Fit für die Schule?
Wann ist ein Kind parat, um eingeschult zu werden? Im Kanton Baselland beschäftigt sich die Politik aktuell mit dem Stichtag zur Einschulung. Auch SP-Grossrätin Sasha Mazzotti plant einen Vorstoss: Sie hält es für notwenig, die Situation in Basel-Stadt zu evaluieren.
Wenn ein Kind mit der linken Hand über den Kopf das rechte Ohr erreichen konnte, galt es bis in die 1980er Jahre als schulreif – dieses Kriterium ist heute längst überholt, SP-Landrätin und Primarlehrerin Miriam Locher zitiert es aber dennoch in ihrer Motion unter dem Titel: «Stichtag verschieben». Wie die bz berichtet, macht Locher sich dafür stark, dass der Stichtag für den Eintritt in den Kindergarten in den Harmos-Kantonen, zu denen auch BS und BL gehören, auf Ende April vorverlegt wird, weil einige Kinder noch nicht reif für die Schule seien.
Das Problem, das Miriam Locher in Baselland beobachtet, kennt auch SP-Grosstätin Sasha Mazzotti. Die Lehrerin an der Primarschule Wasgenring erlebt und hört immer wieder von Kolleg*innen, dass Kinder in den Kindergarten kommen, die unselbstständiger sind als vor ein paar Jahren. Sie vermutet aber, dass dies nicht mit dem Stichtag 31. Juli zu tun hat, sondern damit, dass die Kinder Basiskompetenzen nicht mehr zu Hause lernen.
Mazzotti spricht von erheblichen Verzögerungen in der Sprachentwicklung, eingeschränkter Kommunikationsfähigkeit oder einer geringen Aufmerksamkeitsspanne der Kinder. Auch Störungen des sozialen Verhaltens, in der Selbstregulation oder fehlende grundlegende Selbstständigkeit seien ein Thema.
«Ich glaube nicht, dass die Kinder reifer für den Schuleintritt sind, wenn dieser ein paar Monate später stattfindet.»Sasha Mazzotti, SP-Grossrätin
Anstatt den Stichtag der Einschulung nach vorne zu verlegen, denkt Mazzotti daher in eine andere Richtung. Sie plant, einen Vorstoss für eine gezielte Frühförderung einzureichen: «Ich glaube nicht, dass die Kinder reifer für den Schuleintritt sind, wenn dieser ein paar Monate später stattfindet. Denn die familiären Lebenswelten von Kindern haben sich in den letzten Jahren stark verändert.»
Es würden immer mehr digitale Medien genutzt, was dazu führe, dass Erwachsene weniger mit ihren Kindern interagieren und kommunizieren. «Auch kann beobachtet werden, dass Eltern ihre Kinder vor allen möglichen Gefahren und Misserfolgen schützen wollen, was grundsätzlich normal und verständlich ist. Dies geht aber so weit, dass den Kindern wichtige Erfahrungen im Umgang mit ihren eigenen Fähigkeiten genommen werden.»
Wann ist ein Kind parat, um eingeschult zu werden? In einer Motion macht sich SP-Landrätin Miriam Locher dafür stark, dass dieser Tag im Kanton Baselland von Ende Juli auf Ende April vorverlegt wird. Der Grund: Einige der Kinder seien noch nicht reif für die Schule. Auch SP-Grossrätin Sasha Mazzotti beschäftigt sich mit dem Thema und hält es für notwendig, die Ist-Situation in Basel-Stadt zu evaluieren, wo der Stichtag ebenfalls auf Ende Juli festgelegt ist. Anstatt den Stichtag nach vorne zu verlegen, plant sie, einen Vorstoss für eine gezielte Frühförderung einzureichen. Was denkst du?
Mazzotti bestreitet nicht, dass die Frühförderung in Basel-Stadt ein professionelles und breites Angebot hat. «Wenn man aber sieht, was für Problematiken bei der Einschulung noch vorhanden sind, muss man sich fragen, wie viele Familien erreicht werden und wie viele Kinder doch durch die Maschen fallen.»
