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«Der Angriff auf Rojava ist ein ideologischer Krieg gegen die Frauenrevolution»

Der kommende Samstag, der 2. November, wird von Kurd*innen rund um den Globus als Welt-Widerstands-Tag für Rojava begangen. Wir haben zwei Aktivist*innen getroffen und darüber gesprochen, warum weiterhin demonstriert wird und warum das die Basler Bevölkerung etwas angeht.

10/28/19, 09:07 PM

Berxwedan und Amara haben nichts zu verbergen. Sie wollen dennoch unkenntlich bleiben, weil sie nicht als Einzelmasken für ein kollektives Anliegen dastehen wollen.

Berxwedan und Amara haben nichts zu verbergen. Sie wollen dennoch unkenntlich bleiben, weil sie nicht als Einzelmasken für ein kollektives Anliegen dastehen wollen.

Seit mehreren Wochen demonstrieren Kurd*innen und pro-kurdische Aktivist*innen in Basel gegen die Angriffe auf die selbstverwaltete Region Rojava in Nordostsyrien. Beinahe täglich kommt es zu Kundgebungen und Blockadeaktionen wie am Sonntag, den 27. Oktober, als rund 50 Aktivist*innen versuchten, einen Flug der Turkish Airlines nach Istanbul zu verhindern. Der Versuch schlug fehl. Flug TK1924 hob ab.

Eine Woche darauf, am 2. November, wird es in Basel zu einer weiteren Grossdemonstration kommen. Die Kurd*innen haben den Tag zum Welt-Widerstands-Tag für Rojava erklärt. Ein Mahn-Tag soll es sein, ein Ausrufezeichen, ein weiterer Versuch, die Scheinwerfer der internationalen Politik und die Aufmerksamkeit der Menschen auf den Krieg in Nordostsyrien zu lenken. 

Wir wollen darauf schauen, was da seit dem 9. Oktober und dem Einmarsch der türkischen Armee in Rojava eigentlich vor unserer Haustüre in Basel passiert. Warum demonstrieren die Kurd*innen? Wie reagiert unsere Stadt? Wer solidarisiert sich und ganz wichtig: Wo sind eigentlich die Berührungspunkte mit der kurdischen Community in Basel?

Der Versuch einer Auslegeordnung mit dem Ziel, die Anliegen der Demonstrationen verständlich zu machen.

Basel und Rojava, erster Teil: Warum demonstriert wird und warum uns das etwas angeht.

Rund 50 Aktivist*innen versuchen am Euroairport Basel-Mulhouse, Flug TK1924 nach Istanbul zu verhindern.

Rund 50 Aktivist*innen versuchen am Euroairport Basel-Mulhouse, Flug TK1924 nach Istanbul zu verhindern.

Ein Café im St. Johann, die Herbstsonne scheint auf den Espresso vor uns auf dem Tisch. Amara stammt aus Basel und war mehrmals in Nordsyrien, zuletzt 2018. Berxwedan, der anders heisst, stammt aus Syrien, Qamislo, einer Stadt in ebenjenem Gebiet, das angegriffen wird. Er lebt seit sieben Jahren in Basel. Die beiden Interviewpartner*innen verzichten darauf, erkennbar fotografiert zu werden. Nicht, weil sie etwas zu verbergen hätten, sondern weil sie nicht als Einzelmasken eines kollektiven Anliegens dastehen wollen.

Am Sonntagmorgen gab es den wiederholten Versuch, den Schalter der Turkish Airlines am Flughafen Basel-Mulhouse zu blockieren. Was war das Ziel dieser Aktion?

Amara: «Die Boykottkampagne, die auch an anderen Flughäfen in Europa stattfindet, zielt darauf ab, die Wirtschaft in der Türkei zu schwächen. Erdogan muss spüren, dass er den Rücken aus dem Ausland nicht gestärkt kriegt und beispielsweise die Wirtschaft unter dem Krieg leidet. Turkish Airlines ist eine Gesellschaft des Staates und damit direkt in seinen Geldkreislauf eingebunden. Hier versuchen wir anzusetzen, um zu zeigen: Das Geld spielt in jedem Krieg eine wichtige Rolle. Die Schweiz hat da noch wenig unternommen, sie muss ihr Freihandelsabkommen sistieren.»

