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Bolzplatz

Wenn zwei Meter plötzlich wichtiger sind als Elfmeter

Eine Fussballbar in Zeiten von Corona: Didi-Offensiv-Wirt Rafi Pfister kämpft mit den Schutzmassnahmen und empfiehlt seinen Gästen, zu trinken und plaudern, wie der FCB kontert: Mit gebührendem Abstand.

06/26/20, 10:01 AM

Aktualisiert 09/14/20, 12:13 PM

Eine Bar zu betreiben und emotionale Gäste zum Abstandhalten aufzufordern: Dieser Balanceakt ist alles andere als leicht.

Eine Bar zu betreiben und emotionale Gäste zum Abstandhalten aufzufordern: Dieser Balanceakt ist alles andere als leicht.

Zum Schutz der Persönlichkeitsrechte unserer Gäste sind alle Namen verändert. Ausser bei Beni, der wirklich Beni heisst. 

«Abstand! Zwei Meter!», fuchtle ich mit den Händen und versuche die rauchenden Menschen in ihre Gruppen aufzuteilen. Es sind noch rund 50 Minuten bis zum Anpfiff. Stammgast Max läuft durch das Lokal. Geht er auf die Toilette?! Nein. Das ist nicht gut: Er tritt an einen anderen Tisch und beginnt mit den Leuten zu reden. «Max, bitte nicht. Setz dich an deinen Tisch, ich darf keine Gruppenvermischungen zulassen.»  

Die ersten drei Schweissperlen tropfen von meiner Stirn. Es geht noch 30 Minuten bis zum Anpfiff. Der Betrieb nimmt zu, die Leute sind gespannt auf den Re-Start der Super League. 

Im Team Bajour würdest du auch gerne mitspielen?

«Max, bitte nicht herumlaufen! Ich weiss, aber hey... so ist’s halt.» – 16.00 Uhr. Anpfiff. Nach den ersten Ballwechseln in der leeren Swisssporarena betritt Klaus das Lokal. Leider sind alle Plätze besetzt: «Ciao Klaus, ça va? Du, ich hab leider keine freien Plätze mehr.» Er zieht die Brauen hoch: «Ja, aber ich kann doch draussen stehen?». Langsam rinnt der Schweiss auch meinen Rücken herunter und ich muss verneinen: «Sorry, ich darf nur sitzende Gäste bedienen.» Klaus ist leicht angesäuert, zieht von dannen und sagt noch rasch: «Dann geh ich halt woanders hin!»  Tisch 4 ist schon relativ laut und kolportiert eine gewisse Nähe des FC Luzern zur frischen Natur: «Buuure!» –  Soll ich ihnen sagen, dass unser Grossvater in einem Luzerner Bauernhof aufgewachsen ist? Nein, egal. 

Es wird plötzlich still, man hört ein vereinzeltes «Sch&%ç*», als der FC Luzern in der 23. Minute in Führung geht. Da sitzt der Frust logischerweise tief. Es wird geflucht und geschrien und ich sehe vor meinem inneren Auge Aerosole durch die Luft wirbeln. Was sagten die Expert*innen schon wieder? Zwei Meter Abstand reichen eigentlich gar nicht? 

«Es wird geflucht und geschrien und ich sehe vor meinem inneren Auge Aerosole durch die Luft wirbeln.»

Didi-Wirt Rafi Pfister

Ich hab keine Ahnung, wie das Spiel ist. Als ich jedoch auf den TV schaue, sehe ich, dass die 45. Minute angebrochen ist. Ich werde nervös. Die Pause ist entscheidend. Gleich strömen alle Raucher*innen vom Innenbereich hinaus.

Mein Puls erhöht sich leicht, ich hole die Extra-Aschenbecher von hinten: «Beni, ich muss Verkehrskadett spielen». Die Nachspielzeit ist vorbei, die Leute strömen nach aussen: «Hans-Dieter, geh du bitte mit deiner Gruppe nach links? Ciao Urs! Kannst du bitte über die Strasse aufs andere Trottoir gehen?» Der Gast, der schräg rechts vor mir sitzt, schaut mich fragend an, worauf ich sage: «Ich muss verhindern, dass es hier einen Pulk gibt und sich die Gruppen vermischen.» Er lacht leicht und nickt. «Hey, Kaspar! Bitte weitergehen, nicht hier plaudern.» Und dann – war ja klar, fährt ein VW-Bus mit zwei Polizist*innen am Didi vorbei. 

Ich, leicht paranoid, sehe – oder ist das nur eine Halluzination? – wie eine Polizistin etwas ins Funkgerät spricht. Fuck, habe ich das doch nicht richtig gemacht mit der Aufteilung der Gruppen? 

Die Polizei kommt nicht wieder, alles gut gemacht also.

Max redet wieder mit Leuten aus einer anderen Gruppe. «Max, bitte nicht vermischen und bitte nicht zwischen den Gruppen herumlaufen….»  Gegen wen spielt eigentlich schon wieder der FCB?

«Ich soll die Stasi sein? Wow. Ich will doch nur das Schutzkonzept umsetzen!» 

Nach der Pause kommt ein Freund zu mir, lächelt verschmitzt und meint: «Also, wenn du in der Stasi gewesen wärst, würde es die noch geben.» Auf meinen fragenden Blick hin schiebt er nach: «Also, ich meinte das jetzt eher als Lob.» – Okay, wow: So weit ist es also schon mit mir. Dabei will ich doch nur das sogenannte Schutzkonzept umsetzen. Und muss mich in meiner eigenen Kneipe gegen historische Blutgrätschen wehren.

«Was? 2:0 für Luzern?», wundere ich mich. Die Stimmung kippt definitiv und die ersten «Risset euch mol zämme» ertönen. Es wird nun weniger bestellt, ich kann ein wenig vom Spiel schauen. Da schiesst Cabral auch schon den Anschlusstreffer. Leider zu spät. Mist – das ist kein guter Start. Die ersten Leute wollen zahlen: «Nein, bitte nicht hier an der Bar warten. Wir kommen an den Tisch. Macht es doch wie der FCB bei Kontern, haltet Abstand zu den Leuten um euch herum!» – Hab ich das Kartengerät schon desinfiziert?!

Ja, das wird eine seltsame Ausgabe der Super League. 2020 wird sich definitiv in meine Erinnerung einbrennen. Ich hätte nie gedacht, dass in einer Fussballbar 2 Meter einmal wichtiger werden als 11. 

Hinweis: Neu müssen 1,5 Meter Abstand gehalten werden und die Leute dürfen wieder stehen, sofern der Abstand stimmt. Ein gemeinsamer Torjubel liegt aber nach wie vor nicht drin.