La Nefera: Rap mit Herz und Haltung

Die Basler Rapperin La Nefera ist zurück mit neuer Musik. Und sie will reden: über ihr neues Album, ihre Zerrissenheit und den Wunsch, Menschen zu berühren. Ein Treffen im Proberaum.

La Nefera
La Nefera mit ihrer Band .. im Lift. (Quelle: Jean-Marc Felix)

Jennifer Perez alias La Nefera und ihre Band wirken erschöpft, aber zufrieden, als sie mit ihrem Kleinbus in die Einfahrt einbiegen und das Equipment ausladen. «Wenigstens nur eine halbe Stunde Stau», sagt Jennifer und hievt eine grosse schwarze Tasche aus dem Kofferraum. Gut drei Stunden Autofahrt liegen hinter ihr und ihrem Team. Jetzt machen sie es sich noch kurz im Proberaum gemütlich.

In Sindelfingen, wo sie am Vorabend aufgetreten sind, spielte die Band vor einem kleinen Publikum. «Das war gut für uns, so konnten wir noch einmal einiges ausprobieren und korrigieren», erzählt La Nefera und lehnt sich auf dem Sofa im Proberaum zurück. Es war der letzte Auftritt vor der Plattentaufe am Freitag in der Kaserne, wo sie ein viel grösseres Publikum erwarten wird, inklusive Freund*innen und Familie. 

«Wenn wir über kulturelle Aneignung sprechen, geht es nicht nur um die Kultur, oder die Sprache, sondern darum, die eigenen Privilegien zu hinterfragen und sich deren bewusst zu werden.»

La Nefera, Rapperin

Ihre Fangemeinde konzentriert sich bisher vor allem auf die Schweiz. Dort hat sie sich als Gewinnerin des Basler Pop-Preises 2022 einen Namen in der Hip-Hop-Szene gemacht. Mehrmals schon trat sie am Cypher vom SRF Bounce auf, wo jeweils die aktuellen Hip-Hop-Grössen der Schweizer Szene zusammenkommen. Nach der Plattentaufe tourt die Band durch die Schweiz und Deutschland, wo Auftritte unter anderem in Hamburg, Berlin, Freiburg, Bonn und Kassel geplant sind. 

Nachdem die ersten Songs des neuen Albums pandemiebedingt in einer Zeit entstanden sind, in der es keine Auftritte gab und sich La Neferas Leben hauptsächlich zu Hause und im Proberaum abspielte, stellte sie das Album in Kolumbien fertig. Dort verbrachte sie die erste Jahreshälfte, spannte mit verschiedenen Künstler*innen zusammen, liess sich inspirieren. «Unsere Musik, also klassischer Hip-Hop gepaart mit verschiedenen Blasinstrumenten und Latinsound, ist stark beeinflusst durch die kolumbianische Musik. Deshalb wollte ich dorthin.» Eine unglaublich spannende Zeit sei das gewesen, sagt sie. Gleichzeitig habe sie die Arbeit in Südamerika auch immer wieder zur Selbstreflexion gezwungen, dazu, ihre eigene privilegierte Situation zu hinterfragen. 

La Nefera
Jennifer, aka La Nefera, war die Einzige in ihrer Familie, die studiert hat. (Quelle: Jean-Marc Felix)

Sie spricht von kultureller Aneignung, von einer Gratwanderung zwischen einem gesunden und fairen Austausch und einer einseitigen Bereicherung. Es ist ihr wichtig, darüber zu sprechen. Dabei ist sie selbst in der Dominikanischen Republik aufgewachsen, kam in die Schweiz als sie zehn war. Zwischen Kolumbien und der Dominikanischen Republik liegen nur das karibische Meer und gut zwei Stunden Flugdistanz, zudem rappt La Nefera auf Spanisch. «Doch wenn wir über kulturelle Aneignung sprechen, geht es nicht nur um die Kultur oder die Sprache, sondern darum, die eigenen Privilegien zu hinterfragen und sich deren bewusst zu werden.»

Dass sie überhaupt nach Kolumbien reisen konnte, um dort ihr Album fertigzustellen, ermöglichte ihr ein Förderprogramm der Stiftung Pro Helvetia. Sie kam also mit finanzieller Unterstützung aus der privilegierten Schweiz nach Kolumbien, ein Land, das geprägt ist von wirtschaftlichen und sozialen Problemen. «Allein dadurch entstand eine Asymmetrie, die ich mir immer wieder vor Augen halten musste». Gleichzeitig, erzählt sie, seien die Menschen, mit denen sie zu tun hatte, stolz auf ihre Musik gewesen, stolz zu zeigen, dass Kolumbien mehr ist als Drogenkartelle, Korruption und Armut. Die Frage nach dem Geben und Nehmen begleitete sie während der ganzen Zeit in Kolumbien.

