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Sex, khennsch?

Die Basler Schulen hinken mit der Sexualkunde hinterher. Was ist da los?

02/18/22, 04:03 AM

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Wer kennt sie nicht: Die gute alte Banane muss immer noch für den Aufklärungsunterricht herhalten.

Die gute alte Banane muss noch heute als Versuchsobjekt im Aufklärungsunterricht herhalten.

«Es war, als hätte er uns was über Insekten erzählt», sagt Emilie. So theoretisch. Er verteilte Kondome, die sie über Leimstifte ziehen mussten. Danach erzählte er etwas über den weiblichen Zyklus und Geschlechtskrankheiten. Noch bevor irgendwer richtig begriff, worum es im Unterricht ging, war die Sexualkunde wieder vorbei. Emilie Sieber ist heute 18 Jahre alt und ihrem Sekundarlehrer schien damals, 2018, so richtig unwohl in seiner Haut zu sein.

Am Gymnasium hatte Emilie wieder Sexualkunde: Anatomie, Befruchtung, Verhütung. «Man sagte uns: Am besten nehmt ihr Pille und Kondom, alles andere ist einfach nicht so sicher.» Auf die Pille wurde nicht näher eingegangen, genauso wenig wie auf andere Verhütungsmittel. «Mittlerweile weiss ich, was die Nebenwirkungen der Pille sind. Da finde ich es schon schräg, dass sie das im Unterricht nicht angesprochen haben.»

Der Basler Leitfaden für Lehrpersonen ist über zehn Jahre alt, die Inhalte ebenso. Sexualkunde ist ein heisses Eisen, besonders in Basel. Nach der Entrüstung um den sogenannten «Sexkoffer», die 2011 politisch hohe Wellen schlug, scheint man es nicht mehr angefasst zu haben.

Holzpenisse und Geschlechtsteile aus Stoff aus der "Sex-Box" des Erziehungsdepartementes des Kantons Basel-Stadt fuer den Aufklaerungsunterricht an Schulen in Basel

Der «Sex-Koffer», der heute noch für den Aufklärungsunterricht an der Primarstufe eingesetzt wird, ist vielen zu «explizit». (Foto: Keystone-SDA)

Der Fokus liegt auf der Biologie, dabei ist Sexualität im heutigen Gesamtverständnis längst mehr als blosse Fortpflanzung. Junge Menschen wissen das – und melden sich besonders in den sozialen Medien mit Kritik zu Wort.

Nenn mir drei Begriffe für Hodensack

Als eine Bekannte Emilie erzählt, wie Aufklärung in ihrer Schulklasse mit zwei Sätzen abgehandelt wurde, inspirierte sie das zu einer Insta-Story: «Hattet ihr in der Schule eine gute Sex Ed? Wenn nicht: Wer hat euch aufgeklärt?». Es melden sich fast 200 Follower*innen – mit einhelligen Antworten.

  • Kondom über e Banane zieh, 10 minute über vehietig bi de Frau geredet und e Porno gluegt
  • s meiste hanni eigentlich durch konversatione mit fründ*inne erfahre
  • gar nit (pornos)
  • so halb sind halt nur verhüetigstheme drakho aber keini soziale menschliche aspäkt
  • find d Ufklärig in de Schuel isch ziemlich scheisse gseh. Halt mit so Frogerundi aber i däm Alter hesch kei ahnig was froge
  • Mir hen verschiedeni begriff für hodesack undso müesse uffshribe 🤡 😂

Luca nickt, als er die Nachrichten liest. «Die könnten fast alle von mir sein.» Der Fünfzehnjährige hat Ähnliches erlebt, aber das Ganze ist ihm eher unangenehm. Er will auch nicht seinen richtigen Namen in dieser Geschichte lesen. «Ich habe das Gefühl, ich bin da noch mittendrin. Es ist wie ein schwarzes Loch. Man findet es irgendwie faszinierend, ohne dass man genau weiss, was es ist.» Den Hauptteil seiner Aufklärung, sagt Luca, hätten Pornos ausgemacht. «Mir ist schon klar, dass die Bilder da nicht normal sind», sagt er. «Aber was willst du machen.» 

In der Schule hatte er Sexualkunde, «aber das war eher komisch.» Die Jungs wurden von den Mädchen getrennt und sollten Fragen auf kleinen Kärtchen beantworten. Sie seien im Kreis gesessen und hätten gekichert. «Da standen biologische Fragen, aber auch so Sachen wie: Was macht mich zum Mann? Sorry, aber was hat das mit Aufklärung zu tun?»

Sex ist längst nicht mehr nur Sache der Biologie

Eine Menge, wenn man Fachpersonen fragt. «Ein wichtiges Element der sexuellen Rechte ist, dass Sexualität als wesentliches Element des menschlichen Lebens anerkannt wird», steht bei «Sexualaufklärung in der Schule», eine Webseite für Schulen und Lehrpersonen der Fachstelle Sexuelle Gesundheit Schweiz. Sexualität soll ganzheitlich vermittelt werden, nicht nur biologisch. Der Leitfaden für sexuelle Gesundheit des aktuellen Basler Lehrplans entspricht allerdings nicht dieser Haltung. Die Lernziele sind ausschliesslich biologischer Natur: Primäre Geschlechtsorgane, Befruchtung, Verhütung, Geschlechtskrankheiten. Der Leitfaden ist von 2011, überarbeitet wurde er bis heute nicht. Fragt man beim Erziehungsdepartement nach den Gründen, heisst es, der Leitfaden werde aktuell überarbeitet.

