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Gärngschee macht satt und glücklich

«Hier habe ich nicht das Gefühl, eine Bettlerin zu sein»

Menschen, die nicht so viel haben im Leben, finden Hilfe bei der Lebensmittelabgabe von Gärngschee. Dort bekommen sie das Nötigste für den Alltag. Wie geht es diesen Menschen? Wir haben mit ihnen gesprochen.

10/11/21, 04:42 AM

Aktualisiert 10/15/21, 01:40 PM

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Schlange beim Hinterhof im Clarahofweg: Die Lebensmittel sind begehrt.

Schlange beim Hinterhof im Clarahofweg: Die Lebensmittel sind begehrt. (Foto: Ina Bullwinkel)

Ein Samstag im Oktober, es ist zwanzig vor zwölf und beim Hinterhof im Clarahofweg 15 hat sich schon eine kleine Schlange gebildet. Menschen mit Einkaufstrolley stehen hier und warten, dass es losgeht. 

So sieht das jeden Samstag aus, seit der gemeinnützige Verein Gärngschee seine Lebensmittelabgabe organisiert. Menschen, die nicht so viel haben im Leben, dürfen hier Gemüse, Teigwaren, Milch, Pflegeprodukte und einfach das Nötigste für den Alltag abholen. 

Und das Angebot ist beliebt. Meist kommen 50 bis 60 Familien, sagt Tijana, die Gärngschee-Tätschmeisterin. Ihr ist es wichtig, wie mit den Menschen umgegangen wird, deswegen spreche sie ganz bewusst vom Einkaufen und nicht von Lebensmittelabgabe. «Die Leute kaufen hier ein, so wie auch ich am Samstag einkaufen gehe.»

Die Leute, das sind Menschen, bunt gemischt durch fast alle Altersklassen, aber die meisten die herkommen, sind schon älter oder müssen eine Familie versorgen. Wir haben mit einigen von ihnen gesprochen, um zu hören, was ihnen die Lebensmittelabgabe bedeutet und wie es ist, mit wenig Geld auskommen zu müssen.

Sibylle, 40

ist mit ihrem Sohn da. Sie hat eine grosse Tasche dabei und einen Einkaufstrolley, beides ist nach dem Einkauf bis oben hin gefüllt. Wichtig seien für sie frische Sachen vor allem das Gemüse und die Früchte, aber auch Joghurt und Käse. Über die Schoggi freut sich ihr Sohn am meisten, zweimal zieht er die rote Packung aus dem Einkaufstrolley und zeigt sie stolz. 

Sibylle ist seit dem Anfang der Gärngschee-Lebensmittelabgabe dabei. Ihr Mann wartet auf IV-Gelder, sie haben zusammen vier Kinder. «Ich arbeite nicht 100 Prozent, aber wir werden zusätzlich vom Sozialamt unterstützt.» Für alles reicht das Geld trotzdem nicht. Regelmässig fährt die Familie nach Deutschland für den Grosseinkauf. «Wir machen dann einen Monatseinkauf für etwa 400 Franken.» 

Während des Shutdowns mussten sie sich anders organisieren und in der Schweiz einkaufen, was sehr viel teurer war. Die Lebensmittelabgabe kam da gerade recht. «Vor allem, wenn die Kinder Schule haben, brauchen wir mehr Obst und Gemüse fürs Znüni. Mit den Sachen von Gärngschee kommen wir fast eine Woche aus.»

Dass sie in Deutschland einkaufen könne, sei wichtig für sie, erzählt Sibylle. Von der Mehrwertsteuer, die Sibylle zurückerstatten lässt, sei dann Geld übrig für kleine Dinge, die sie sich sonst nicht leisten könnten. Sollte die neue Regelung mit der Besteuerung ab einem Einkauf ab 50 Franken kommen, müsse sie vielleicht auf den monatlichen Grosseinkauf verzichten und könne nur noch einmal die Woche einkaufen gehen. Oder sie holt in Deutschland nur noch Milch, Fleisch und Pflegeprodukte wie Shampoo – das, was in der Schweiz für sie zu teuer ist.

Die Lebensmittelabgabe weiss Sibylle zu schätzen. «Ich finde es toll, dass man hier sagen kann, was man gerne hat und nicht einfach eine vollgepackte Tasche bekommt, wo dann Lebensmittel drin sind, die bei uns keiner isst oder die nicht mehr so gut sind.» Das habe sie bei anderen Lebensmittelabgaben erlebt. 

Sibylle hat viel Obst und Gemüse eingekauft.

Sibylle hat viel Obst und Gemüse eingekauft. (Foto: Ina Bullwinkel)

Michele und Susanne sind beste Freund*innen. Gemeinsam kommen sie zur Lebensmittelabgabe.

