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Porträt

Thomas ohne Grenzen

Thomas Steffen wurde vom kaum bekannten Kantonsarzt zur vielfach konsultierten persona publica. Kürzlich gab er seinen Rücktritt bekannt. Was liegt hinter ihm?

05/10/21, 04:00 AM

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Thomas Steffen, Kantonsarzt Basel-Stadt, Vorstandsmitglied der Vereinigung der Kantonsaerztinnen und Kantonsaerzte, nimmt seinem Schutzmaske auf, nach einer Point de Presse zum Coronavirus mit Fachexperten des Bundes, am Freitag, 20. November 2020 im Medienzentrum Bundeshaus in Bern.

Gmögiger Kantonsarzt oder gerissener Optimist? Sicher ein bisschen beides: Thomas Steffen. (Foto: KEYSTONE/Anthony Anex)

Seit Stunden kauert der kleine Thomas an verschiedenen Stellen im Garten seiner Grossmutter. Sein Blick ist auf den Boden fixiert. Ihn faszinieren die Ameisen, die hier zu Zehntausenden herumwuseln. Wie sie sich organisieren, verhalten, Nahrung beschaffen. Er kennt jedes Nest im Garten. Ab und zu bringt er ihnen einen Zuckerwürfel aus der Küche.

Zweite Erinnerung. Thomas im Kindergartenalter. Immer wieder zeichnet er dasselbe Bild: Sein Lieblingsmotiv. Ein grosses Schiff mit einem Kapitän am Steuer. Der Kapitän ist er selbst.

«Aber nicht als grosser Boss, mehr als Mitsteuernder.» Thomas Steffen sitzt an einem Tisch im Bistro des Gesundheitsdepartments. 60 Jahre alt, gut sitzende Jacke, schlichtes Hemd, Fältchen um die Augen. So gern er die Erinnerung mag, sie trifft seinen gegenwärtigen Zustand nicht ganz. In einem pluralistischen Land, das weiss er ganz genau, steht sich eine Pandemie nicht mit einem Alleinleader durch.

Was es jedoch braucht, sind Vermittler. Und genau so einer ist Thomas Steffen. Was die Regierung nicht schafft, scheint er immer wieder mühelos hinzukriegen: die Balance zwischen Massnahmenstrenge und Menschenverständnis. Wer ist dieser Mann, der gerade noch als Kantonsarzt ein Leben fernab der grossen Öffentlichkeit führte, seit Corona aber plötzlich über die Bildschirme des Landes flackert?

«Thomas, ich kann dir nur viel Glück wünschen.»

Daniel Koch, damaliger BAG-Delegierter für Covid-19, zu Beginn der ersten Welle

Dritte Erinnerung. Seine ältere Schwester sagt ihm, das sei nichts, er könne doch kein Blut sehen. Thomas zuckt mit den Schultern und tritt trotzdem das halbe Jahr Praktikum in der Pflege im Paraplegikerzentrum an. Er hat sich intensiv mit der Frage beschäftigt, was er machen will – machen, nicht werden. 

Etwas lernen und dann für den Rest des Lebens sein, das passt nicht zu ihm. Auf der Liste standen Sozialarbeit, Lehrerseminar für Deutsch und Geschichte, Jus und der grosse Favorit: Soziologie. Aber das Schulwesen ist ihm zu leistungsorientiert, die Uni zu wenig praxisnah, das Jus-Studium zu clean. Er will nicht den ganzen Tag mit Krawatte rumlaufen müssen.

Kapitän im Corona-Sturm

Also die Querschnittsgelähmten. Er liebt das Praktikum, es eröffnet ihm eine neue Welt. Im Laufe seines Lebens wird es immer das sein, was ihn antreibt: neue Welten. Erst die Ameisen, dann die Paraplegiker*innen, später seine Patient*innen, dann Statistiken zu Luftverschmutzung und Heroinabhängige. 

Er bleibt immer ein Beobachter, ist dazu Arzt, Forschungsleiter, Rehabilitationsmediziner, Klinikmanager, Kantonsarzt. Seit zehn Jahren ist er Basler Kantonsarzt, seit fünf Jahren Leiter der Medizinischen Dienste. Seit einem Jahr manifestiert sich langsam aber sicher die Kinderzeichnung: Thomas Steffen, der Kapitän im Corona-Sturm.

Als im Januar letzten Jahres die ersten Nachrichten eines neuartigen Virus um die Welt gehen, erwähnt es Steffen in einem Vortrag. «Ich sagte damals sinngemäss: ‹Ist in China, bleibt in China›.» Er lacht ungläubig und schüttelt den Kopf. «Wie man sich täuschen kann.» Mitte Februar brechen er und seine Familie (Steffen ist verheiratet und hat einen 18-jährigen Sohn) einen Urlaub in Genf ab, Steffen kehrt nach Basel zurück und leitet Vorbereitungen gegen die Pandemie ein. Die Medizinischen Dienste haben, wie jede Abteilung des Gesundheitsdepartements, Notfallpläne für kleine bis mittlere Ereignisse.

Am 24. Februar wird der erste Schweizer Fall bestätigt, nur drei Tage später trifft es die Mitarbeiterin einer Kindertagesstätte in Riehen. Steffen macht sich auf den Weg ins Studio und gibt um 23 Uhr ein Interview beim SRF. Auch sein langjähriger Kollege Daniel Koch, der für die nächsten paar Monate als BAG-Delegierten für Covid-19 walten wird, ist anwesend. Er sagt ihm: «Ich kann dir nur viel Glück wünschen.»