Anders als viele in ihrem Umfeld hat Betty Achterberg (18) ihren Sexualkunde-Unterricht positiv in Erinnerung. «Wir haben viel über trans und intergeschlechtliche Menschen gelernt, das war voll easy». Schade sei bloss die enge Vorstellung dessen gewesen, was Sex ausmacht: «Es ging nur um heteronormativen Sex zwischen Männer und Frauen, Penis in die Vulva und so». Betty, die in einer Beziehung mit einer Frau ist, hätte sich gewünscht, in jedem Aspekt Diversität vermittelt zu bekommen. «Weil seien wir ehrlich: Lesbischer Sex wird fetischisiert und schwuler Sex als abnormal abgetan. Das muss sich ändern und da können Schulen einen grossen Einfluss darauf haben.»  

Auch für Emilie ist Vielfalt wichtig – besonders wenn es um Körperideale geht. «Hätte man mir gezeigt, dass es absolut egal ist, welche Form meine Vulva hat, hätte ich mich nicht so unsicher gefühlt», sagt sie. Als sie sich mit 14 auf die Suche nach Informationen zu weiblichen Genitalien machte, stiess sie auf einen «Jede Vulva ist schön»-Artikel der Jugendzeitschrift BRAVO. Es waren verschiedene Vulva-Formen mit spielerischen Namen abgebildet. Darunter auch eine, die «Miss Perfect» hiess: Glatt rasiert, mit kleinen, ebenmässigen Lippen. «Danach mochte ich meinen Körper nur noch weniger.» 

Die Basler Politik reagiert

Für SP-Grossrätin Jessica Brandenburger liegt das Problem in der fehlenden Zuständigkeit. «Vom Kanton wird nirgends inhaltlich definiert, was Sexualkunde genau sein soll. Die Verantwortung dafür liegt bei den einzelnen Lehrpersonen.» 

Doch denen ist gänzlich selbst überlassen, wie sie mit dem Thema umgehen wollen. Die Materialien für den Sexualkundeunterricht können Lehrpersonen laut Webseite des Kantons Basel-Stadt, «freiwillig nach eigenem Gutdünken» einsetzen. 

Dieses Missverhältnis führe zu Unsicherheiten bei den Lehrpersonen, sagt Jessica Brandenburger: Der Aufklärungsunterricht werde zwischen Biologie- und Ethik-Lehrpersonen hin und her geschoben. Dabei gehe man der entscheidenden Frage aus dem Weg: Wie sollen junge Menschen aufgeklärt werden und wer soll das übernehmen?

Ohne Tabus.

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Mit diesen Fragen wandte sie sich vergangenes Jahr an den Regierungsrat. Es gibt zwar Einsätze der Aidshilfe beider Basel an Schulen und Angebote via Schulnetz 21, einem sogenannten Präventionspool des Erziehungsdepartements. Doch die Nutzung dieser Angebote geschieht nicht niederschwellig, sie muss von den Lehrpersonen angefordert werden. Brandenburger kritisiert ausserdem die fehlende Qualitätssicherung: «Diese Angebote werden einmal geprüft und sind danach jahrelang verfügbar.»* So kann es sein, dass Angebote in Anspruch genommen werden, die längst nicht mehr der Lebensrealität junger Menschen entsprechen. 

Brandenburger will dagegen angehen. Ein zweiter Vorstoss ist geplant, den entsprechenden Anzug hat sie zusammen mit Parteikollege Sebastian Kölliker bereits eingereicht. Auch auf der bürgerlichen Seite gibt es Zuspruch. «Es ist wichtig, auch in Sachen sexueller Gesundheit am Puls der Zeit zu bleiben», sagt Grossrätin Annina von Falkenstein (LDP) «Gerade in der heutigen Zeit, wo Digitalisierung und fallende Tabus den Umgang mit Sexualität verändern.» Ob das allerdings in dem von der SP geforderten Umfang stattfinden soll, sei zu diskutieren. 

Für Luca ist klar: Aufklärung kann nur im Vertrauensverhältnis entstehen. «Dafür brauchen wir aber mehr als nur ein paar Lektionen pro Schulstufe. Und am besten macht es auch nicht die Lehrperson, sondern jemand, der speziell dafür ausgebildet ist.»

Auch Emilie wünscht sich eine externe Person, die für die Sexualkunde herbeigezogen wird. «Und man könnte ein Briefkästli machen. Da kann man Fragen deponieren, die einem peinlich sind. Die werden dann von der Fachperson beantwortet.» Sie wünscht sich generell mehr ungezwungenen Umgang mit schambehafteten Themen, auch wenn es um Konsens und das Recht geht, Nein zu sagen.

Emilie will ihre Abschlussarbeit über die Pille machen. Das Thema beschäftigt sie, sie hat viele Freund*innen, die schlechte Erfahrungen damit gemacht haben. Keine von ihnen wurde diesbezüglich umfassend aufgeklärt. Da schliesst sich für sie der Kreis: «Diese Dinge sind so wichtig für unser späteres Leben. Aber von der Schule wird das ignoriert. Das kann doch nicht sein.»

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* Das Erziehungsdepartement bestätigt auf Anfrage, dass die Präventionsangebote nur bei der Aufnahme in den Pool geprüft werden. Allerdings füllt die Lehrperson nach jeder Durchführung ein Feedbackformular aus, das an das ED und den Anbieter geht.

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