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Job mit Seele

Beten fürs Business

Viele trifft der Corona-Koller momentan hart. Vor allem diejenigen, die existenzielle Ängste umtreiben. Michael Mann ist Basels neuer Business-Seelsorger. Im Interview erzählt er, welcher Weg aus der Krise führt.

02/15/21, 06:46 AM

Aktualisiert 02/15/21, 10:06 AM

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(Foto: Unsplash / Zac Durant)

Wie soll es weitergehen? Das fragen sich momentan alle, die nicht nur privat, sondern auch beruflich von der Corona-Pandemie getroffen sind. Einige Geschäftsleute haben Schwierigkeiten, Löhne und Miete zu zahlen, manche müssen darüber nachdenken, ihren Laden dicht zu machen. Und noch immer ist ungewiss, wann die Covid-Massnahmen und angeordneten Geschäftsschliessungen ein Ende haben.

Mitten in der Krise hörte Bajour von einer neuen Position in Basel: dem Business-Seelsorger. Wir haben ihn gefragt, was er Geschäftsleuten und Angestellten in der Krise rät und was das am besten gegen Hoffnungslosigkeit hilft.

Michael Mann, Ihre Stelle ist neu in Basel. Warum braucht es einen Business-Seelsorger?

Das Pfarrhaus für Industrie und Wirtschaft gibt es schon seit 50 Jahren. Neu ist, dass ich jetzt den Titel des Business-Seelsorgers trage. Der klassische Industriepfarrer vor 50 Jahren ging in die Fabriken und hörte den Sorgen der Leute zu. Heute sitzen wir im Homeoffice und zoomen. Aber die Idee ist die gleiche: Ich bin für die Menschen und ihre Sorgen da, aber angepasst an die heutige Zeit.

Auf den ersten Blick passen Religion und Wirtschaft nicht wirklich zusammen, oder?

Business und Spiritualität sind ein Thema. Eigentlich war es schon immer so, dass Menschen, die zur Arbeit gehen, auch Seelsorge brauchen. Unser Bestreben ist also, dass wir erstens den Menschen helfen, wie sie ihr Gewissen und ihre Arbeit zusammen bekommen und zweitens auf lange Sicht Erfolg haben, indem sie ihre Seele mit reinholen. 

Michael Mann Business-Seelsorger Basel

Zur Person

Michael Mann ist Theologe und hat unter anderem eine Ausbildung zum Mentaltrainer und Yogalehrer absolviert. Von 2003 bis 2018 hat er in der Schweiz als Seelsorger gearbeitet u.a. in Einsiedeln, St. Gallen und Zürich. Er pendelt zwischen Bonn und Basel. Aktuell hat er den «Business-Seelsorger Podcast» lanciert.

Mit Michael Mann kannst du online einen Termin vereinbaren für eine 60-minütige Beratung. Sie ist kostenlos. Wegen Corona findet sie momentan per Videochat oder Telefon statt.

Was meinen Sie damit?

Man weiss heute, dass Menschen, die keinen Sinn in ihrer Arbeit sehen, krank werden. Und wir stehen dafür, dass Arbeit, Spiritualität und Religion zusammengehören, weil auch die Menschen zusammengehören und Produkte an andere Menschen verkaufen. Ausserdem ist es ein Trend, gerade bei jungen Leuten, sich einen sinnvollen Job zu suchen. Die wollen eine Arbeit, wo sie weniger verdienen, aber dafür mehr Freiheit haben.

Sie sprechen von Spiritualität, nicht unbedingt Religiosität. Muss man religiös sein oder einer Kirche angehören, um sich an Sie zu wenden?

Nein, wir sind offen für alle Religionen und Konfessionen und auch für Menschen, die nicht in einer Kirche oder Glaubensgemeinschaft eingebunden ist.  

Was bedeutet Spiritualität in der Arbeitswelt?

Spiritualität bedeutet zwei Sachen. Die eine hat mit Ethik und Werten zu tun, also zum Beispiel klassisch christlichen Werten wie Nächstenliebe oder Ehrlichkeit und dass ich mich fair am Arbeitsplatz verhalte. Der andere Teil betrifft den Glauben, dass es was Grösseres gibt. Manche nennen das Universum, andere letzte Wirklichkeit und manche nennen das Gott. Dazu gehört auch das Gefühl, wenn ich bete oder an etwas glaube, dass es etwas bewirken kann. 

«Wenn wir Dankbarkeit Raum geben, dann wächst Gottvertrauen, dann haben wir ein Fundament für Geduld und dann kann Kreativität erwachsen.»

Passiert denn was, wenn man betet?

Ein Besitzer einer Autowerkstatt aus der Nähe von Basel hat mir erzählt, er sei vor etwa 30 Jahren in der Situation gewesen, dass er nicht genug Geld hatte, um seine Angestellten die Löhne zu zahlen. Er hat gebetet, dass er irgendwie an die benötigten 30'000 Franken kommt. Just in dem Moment sei jemand reingekommen und habe ein Auto für genau diese Summe gekauft. Er hat mir erzählt, das war für ihn wie ein Wunder. 

