Eingesperrt im Paradies – eine Basler Familie im Lockdown in Malaysia

Yves Rechsteiner ist mit seiner Familie auf Weltreise – und steckt jetzt auf Malaysia fest. Ein Bericht aus dem Lockdown.

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Bleiben hoffnungsvoll: Autor Yves Rechsteiner mit seiner Familie.

Ich erinnere mich noch gut, das war vor nicht einmal zwei Monaten, hier in George Town auf der Insel Penang in Malaysia, als mir jemand in einer Bar ein Filmchen auf seinem Smartphone zeigte. Das Video stammte aus China, darin konnte man torkelnde Leute sehen, manche fielen sogar um und blieben liegen. Ich hörte «Corona... Corona...» und dachte mir: «Aha, Corona, Torkeln, besoffen – alles klar, kenne ich.»

Der Mann mit dem Smartphone meinte, die Leute seien aber nicht besoffen, die hätten ein Virus, das hieße Corona. «Wie das Bier?», fragte ich.

«Genau. Aber diese Leute kollabieren, weil sie zu schwach sind. Viele sterben kurz darauf.»

Das war mein erster Kontakt mit Corona. Eine schlimme Sache. Aber nicht mein – Bier. Das war ein chinesisches Problem, ich befand mich mit meiner Familie in Malaysia. Wir zogen in unsere Wohnung ein, wo wir für drei Monate leben wollten. Das Virus schloss ich aus.

Fertig Unantastbarkeit

Einfach war das nicht, schliesslich stand in den Medien ständig etwas darüber zu lesen. Die Sache wurde fetter und grotesker mit jedem Tag, der verging. Das Corona-Virus, das mittlerweile COVID-19 hieß, dann, noch etwas später, SARS-CoV-2, war in all unseren Köpfen angekommen. Bei mir im Speziellen, seit sich die Fälle in Norditalien häuften – das war ja nur Stunden von meiner Heimatstadt Basel entfernt! Das machte mich natürlich stutzig. Was, wenn...?

Einige Tage später gab es auch Fälle in der Schweiz und ziemlich bald, in einem Tagesheim fing es an, auch in Basel. Die Fälle häuften sich. Meine Frau und ich fragten uns, ob wir zurück sollten. Zurück, dahin, wo die Fäkalien gerade so richtig mit dem Dampfen beginnen? Mit unseren Kindern? Wir entschieden uns dagegen.

Und sowieso, wir hörten immer mal wieder, dass wir nichts zu befürchten hätten, da wir ja nicht alt oder lungenkrank seien, und sowieso: Malaysia sei ja viel zu heiß für das Virus. Wir wähnten unsere kleine Familie in Sicherheit. Die Mutmaßungen Anderer erfüllten uns mit dem Gefühl der Unantastbarkeit.

Denkste.

Vor einigen Tagen hat die Regierung hier in Malaysia einen Lock-Down ausgerufen, eine Order, die die Bewegungsfreiheit aller sich im Land Aufhaltenden enorm einschränkt. Supermärkte und Apotheken sind geöffnet, Restaurants nicht. Schluss mit Bummeln und Spazieren, nur noch notwendige Gänge sind okay. Auch Intercity-Reisen sind nur noch mit Spezialgenehmigung erlaubt. Wer dieses vorerst bis zum Monatsende geltende Gesetz bricht, wird mit 1000 Ringitt (ca. 233 Franken) oder 6 Monaten Haft (oder beidem) bestraft, da sind die nicht zimperlich.

Eingesperrt im Paradies

Den Gedanken, Hals über Kopf in die Höhle des Löwens, also nach Europa, zu fliegen, haben wir verworfen. Wir haben uns stattdessen entschieden, hier zu bleiben und die Sache auszusitzen. Uns an die Regeln zu halten. In die Selbst-Quarantäne zu gehen. Und das ist nun unsere Realität - eingesperrt im Paradies. Wir haben eine große Wohnung in einem Wohnblock mit Blick auf den Dschungel. Es gibt einen Pool, Tennisplatz, Fitnessraum, Spielplatz und allerlei sonstige familienfreundlichen Attribute. Wir hätten wirklich Glück - wenn nur nicht alles anders wäre.

Den Kindern zu sagen, sie dürfen nun nicht mehr in den Pool springen und draußen eigentlich auch sonst nichts tun, war nicht einfach. Aber wir reißen uns zusammen, als Familie, und irgendwie verstehen die Kinder erstaunlich gut, was Sache ist.

Wenn ich alle paar Tage meinen Gesichtsschutz anziehe und zum Supermarkt gehe, sagt mir mein Sohn, ich solle gut auf mich aufpassen. Und wenn wir alle zusammen hinuntergehen, um uns im anliegenden Stück Dschungel etwas die Beine zu vertreten, ist es ganz selbstverständlich, dass der Junge die Lift-Knöpfe mit einem Bleistift drückt. Wenn wir zurückkommen, waschen sich alle gründlich die Hände. Mir scheint, die Kinder sind viel anpassungsfähiger als so manch Erwachsener – sei das hier im Orient oder in Basel.

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