Hallo Nachbar*in, wie lebt es sich in den Superblocks?
Die Superblocks, die aktuell in Basel getestet werden, sorgen immer wieder für Diskussionen. Bajour hat über drei Monate hinweg mit Anwohner*innen sowie mit Behörden gesprochen. Eine Entdeckungstour über Lust und Frust in einem Stadtentwicklungsprojekt.
Nora Kaiser tritt aus einem Wohnhaus am Bläsiring: «Statt parkierte Autos haben wir jetzt Kiwibäume vor der Tür – fantastisch!» Die dreifache Mutter ist Musik- und Bewegungspädagogin und betont: «Unsere Strasse ist deutlich sicherer geworden, unsere Kinder können sie jetzt selbständig überqueren.» Ihr Mann David Lichtsteiner ergänzt: «In den ersten zwei Monaten mit dem Superblock haben wir mehr Leute im Quartier kennengelernt als in all den Jahren davor.
«Unser Tisch auf dem ehemaligen Parkfeld vor dem Haus wird fast täglich benutzt, jetzt hören wir Stimmen statt Motoren und Gehupe.» Was ihn allerdings ganz entschieden ärgert: «Versuchen wir, die Strasse im Sinne des Superblocks zu nutzen, werden wir zu Angriffsflächen für ignorante Durchfahrende.»
Durchfahrten sind (eigentlich) verboten
Was Bajour vor Ort immer wieder hört: Problem Nummer 1 für die Anwohner*innen, die den Superblock unterstützen, ist das Nichteinhalten des neuen Verkehrsregimes, das keine Durchfahrten mehr erlaubt, sondern nur noch Ein- und Ausfahrten von Zubringer*innen. Zählermessungen vom Amt für Mobilität in verschiedenen Strassenabschnitten zeigen, dass der motorisierte Verkehr um rund die Hälfte abgenommen hat.
Die Befürworter*innen finden: Ein riesiger Zugewinn an Lebensqualität im Quartier. Um die Hälfte abgenommen heisst auch: Die andere Hälfte foutiert sich um die neue Regelung. Und riskiert eine saftige Busse.
Viele Gegner*innen der Superblocks sind eher kurz angebunden und wollen ihren Namen nicht in einem Medium lesen. Etliche sind aber durchaus bereit zu einem Gespräch. Oft argumentieren sie dann gar nicht für sich und ihre eigenen Interessen, sondern für jene, «die eben auf ein Auto angewiesen» seien. Fast in jedem zweiten Gespräch taucht er auf, «der Schichtarbeiter, der morgens um vier mit dem Auto ins Fricktal zu seinem Grossbetrieb» fahren müsse.
«Seit dem Superblock arbeiten wir im Minus.»Piero La Rosa, Wirt des Da Gianni
Kein Fan des Superblocks ist der Wirt des Da Gianni im St. Johann, Piero La Rosa, der sich im letzten Sommer gleich in den ersten Tagen der Eröffnung des St. Johann-Superblocks in den Medien kritisch dazu geäussert hat, weil er durch die fehlenden Parkplätze die Existenz seines Betriebs gefährdet sieht. Bajour hat bei ihm nachgefragt, wie es fünf Monate später aussieht.
«Seit dem Superblock arbeiten wir im Minus», betont La Rosa, «ich verliere 20'000 Franken pro Monat.» Vor allem die Mittagessen seien eingebrochen. Da hätten die Leute nur eine Stunde Zeit zum Essen und seien auf das Auto angewiesen. Am Abend laufe es besser. Er hoffe jetzt vor allem auf den Sommer, wo er auch den Garten bespielen kann.
Gegner*innen sagen gegenüber Bajour, mit dem Superblock gebe es mehr Probleme, wie Suchverkehr, Littering, Diebstähle, Vandalismus oder Drogenkonsum. Diese Probleme hat es jedoch vorher schon gegeben. Oft wird moniert, das Gewerbe werde übermässig behindert, könne nicht mehr ohne Weiteres bei der Kundschaft vorfahren. Hanspeter Vögeli ist Hausbesitzer im Matthäus-Perimeter und hat gerade einen mehrmonatigen Umbau in seinem Haus hinter sich. «Natürlich, die Handwerker müssen sich gut organisieren», betont er. «Aber Anlieferung und Abtransport waren immer problemlos möglich.»
Bajour hat zwei längere Verkehrskontrollen im Superblock miterlebt, die zu mehreren Dutzend Bussen führten. Anwohner*innen bemängeln allerdings heftig, dass solche Kontrollen viel zu selten stattfänden. Personen in der Verwaltung, die nicht zitiert werden wollen, betonen, dass die Idee der Superblocks nicht funktionieren wird, wenn die Polizei nicht auch konsequent büsse.
