«Wer kein ‹Tanzbändeli› hatte, durfte nicht tanzen»
Fritz Hirt blickt auf sein Leben, das er bis heute mit seiner Frau teilt. Der aktive Fasnächtler hat die Welt bereist und ist in den Langen Erlen tanzen gegangen. Der Morgenstraich fasziniert ihn bis heute, wie er Fotograf und Fotojournalist Thomas Rauch erzählt.
Meine Frau und ich haben uns bei einem Skiausflug meines damaligen Sportvereins, dem Wasserfahrverein Grossbasel-Ost, kennengelernt. Auch mein Vater war schon in diesem Verein.
Eines Tages kam ein Kollege vom Verein zu mir und sagte: «Wir gehen am Sonntag auf den Feldberg zum Skifahren.» Wir trafen uns am Aeschenplatz bei der Garage Scheidegger. Dann hiess es: «Fritz, wir müssen einen Platz freihalten, an der Mustermesse steigt noch ein Fräulein ein.»
Thomas Rauch ist selbständiger Fotograf und Fotojournalist aus Basel. Er hat sich unter anderem auf Portraitfotografie und Fotoreportagen spezialisiert. Für Bajour hat er verschiedene Menschen porträtiert und mit ihnen über ihr Leben gesprochen.
Die junge Dame setzte sich dann neben mich, und wir kamen ins Gespräch. Wir waren selbstverständlich per «Sie». Ich sagte zu ihr: «Sie heissen sicher Heidi.» Ganz erstaunt antwortete sie: «Ja, warum wissen Sie das?» Ich gestand ihr, dass ich ihren Namen auf der Etikette ihrer Sporttasche gelesen hatte.
«Wir hatten ein tolles Familienleben. Schöner hätte es nicht sein können.»Fritz Hirt
Das Wetter war schlecht und wir verbrachten den Tag daher im Restaurant. Aber auch das war schön. Eine Woche später war ein Handballturnier in Basel, und auch Heidi war wieder dabei. Seit diesem Tag sind wir zusammen. Es war der 16. Januar 1959. Zwei Jahre später, 1961, haben wir geheiratet.
Am Samstag gingen wir jeweils in die Lange Erlen zum Tanzen. Damals gab es noch die «Tanzbändeli». Wer kein «Tanzbändeli» hatte, durfte nicht tanzen. Das ist heute undenkbar.
Meine Frau und ich haben viele Reisen gemacht. Wir waren in Afrika, in Südamerika, und sogar in Hammerfest. Diese Reisen waren etwas ganz Besonderes. Überhaupt hatten wir ein tolles Familienleben. Schöner hätte es nicht sein können. Doch wie alles im Leben, ist auch diese Phase abgeschlossen.
Ich merkte, dass ich unsicherer wurde und viele Dinge nicht mehr alleine machen konnte. Irgendwann kam ich an den Punkt, an dem ich sagte: «Es geht nicht mehr.»
Meine Frau und ich haben uns entschlossen, in ein Altersheim zu ziehen, und wir bekamen ein Doppelzimmer. Es ist angenehm hier. Das Zimmer ist hell und in der Nacht ist es ruhig. Wir werden gut versorgt und es wird auf uns acht gegeben.
Zu meinen Söhnen habe ich ein gutes Verhältnis. Das Einzige, was ich den Jungs immer gesagt habe – und was mein Vater mir schon gesagt hat – war: «Es ist mir egal, was ihr später macht, aber zuerst wird eine Lehre gemacht.»
Wir sind eine Fasnächtlerfamilie. Ich war jahrelang Tambour bei der Basler Mittwoch-Gesellschaft. Ich war 1946 zum ersten Mal am Morgestraich. 1948 begann ich als Tambour. 1957 war ich in der RS und hatte tatsächlich Urlaub bekommen für den Fasnachtsmittwoch.
Unser damaliger Präsident der Clique hatte dem RS-Kommandant einen Brief geschrieben, es sei ein Tambour ausgefallen. Das war natürlich faustdick gelogen. Aber es hat funktioniert. Meine Frau ist mit meiner Schwester zusammen 25 Jahre bei einer Chaise mitgelaufen. Der Morgenstraich fasziniert mich bis heute. Dieses Jahr habe ich das Fenster geöffnet, bis ich die vier Glockenschläge gehört habe.
Wir hatten harte Jahre. Ich habe als EDV-Techniker bei der Arbeit nie auf die Uhr geschaut und meine Aufgaben erledigt, bis sie fertig waren. Erst dann ging ich nach Hause. Das war mein Pflichtbewusstsein. Als die Kinder noch kleiner waren, sind wir am Sonntag immer in den Zoo gegangen. Meine Frau hat währenddessen zu Hause gekocht und das Mittagessen vorbereitet. Um 12 Uhr waren wir dann zu Hause. Das war damals so. Wir haben gemeinsam unser Leben gelebt, und es war schön.