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«Nicht schon wieder so ein Rassismus-Artikel...»

06/09/20, 02:31 PM

Aktualisiert 06/09/20, 02:37 PM

Am 6. Juni kamen in Basel 5000 Menschen an der «Black Lives Matter»-Demonstration zusammen.

Am 6. Juni kamen in Basel 5000 Menschen an der «Black Lives Matter»-Demonstration zusammen.

«... können wir wieder mal über andere Themen sprechen?»


Ob Sie weiterscrollen möchten, steht Ihnen frei – wie auch sonst so vieles – wenn Sie weiss¹ sind. Triggerwarnung²: Dieser Text enthält Beschreibungen rassistischer Vorfälle.

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Zur Autorin: Naïma (Name von der Redaktion geändert) ist Afro-Schweizerin und Antirassismus-Aktivistin.

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So oder ähnlich stelle ich mir die Gedanken vieler weisser Schweizer*innen zum Thema Rassismus vor:

«Schon wieder dieses leidige Thema. Das lästige R-Wort überflutet zur Zeit meinen Alltag, meinen Facebook und Insta-Feed. Die Medien stürzen sich auf das Thema, im Büro und am Familientisch reden wir darüber... es ist soooo anstrengend.

So mühsam, dass wir im Jahre 2020 noch immer darüber reden müssen. Eigentlich wissen wir doch schon lange, dass Rassismus schlecht und jedes Menschenleben gleichwertig ist. Ich verurteile jegliche Form von Diskriminierung und finde furchtbar, was mit Breonna Taylor, Tony McDade, George Floyd und unzähligen weiteren Menschen passiert ist. Mit Schrecken habe ich mit angesehen, unter welcher grausamen Gewalt dieser wehrlose Schwarze Mann zu Boden gedrückt wurde, nach Luft ringend, nach seiner Mutter rufend. Nach dieser öffentlichen Hinrichtung ist der Fall klar: So etwas darf nicht mehr passieren. So etwas lehne ich kategorisch ab.

So etwas machen nur zutiefst böse, hasserfüllte Menschen. Zum Glück ist das nur in den USA so schlimm. Dort gab es ja auch Sklaverei. Schlimm, was das mit der US-amerikanischen Gesellschaft gemacht hat. Schlimm, dieser unfähige peinliche Trump und seine Anhänger*innen. Zum Fremdschämen. Da haben wir es dagegen schon um Einiges besser hier in der Schweiz. Oder etwa nicht?»

Wenn mensch sich einredet, dass es in der Schweiz nicht so schlimm sei wie in den USA, dann bedeutet das folglich auch, dass die Schweiz und die Schweizer*innen es besser machen; toleranter, menschlicher und als Gesellschaft fortgeschrittener sind, oder?

Mit diesem Überlegenheitsgedanken im Kopf lebt es sich scheinbar besser, kann mensch sich im Spiegel eher ansehen und getrost weitermachen wie bisher.

Ein Hashtag #blacklivesmatter schmückt den geteilten Facebook-Post, das Insta-Profil wird am #blackouttuesday – wie es sich gehört – auf schwarz eingestellt; noch schnell ein solidarischer WhatsApp-Status und das persönliche Umfeld weiss, dass man bei diesem Thema auf der richtigen Seite steht und die Schwarzen³ Mitmenschen voll und ganz unterstützt.

«Antirassismus? Ja, aber bitte nicht zu mühsam»

So funktioniert «Rassismus light». Man beschäftigt sich nur so weit mit Rassismus, dass das eigene Gewissen und Gemüt nicht zu sehr strapaziert wird, dass es nicht zu unangenehm oder zu aufwühlend wird. Ich glaube, dass die Mehrheit der weissen Schweizer*innen denkt: «Ich mache, was ich kann, das mühsame Thema hat es schon immer gegeben und wird es noch lange geben. Es ist traurig zu hören, dass es das noch gibt, aber wirklich ändern oder etwas bewirken kann ich daran wohl nichts.»

I’ve got news for you! «Rassismus light» kratzt nur leicht an der Oberfläche. Schein-Solidarität unter dem Deckmantel von «Rassismus light» verflüchtigt sich, wenn die Hashtags wieder abklingen und von neuen Hashtags abgelöst werden

«Rassismus light» flackert auf, wenn ein Video wie das von George Floyds Hinrichtung uns daran erinnert, dass es unmenschliche Grausamkeiten auf der Welt gibt und von weissen Menschen ohne Trigger-Warnungen auch noch geteilt wird.