Die Parkplatznot
Problem Nummer 2 sind für einige Autobesitzer*innen die fehlenden Parkplätze. Im Perimeter St. Johann wurden 48 aufgehoben, im Matthäus 73. Seither nehmen die Falschparkierer im und um die Superblocks zu, was die Anwohner*innen nervt. Viele verstehen nicht, warum der Kanton hier nicht vorsorglich für Ersatz gesorgt hat. Bereits vor zwei Jahren hatte die SP-Grossrätin Salome Bessenich einen Anzug eingereicht zur Nutzung des Horburg-Parkings als Quartierparking.
Alle Fraktionen stimmten zu – ausser der SVP. Inzwischen hat der Kanton das Parkhaus der Novartis abgekauft und während des ESC auch kurzzeitig für auswärtige Gäste geöffnet. Niemand versteht, warum das jetzt nicht auch zügig für die Anwohner*innen möglich sein soll.
«Wo kämen wir hin, wenn jeder eine konsequent lärm- und verkehrsfreie Strasse vor seinem Haus fordert?Daniel Seiler, Präsident des ACS und FDP-Grossrat
Den Parkplatzschwund sieht Daniel Seiler, Präsident des ACS und FDP-Grossrat, als Hauptproblem. «Irgendwann kippt das, und dann habe ich auch Verständnis für jene, die wild parkieren und irregulär durchfahren.» Er findet den Superblock zudem schlecht signalisiert. Sieht er keinerlei Vorteile? «Doch, natürlich, für jene, die direkt dort wohnen. Aber das ist ein egoistischer Anspruch. Wo kämen wir hin, wenn jeder eine konsequent lärm- und verkehrsfreie Strasse vor seinem Haus fordert?»
Die aktiven Befürworter*innen der Superblocks suchen immer wieder den direkten Kontakt mit der betroffenen Bevölkerung, gerade mit den Gegner*innen dieser Stadtentwicklungsidee. Beim Sammeln von Petitionsunterschriften gegen den vorschnellen Rückbau der Superblocks haben Lucas Linder und Benedikt Domeyer im Perimeter St. Johann mit einer Tür-zu-Tür-Aktion begonnen. «Es geht uns dabei gar nicht so sehr um die einzelne Unterschrift, wir wollen vielmehr wirklich hören, was die Gegner*innen stört», erklärt Linder.
Das werde offensichtlich sehr geschätzt. Grundsätzlich sei die Zustimmung zur Superblock-Idee überwiegend positiv. Vereinzelt käme auch mal Frust hoch, über das obrigkeitliche Vorgehen, die «Brockenhaus-Ästhetik» oder fehlende Besucherparkplätze. «Entgegen unseren Erwartungen wird aber eine generelle Parkplatznot meist erst an dritter oder vierter Stelle genannt. Am Schluss wünschen uns die meisten alles Gute», schmunzelt Domeyer. Im Kern sind die Superblocks eine Graswurzelbewegung, die sich von unten entwickelt hat. Entstanden im St. Johann durch eine Petition vor vier Jahren, die dann von Parlament und Regierung aufgenommen wurde.
Tote Hose in den Superblocks?
Manchmal wird auch beanstandet, es sei ja gar nichts los in diesen Superblocks. Dabei gab es, gerade in den beiden letzten Monaten, viele nachbarschaftliche Aktivitäten im Matthäus- und im St. Johann-Perimeter.
Bajour war bei rund einem Dutzend dieser Anlässe vor Ort: Grill-, Raclette-, Punsch- und Glühwein-Plauschs à discrétion, Halloween-Partys, Ideencafés, Malaktionen für Pflanztöpfe, Palaver-Treffs über Gott und die Welt, Blumenzwiebel-Setzaktionen, ein Santiglaus-Zmorge, bei dem mehr als 200 Gratis-Grättimänner verteilt wurden, ein Konzert der vielköpfigen Band «The Matthews» mit Kindern und Erwachsenen am 3. Advent vor der Matthäuskirche oder ein grosses Advent-Fest mit über 100 Teilnehmenden in der Davidsbodenstrasse.
Jenny Grandjean, als Grafikerin und Redaktorin des monatlichen «Superblatts» eine treibende Kraft im Superblock St. Johann, sagt es so: «Klar, öfters ist es auch nicht so belebt im Winter, aber im Superblock ist es dann so viel schöner als ringsherum! Der Vergleich mit den benachbarten Strassen ist unglaublich: Die Vogesenstrasse etwa tut mir richtig weh in den Augen!» Und sie ergänzt: «Wir haben uns die Superblocks aus ökologischen Gründen gewünscht. Aber auf der sozialen Ebene passiert am meisten.»
Braucht es überhaupt einen Test?