Ja, gut. Aber wenn es so einfach wäre, könnte jede*r Restaurantbesitzer*in, der*die momentan wegen Corona die Leute nicht bezahlen kann, einfach zu Gott beten und zack: Problem gelöst.

Der Restaurantbesitzer darf dankbar sein, dass er in der Schweiz lebt. Hier bekommt er alles, was er zum Leben braucht, ebenso seine Mitarbeiter. Die Fabrikarbeiter, die unsere Kleider genäht haben, in Bangladesch zum Beispiel, kämpfen jetzt ums Überleben. Besinnen wir uns doch erst mal auf all die Segnungen, die wir in dieser Krise hierzulande haben: Nahrung, frisches Wasser, ein Dach über dem Kopf, Internet, Bildung. Zudem haben wir den Luxus eines funktionierendes Gesundheitssystems. Da ist ganz viel, wofür wir dankbar sein dürfen. Wenn wir dieser Dankbarkeit Raum geben, dann wächst Gottvertrauen, dann haben wir ein Fundament für Geduld und dann kann Kreativität erwachsen: Nicht in Problemen, sondern in Lösungen denken! Und ja, ich würde für Lösungen und für Inspiration beten.

«Ich sage den Leuten: Ihr müsst eigentlich nur eine Entscheidung treffen, loslassen und etwas Neues suchen.»

Reden die Leute mit Ihnen über Corona? 

Ja, ich habe jetzt viel zu tun mit Menschen, die sich beruflich neu orientieren möchten. Alles war gut, man hatte seinen Beruf und plötzlich passt es nicht mehr. Ich meine weniger die Personen mit ganz existenziellen Nöten, sondern eher die, die irgendwie abgesichert waren, aber in einer Situation waren, aus der sie unbedingt heraus wollten. Dann beginnt der Prozess, den ich «Finde deine Berufung» nenne, und zwar so, dass die Welt das auch braucht. Origami-Kurse für Linkshänder können vielleicht eine Passion sein, aber es gibt nur wenige, die es in Anspruch nehmen. Davon kann man nicht leben.

Welche Krisen haben die Menschen, die Sie beraten?

Die Leute, die zu mir kommen, sind an einem Tiefpunkt und wollen raus. Leute, die völlig blockiert sind, melden sich leider gar nicht bei mir. Ich finde, Krisen sind etwas, das wir Menschen brauchen, um zu wachsen. 

Ist das nicht ein Klischee? 

Krisen sind für uns immer etwas Bedrohliches, wie die Angst, kein Geld oder keine Anerkennung mehr zu haben. Dabei kommt das Wort Krise aus dem Griechischen und heisst Entscheidung. Und die Entscheidung, die ich mal für einen Beruf getroffen habe, war vielleicht vor zehn Jahren gut, aber jetzt nicht mehr. Ich sage den Leuten: Ihr müsst eigentlich nur eine Entscheidung treffen, loslassen und etwas Neues suchen. Dann kommt ein kreativer Prozess in Gang und die Menschen merken, dass sie doch handlungsfähig sind. 

«Erst, wenn die Leute aus ihrer Angst herauskommen, können sie kreativ werden und neue Wege gehen.»

Was ist mit denen, die vor Existenzangst nicht mehr klar denken können? 

Die sehen nur noch das Horrorszenario: Ich darf nicht raus, nicht mehr in mein Geschäft und verdiene kein Geld mehr. Dann produziert unser Kopf eine Art Hölle und man hat ein Gefühl von Angst und es kreisen den ganzen Tag nur negative Gedanken durch den Kopf. Dann sage ich: Sei im Hier und Jetzt. Komm heraus aus dem ganzen Gedankenkarussell, denn im Hier und Jetzt hast du zu Essen, ein Dach über dem Kopf und deine Freunde. Und erst, wenn die Leute aus ihrer Angst herauskommen, können sie kreativ werden und neue Wege gehen. 

Glauben Sie ehrlich, Basler Kleinunternehmer*innen, die gerade nicht wissen, ob und wie es weitergeht, können mit «Sei im Hier und Jetzt» was anfangen?

Wenn man Verantwortung für andere hat, zum Beispiel für Angestellte, ist es sehr schwer. Ich sage denen: Das, was jetzt gerade passiert, ist so gross, das kannst du nicht alleine lösen. Tu was du kannst, mit den Mitteln, die du hast. Keiner von uns muss die Welt retten, es geht darum, in der Situation einen kühlen Kopf zu bewahren und kreativ mit den Angestellten zu schauen, was möglich ist. Es gibt zum Beispiel Fitnesscenter, die ihre Kunden bitten, weiterhin den Mitgliedsbeitrag zu zahlen, damit niemand entlassen werden muss. Es gibt also Solidarität. Und das ist der Punkt, an dem Spiritualität und Religion ins Spiel kommen. Wer gläubig ist oder ein grosses Herz hat, hilft anderen. Gerade in solchen Situationen merkt man, dass Menschen solidarisch sein wollen und können. 

