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Hört auf, mich für meine Beziehung zu loben!

07/22/20, 06:47 PM

Aktualisiert 07/22/20, 09:58 PM

«So ein schönes Paar!»: Den Satz kriegen Tyra und Sascha oft zu hören. (Foto: Anne Gabriel-Jürgens)

«So ein schönes Paar!»: Den Satz kriegen Tyra und Sascha oft zu hören. (Foto: Anne Gabriel-Jürgens)

Meine Freundin ist wunderbar, finde ich. Sie ist klug, lustig, neugierig, eine begnadete Tänzerin, Choreografin und Performerin. Sie ist eine proaktive Socializerin, hat einen cuten schwedischen Akzent im Englischen (ich darf sie deswegen leider nicht mehr foppen, auch wenn das immer liebevoll gemeint ist).

Sie wohnt in Schweden, ich in Basel. Unsere Fernbeziehung geniesse ich sehr: Die Momente, die wir gemeinsam verbringen, sind durch die übliche Distanz noch viel intensiver. Ich erlebe Tyra viel bewusster als wenn ich mit ihr die Stadt oder sogar die Wohnung teilen würde. Es gibt viel weniger Langeweile, man will sich ja immer alles zeigen, was in den Wochen der Abwesenheit passiert ist.

Ich zeige Tyra aber nicht nur Basel und Zürich oder Bern und Olten, sondern ich zeige mich und Tyra auch oft auf Instagram. Die Leute, die mir dort folgen, finden das toll: Viele schreiben mir, ich und Tyra seien ihre allerliebste Social-Media-Beziehung. In einer nicht-repräsentativen Umfrage (n=96) stimmten nur fünf Leute für die Option, dass Kanye und Kim das tollere Liebespaar wären. Junge, dem weiblichen Geschlecht zugewiesene Follower*innen, von rural bis urban, 12 bis 25 Jahre alt, schreiben mir, dass sie sich in ihrer Sexualität durch solche Darstellungen in ihrem lesbischen oder bisexuellen Begehren bestärkt fühlten. Wohl so ähnlich, wie wenn sie @taminique sehen. Sie können sich mit etwas identifizieren, das in den Medien so leider noch viel zu selten abgebildet wird (ausser in fetischisierenden Pornos). Und einige meiner Follower*innen freuen sich einfach, dass wir Freude an einander haben. 



(Foto: Anne Gabriel-Jürgens)

(Foto: Anne Gabriel-Jürgens)

Viele Leute sagen mir, dass wir ein schönes Paar seien. Auch an meinem Arbeitsort. Da wird dann wahlweise gefragt, ob Tyra schon abgereist oder angekommen sei, wann wir uns das nächste Mal sehen würden und wie’s Habibi denn ginge. Ich freue mich über diese Teilnahme und natürlich freue ich mich auch darüber, dass die Nachfrage mit «Ihr seid so ein schönes Paar» endet. Ich finde uns ja auch ein schönes Paar. Aber irgendwie ist es auch schräg. Wird das heterosexuellen Paaren auch gesagt? Ich glaube nicht.

Bei heterosexuellen cis Freundinnen, die Bilder/Videos/Begegnungen mit ihren Boyfriends posten oder sich zusammen irgendwo blicken lassen, habe ich diese Kommentare so nie erlebt. Dieses Hervorheben von Wohlwollen uns gegenüber empfinde ich als benevolente Homofeindlichkeit: Es ist nett gemeint, suggeriert aber Verwunderung über Andersartigkeit und damit Ausgrenzung. Man hat nichts gegen uns, aber ist irgendwie auch überrascht, dass man dieses Paar so herzig finden kann und die sogar richtig mag und es schön findet, wenn die sich beschätzelen. Und drum wird das immer wieder gesagt: «Ihr seid so ein schönes Paar!»





(Foto: Anne Gabriel-Jürgens)

(Foto: Anne Gabriel-Jürgens)

Während wir als Paar immer wieder offenkundig bewundert werden, werde ich gelobt und meine Freundin entmenschlicht. Ich finde Tyra auf ganz vielen Ebenen wunderschön. Andere finden das auch, aber meist nur auf einer. Denn meine Freundin entspricht einem normierten Verständnis von Attraktivität. Wenn es um sie geht, werde ich ausnahmsweise nicht als weiblich gelesen. Dann bin ich seltsamerweise nicht im lesbischen Gefüge gefangen, sondern werde von Männern als wanna-be-Dude behandelt, der folgende Komplimente für Tyra kriegt: Da hast Du eine richtig süsse Maus an Land geholt/die seeht wirklig nid Leid uus/wow, Sascha, dass Du so ne hübsche Freundin hast, Respekt! usw.

Dieselben Männer behandeln mich sonst herabwertend weiblich. Geht es um meine Beziehung, werde ich also kulturell als Mann gelesen. Weil ich eine schöne Frau «erobert habe». Als wäre Tyra ein nices Design-Objekt, das ich mir gekauft habe. Oder ein Auto. Hört auf damit. Das nämlich, das nennt sich Objektifizierung.


Die Fotos dieser Serie sind Arbeiten der freiberuflichen Fotografin Anne Gabriel-Jürgens. Sie lebt und arbeitet in Zürich und Hamburg und begleitet Sascha für ein Langzeitprojekt mit dem Titel «Outbetweeninside». Die Fotografin beschreibt die Arbeit als visuellen Dialog mit Sascha. Alle Bilder dieser Artikelserie sind Teil dieser Zusammenarbeit.