«Rassismus light» meldet sich innerlich, wenn die traurigen Augen Schwarzer Kinder mit aufgeblähten Bäuchen und ausgestreckten Händen uns hungrig und verzweifelt von Plakatwänden aus anblicken. Mit einer Spende zur Weihnachtszeit gedenken wir den «armen Geschöpfen».

«Rassismus light» kommt ins Spiel, wenn wir denken, dass wir uns mit der Schwarzen Nachbarsfrau oder dem Schwarzen Arbeitskollegen doch eigentlich ganz gut verstehen und deshalb überzeugt sind, dass wir gar nicht rassistisch sein können.

«Rassismus light» verändert nichts am Status Quo.

Das Praktische am «Rassismus light» ist: Man kann ihn wie einen Lichtschalter ein- und wieder ausschalten. Ich kann mich für einen Moment entscheiden, mitzufühlen, solidarisch zu sein mit meinen Schwarzen Mitmenschen oder anderen Diskriminierten dieser Welt. Sobald es mir aber zu viel wird, blende ich das Ganze einfach wieder aus. Menschlich. Verständlich. Privilegiert.

Aber – Spoiler alert – Tatsache ist: «Rassismus light» ist auch Rassismus. 

«Wir können Rassismus nicht nur dann an uns heranlassen, wenn antirassistische Hashtags gerade trendy sind.»

Naïma, Afro-Schweizerin und Antirassismus-Aktivistin

Wir Schwarze Menschen in der Schweiz haben dieses Privileg, diesen praktischen (Licht)schalter nicht. Wir können Rassismus nicht nur dann an uns heranlassen, wenn es uns gerade passt oder wenn antirassistische Hashtags gerade trendy sind. 

Rassismus ist kein US-amerikanisches Problem weit weg von uns und nicht nur Mord auf offener Strasse durch die Polizei, sondern auch die unzähligen Micro-Aggressions, die wir Schwarzen Menschen Tag für Tag hier in der Schweiz und weltweit erleben. Sie bilden das Fundament und den Nährboden für institutionellen Rassismus.

Rassismus ist ein Trauma und lässt uns keine Pause

Rassismus begleitet uns als ständiges Trauma, schwebt wie eine drohende Wolke tagtäglich über unseren Köpfen. Schlägt und sticht immer wieder zu. Mal ganz subtil und unterschwellig. Dann wieder heftig und zerstörend. Menschen, die direkt von Rassismus betroffen sind, werden dauernd retraumatisiert.

Ganz unerwartet im Tram.

Beim Zahnarzt.

Am Bankschalter.

Auf dem Spielplatz.

Bei der Wohnungssuche.

Oder immer dann, wenn Kollege X den Raum betritt und wieder mal einen seiner rassistischen Sprüche von sich gibt.

Wenn wir morgens im Zug die Gratiszeitung öffnen oder zum 15. Mal in einer Woche erklären müssen, woher wir kommen, warum wir so gut Deutsch sprechen und warum es denn so schlimm sei, wenn eine Süssigkeit heisst, wie sie heisst, denn es meint's doch niemand böse und schliesslich gibt es doch noch viel Schlimmeres, über das man sich aufregen könnte.

Wenn wir auf der Tanzfläche zeigen sollen, was wir «im Blut» haben, wenn wir an der Bushaltestelle aus dem Nichts heraus gefragt werden, wieviel wir kosten.

Wenn in der Schule Afrika und damit verbunden als einzige Themen Sklaverei, Kolonialismus, AIDS, Ebola, Hunger oder Armut den Unterricht bestimmen.

Wenn die Kollegin nach den Ferien stolz verkündet, sie sei jetzt schon fast so braun wie du. Oder du gemütlich shoppen möchtest, aber dabei ständig überwacht wirst.

Wenn an der Basler Fasnacht, «de drei scheenschte Dääg», alle rassistisch sein dürfen, nein sogar müssen, weil das ja Sinn und Zweck der Sache sei. The list goes on and on….

«Unsere Verletzung und Perspektive werden als unglaubwürdig angesehen, denn es 'war ja nicht böse gemeint'.»

Naïma

Die rassistischen Übergriffe an sich sind schon anstrengend genug. Hinzu kommt, dass wir, wenn wir Verletzungen benennen, gleich noch mehr Rassismus erleben. Unsere Verletzung und Perspektive werden als unglaubwürdig und unberechtigt angesehen, denn es «war ja nicht böse gemeint». Die Folgen sind: Rechtfertigungen, schlechtes Gewissen, defensives Verhalten («white fragility»).