Welche Botschaft wollt Ihr den Menschen hier vor Ort mit solchen Aktionen vermitteln?

Amara: «Die Öffentlichkeit soll sich mit dem Konflikt auseinandersetzen und nicht in die Türkei fliegen im Moment. Für uns ist es aber vor allem wichtig, die Gesellschaft zu sensibilisieren und nicht abzuschrecken. Darum muss man immer mitkommunizieren, warum man etwas tut.»

Wie gelingt das?

Amara: «Das gelingt sicher noch nicht optimal, da müssen wir auch selbstkritisch sein. Viele Menschen wissen noch immer nicht, was in Rojava eigentlich zerstört wird und um was es in diesem ganzen Konflikt eigentlich geht.»

Der Angriff auf Rojava wird auf den Bannern der Demonstrierenden als Angriff auf die gemeinsamen Werte der Frauenrevolution angeprangert. Was ist damit gemeint?

Berxwedan: «Seit dem Daesh-Angriff (Daesh ist ein abwertender Begriff für den IS) auf Kobane von 2014 und der Verteidigung der Stadt durch die kurdischen Kämpfer*innen, haben die Frauen, die bei der Verteidigung eine wichtige Rolle spielten, auch in den Verwaltungen der Kommunen von Rojava eine zentrale Position eingenommen. Dieses gleichberechtigte Organisationsmodell soll jetzt zerstört werden. Der Angriff auf Rojava ist zunächst ein Angriff auf das Symbol einer freien Gesellschaft. Das Symbol eines demokratischen Konföderalismus. Konföderalismus heisst, dass verschiedene Gruppen, Kurden, Assyrer, Araber, Turkmenen, gleichberechtigt miteinander leben.»

Wie funktioniert dieses Gesellschaftsmodell?

Amara: «Die Revolution in Rojava ist eine Frauenrevolution, weil sie mit dieser Perspektive vorangeht: Wenn sich die Frau nicht befreien kann, dann kann es auch keine befreite Gesellschaft geben. Die Geschlechterfrage wird zuerst gestellt. Das Gesellschaftsmodell, das in Rojava aufgebaut wurde, versucht an der Wurzel anzusetzen und patriarchale Hierarchiemuster abzubauen. Dazu wurde ein Gesellschaftsvertrag unterzeichnet. Er beschreibt, dass die Frau dem Mann gleichgestellt ist, dass von der kleinsten Kommune bis zum grösseren Organisationskreis immer eine Doppelspitze aus Mann und Frau eingesetzt wird, damit sich eben keine patriarchale Strukturen verfestigen können.»

Und diese Gleichberechtigung ist nun in Gefahr

Berxwedan: «Der Daesh ist das Gegenteil dieser Idee, der Daesh ist der Inbegriff von Faschismus und des Patriarchats. Darauf konnten sich, als der Daesh auf dem Vormarsch war, alle einigen, auch im Westen. Zwar wurde der Daesh durch eine internationale Koalition besiegt, aber er wurde eben territorial besiegt, nicht ideologisch. Die patriarchale Ideologie ist in der Region aber tief verankert und hatte mit den Dschihadisten des Daesh und Erdogan zwei enge Verbündete. Durch die Frauenrevolution sieht sich diese Ideologie bedroht und schlägt jetzt zurück. Der Angriff auf Rojava ist ein ideologischer Krieg gegen die Frauenrevolution.»