In einer Ihrer Podcast-Folgen sagen Sie: «Du kannst alles erreichen, wenn du daran glaubst.» Nochmal die Frage, meinen Sie, dass Sie Menschen, die gerade alles verlieren, mit so einer Aussage erreichen?

Nein, eigentlich nicht. Es kann natürlich sein, dass ein Restaurant schliesst, kann auch sein, dass es nie wieder aufmacht. Aber ich glaube, dass es auch wieder etwas Neues geben kann. Wenn ich in der Krise stecke, dann sehe ich die Lösung nicht. Ich habe mal einen Mann beraten, der total unglücklich in seinem Job war. Er glaubte zuerst nicht daran, dass sich etwas bessert. Ein Jahr später traf ich ihn wieder und er erzählte mir, dass er arbeitslos geworden ist, den Jakobsweg gegangen ist und danach seinen Traumjob gefunden hat. Wenn wir an etwas glauben, passieren Dinge, die wir nicht für möglich halten. Ich glaube deshalb an Wunder, auch Jobwunder, weil ich das zu häufig erlebt habe.

Balsam für die Seele.

Auch aus persönlicher Erfahrung? 

Ja, ich war selbst schon in grossen Krisen und weiss, wie es ist, auf die Nase zu fallen. Und das liegt häufig daran, dass man in einem Job ist, der nicht zu einem passt. Wenn man achtsam mit sich selber wäre und schon als junger Mensch auf sein Herz hört, dann sucht man sich einen Job aus, der einen mit Freude erfüllt. Und nicht weil der Papa das will, die Berufsberatung das sagt oder man dort viel Geld verdient. Wenn wir nicht selber da hingehen, wo unsere Seele hin will, braucht es Krisen. Aber das Leben geht weiter.

Stimmt, aber wer Origamikursleiter*in werden will, hat dann ein Problem ...

Ja, es gibt einen Wandel und das Leben ist ein Auf und Ab. Mal bin ich oben, mal bin ich unten. Da ist die Kunst zu sagen: Egal, wo ich bin, ich muss weiterleben und vertrauen. Dazu braucht es Kreativität. Ich bin ein gnadenloser Optimist und die Corona-Situation kann ich nicht ändern. Aber ich kann Menschen motivieren, mit dem was sie haben, etwas Neues zu entwickeln.

«Ich glaube zwar an Wunder, aber man muss sich auch selbst bewegen.»

Manchen Menschen fehlt aber z.B. eine Ausbildung, um etwas Neues zu wagen. 

Ich glaube, es liegt nicht an der Ausbildung. Es gibt angestellte Akademiker, die gnadenlos unkreativ sind und es gibt Unternehmer mit einer simplen Ausbildung, die wahnsinnig schnell reagieren. Ich weiss von einer Sängerin, die eine Event-Agentur hatte und deren Auftragsbücher letztes Jahr im Februar voll waren. Im März stand sie wegen Corona vor dem Nichts. Und dann hat sie sich hingesetzt mit ein paar anderen Leuten und hat innerhalb von ein paar Wochen eine neue Firma aufgebaut. Und dann spreche ich mit Leuten, die seit einem Jahr rumsitzen, jammern und nicht kreativ werden. Ich glaube zwar an Wunder, aber man muss sich auch selbst bewegen. Also, bete zum lieben Gott, aber rudere gleichzeitig! Nur rudern ist anstrengend, aber nur beten ist auch nicht gut. 

Was sagen Sie den Menschen, die nicht rudern?

Mit solchen Menschen muss man eine Perspektive erarbeiten. Wenn ich Stress oder Angst habe, bekomme ich einen Tunnelblick und sehe nur noch die Gefahr. Und alles, was links und rechts ist an Möglichkeiten ist wie ausgeblendet. Und deswegen muss man erst einmal Ein- und Ausatmen und ruhig werden, um den Tunnelblick zu weiten. Und dann gucken wir zusammen: Wie kommst du von hier zu deinem Ziel.  

Und was sagen Sie denen, die all ihre Hoffnung aufgebraucht haben, was die Pandemie angeht?

Gib niemals auf! Vertraue dem Leben! Was jetzt wichtig ist und was ich jedem Menschen wünsche, ist die Fähigkeit, mit sich selbst glücklich zu sein. Lenk dich nicht zu sehr ab mit Fernsehen, Facebook, Clubhouse also mit dem «im Aussen Sein». Das macht zwar Spass, bringt aber keine Befriedigung, sondern frisst Energie. Kümmere dich zuerst um dein Inneres und alles andere kommt dann schon, Schritt für Schritt. Eventuell tauchen auch Dinge auf, die du jahrelang unterdrückt hast und die gerade jetzt schmerzhaft ins Bewusstsein hochgespült werden. In dem Fall, hole dir Hilfe.