Weisse Menschen sehen sich als Referenzpunkt für die Validierung rassistischer Erfahrungen

Es ist immer wieder erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit und Überheblichkeit weisse Mitmenschen mir zu verstehen geben, woran ich mich zu stören habe und woran nicht. Denn angeblich sind weisse Menschen die Referenz für die Validierung rassistischer Erfahrungen. 

«Rassismus light» hat sich nie vertieft mit der rassistischen DNA unseres Landes beschäftigt. «Rassismus light» erkennt auch nicht an, dass der Wohlstand dieses Landes - trotz «Neutralität und humanitärer Tradition» - auf Gelderzeugnissen durch Sklaverei, Kolonialismus und der Ausbeutung Schwarzer Körper aufgebaut wurde und noch immer wird.

«Rassismus light» konsumiert genussvoll Schwarze Kultur und natürliche Ressourcen im und aus dem Globalen Süden: Kakao aus Ghana, Öl aus Nigeria, Koltan (fürs Handy) aus dem Kongo oder Mode aus Marokko.

«Rassismus light» profitiert zwar von den Beiträgen Schwarzer Menschen in Sport und Musik, ignoriert aber, wie viel reicher und vielseitiger unsere Beiträge an die Schweizer Gesellschaft sind.

«Rassismus light» nimmt sich gerne, was Schwarze Menschen leisten und produzieren, ohne dabei ihr Leben und ihre Gesundheit zu achten und diese beispielsweise durch gesetzliche Massnahmen gegen Racial Profiling zu schützen.

«Es braucht Menschen, die sich aus ihrer Komfortzone herausbewegen.»

Naïma

Es ist an der Zeit, dass wir Rassismus endlich an der Wurzel anpacken. Es braucht Menschen, die bereit sind, tiefer zu schauen. Menschen, die sich aus ihrer Komfortzone herausbewegen, ihre Privilegien nicht nur anerkennen, sondern aktiv nutzen, um echte, nachhaltige Veränderung zu bewirken.

Menschen, die über Hashtags hinausdenken. Menschen, die dafür sorgen, dass in der Schweiz mehr sichere Räume entstehen können, in denen die Perspektiven und Beiträge Schwarzer Menschen als wertvoll und wichtig angesehen werden.

Informiert euch, lest Bücher – an Ressourcen mangelt es nicht!

Über 5000 Basler*innen – die Schwarze Community und unzählige Verbündete – haben am vergangenen Samstag auf der Strasse ein Zeichen gegen institutionellen Rassismus gesetzt. Ein einziges Mikrofon stand zur Verfügung. Dieses wurde – für einmal – nur Stimmen von Schwarzen Menschen zur Verfügung gestellt.

Es war zutiefst ergreifend zu hören, was junge und ältere Afro-Basler*innen an Geschichten und Erlebnissen zu teilen hatten. Es wurde Verletzlichkeit, Kampfwille, Lebenslust und Menschlichkeit gezeigt und eine grosse weisse Menschenmenge hat für einmal einfach zugehört, Raum gegeben, sich zurückgenommen. Wir alle brauchen mehr davon.

Informiert euch, lest das Buch «Exit Racism» von Tupoka Ogette oder hört euch ihren Podcast an. Das Internet ist voll mit Artikeln zum Thema, an Ressourcen mangelt es nicht. 

Die weltweiten Demos zeigen deutlich die grosse Widerstandskraft, die in der Schwarzen Community durch die Black-Lives-Matter-Bewegung (gegründet von drei queeren Frauen) mobilisiert wurde.

Veränderung kommt. Unweigerlich. 

Begriffserklärungen:

¹ Weiss wird in diesem Text bewusst kursiv geschrieben, um deutlich zu machen, dass es sich um eine politische Beschreibung und nicht um eine Farbbezeichnung handelt.

² Triggerwarnung: Ein Warnhinweis, der Schwarze Menschen und People of Color darauf hinweisen soll, dass Begriffe benutzt und Situationen beschrieben werden, die Erinnerung an schmerzhafte Erfahrungen und somit auch negative Gefühle im Zusammenhang mit diesen Begriffen und Situationen auslösen können. Im Kontext von Rassismus kann allein das Aussprechen oder Aufschreiben bestimmter rassistischer Worte sehr negative Gefühle auslösen.)

³ Der Begriff «Schwarz» ist eine politische Selbstbezeichnung und wird in diesem Kontext bewusst gross geschrieben. Dadurch soll sichtbar gemacht werden, dass es sich nicht um das Adjektiv «schwarz» und somit nicht auf die Farbe bezieht. Der Begriff bezeichnet Menschen, die Rassismuserfahrungen machen.