Amara: «Die Türkei greift an, weil in Rojava die Werte einer freien Gesellschaft teilweise Realität geworden sind. Ich war lange in Jinwar, das ist ein Frauendorf und ein Vorzeigeprojekt der Frauenrevolution, das jetzt akut in Gefahr ist. In Jinwar wird die Selbstbestimmung der Frau auf mehreren Ebenen durchgesetzt. Es ist ein Ort der Frauen, die ihre Ehemänner und andere Familienmitglieder im Krieg verloren haben, oder die keinen Ort haben, an dem sie mit ihren Kindern bleiben wollen. Jinwar ist ein Projekt, das tief mit den drei grundlegenden Prinzipien des demokratischen Konföderalismus verbunden ist: Frauenbefreiung, Demokratie und Ökologie.»

Was sind die Forderungen Erdogans?

Amara: «Erdogan fordert eine 30 Kilometer breite Pufferzone, die sich vom Fluss Euphrat in Richtung Osten entlang der Grenzlinie erstreckt. Aber alle grossen Städte der Selbstverwaltung liegen in dieser Zone. Städte wie Kobane, Gire Spi, Derik und Qamislo, oder Serêkaniye, auch Jinwar gehört dazu (siehe Karte). Weiter südlich gibt es keine Lebensgrundlage, da ist nur Wüste. Erdogan möchte de Facto die Selbstverwaltung zerstören.» 

Berxwedan: «Ich möchte anfügen, dass es seit den sogenannten Waffenruhen, die zwischen der Türkei und den USA, dann zwischen der Türkei und Russland ausgehandelt wurden, zu zahlreichen Angriffen dschihadistischer Banden auf die kurdischen Gebiete gekommen ist. Auch die türkische Armee fliegt weiter Angriffe auf die Zivilbevölkerung, von einem Waffenstillstand kann keine Rede sein. Wir wollen die internationale Anerkennung der Selbstverwaltung in Nordostsyrien. Es muss eine Flugverbotszone über Nordsyrien eingerichtet werden. Dieser Angriffskrieg muss sofort gestoppt werden. Dafür demonstrieren wir.» 

(Foto: Rojava Information Center)

Amara, Was haben Sie in Jinwar konkret gemacht?

Amara: «Ich war beteiligt am Aufbau der ersten Jineolojî -Akademie der Region. Jineolojî ist eine alternative Sozialwissenschaft der Frauen, die in Jinwar weitergegeben, praktiziert und weiterentwickelt wird. Jineolojî bedeutet das Wissen über die Geschichte der Frauen seit Anbeginn der Menschheit und ist in dem Sinn eine andere Erzählung der Menschheitsgeschichte, als sie in wissenschaftlichen Institutionen des Westens produziert wird. Es geht darum, das Wissen über uns aus nicht-patriarchaler Sicht wieder aufzuarbeiten.

Gerade darum ist es auch aus Sicht der feministischen Bewegung wichtig, diese Ansätze, die in Rojava in der Praxis weit fortgeschritten sind, kennenzulernen. Es muss darum gehen, uns gemeinsam zu stärken und uns klar zu machen, dass der Angriff auf die Frauenrevolution in Rojava ein Angriff auf uns alle ist. Es kann keine freie Frau geben, wenn eine andere unterdrückt ist. Umso mehr erstaunt mich, dass hier in Basel nicht noch viel mehr Menschen auf die Strasse gehen. Warum gehen für den Frauenstreik über 500’000 Menschen auf die Strasse und für die Frauenrevolution nur ein paar tausend?»

Die Schweiz sei nun ein kleines Land, könnte man einwenden, und der Einflussbereich einer Stadt wie Basel ist im internationalen Vergleich verschwindend klein.

Berxwedan: «Ich glaube, das ist eine schwache Ausrede. Man muss sich vor Augen führen was da passiert, dass in Luftangriffen weisser Phosphor und vermutlich Napalm eingesetzt werden. Das muss für jeden Menschen Grund genug sein, auf diesen Konflikt zu reagieren.»

Amara: «Alle, die eine politische Position innehaben, müssen alles in ihrer Macht stehende tun, um diesen Krieg zu stoppen. Alle, die heute schweigen, machen sich an diesem völkerrechtswidrigen Krieg mitschuldig.»