Michele und Susanne sind beste Freund*innen. Gemeinsam kommen sie zur Lebensmittelabgabe. (Foto: Ina Bullwinkel)

Susanne, 62, und Michele, 52

Susanne und ihr bester Freund Michele kommen regelmässig zur Lebensmittelabgabe. Es ist aber das erste Mal, dass sie sie bei der neuen Ausgabestelle am Clarahofweg einkaufen. Sie freuen sich am meisten über das Gemüse, Brot, Teigwaren, Joghurt und Milch – also so gut wie alles, was sie bekommen. Susanne muss einen 5-Personen-Haushalt versorgen, Michele lebt zu dritt in der Wohnung. 

Susanne erhält IV und eine Witwenrente, die zurzeit allerdings teilweise gepfändet werde, sagt sie. Michele arbeitet als Gärtner, musste aber nach einer Trennung Schulden übernehmen und lebt deshalb am Existenzminimum. Sein Lohn reicht nicht, um alle monatlichen Ausgaben zu decken. 

«Hier gibt es von allem etwas», sagt Susanne. Zum Beispiel auch Hygienemasken, von denen man im Moment täglich welche braucht. Susanne mag, dass es bei der Lebensmittelabgabe so familiär zugeht. «Bei Gärngschee sind nette Leute wie Sandie und Tijana. Man schreibt sich auch sonst mal.»

«Wir sind sehr dankbar, dass es die Lebensmittelabgabe gibt», sagt Michele.

Angela muss sich und ihren Sohn versorgen. Das ist nicht leicht.

Angela muss sich und ihren Sohn versorgen. Das ist nicht leicht. (Foto: Ina Bullwinkel)

Angela, 58

lädt gerade Lebensmittel in ihren Einkaufstrolley. Sie komme regelmässig her. «Manchmal nicht, wenn ich das Gefühl habe, ich habe genug daheim.» Sie hat drei Kinder, aber nur ihr jüngster lebt noch bei ihr. Er ist heute auch mit dabei. «Ich nehme alles gern mit, zum Beispiel Brot. Aber manchmal backe ich das auch selber», sagt Angela. Das Einzige, was ihr bei der Ausgabe fehle, sind Getränke und Milch habe es auch nicht immer so viel. 

Da Angela mit ihrem Sohn alleine lebt, bekommt sie nicht von allen Sachen – einige Produkte sind Grossfamilien vorbehalten. «Ich bin seit 21 Jahren alleine», sagt Angela. Sie ist geschieden, die Kinder habe sie alleine grossgezogen und nebenbei noch ihre Eltern gepflegt. 

Ihren jüngsten Sohn kann sie nicht alleine lassen, er hat eine leichte Behinderung. Er habe zwar eine Lehre als Koch gemacht, doch in der Einrichtung, wo er arbeite, bekomme er neuerdings nur einen Stundenlohn von zwei Franken. Dazu erhält er Ergänzungsleistungen. 

Angela will ihren Sohn nicht in ein betreutes Wohnheim geben, deshalb könne sie nur arbeiten gehen, wenn er betreut ist. «Ich werde vom Sozialdienst unterstützt.» Sie hat zwei Stellen, aber die Arbeitszeiten sind nicht immer vereinbar.

Einmal im Monat fährt Angela zum Einkaufen nach Deutschland. «Gewisse Sachen sind dort einfach günstiger. Waschmittel und Shampoo kann ich mir in der Schweiz nicht leisten.» Sie sagt, sollte die neue 50-Franken-Regelung kommen, würde sie wahrscheinlich weniger in Deutschland einkaufen. «Dann müssten wir auf einiges verzichten.» Schon jetzt achte sie darauf, von allem nur das günstigste oder Sachen in Aktion zu kaufen. 

Oft besorgt sie auch Essen über die App «too good to go», bei der Restaurants und Supermärkte Lebensmittel kurz vor dem Verfallsdatum verschenken. «Fleisch gibt es da aber selten. Manche Läden warten auch zu lange, bis sie die Sachen anbieten, dann sind sie nicht mehr gut und müssen weggeschmissen werden und niemand hat mehr etwas davon.»

«Dog Dad» René hat seinen Rucksack mit Lebensmitteln gepackt.

«Dog Dad» René hat seinen Rucksack mit Lebensmitteln gepackt. (Foto: Ina Bullwinkel)

René, 61

ist ein freundlicher Mann, der gern ein wenig plaudert. Während er erzählt, raucht er einen Zigarillo, den er zwischendurch immer wieder neu anstecken muss. Wie die meisten hier ist er ein alter Hase bei der Lebensmittelabgabe. «Ich nehme am liebsten Früchte mit oder Sachen, die andere nicht so gerne mögen, Peperoni zum Beispiel.» Heute habe er auch eine Flasche roten Essig ergattert. Süsses nimmt er nicht mit, wegen eines Magenbypasses, dürfe er kaum Zucker essen. 

