Intrigieren, gibt es das noch?

Intrigieren ist quasi der phantastische Soundtrack eines Cortège-Wagens. Aber der Inhalt? Frech und knapp, im besten Fall. Wie soll das im Vorbeifahren auch anders möglich sein?

Fasnacht
Waggis intrigieren. Aber woher kommt das? (Quelle: Charles Habib)

Natürlich gibt es das Intrigieren noch. Jeder Waggis schreit sich an der Fasnacht heiser. Meistens verstehst Du kein Wort. Vor allem dann nicht, wenn zehn, zwölf von diesen beeindruckenden Gestalten nebeneinander auf einem hohen Wagen stehen und jeder brüllt aus voller Röhre, was das Zeug hält.

Aber intrigieren, das klingt doch nach Intrige, fein-gesponnen Spott-Worten und klammheimlichem Vergnügen, auch riecht das Wort ein bisschen höfisch und nach Patina. Letztere hat es auch, zumindest im fasnächtlichen Zusammenhang.

Ein Bild von einem Grossbasler Quodlibet-Fasnachtball, wahrscheinlich im Stadttheater, 1861.
Ein Bild von einem Grossbasler Quodlibet-Fasnachtball, wahrscheinlich im Stadttheater, 1861. (Quelle: aus «D'Basler Fasnacht,1946, Edition Comité»)

Eine grosse Zeit des Intrigierens war in Basel die Periode der grossen Maskenbälle. Heute ist es unseren drey Scheenschte kaum mehr anzumerken, dass Maskenbälle einst ein ganz wichtiger Bestandteil der Basler Fasnacht waren, eine echte Tragsäule sogar. Das war bis in die 1970er-Jahre hinein der Fall, ab Mitte des Jahrzehnts hat die Bedeutung dieser Anlässe – und ich meine hier nicht Keerus-Bälle, sondern Tanzveranstaltung, die vor oder während der Fasnacht stattfinden – plötzlich nachgelassen.

Teilweise nobel, teilweise skandalös

Das waren Vereinsbälle, Künstlerbälle, im Stadtcasino, in der Kunsthalle, im Volkshaus, teilweise nobel, teilweise skandalös, die Grenzen ihrer Zeit auslotend. Die Vereine Quodlibet und Wurzengraber zum Beispiel, organisierten ab Mitte des 19. Jahrhundert die Strassenfasnacht im Gross- und Kleinbasel, 1911 taten sie sich zum Fasnachts-Comité zusammen.

Aber sie organisierten auch rauschende Maskenbälle. Es waren natürlich keine robusten Strassenkostüme, die dort getragen wurden, sondern quasi Indoor-Varianten, bei den Damen manchmal durchaus gewagte. Und die Leute waren maskiert, Larven, Halblarven, angeklebte Bärte, dicke Schminke und verstelle Stimmen prägten die Szenerie. Es wurde getanzt, früher zu gefälligen Orchesterklängen, später zu Jazz, es wurde getrunken, geflirtet und intrigiert.

Alte Künstlerlarven von Mettraux
Zwei alte Basler Künstlerlarven von Meister Métreaux, sie heissen Laura und Grassaff. (Quelle: aus «D'Basler Fasnacht,1946, Edition Comité»)

Manchmal im Sitzen, an Salon-Tischchen – oder während die maskierten Gestalten elegant herumstanden – wurden da peinliche Histörchen, halbfiktiver Schabernack und in Samt verpackte Beleidigungen ausgepackt. Wer seine Stimme glaubhaft verstellen und witzige Sprüche improvisieren konnte, hatte in diesem Umfeld gute Karten.

Mit gleicher Münze

Auf der Strasse lauerten die Einzelmasken an ruhigeren Ecken auf Kundschaft. Wenn sie jemanden antrafen, den sie kannten, oder der stadtbekannt war, legten sie los. Und stellten ihre Opfer bloss, die – wenn sie auch echte Basler Schnuure hatten – mit gleicher Münze zurückgaben. Es gibt die Theorie, dass jenes klassische Intrigieren gestorben sei, weil die Stadt gewachsen ist, die Leute sich nicht mehr kennen …

Jener alte Trick

Ich bin da nicht so sicher. Es muss so 1979 gewesen sein, an einem Fasnachts-Zyschtig, gegen Mitternacht. Ich sass, mit meinem Onkel und einem seiner Freunde zusammen in der Lobby des Hotels International. Wir machten hier in der Gegend mit der Clique einen Halt, ich war 14 Jahre alt.

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Mein Onkel wollte sich, nach stundenlangem Pfeifen, in ein Sofa pflömmen, das Haus galt damals als schick-modern. Mit den Rücken zu uns sass ein Touristen-Ehepaar aus Deutschland, in Ledersesseln. Ihnen gegenüber hatte sich ein Waggis platziert, ohne um Erlaubnis zu bitten. Seine erste Masche war jener alte Trick, er hatte ein Gummiröhrli im Ärmel, welches unter Goschdym und Larve in seinen Mund führte. Wenn die Leute nicht aufpassten, trank er – schwuppdiwupp – ihr Glas leer.

Vom Aufbinden des Bären

Aber es ist der Bären, den er den Beiden, mit recht ruhiger aber spöttischer Stimme, aufband, der mir am meisten geblieben ist. Er begann mit der Bemerkung, dass er an einem solchen Abend doch einen schönen Batzen verdiene. Die Frau und der Mann wunderten sich, fragten nach.

«Ja glauben Sie denn», so der Waggis, «dass irgendjemand im Winter mit einem unbequemen Goschdym, darunter mit Pullovern gestopft wie ein Masthahn, mit einer unpraktischen Larve vor dem Gesicht, die dir die Sicht verengt, rumlaufen würde, wenn es dafür keinen rechten Lohn gäbe? Und das Pfeifen, Trommeln, Trompete spielen, das ist alles schwierig. Das muss das ganze Jahr über geübt werden. Das ist hier kein Karneval in Rio, wo man nur einen Lendenschurz anziehen und lostanzen musst. Das ist Hochleistungssport. Niemand würde das machen, wenn es dafür keinen Lohn gäbe.»

«Sicher nit!»

Er zeigt mit weissem Handschuhfinger auf uns, das Paar aus Deutschland dreht sich um. Der Waggis sagt: «Gälled, Genosse, wenn’s kai Glütter vo dr Stadt gäbt, no wurde mer dä Wintersport im Goschdym nit bedryybe.» Wir, fast im Chor: «Sicher nit!». Mein Onkel zeigt auf mich: «Dä kriegt none e bitz weniger, Jugendtarif.»

Die Touri-Frau fragt: «Ja, von welchen Summen reden wir denn da?» Der Waggis: «Staatsghaimnis!» Mein Onkel: «Wär’s usblauderet, verliert d Lizänz.» Das, liebe Leute, ist ein Beispiel von echtem, klassischem Intrigieren. Aber es ist ja schon 45 Jahre her …

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