Mazzotti möchte in ihrem Vorstoss eine umfassende, wissenschaftlich fundierte Ist-Analyse im Kindergarten und allenfalls der 1. und 2. Klasse der Schulen in Basel-Stadt fordern. «Eine Evaluation der bestehenden Angebote halte ich für notwendig», sagt sie. Mit ihrem Vorstoss will sie die grundlegende Frage stellen, ob es künftig nicht besser wäre, verpflichtende Angebote vor der obligatorischen Schulzeit einzuführen, anstatt die Kinder noch später einzuschulen.
«Ich wünschte mir ein zeitgemässes Schulsystem, das die Entwicklung der Kinder mehr einbezieht.»Sandra Bothe-Wenk, SP-Grossrätin
Das Thema der Einschulung beschäftigt auch GLP-Grossrätin Sandra Bothe-Wenk – und das schon seit längerem. Sie hatte bereits vor knapp drei Jahren eine schriftliche Anfrage betreffend den Stichtag für den Eintritt in den Kindergarten eingereicht. «Je höher aber der Anteil später eingeschulter Kinder wird, desto mehr leidet die Chancengerechtigkeit, weil die jüngeren Kinder umso mehr unter Druck stehen und mit zunehmend älteren Kindern in der gleichen Klasse verglichen werden» schrieb Bothe-Wenk im April 2023.
Die Antwort des Regierungsrats war damals eindeutig: Er teilte die Befürchtung der Interpellantin nicht, dass aufgrund von Rückstellungen die Chancengerechtigkeit unter Schüler*innen beeinträchtigt sein könnte. Der Regierungsrat verwies darauf, dass die Anzahl Rückstellungen beim Kindergarteneintritt sich im Kanton Basel-Stadt auf sehr tiefem Niveau bewege und sah keine keine Veranlassung, den Stichtag zu verschieben, der den Vorgaben des Harmos-Konkordats entspeche.
Für Bothe-Wenk ist das Thema aber nach wie vor aktuell, wie sie auf Nachfrage sagt: «Ich wünschte mir ein zeitgemässes Schulsystem, das die Entwicklung der Kinder mehr einbezieht und Übergänge tatsächlich niederschwellig flexibel gestaltet, nicht formell.» Sie hält einen verschobenen Stichtag als Orientierung für sinnvoll, «kombiniert mit echten, kindernahen und pädagogisch begründeten Entscheidungswegen, auch beim Übergang in die Primarstufe und darüber hinaus.» Denn der Stichtag präge Bildungswege bis in die 9. Klasse und auch bei der Entscheidung betreffend weiterführende Schule oder Lehre.
«Das ideale Alter für den Eintritt, also einen für alle Kinder gültigen Alterszeitpunkt, an dem sie emotional und kognitiv ‹bereit› sind, gibt es so nicht.»Daniel Schmerse, Professor am Institut Kindergarten-/Unterstufe der FNHW
Die Meinungen gehen auseinander. Aber gibt es das richtige Eintrittsalter für den Schuleintritt überhaupt? Daniel Schmerse leiter Professur Kindliche Entwicklung und Sozialisationsprozesse am Institut Kindergarten-/Unterstufe der FNHW. Zu Bajour sagt er: «Das ideale Alter für den Eintritt, also einen für alle Kinder gültigen Alterszeitpunkt, an dem sie emotional und kognitiv ‹bereit› sind, gibt es so nicht.»
Gerade in der frühen Kindheit sei die Variabilität zwischen Kindern in den verschiedenen Entwicklungsbereichen enorm. Hinzu käme, dass sich nicht alle Kinder im gleichen Tempo entwickeln würden. Schmerse sagt: «Was genau die Beweggründe von Eltern sind, für ihre Kinder nicht den fristgemässen, sondern einen späteren Zeitpunkt zu wählen, wissen wir nicht.»