Masse nehmen und anpassen.

Dann wurde ich schwanger und verlor die Stelle. Wir zogen zurück nach Luzern und ich arbeitete von zuhause aus für einen Coiffeur in Zürich. Ich bekam eine Tochter mit meinem Mann, der alte Häuser restaurierte. Nach einer Weile übernahm ich eine Stelle in einem Showroom für Perücken an der Lilienstrasse in Allschwil, gleich hier in der Nähe. Ich verkaufte, hielt das Lager in Ordnung und gab Kurse im Perückenmachen. Die Chnübliarbeit musste ich nicht mehr machen, darüber war ich froh. Die Arbeit ist streng, vor allem für den Rücken.

Irgendwann war die Mode vorbei und ich musste die Verkaufsstellen auflösen. Bevor meine Tochter in die erste Klasse musste, reisten wir noch ein halbes Jahr mit einem VW-Bus durch Marokko. Das war toll. Aber ich wusste: Ich brauche einen Garten und meine Tochter muss irgendwo in die Schule.

Schliesslich übernahmen wir die kleine Marchmatt in Reigoldswil. Wir bauten eine therapeutische Wohngemeinschaft für junge Menschen mit Drogenproblemen auf. Die Jungen lebten bei uns, erst einer, dann kamen weitere dazu. Wir arbeiteten mit verschiedenen Vereinen, hatten einen guten Vorstand. Gleichzeitig war die kleine Marchmatt immer etwas fremd am Platz. Der Dorfpfarrer sagte einmal, gut seid ihr so weit vom Dorfzentrum entfernt! So würde man uns nicht jeden Tag sehen müssen. 

«Ich weiss von vielen, die unterm Strich weit weniger haben als ich. Da bin ich im Vergleich doch ein Glückspilz!»

Neun Jahre lang nahmen wir junge Menschen auf, die sonst nirgends einen Platz hatten. Einmal organisierte die Drogenkommission einen Car mit Leuten aus psychiatrischen Kliniken. Die wussten nicht, was sonst machen mit denen. Es war eine strenge Arbeit, aber auch schön, wir konnten viel bewirken.

Trotzdem wollten wir nach neun Jahren einen Wechsel. Unsere Tochter hatte die obligatorische Schulzeit abgeschlossen und uns zog es ins Ausland: Ich und mein Mann beteiligten uns an einem Hof in der Toscana und zogen nach Italien.

Mein Mann starb 1998 an seinem dritten Herzinfarkt. Zehn Jahre lang prozessierte ich für meinen Anteil am Land. Am Ende bekamen ich und meine Tochter fast nichts dafür. Ich war Anfang Sechzig und wusste: Dank Witwenrente würde ich nicht mehr Vollzeit arbeiten müssen, irgendwas musste ich aber finden.

Ich ging ins Calancatal, arbeitete da erst ein Jahr bei einem alternativen Zentrum, später in einem kleinen Wirtshaus ganz am Ende des Tals und in einem Grotto. Kurz vor der Pensionierung wurde ich arbeitslos, was im Gegensatz zu der Arbeit im Gastro aber fast eine Wohltat war. Ab der Pensionierung engagierte ich mich in einem Verein für Artigianali und machte selbst auch Kunsthandwerk.

Seit der Pensionierung kriege ich die minimale AHV-Rente plus Ergänzungsleistungen. 1764 Franken plus 1196 Franken. Macht insgesamt 2960 Franken. Meine Miete geht davon ab, 1420 Franken für drei Zimmer. Macht rund 1500 Franken für den Rest.

Für viele Menschen mag das wenig sein, ich komme aber gut damit zurecht. Wissen Sie: Freundinnen von mir haben zum Teil noch ein Haus oder kleines Vermögen und keinen Anspruch auf Ergänzungsleistungen. Die müssen viel mehr rechnen. Die meisten arbeiten noch etwas nebenbei, um sich einen Zustupf zu verdienen. Ich weiss auch von vielen Familien, die unterm Strich weit weniger haben als ich. Da bin ich im Vergleich doch ein Glückspilz!

Ich muss keine Steuern zahlen und habe einen günstigen Zahnarzt. Meine Kleider habe ich von Freundinnen bekommen oder selbst gemacht. Manchmal habe ich am Ende des Monats ein leeres Portemonnaie. Na und? Dann warte ich, bis der nächste Monat kommt. 

Ich fühle mich im Alter nicht ärmer als vorher. Ich war nie auf Rosen gebettet, Geld bedeutet mir nicht viel. Das muss man auch erst mal sagen können. Aber für mich ist das Alter ein angenehmer Zustand. Ich muss nicht mehr rumrennen und Stellen suchen, die es nicht gibt. Ich kann mir Bücher und ab und zu eine Reise leisten. Mein wertvollstes Gut ist meine Gesundheit. Mehr Luxus brauche ich nicht. So gut hat's in diesem Land nicht jeder.

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