Neuer Vorstand gesucht

Die Zukunft der Quartierflohmis ist ungewiss

Die Basler Quartierflohmis sind längst ein fester Bestandteil des Sommers. Doch der Verein hinter der Organisation löst sich auf – und bislang fehlt eine Nachfolge. Damit steht offen, wie es mit den beliebten Quartierveranstaltungen weitergeht.

gruppenbild_3_von_4
Die Organisationskomitees der einzlenen Quartierflohmis und der Vereinsvorstand mit Marc Zimmermann, Andrea Otto und Christine Renold im Vordergrund. (Bild: Beat Schwald)

Einblicke in lauschige Hinterhöfe, Nachbar*innen, die zusammen Prosecco trinkend ihren ausrangierten Hausstand verkaufen, unzählige Kisten voller Strampler, Mützchen und Bodys mit denen sich werdende Eltern eindecken, dazwischen Kinder, die ihr Taschengeld für bunte Schlägzügsäckli ausgeben und Händler*innen, die schon durch die Strassen ziehen, wenn die Stände noch gar nicht fertig aufgebaut sind. Dieses Bild wiederholt sich seit einigen Jahren, Sommer für Sommer in jedem Basler Quartier reihum – von Riehen bis ins Neubad, vom Bruderholz bis nach Kleinhünigen. Die Quartierflohmis gehören mittlerweile zu Basel,gelten als gesetzt, fast schon als Naturgesetz. Privatpersonen können von April bis Oktober kostenlos einen Verkaufsstand vor ihrem Wohnhaus aufbauen und dort Secondhandartikel verkaufen und selbstgemachte Backwaren oder Getränke anbieten. 

Dass dahinter allerdings viel Organisation und vor allem viel Engagement von Privatpersonen steckt, geht dabei schnell vergessen. «Viele Menschen in Basel nehmen an, die Quartierflohmis seien ein Projekt der Stadt, niemand denkt, dass das alles privat organisiert ist», sagt Andrea Otto die Vereinspräsidentin des Vereins Stadtprojekt. Die die Flohmärkte vor zehn Jahren initiert hat.

Andrea Otto Rimini
«Wenn wir niemanden finden, der die Gesamtkoordination übernehmen will, fragt es sich ob es die Flohmis in Zukunft in dieser Form weiter gibt.»
Andrea Otto, Vereinspräsidentin

Gemeinsam mit ihren beiden Vorstandskolleg*innen Christine Renold und Marc Zimmermann hat Otto nun beschlossen, den Vereinsvorstand zu verlassen und die Organisation in neue Hände zu übergeben – und das schon ziemlich bald:im Frühling treten sie zurück. Die Suche nach einer Nachfolge gestaltet sich allerdings schwierig. Otto und ihre Kolleg*innen haben schon viele Gespräche geführt, aber bisher hat sich noch keine konkreteLösung ergeben. «Wenn wir niemanden finden, der die Gesamtkoordination übernehmen will, fragt es sich ob es die Flohmis in Zukunft in dieser Form weiter gibt», erklärt Otto die Situation.

Wie alles begann

Andrea Otto ist im Matthäusquartier zuhause und führt dort auch (noch) zwei Geschäfte: das Modegeschäft Riviera für Erwachsene und das Rimini für Kinderkleidung. Rimini wird allerdings Mitte Monat schliessen, wie Bajour berichtete. 2016 hatte Otto die Idee, einen Quartierflohmi für «ihr» Quartier zu organisieren. Bei einem Besuch in München, hat sie ein ähnliches Konzept miterlebt – ihre Begeisterung dafür trug sie nach Basel, wo sie immer mehr Menschen und Quartiere mit ihrer Idee ansteckte. Was Otto schon damals wichtig war: es geht darum viele Interessen abzudecken – Nachhaltigkeit, Flohmi Trouvaillen finden oder los werden, aber auch sich mit den Nachbar*innen zusammen zu tun, sich kennenzulernen, versteckte Gärten und Quartiersträsschen zu entdecken, die man sonst nicht zu sehen bekommt, Architektur zu erlebenund die ganz eigene DNA jedes Quartiers zu erkunden.

www.weissheimer.ch
Während den Quartierflohmis verwandeln sich die Strassen in bunte Begegnungszonen. (Bild: Gaspard Weissheimer)

Parallel hat Christine Renold für das Wettsteinquartier einen Quartierflohmi geplant und so hat sie sich zusammen mit Marc Zimmermann dem Verein Stadprojekt angeschlossen. Ein Jahr später nahmen drei weitere Quartiere teil und seither wuchs das Projekt immer weiter. «Mittlerweile sind wir flächendeckend in Basel», sagt Otto. Mit Bottmingen ist sogar eine Gemeinde aus Baselland dabei.