Es habe ihr geholfen, über ihre Unsicherheit zu sprechen, die Ungleichheit beim Namen zu nennen. Sie tauschte sich aus mit ihrer Band, aber auch mit den Menschen, mit denen sie in Kolumbien zusammenarbeitete. Wenn sie jetzt auf ihr Album zurückblickt, glaubt sie, diese Gratwanderung geschafft zu haben. «Indem wir die Künstler*innen, mit denen wir zusammengearbeitet haben, fair bezahlten und ihre Parts auf dem Album klar gekennzeichnet haben.»

C'est ça – so ist es eben 

Ihr Debütalbum «A lo hecho pecho» liegt sieben Jahre zurück. Damals lebte sie noch nicht von der Musik, sondern verdiente ihr Geld in dem Bereich, in dem sie studiert hatte: als Sozialarbeiterin. Als sie vor vier Jahren ihren Job kündigte und beschloss, sich ganz der Musik zu widmen, war gerade Corona ausgebrochen. Auftritte platzten, die Kreativität fehlte, das Geld wurde knapp. «Es war keine leichte Zeit», erinnert sich die 35-Jährige. «Ich hatte so viele Träume, wollte durchstarten, und dann kam die Pandemie.» Hinzu kam, dass ihre Familie ihre Entscheidung zunächst nicht unterstützte. Jennifer war die Einzige, die studierte, die Hoffnung, dass sie eines Tages Karriere machen und viel Geld verdienen würde, war gross. «Und dann komme ich und sage, ich schmeisse das alles hin und werde Künstlerin.» Die Unsicherheit, der Wille zum Durchhalten und die Erkenntnis, dass sich nicht immer alles planen lässt, dass man manchmal die Dinge nehmen muss, wie sie kommen – all diese Gefühle habe sie in den neun Songs ihres neuen Albums «C'est ça», zu Deutsch: So ist es eben, verarbeitet, ein Sinnbild für diese Zeit.

La Nefera
In Kolunbien hielt sich La Nefera immer wieder ihre eigenen Privilegien vor Augen. (Quelle: Jean-Marc Felix)

Musikalisch bewegt sich das Album irgendwo zwischen Hip-Hop und Pop, mit einigen jazzigen Stellen und Tropical-Rhythmen. Dass sich La Nefera keinem Stil so richtig zuordnen lässt, kennt man bereits von ihrem ersten Album. Und das wird, wie sie sagt, vermutlich auch so bleiben. «Als ich mit der Musik angefangen habe, dachte ich, irgendwann muss ich mich für eine Richtung entscheiden. Heute glaube ich, dass mich genau meine Vielfältigkeit ausmacht. Ich will mich gar nicht entscheiden.»

Neu jedoch ist die Liveband, bestehend aus Victor Hege am Sousafon (ein grosses Blechblasinstrument), dem Gitarristen Ernesto Herrera und Florian Haas am Schlagzeug. «Ich wollte das Album unbedingt mit Liveband aufnehmen», sagt sie. Das, obwohl, oder gerade weil, Livebands im Hip-Hop eher selten zu sehen sind. «Für mich lebt die Musik mit Band viel mehr», sagt sie und erzählt gleichzeitig, von der neuen Verantwortung, seit sie mit Band unterwegs ist. «Jetzt muss ich nicht mehr nur noch mich selbst, sondern gleich eine vierköpfige Band finanzieren.»

«Ich versuche, die Menschen auf eine emotionale Reise mitzunehmen, die für jede*n eine andere ist.»

La Nefera

Wenn La Nefera in der Schweiz oder in Deutschland auftritt, versteht kaum jemand im Publikum ihre spanischen Texte. Dabei sind viele ihrer Songs gesellschaftskritisch, sie singt von sozialer Ungleichheit, vom Frausein und einer gerechteren Welt. Es ist ihr wichtig, eine Message zu vermitteln. Doch das sei auch möglich, ohne dass ihr Publikum jede Zeile versteht. An Konzerten erzählt sie oft etwas zu den Songs, wie sie entstanden sind, was der Text für sie bedeutet und was er aussagen soll. «Ich versuche, die Menschen auf eine emotionale Reise mitzunehmen, die für jede*n eine andere ist. Aber genau das ist ja das Magische an der Musik.» 

Die Band hat sich mittlerweile verabschiedet, es ist ruhig geworden im Proberaum, der in den letzten elf Jahren fast schon zu einem zweiten Zuhause geworden ist. An der Wand hängt ein Plakat mit dem Coverbild von C'est ça, in einer Ecke steht ein altes Sofa, gegenüber ein Schlagzeug und in der Mitte ein Mikrofonständer. Alles bereit zum Loslegen der Band, aber: Bis zur Plattentaufe am heutigen Freitag wird La Nefera kaum mehr dort sein. Sie ruht sich aus, bevor sie erst in Basel und dann in ganz Deutschland und der Schweiz unterwegs sein wird.

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Die Plattentaufe von La Nefera findet am Freitag, 27. Oktober, 21.30 Uhr, in der Kaserne (Rossstall 1) statt. Tickets gibt es hier.

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