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Dufry wird Avolta

Dutyfree-Gigant dreht eine Volte

Dufry, der grösste Reise-Detailhändler der Welt, hat in Basel seinen Hauptsitz. Mit der Übernahme der italienischen Restaurantkette Autogrill wird der Konzern nochmals massiv grösser. Jetzt ändert Dufry den Namen in Avolta. Der Hauptsitz werde in Basel bleiben, verspricht der Weltkonzern.

11/09/23, 06:44 AM

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Kaum jemand weiss das: Am Picassoplatz in Basel hat Dufry, der grösste Reise-Detailhändler der Welt, seinen Hauptsitz.

Kaum jemand weiss das: Am Picassoplatz in Basel hat Dufry, der grösste Reise-Detailhändler der Welt, seinen Hauptsitz. (Foto: Stefan Schuppli)

Vor gut einem Jahr wurde bekannt, dass Dufry die italienische Restaurantkette Autogrill schlucken wird. Für den Konzern mit seinem Hauptsitz am Picassoplatz in Basel hat das weitreichende Folgen: Das Geschäft wird nochmals stark ausgeweitet. Die Übernahme ist ein riesiger «Lupf». Autogrill zählt mit 46’000 Angestellten fast doppelt so viele Mitarbeitende wie Dufry. Zusammen sind es über 60’000. Bezüglich dieser Zahl ist der Autogrill-Deal eine der grössten Übernahmen in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Zum Vergleich: Roche und Novartis beschäftigen je gut 100’000 Angestellte.

Neuer Name, neues Glück

Jetzt, nach nur 20 Jahren, ändert Dufry den Namen in Avolta. Warum gerade Avolta? «Es sind einige Sprachen in diesem Namen involviert», sagte Konzernchef Xavier Rossinyol an der ausserordentlichen Generalversammlung von letzter Woche, an der die Namensänderung beschlossen wurde. In Avolta steckt das lateinische Wort «vol» und sei eine Hommage an Dufrys Flughafenerbe und das Bestreben, zu neuen Höhen aufzusteigen. In einigen Sprachen bedeutet es «drehen» oder «herumlaufen» und verbinde sich mit dem, was Dufrys Geschäft sei – Menschen, die um die Welt reisen. Seit heute Donnerstagmorgen ist die neue Avolta-Website inklusive Börsencode und- info aufgeschaltet.

«Wenn man heiratet, mag man zwar den Namen des anderen annehmen, aber die Familie geht nicht verloren»

Xavier Rossinyol, Konzernchef

Avolta ist aber lediglich die Dachmarke. Bestehende Untermarken wie Dufry, Autogrill, World Duty Free, Hudson etc. bleiben erhalten. «Wenn man heiratet, mag man zwar den Namen des anderen annehmen, aber die Familie geht nicht verloren», sagte Rossinyol auf den Einwand eines Aktionärs, es sei doch schade, dass dieser selbsterklärende Name verschwinde. Avolta werde in Basel ansässig bleiben, beteuert die Firma. Ob oder um wieviel die Holdingsteuern erhöht werden, kommentiert die Firma nicht. 2020 fiel das Steuerprivileg für Holdinggesellschaften.

Das Jahr 2020 – ein Desaster

Erst eben hat sich Dufry von der grössten Krise ihrer Geschichte erholt. Covid und die Reisebeschränkungen waren für das Unternehmen «der perfekte Sturm» – weil überall, auf der ganzen Welt, die Reisemärkte zusammenbrachen. Und zwar gleichzeitig. Krisen gab es zwar immer wieder, aber die waren geografisch begrenzt: mal harzte es in China, mal in Europa, mal in Amerika. Das Dufry-Geschäftsrisiko ist im Prinzip weltweit gestreut.

Doch der synchrone Einbruch war ein Desaster. 2020 brach der Gruppenumsatz um 71 Prozent ein, er fiel von 8,8 auf 2,6 Milliarden Franken. Der Verlust: 1,7 Milliarden. Von den 31000 Stellen (Vollzeit-Äquivalente) wurden 13 000 (!) abgebaut, ein Minus von 40 Prozent.

Aufgrund der Pandemie blieben einige Flughäfen geschlossen oder verzeichneten im Vergleich zu den Vorjahren nur ein sehr geringes Verkehrsaufkommen. «Um das Unternehmen an das wirtschaftliche Umfeld anzupassen, musste Dufry die Personalkosten senken und die Unternehmensstruktur anpassen», rechtfertigte sich Dufry Ende 2020. Dazu gehörten Frühpensionierungen, Verzicht auf die Einstellung von Saisonarbeitskräften und der Abbau von Stellen auf allen Ebenen.

Die Erholung kommt schnell

Doch fast so schnell, wie die Krise kam, war sie wieder weg. Das Reisegeschäft nahm in den vergangenen drei Jahren massiv zu. Auch wenn die weltpolitischen Aussichten aktuell alles andere als sicher sind: Der Dufry-Umsatz wird in diesem Jahr weiter hochschnellen. Bereits Ende des 3. Quartals 2023 kletterte er auf 9,6 Milliarden – das ist schon jetzt ein neuer Rekord. Zusammen mit Autogrill dürfte sich der Umsatz bis Ende Jahr auf 12,4 Milliarden erhöht haben. Die Autogrill-Übernahme wird in diesem Jahr Synergien – Kosteneinsparungen, Netto-Mehrerträge – 30 Millionen, ab 2024 85 Millionen Franken generieren. Die Integrationskosten bewegen sich bei 50 Millionen Franken.

Doch blicken wir zurück. Die Geschichte begann 1865 mit einem kleinen Tabakladen Weitnauer an der Schifflände. Nachdem sich die ersten Jahrzehnte praktisch alles um Tabak drehte, stieg 1948 die Firma in den Duty-free-Grosshandel und vier Jahre später ins Detailgeschäft in diesem Bereich. Es war eine kommerzielle Innovation. 1952 eröffnete Weitnauer in Paris-Le Bourget den ersten Duty-free-Shop Kontinentaleuropas, 1962 kam der erste Laden auf dem Flughafen Basel-Mülhausen.

In den 1970er-Jahren geriet Weitnauer im Zusammenhang mit Zigaretten-Schmuggelaffären in Frankreich und Spanien in ein schiefes Licht. Die Schweiz war in den 1970er- und 1980er-Jahren eine Drehscheibe des Zigarettenhandels. Die Firma wehrte sich kategorisch gegen die Vorwürfe, Schmuggelkanäle zu beliefern. Weitnauer sei in dieser Sache weder angeklagt noch verurteilt worden. Das war wohl auch nicht der Fall – denn die Herkunft der Zigaretten konnte via Zwischenhandel relativ einfach verschleiert werden. Im Oktober 2002 trennte sich die spätere Dufry vom Engroshandel, der heute unter dem Namen Weitnauer Distribution weiter besteht. Dies war wohl auch aus Wettbewerbsgründen sinnvoll: Die Distribution lieferte auch an die Konkurrenz. Der heutige Hauptsitz von Weitnauer ist nur wenige 100 Meter vom Hauptsitz von Dufry entfernt. Fragen von bajour.ch zum Umsatz und zu den Besitzverhältnissen wurden von der Firma nicht beantwortet.

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