«Die Sicherheit hat oberste Priorität»
Nach dem verheerenden Brand in Crans-Montana ist die Bestürzung auch unter Basler Clubbetreiber*innen gross. Sie alle sind sich ihrer Verantwortung bewusst. Von Deregulierung will niemand mehr sprechen.
Enge Treppen, dunkle Keller, dröhnende Bässe: Orte, die lange als selbstverständlich galten, wirken seit der Brandkatastrophe von Crans-Montana plötzlich anders. Wo man früher ohne Zögern hinabstieg, schwingt nun bei vielen ein mulmiges Gefühl mit. Auch Basler Clubbetreiber*innen spüren diese Verschiebung – und reagieren.
So zeigt sich beispielsweise Katja Reichenstein, Co-Betreiber*in der Gannet am Hafen, sehr betroffen von der Tragödie: «Sofort habe ich gedanklich abgecheckt, wie wir ausgerüstet sind.» Sagt aber auch: «Wir sind alte Hasen im Einhalten von Brandschutz.» So musste das Schiff aus Irland, das an der Uferstrasse auf Kies steht, für den Brandschutz fit gemacht werden. Es verfügt nun über zwei grosse Notausgänge aus dem dicken Bauch des Schiffsbugs heraus. Auch alle Isolierungsmaterialen sind schwerst entzündlich. Reichenstein, die auch Sicherheitsbeauftragte des Hafenareals sowie hauptberuflich Krankenschwester ist, nennt sich schon von Berufes pedantisch, was die Sicherheit anbelangt: «Diese hat oberste Priorität.» Es gehe um Verantwortung.
«Wir sind alte Hasen im Einhalten von Brandschutz.»Katja Reichenstein, Co-Betreiber*in der Gannet
Auch im Hirscheneck war das Thema an der ersten Sitzung des Jahres präsent. «Der Hirschi-Keller ist nun mal ein Keller», sagt Lukas Stadler. Umso wichtiger seien die Details: Zwei Treppen, die sogar extra für den Brandschutz verbreitert wurden, Fluchtwege, Rauch- und Pyrotechnikverbot. «Wir haben ein schärferes Auge drauf, wo Gefahrenquellen sein und wo Verbesserungen angebracht werden können.»
Ebenso lebt die Kuppel mit ihrem unterirdischen Nest-Club vom Reiz des Verborgenen. «Crans-Montana hat uns geschockt», sagt Geschäftsführer Jean-Marc Lüthy. Dabei sei das Lokal technisch auf dem neuesten Stand: Rauchmelder, Notbeleuchtung, Fluchtwege, Evakuierungsplan. Letzteren wolle man nun nochmals auffrischen. «Die Abläufe müssen sitzen – nicht nur auf dem Papier.»
Strenge Regeln – und plötzlich Dankbarkeit
Basel-Stadt gilt als streng beim Brandschutz. Dabei sind die Vorschriften schweizweit einheitlich, umgesetzt werden sie kantonal, erklärt Veronika Röthlisberger, Direktorin der Basler Gebäudeversicherung, bei der auch die Feuerpolizei angesiedelt ist. Unterschiede gebe es etwa bei Kontrollintervallen für Gebäude und die Nutzungen mit erhöhtem Brandrisiko, bei denen die nationalen Vorschriften lediglich eine periodische Kontrolle vorgeben, ohne Nennung der Intervalllänge.
«Wir haben ein schärferes Auge drauf, wo Gefahrenquellen sein und wo Verbesserungen angebracht werden können.»Lukas Stadler vom Hirscheneck
Was früher oft als Schikane empfunden wurde, wird nun anders gesehen. So sagt Kuppel-Chef Lüthy: «Im Alltag mögen sich manche Gastronom*innen über die Kontrollen aufregen, über den Aufwand, der auch mit Kosten verbunden ist, aber durch Crans-Montana wird einem wieder klar, wie dankbar wir für diese Kontrollen sind. Es liegt in der menschlichen Natur, Gefahren zu verdrängen, wenn lange nichts passiert ist; dies wird uns nun schmerzhaft bewusst.»
Dass der Aufwand enorm ist, bleibt unbestritten. Bau- und Gastgewerbeinspektorat, Feuerpolizei, Gebäudeversicherung, Lebensmittelinspektorat, Amt für Umwelt und Energie – sie alle sind in das Bewilligungsverfahren involviert. Für Betreiber*innen ist das teuer und existenziell. Der Hilferuf des Hirschenecks vor einigen Jahren zeigte, dass Auflagen ein Lokal auch an den Rand treiben können.
Deregulierung auf Eis gelegt
Doch heute will niemand mehr von Deregulierung sprechen. National hat die Katastrophe zu einem Marschhalt geführt: Die Kantone haben die laufende Revision der Brandschutzvorschriften sistiert. Weil es sich um eine technische Vernehmlassung handelte, hat der Basler Regierungsrat keine gesamtkantonale Stellungnahme verabschiedet, wie das Bau- und Verkehrsdepartement auf Anfrage mitteilt.
«Durch Crans-Montana wird einem wieder klar, wie dankbar wir für diese Kontrollen sind.»Kuppel-Geschäftsführer Jean-Marc Lüthy
Der Entwurf sah mehr Eigenverantwortung, private Gutachten statt staatlicher Kontrollen und flexiblere Anforderungen vor. Befürworter*innen sprachen von Modernisierung, Kritiker*innen von schleichendem Kontrollabbau. Politisch gilt die Vorlage derzeit als nicht mehr durchsetzbar.
Offen bleibt indes die Frage, ob der Brandschutz flexibel genug ist. So ist jeder Club anders und entsprechend sind die Rahmenbedingungen unterschiedlich. Alain Schnetz vom Musikbüro sagt dazu: «Ein ideales Bewilligungswesen sollte diese Diversität berücksichtigen, sprich: Der Brandschutz sollte an die lokalen Gegebenheiten angepasst sein.» Gemäss Feuerpolizei sind die Gebietsverantwortlichen im Kanton Basel-Stadt entsprechend geschult. Ziel sei es immer eine risikogerechte, der Situation angepasste Lösung zu finden.
Eine stärker vermittelnde Rolle könnte hier der Nachtmanager Roy Bula spielen. Aktuell hält er sich zurück. Die Bestürzung sei gross, schreibt er, Details zu Auflagen und Kontrollen lägen bei den zuständigen Ämtern.
Was bleibt, ist ein neues Bewusstsein. Die Gewissheit, dass Sicherheit nicht verhandelbar ist – und dass Orte der Nacht nur dann Orte der Freiheit bleiben, wenn sie auch Orte der Verantwortung sind.