René wird von der Sozialhilfe unterstützt. Er lebt in einer WG, um Geld zu sparen. Weil er nicht alleine wohnt, wird ihm der Grundbedarf gekürzt, so wie es auch bei Verheirateten der Fall ist. Das empfindet er als grosse Ungerechtigkeit. «Dadurch habe ich 250 Franken weniger im Monat. Die Lebensmittelabgabe ist da eine grosse Hilfe.» Wegen seines Bypasses sei es wichtig, dass er sich gesund ernährt. «Hier bekomme ich genug Gemüse und Früchte.» 

René erzählt, er kenne Sandie von früher. Zu Weihnachten habe sie ihn dann auf die Geschenk-Aktion von Gärngschee aufmerksam gemacht. René strahlt: «Das Hemd, das ich trage, habe ich damals bekommen.» Auf seinen Wunschzettel hatte er damals Kleidung und einen Reisegutschein geschrieben, um seine Eltern endlich mal wieder in Interlaken besuchen zu können. Beide Wünsche hat die Gärngschee-Community ihm erfüllt. Die Dankbarkeit sieht man ihm heute noch an. Inzwischen hilft René selbst bei Gärngschee mit – als Moderator bei der Facebookgruppe.

Besonders stolz ist René auf seine Hundedame Amy, auf seiner Mütze steht «Dog Dad». Sie lässt sich gern von den anderen Menschen in der Schlange streicheln und spielt zwischendurch mit den braunen Blättern am Boden. 

René kommt nicht nur wegen der Lebensmittel her. «Hier sind Freundschaften entstanden, die setzen sich für mich ein.» Gemeint sind Sandie und Tijana. «Seit ich Gärngschee kenne, hat sich viel zum Guten gewendet.» Mit manchen verabrede er sich zwischendurch auf einen Kaffee, «um zu besprechen, was mir auf der Seele drückt». Andersherum gehe er mit anderen mit seiner Hündin spazieren, «damit sie mal abgelenkt sind von ihren täglichen Sorgen».

Auch für René ist das Einkaufen in Deutschland ein wichtiger Bestandteil, um seinen Alltag zu bestreiten. «Ich wohne direkt an der Grenze und brauche nur 20 Minuten zum nächsten Laden.» Im Shutdown sei es besonders schwierig für ihn gewesen, da er auf eine gesunde Ernährung achten muss – und das ist mit einem knappen Budget gar nicht so einfach. «Mit Magenbypass muss man mehr Proteine zu sich nehmen. Dieser Mehrbedarf wird nicht von der Sozialkasse übernommen.» René sagt, wenn er für 60 Franken in Deutschland einkaufe, komme er damit für eine Woche aus – Hundefutter nicht mitgerechnet. Er kaufe zum Beispiel oft Härdöpfel im Angebot in Deutschland. Fünf Kilogramm würden dann einen Monat lang für ihn reichen. 

Renés Rucksack ist voll gepackt. Den kleinen Rest von seinem Zigarillo drückt er aus und stopft ihn zurück in die Packung. Er schnallt seinen Wanderrucksack an der Hüfte zusammen, schnappt noch eine kleine Tüte mit Lebensmitteln und die Hundeleine und macht sich mit Amy auf den Weg.

Liz hilft regelmässig bei Gärngschee aus.

Liz hilft regelmässig bei Gärngschee aus. (Foto: Ina Bullwinkel)

Liz, 61

Mit ihrem Mann lebt sie von IV und AHV ohne Ergänzungsleistungen. Vom Sozialamt wollen sie nicht abhängig sein. «Selber zu helfen ist mir wichtiger, als die Abgabe. Ich bin sehr froh über die Lebensmittel, aber in erster Linie geht es mir darum, einen Beitrag für ein gesellschaftliches Problem zu leisten.» 

Liz ist 61 Jahre alt und sitzt im Rollstuhl. Sie und ihr Mann haben ein Auto, dadurch können Sie in die Stadt fahren und helfen dabei, die übrig gebliebenen Lebensmittel am Ende zum Tierpark Lange Erle oder zum Soup&Chill zu bringen.

Im ersten Shutdown hat Liz Hilfe über die Gärngschee-Gruppe auf Facebook bekommen. Sie brauchte damals jemanden, der oder die ihr einmal die Woche eine Spritze setzt, weil sie dafür nicht mehr ins Spital gehen konnte und die Spitex nicht vorbeikam. Zwei ausgebildete Pflegefachfrauen haben ihr dann regelmässig geholfen. «Ich war gottedankbar. Das waren unsere Corona-Engel von Gärngschee.»

Am meisten freut sie sich über die frischen Sachen bei der Lebensmittelabgabe, sagt sie, Gemüse und Früchte, Milch und Käse. «Ah, super, merci», Tijana hat ihr zwei Packungen Hygienemasken eingepackt. Eine andere Frau hat keine Packung mehr abbekommen, also gibt Liz ihr eine von sich ab. «Oh, ihr seid toll!», ruft Tijana, als sie das mitbekommt. Liz schmunzelt und zuckt mit den Schultern: «Auch das ist Gärngschee.» 

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* Name geändert.

Alle für eine*n, eine*r für alle

Hier kannst du Gärngschee unterstützen.

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