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Geschichten von früher

Rosel (91) ist im zweiten Weltkrieg aufgewachsen und isst bis heute fast nur Kartoffeln

Benzin und Getreide werden teuer, Gas wird knapp. Die 91-jährige Rosel aus Deutschland kennt das aus dem Zweiten Weltkrieg. Sie lebt seit 70 Jahren in Basel, rationiert aber bis heute.

04/01/22, 08:33 AM

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Rosel schaut ernst, denn das Thema sei ja auch ein ernstes.

Rosel schaut ernst, denn das Thema sei ja auch ein ernstes. (Foto: Michelle Isler)

«Was jetzt hüt mit däm Putin passiert», sagt Rosel und wird beim Sprechen immer leiser. Nach einer langen Pause flüstert sie: «Schrecklich.» Der 91-Jährigen, die als Kind den Zweiten Weltkrieg erlebt hat, geht dieser Krieg besonders nah.

Vor einem Monat, nur einen Tag nach Rosels 91. Geburtstag, hat Russland seinen Angriffskrieg auf die Ukraine gestartet. «Pforzheim hat ungefähr so ausgesehen wie Mariupol», sagt die 91-Jährige leise. Ihre Betroffenheit hüllt den Raum für einen Moment in schmerzhafte Stille. Das Ticken der diversen Uhren, die über ihre Wohnung verteilt sind, begleitet das Schweigen, bis die Worte wieder gefunden sind. 

Wir haben Rosel über Gärngschee kennengelernt. Eine unserer guten Helfer*innen der Community geht für sie einkaufen und hat uns zusammengebracht. Jetzt sitzen wir hier.

An Rosels 14. Geburtstag machten die Bomber der Alliierten Pforzheim dem Erdboden gleich. Sie wurde 1931 in Schopfheim geboren und lebte dann mit ihren Eltern in Tiengen. Bis 1939, dann erhielt ihr Vater den sogenannten Stellungsbefehl – er musste einrücken – und die Familie zog nach Pforzheim, wo Rosel ihre Kindheit mitten im Zweiten Weltkrieg erlebte.

Sie war verantwortlich für den Haushalt, auch die Mutter war dem Kriegsdienst verpflichtet. Das Mädchen war auf der Strasse, als der Bombenangriff begann. «Ich habe alles hautnah miterlebt», sagt sie. «Und mich packt jetzt noch das Grauen, wenn ich die Ukraine sehe.» 

Nur Kartoffeln und Gemüse

Seit mehr als 80 Jahren trägt Rosels Alltag die Handschrift des Kriegs: Sie isst hauptsächlich Kartoffeln und Gemüse, ab und zu gönnt sie sich Fisch. Wenn ihr jemand Pralinés schenkt, gibt sie sie weiter. «Das brauche ich nicht», sagt sie. Ihre Heizung ist seit Mitte Januar ausgeschaltet. Duschen tut sie nur ein Mal in der Woche. «Ich lebe nach meinem Körper» und «Ich lebe wie im Krieg», sind zwei Sätze, die während des Gesprächs mehrmals fallen. 

In ihrer Kindheit habe sie trotzdem nie das Gefühl gehabt, auf etwas verzichten zu müssen. Und wenn heute die Ladenregale leer gekauft werden, macht sie sich keine Sorgen. In den 1970er-Jahren während des Jom-Kippur-Kriegs habe ihr Mann sie gefragt, ob sie Vorräte gekauft habe. «Da habe ich gesagt: Theo, ich brauch’ keine Vorräte. Alles was wir brauchen, habe ich da.»  

Eine schmackhafte Mahlzeit ist eine Sache des Würzens, findet Rosel. Während der Kriegszeit verliess sie sich auf Zwiebeln, Lauch, Peterli – und Maggi. Letzteres ist auch heute im Küchenschrank, wie sie zeigt.

Küchenschrank Sparen Krieg

Maggi: hier. (Foto: Michelle Isler)

Rosel erinnert sich, wie sie mit ihrer Mutter, Nachbarinnen und anderen Kindern jeweils frühmorgens loszog, um möglichst den Bomben zu entgehen. Nach einem zweistündigen Fussmarsch sammelten sie auf den Feldern der Bauern übriggebliebene Kartoffeln ein oder tauschten Wertsachen gegen ein paar Eier oder Milch. «Da haben wir dann wunderbare Butter daraus gemacht oder Quark.» 

Die Mutter brachte Mandeln

Ganz besonders erinnert sich Rosel auch an etwas anderes: «Meine Mutter brachte es fertig, irgendwoher Mandeln zu kriegen.» Das Staunen in ihrer Stimme ist unüberhörbar. «Da habe ich eine probiert uuund die händ mir gschmeggt», erzählt die 91-Jährige und strahlt übers ganze Gesicht. Immer wieder habe sie den Mandelvorrat ihrer Mutter in der Wohnung gesucht und ganz aufgegessen, wohlwissend, dass sie dafür bestraft werde. Den andern Kindern aus der Nachbarschaft hat sie von diesem Schatz nie auch nur ein Sterbenswörtchen gesagt.

«Ein Kind kann doch nichts für den Krieg»

Rosel

Hier, heute, ist das unvorstellbar. Immer alles kaufen zu können, was das Herz begehrt und nicht täglich Angst um das eigene Leben zu haben – eine Selbstverständlichkeit. Rosel wird nachdenklich: «Die heutige Generation kann nichts dafür, dass sie so lebt. Aber jetzt hatten wir eine Coronakrise und am Anfang waren die Menschen sehr solidarisch», sagt sie. «Das isch guet gsi. Aber dann sind sie ungeduldig geworden, weil sie nicht mehr in die Disco gehen konnten und so. Und jetzt isch alles vergässe.» Rosel aber kann nicht vergessen. 

«Jeden Tag zwei Mal Fleisch, alles mit Sauce und so weiter. Damit hatte ich Mühe.»

Rosel

1952 heiratete sie einen Schweizer und kam nach Basel. «Ich war perplex, wie man hier isst: Jeden Tag zwei Mal Fleisch, alles mit Sauce und so weiter. Damit hatte ich Mühe.» Aber der Grund, weshalb ihre Ankunft in der Schweiz eine schlimme Zeit war, sei ein anderer gewesen: «Ihr seid Schuld an allem, sagten mir die Leute. Dabei kann ein Kind doch nichts für den Krieg.»

In ihrem Leben braucht Rosel keinen Luxus. «Solange man satt und zufrieden ist, sind andere Dinge viel wichtiger. Das einzige, was ich brauche, sind Gespräche.» Die 91-Jährige bezweifelt, dass jemand von ihren Erzählungen etwas lernen möchte. «Aber ich hoffe doch, dass ein paar Menschen das annehmen. Scho denn ischs rächt.» 

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