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Nachruf

Wir trauern um Hüseyin Çolak

Der Basler Fotograf Hüseyin Çolak ist beim schweren Erdbeben in der Türkei ums Leben gekommen. Auch die Bajour-Redaktion hatte er vor die Linse genommen. Ein Nachruf auf ein Genie seiner Kunst.

02/21/23, 10:59 AM

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Hüseyin Çolak war bekannt für seine Fotomontagen.

Hüseyin Çolak war bekannt für seine Fotomontagen. (Foto: zvg)

Von Hüseyin Çolak fotografiert – oder ich muss sagen: inszeniert – zu werden, war eine besondere Erfahrung. Dass wir ihm nicht noch einmal Modell stehen können, trifft die Bajour-Redaktion tief. Hüseyin Çolak war eine Art «Hausfotograf» für Bajour. Bei vielen Gesichtern, die dich tagtäglich im Basel Briefing anstrahlen, stand Hüseyin hinter der Linse.

Hüseyin ist beim schweren Erdbeben Anfang Februar in der Türkei ums Leben gekommen. Er war in seinem Haus in Narlı bei Pazarcik, hatte seine Mutter und andere Verwandte besucht. Am Tag, als das Erdbeben ihn mitten in der Nacht aus dem Schlaf riss, wollte er eigentlich zurück nach Basel fliegen. Sein Sohn Mehmet erzählt uns, dass Hüseyin aus dem Haus flüchten wollte, aber es gelang ihm nicht mehr rechtzeitig, er wurde unter den Trümmern eingeklemmt. Er konnte noch seine Schwester mit dem Handy erreichen. Als sie zum Unglücksort kam, hörte sie ihn noch rufen. Doch leider kamen keine Helfer*innen mit dem nötigen Gerät, erzählt sein Sohn am Telefon. Hüseyin hat es nicht geschafft. Seine Familie aus der Schweiz flog am nächsten Tag in die Türkei und konnte – mit grossen Komplikationen – eine Bestattung für ihn organisieren.

Hüseyin wurde 65 Jahre alt, er hinterlässt vier Söhne und vier Enkelkinder. Sein Sohn Mehmet sagt: «Er war einfach ein liebevoller Mensch, immer hilfsbereit. Wenn jemand etwas gebraucht hat, war mein Vater da.»

Hüseyin hat nicht einfach nur Porträts und Gruppenbilder geschossen, er hat unsere Identität eingefangen: Wir machen die Dinge bei Bajour ein bisschen anders als die anderen. Das gilt auch für Hüseyin Çolak und seine Fotografie.

Umso schwerer lässt sich fassen, dass Hüseyin sein Leben verloren hat.

Den Besuch im Fotostüdyo Dilek in der Klybeckstrasse werde ich nie vergessen. Du schreibst bald Briefings? Dann musst du noch zu Hüseyin, hiess es von der Redaktion damals, wir brauchen ein Porträt von dir! Ein wenig versteckt in einem Wohnhaus befindet sich Hüseyins Wirkungsstätte, ein kleines Fotostudio, im Raum davor sein Büro, die Wände voll mit gerahmten Fotos. Meist lichtete Hüseyin türkische Hochzeiten ab, porträtierte Familien, kleine Kinder oder eben: uns, die Bajour-Redaktion.

Bevor es losging mit dem Fotografieren gab es – für Hüseyin selbstverständlich – erst einmal einen kräftigen Schwarztee. Vielleicht auch zwei. Und dann ab vor die Fotowand. Posieren. In diese Richtung schauen, dann in die andere. Auf den Stuhl setzen, aufstehen, andere Pose, oder doch von der Seite? Hüseyin hatte immer ein Lächeln auf den Lippen, war immer freundlich. Er war ein warmer Mensch.

Die wahre Magie (anders kann ich es nicht nennen) von Hüseyins Fotografie entfaltete sich aber erst «post production», also nach dem Shooting, am Computer. Je bunter der Hintergrund, desto besser. Hier noch ein wenig photoshoppen, da noch ein paar Filter drauflegen. Und warum nicht den Kopf der Redaktorin auf den Körper einer griechischen Göttin einfügen?

So manche*r würde seinen Stil vielleicht als kitschig verunglimpfen, für uns war er ein Genie seiner Kunst. Denn das, was Hüseyin geschaffen hat, spricht eine eigene Sprache, hat Humor. Seine Fotos stecken voller Leben. Sie sind deshalb die beste Erinnerung, die wir an ihn haben. Danke, Hüseyin.

Aktuelle und ehemalige Bajouris trauern um Hüseyin.

Aktuelle und ehemalige Bajouris trauern um Hüseyin. (Foto: Hüseyin Çolak)

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