Zu reden gibt aktuell auch die Testphase, der das Superblock-Experiment unterzogen wird, denn im August beziehungsweise September wird alles abgerissen – auch, wenn der Test erfolgreich läuft. Die Juristin Susanne Bertschi wohnt zwei Strassenzüge ausserhalb des Matthäus-Perimeters und sagt: «Ich fand ja die Idee des Tests von Anfang an absolut unsinnig. Die Innerstadt, wo die testenden Behörden ihren Arbeitsort haben, ist seit Jahren ein Superblock. Die Erfahrung ist da. Es hat funktioniert und wurde vor der Einführung auch nicht getestet.»
Christoph Moerikofer, Stadtentwicklungsexperte und engagiert im Verein „Zukunft. Klybeck“, erklärt: «Ein Test von nur einem Jahr ist in jedem Fall zu kurz.» Es brauche mindestens zwei volle Jahre, damit ein Umdenken in der Bevölkerung einsetzen und sich eine aktive Nutzung des Strassenraums etablieren könne. «In Barcelona, wo die weltweit ersten Superblocks eingerichtet wurden, herrschte in den ersten Phase vor allem Wut und Entsetzen über diesen behördlichen Eingriff von oben. Und heute sind alle glücklich damit, auch die Geschäfte und Betriebe.»
Björn Slavik vom Verein «Grüne Superblocks Basel» sagt, das Parkplatzproblem sei ein «Scheinriese», der in der öffentlichen Diskussion oft überschätzt werde. Je näher man trete, umso deutlicher werde, was die Statistiken zeigen, dass nämlich in beiden Superblocks nur 14,5 Prozent der Anwohnenden ein Auto besitzen. Slavik sagt: «Die Strassen sind ruhiger, der Lärm hat abgenommen, und viele Anwohnerinnen und Anwohner berichten von einem spürbaren Gewinn an Lebensqualität. Vor allem Familien und ältere Menschen stellen fest, dass sich die Sicherheit im öffentlichen Raum verbessert hat.»
«Die Strassen sind ruhiger, der Lärm hat abgenommen, und viele Anwohnerinnen und Anwohner berichten von einem spürbaren Gewinn an Lebensqualität.»Björn Slavik, Verein «Grüne Superblocks Basel»
Eine überdeutliche Minderheit hingegen müsse sich vom Privileg verabschieden, ihr Fahrzeug nahe bei ihrer Wohnungstür auf öffentlichem Grund abstellen zu können. Aus Sicht der radikalen Gegner*innen ist die Superblock-Idee ein hirnverbrannter Spuk, der in ein paar Monaten vorbei sein wird. Die radikalen Befürworter*innen hingegen argumentieren, die Frage sei nicht, ob Basel diesen Weg weitergehen soll, sondern wie schnell und wie konsequent.
Medienberichte über die Basler Superblocks sehen in der Regel etwa so aus: Man lässt ein bis zwei Befürworter*innen zu Wort kommen, kontrastiert sie mit ein bis zwei Gegenstimmen und mischt etwas Lokalkolorit hinzu. Fazit: Die ungewohnt neue Sache ist – oh Wunder! – offenbar umstritten. Und die grundsätzlich sinnvolle journalistische Pflicht zur Ausgewogenheit scheint so auch erfüllt zu sein. Wirklich?
Kürzlich erschien in der renommierten deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» ein Artikel zu den Basler Superblocks. In diesem edlen Blatt vorzukommen, kann allein schon als Ehre gelten. Die Autorin lässt zwei positive und viereinhalb negative Stimmen zu Wort kommen. Die Gegenstimmen erhalten umfangmässig fast viermal mehr Raum. Auch mit dem Titel («Wir wurden gar nicht gefragt») und dem Lead hat der Text ein eindeutig negatives Framing.
Erschwerend kommt hinzu, dass kein einziger weiterführender Gedanke, keinerlei Lösungsansätze und keine Vertiefungen der Problematik aufgezeigt werden. Unausgesprochenes Fazit: Superblocks sind ja eine ganz nette, aber leider etwas naive Idee, die an den Realitäten zerschellen muss.
Das Ganze erweist sich deshalb auch als ein medienethisches Thema, das als «False Balance» (falsche Ausgewogenheit) bekannt ist. Es ist nicht zwingend ausgewogen, beide Seiten eines kontroversen Themas gleichgewichtig zu Wort kommen zu lassen. Man muss schon auch gewichten und einordnen, sonst gehen die wirklichen Relationen verloren. «Wenn 85 Prozent profitieren und nur wenige in bescheidenem Mass eingeschränkt sind, ist es verantwortungsvolle Politik, solche Projekte nicht zu bremsen, sondern zu fördern», sagt Björn Slawik.