Mehr Quartiere bedeutete aber auch mehr Arbeit. Deshalbhat sich der Veren an diverse Stiftungen und andere Geldgeber gewendet.  Durch diese Finanzierung  konnte eine Admin-Stelle geschaffen werden, die sich um den Mailverkehr, die Buchhaltung, die Protokolle und die interne Kommunikation kümmert.

Runder Tisch im März

Für die Quartiere sind die Flohmis jeweils ein grosser Mehrwert. «Quartierflohmärkte zeigen, wie öffentlicher Raum von Anwohnenden selbst belebt, genutzt und angeeignet werden kann. Sie schaffen Begegnung und Zugehörigkeit auf sehr niederschwellige Weise und fördern zugleich einen bewussten Umgang mit Ressourcen, indem gut Erhaltenes weitergegeben und im Materialkreislauf gehalten wird, statt im Abfall zu landen», sagt Sarah Zussy die Geschäftsleiterin des Stadtteilsekretariat Basel-West.

Theres Wernli
«Einige waren erstaunt über die Schönheit mancher Hinterhöfe und andere freuten sich einfach am Austausch mit der Hausgemeinschaft und naher Nachbarschaft, die plötzlich sichtbar wurde.»
Theres Wernli vom Stadtteilsekretariat Kleinbasel

Und auch Léonie Müller-Haller Geschäftsleiterin der Gundeldinger Koordination betont, wie beliebt die Veranstaltung im Quartier ist. Theres Wernli vom Stadtteilsekretariat Kleinbasel berichtet von interessanten Gesprächen mit den Quartierbewohnenden an den Flohmärkten: «Einige waren erstaunt über die Schönheit mancher Hinterhöfe und andere freuten sich einfach am Austausch mit der Hausgemeinschaft und naher Nachbarschaft, die plötzlich sichtbar wurde.» Auch die Cafés und Shops würden durch neue Kundschaft, die das Quartier aufsuchten, profitieren, so Wernli. 

Nun sei es an der Zeit, diese Aufgabe weiterzugeben, so Otto. Der Vorstand wünscht sich dass die Flohmis weiterhin privat veranstaltet werden, damit die Organisation flexibel bleibt. «Es ist Zeit für frischen Wind und neue Ideen», sagt sie. Gerne könne das Konzept auch weitergedacht und angepasst werden. Die Grundstruktur sei vorhanden, darauf könne man nun aufbauen. Den Rücktritt haben Otto, Renold und Zimmermann letztes Jahr  beschlossen. Für März laden sie alle Projektinterssierten zu einem runden Tisch ein.

tracking pixel

Das könnte dich auch interessieren

Superblock

Alfred Schlienger am 12. Januar 2026

Hallo Nachbar*in, wie lebt es sich in den Superblocks?

Die Superblocks, die aktuell in Basel getestet werden, sorgen immer wieder für Diskussionen. Bajour hat über drei Monate hinweg mit Anwohner*innen sowie mit Behörden gesprochen. Eine Entdeckungstour über Lust und Frust in einem Stadtentwicklungsprojekt.

Weiterlesen
Superblock Davidsbodenstrasse St.Johann

Helena Krauser am 21. November 2025

Im August wird alles abgerissen

Was die Quartiere St. Johann und Matthäus seit Monaten in den Superblocks aufbauen, wird nach Ende der Pilotphase wieder abgeräumt – egal wie die Testphase später bewertet wird.

Weiterlesen
Café103

Valerie Zaslawski am 02. September 2025

Eine Oase inmitten von Bauschutt

Es ist einer dieser verborgenen Schätze, den das Gundeli bereithält: Der Nachbarschaftstreffpunkt Café 103 im Migrationszentrum auf dem Wolf, in dem Menschen unkompliziert zusammenfinden.

Weiterlesen
Helena Krauser

Das ist Helena (sie/ihr): Helena hat Kultur studiert, um über Kultur zu schreiben, während dem Studium aber in so vielen lokalen Redaktionen gearbeitet, dass sie sich in den Lokaljournalismus verliebt und die Kultur links liegen gelassen hat. Nach Bachelor und Praktika startete sie den zweiten Anlauf zur Versöhnung mit der Kunst, ein Master in Kulturpublizistik sollte es richten. Dann kam das Leben (Kinder, Festanstellung bei der bz) dazwischen. Finally beim FRIDA Magazin gab’s dann kurz richtig viel Kultur und die Entdeckung, dass mehr eben doch besser ist. Deshalb macht sie bei Bajour jetzt beides.

Kommentare