Die Ruheinsel Privatbüro

Ab da greifen die üblichen Notfallpläne nicht mehr, es geht Schlag auf Schlag. «Unsere Strategie war immer, so breit und offen wie möglich zu kommunizieren», sagt Steffen. Kommunikation sei entscheidend. «Massnahmen sind das Eine, gerade in einer ersten Welle ist es jedoch zentral, den Einordnungsbedarf der Bevölkerung abzufangen.»

Im Nachhinein sei ihnen das nicht immer gelungen. Auch ein Merkmal einer pluralistischen Gesellschaft: Es reden viele Akteur*innen mit. Der Bund, die einzelnen Kantone, Taskforces, Wissenschaftler*innen. Steffen bekommt etliche Mails von Menschen, die verunsichert sind.

Im März arbeitet er mehrere Wochen durch. Er kann nicht mehr richtig schlafen, steht jede Nacht um 2 und 4 Uhr auf, um Mails zu beantworten. Dann merkt er: So kann es nicht weiter gehen.

Als Arzt sei man sich die vielen Arbeitsstunden gewohnt, «ich habe immer 150 Prozent gearbeitet». Aber der März 2020 strapaziert selbst seine Kapazitäten. Also zieht er die Bremse. Er fängt an, das kleine Privatbüro zu nutzen, das er und seine Frau sich noch vor der Pandemie zugelegt haben.

«Ich hatte das Gefühl, ich schade der Gesellschaft, wenn ich nicht permanent verfügbar bin.»

Thomas Steffen während der ersten Welle

Zwei Zimmer, eins für sie, eins für ihn. Steffens Frau, die selber Ärztin ist, schneidert nebenbei Damenmode und benutzt ihren Raum als Showroom. Sein Raum hat noch keine eindeutige Funktion. Ein Pult mit Computerbildschirm steht am Fenster, davor ein langer, leerer Tisch. An der Wand steht ein buntes Bücherregal. 

Im April 2020 kommt er einmal pro Tag hierher, um sich Ruheinseln zu schaffen. Er macht einen Spaziergang, legt sich kurz hin. Es fällt ihm nicht einfach, das schlechte Gewissen nagt an ihm. «Ich hatte das Gefühl, ich schade der Gesellschaft, wenn ich nicht permanent verfügbar bin.» Irgendwann habe er realisiert, dass die Gesellschaft nichts von ihm hat, wenn er sich in ein Burnout manövriert. Seither schlafe er wieder besser.

Bereit für den Kurswechsel

Im Sommer 2020 rückt Thomas Steffen immer mehr ins Rampenlicht. Der Präsident der Gesundheitsdirektorenkonferenz Lukas Engelberger braucht Unterstützung, der Leiter der Kantonsärzt*innen (in dessen Gremium Steffen im Vorstand sitzt) Rudolf Hauri auch. Steffen wird regelmässiger Gast an den Pressekonferenzen des Bundes, in SRF-Interviews, bei den Lokalmedien.

Anders als der spröde Daniel Koch tritt er menschennah, fast sanftmütig auf. Er betont immer wieder, wie wichtig es sei, die Pandemiebekämpfung nicht ausschliesslich aus fachlicher Sicht zu betrachten. «Wir können nicht die ganze Welt aufgrund von epidemiologischen Kriterien regeln», sagt er im Oktober einem Interview mit der NZZ. «Die reine Lehre existiert nur im eigenen Fachgebiet. Es ist deshalb wichtig, auch gesellschaftliche, psychologische und wirtschaftliche Aspekte zu berücksichtigen.»

Sein ganzheitlicher Ansatz äussert sich immer wieder in seinen Einordnungen. Weder kritisiert er Gegner*innen der Massnahmen, noch nimmt er sie in Schutz. Stattdessen appelliert er an Solidarität und Mitgefühl. «Wir haben alle unsere Unschärfen», sagt er im Oktober dem Tages-Anzeiger. «Das macht uns im Tiefen menschlich.» Ein Ansatz, der ihm auch Kritik einbringt. Gerade von Journalisten oder Wissenschaftlern, die sich auf Twitter über seine «gmögige Strategie» auslassen.

Thomas Steffen kann das egal sein. Er gehört nicht zu der Sorte Mensch, die sich stundenlangen Scherereien auf Twitter hingeben. Dafür hat er zu viel zu tun. Zumindest jetzt noch: Mitte April gab er im Regionaljournal seinen frühzeitigen Rücktritt bekannt. Im Februar 2022 lässt er sich frühpensionieren.

Den Gedanken trägt schon eine Weile mit sich herum. Seit er sich bewusst wurde, was auf seinem Pensionskassenauszug steht. «Ich merkte plötzlich, dass mir die Möglichkeit offenstand, noch einmal etwas ganz anderes auszuprobieren.» Als Lehrstück dient ihm die Geschichte seines Vaters, der sich ein Leben lang auf die Pensionierung gefreut hatte und in ein Loch fiel, sobald sie da war. «Eines Tages unterhielt er sich mit einem Apotheker, der jemanden für den Vertrieb von Medikamenten an Senior*innen suchte. Mein Vater hatte immer Krankenpfleger werden wollen, musste aber aufgrund seiner Tuberkulose einen anderen Beruf ergreifen. Er bot sich sofort an. Wir dachten alle nur: Was soll das denn jetzt?» Am Ende lieferte er Medikamente aus, bis er weit über 80 war. «Ich hatte ihn noch nie so glücklich gesehen.»

An Ideen für die Zeit, die bald kommt, mangelt es ihm nicht. Steffen möchte seit Jahren einen Hund, er interessiert sich für Laientheater, will sich gemeinnützig einbringen. Kürzlich googelte er, was eine semiprofessionelle Radiostudioausrüstung kosten würde. Tatsache: Etwas viel. Aber die Türen sind offen, der Kopf auch. Das leere Büro wartet. Thomas ist bereit für den Kurswechsel.

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