Aktivist*innen beflaggen Syngenta

Am frühen Montagmorgen kam es zu einer symbolischen Guerilla-Aktion von Aktivist*innen für die Konzernverantwortungsinitiative. Nach zwei Stunden waren alle Verdachtsmomente wieder beseitigt.

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Drei Aktivist*innen hissen Fahnen der Konzernverantwortungsinitiative vor dem Syngenta-Hauptsitz.

Der Kampf um die Konzernverantwortung in der Schweiz begann früh. Bereits Jahre vor der Abstimmung um die Konzernverantwortungsinitiative (KVI) gingen Menschenrechtsorganisationen und NGO’s in die Offensive und beflaggten die halbe Schweiz mit knallorangen Fahnen. 2016 wurde die Initiative eingereicht. Am 29. November 2020 stimmt die Schweiz darüber ab. 

Das ist die nationale Ebene. Auf lokaler Ebene ging es heute morgen ebenfalls bereits sehr früh los.

In Basel, 05:30 Uhr, Ecke Riehenstrasse / Mattenstrasse, schälen sich vier Schatten aus der Dunkelheit und flüstern Konspiratives. Schnell musste es gehen, entsprechend professionell wird gearbeitet.

Ein früher Mitarbeiter fährt mit dem Velo vorbei, will wissen, was hier vor sich gehe. «Wir hissen die Fahnen, das ist ein Auftrag», kommt sachlich die Antwort aus den Büschen.

Die kleine Gruppe läuft um zwei Häuserecken und zieht sich unterwegs zum Syngenta Hauptsitz an der Rosentalstrasse 67 orange Warnwesten über. Vor dem Eingang stehen drei Fahnenmasten, alle leer. Um 05:40 beginnt die Aktion. Drei Warnwesten steigen in das kniehohe Gebüsch und beginnen mit Akkuschraubern und Kabelbildern an den Fahnenmasten herumzuwerkeln. 

Ein früher Mitarbeiter fährt mit dem Velo vorbei, will wissen, was hier vor sich gehe. «Wir hissen die Fahnen, das ist ein Auftrag», kommt sachlich die Antwort aus den Büschen. «So früh? Das kommt mir aber gschpässig vor» sagt der Mitarbeiter. Er fährt auf der Suche nach Hinweisen auf den möglicherweise illegalen Gehalt dieser Aktion noch ein paar Mal vor den geschäftig herumschraubenden Fahnenmonteur*innen vorbei. 

Ein Tramführer der Linie zwei ist ebenfalls ganz aufgeregt und filmt die Aktion, langsam vorbeifahrend, aus der Führerkabine. 

Ansonsten passiert nichts.

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Ein Mann mit Velo würde gerne wissen, was hier vor sich geht. «Das ist ein Auftrag», sagt eine der Beteiligten in Warnweste.

Unter dem Surren des Akkuschraubers saust bald eine nach der anderen Fahne in den Nachthimmel. Es ist 05:55 Uhr. Vor dem Syngenta Hauptsitz in 4058 Basel wedeln jetzt drei Zeichen im Wind. Zwei davon typisch orange, in den Farben der KVI. Auf der Dritten steht «Syngenta zeigt Flagge – NICHT».

Nach erledigter Arbeit springen die Aktivist*innen flugs aus den Büschen und sind rasch weg.

Der Kontext

Syngenta steht immer wieder in der Kritik, sich mit dem Verkauf von Pestiziden wie Paraquat an Erkrankungen und Todesfällen von Feldarbeiter*innen in Entwicklungsländer mitschuldig zu machen. Im September 2020 machte ein Novum Schlagzeilen: Indische Opfer zogen in der Schweiz gegen den Konzern vor Gericht. Der Tagesanzeiger berichtete. Syngenta bestreitet die Vorwürfe.

Wiederholt kritisiert wird auch die Zusammenarbeit zwischen der Stadt Basel und dem Chemie-Konzern. 

2015 kam es zu einer Partnerschaft zwischen Basel und Syngenta anlässlich der Weltausstellung in Mailand. Die Juso protestierte dagegen, es hagelte Kritik. Ein Gegenkongress zur Mailänder Weltausstellung machte an der Uni Basel auf umstrittene Pestizit-Tests auf der Karibik-Insel Kauai aufmerksam. Konkret ging es um Einsatzmittel wie Paraquat oder Atrazin. 

Aktuell arbeiten Basel-Stadt und Syngenta für eine App der Stadtgärtnerei zusammen. Stichwort: Biodiversität zum Entdecken – direkt vor der Haustüre. Aus Sicht der Aktivist*innen betreibt der Konzern damit Greenwashing unter gütiger Beihilfe des Kantons. Darum kam es am Montagmorgen auch zu dieser Aktion. 

Einer der Aktivist*innen sagt: «Wir hoffen, dass die Bevölkerung merkt, wie Syngenta mit seiner Verantwortung umgeht und wie der Konzern kommuniziert. Hier bei uns geht es um schöne Apps und Biodiversität. Eine Konzernvernantwortungsinitiative wird aber bekämpft, statt dass man die Einladung annimmt, konkret etwas zu ändern.» 

«Wir hoffen, dass die Bevölkerung merkt, wie Syngenta mit seiner Verantwortung umgeht und wie der Konzern kommuniziert. »

Aktivist

Die KVI sieht vor, dass Unternehmen Menschenrechte und Umweltstandards einhalten müssen, auch bei Zulieferern im Ausland. Kritik kommt aus Wirtschaftsverbänden und Teilen der Kirche. Die Initiative gehe zu weit und stelle KMU’s unter Generalverdacht. Die Befürworter auf der anderen Seite argumentieren, vor allem die grossen Konzerne wie Syngenta oder Glencore müssten für ihre Geschäfte im Ausland grade stehen.

Ob die Aktivist*innen noch weitere Aktionen geplant haben, um den Abstimmungskampf zur KVI anzuheizen, wollen sie am Montagmorgen nicht beantworten. Sie gehören zur Aktionsgruppe Ignorance unlimited, die man als aktivistische Kunst-Guerilla bezeichnen könnte. Ihre Spezialität besteht darin, sich bestehende Zeichensysteme anzueignen, indem sie etwa die Bildsprache des Standortmarketings Basel-Stadt (Basel Tourismus) oder auffälliger Werbekampagnen (zB. Der UBS) übernimmt, und dann eigene Botschaften hineinschreibt. Bilder vergangener Aktionen gibt es hier. 

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Ein Syngenta-Mitarbeiter verschwindet mit der eingeholten Fahne im Haupteingang.

Die Besetzung der Fahnenmasten vor dem Syngenta-Hauptsitz war diesbezüglich etwas anderes. Umgedeutet wurden nicht die Zeichen (die Fahnen waren schliesslich dieselben wie sie vor vielen Fenstern hängen), umgedeutet wurde der Ort. Und beinahe wäre das Unvorstellbare – Grosskonzern steht zur Konzernverantwortungsinitiative – auch eingetreten. 

Aber dann war doch alles wie gehabt. Um 07:40 Uhr, keine zwei Stunden nach der Aktion, holten Mitarbeiter der Syngenta die Wimpel herunter und räumten damit allfällige Verdachtsmomente aus dem Weg. Die Fahnenmasten sind jetzt wieder leer. 

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Die Fahnenfreiheit ist wieder hergestellt.

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