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Achtung Aluhut!

Angst und Unsicherheit als Basis der Verschwörungstheorien

Absurde Pseudo-Erklärungen über den Ursprung des Coronavirus haben momentan Hochkonjunktur. Warum fallen Leute darauf ein? Eine Studie der Uni Basel hat die Denkmuster, die das Glauben an Verschwörungstheorien begünstigen untersucht.

04/12/21, 02:44 AM

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Was ist wahr, was nicht? In der Informationsflut finden sich manche Menschen nicht mehr zurecht

Was ist wahr, was nicht? In der Informationsflut finden sich manche Menschen nicht mehr zurecht (Foto: Mika Baumeister via Unsplash)

Warum fallen Menschen auf Verschwörungstheorien rein? Die Psychologin Sarah Kuhn und ihre Forschungskolleg*innen an der Uni Basel haben für eine Studie 49 verschwörungstheoretische Aussagen zusammengestellt und eine anonyme Online-Umfrage für die Deutschschweiz und Deutschland konzipiert. Die Ergebnisse sind erstaunlich.

Mehr als die Hälfte der Teilnehmer*innen glauben, dass das Virus menschengemacht sei und misstrauen den offiziellen Erklärungen zum Ursprung des Virus. Und weniger als ein Prozent der Teilnehmer*innen gab an, an gar keine Verschwörungstheorie zu glauben.

Muss man sich Sorgen machen? Wir haben Sarah Kuhn gefragt.

Zur Person

Zur Person

Sarah Kuhn ist klinische Psychologin und Doktorandin an der Uni Basel. Dort erforscht sie Denkverzerrungen und feste Überzeugungen und ihre Auswirkungen auf die Psyche.

Sarah Kuhn, Sie haben mit einem Forschungsteam die Verbreitung und Akzeptanz von Verschwörungstheorien untersucht. Sie haben den Teilnehmer*innen 49 Aussagen vorgelegt. Was sind das für Aussagen?

Dass das Virus von den Regierungen oder vom Militär in die Welt gesetzt wurde, dass es dazu diene eine Massenüberwachung durchzusetzen, dass Jüd*innen das Virus erschaffen hätten, um die Weltwirtschaft zu stürzen oder dass Muslim*innen das Virus benutzen würden, um westliche Werte zu zerstören. Oder dass Bill Gates uns allen über die Impfung einen Mikrochip einsetzen wolle. Oder dass das Virus eine Waffe der Aliens sei, um die Menschheit auszulöschen.

Wie haben Sie diese Aussagen ausgewählt?

Wir haben uns auf die Auswahl der britischen Kolleg*innen gestützt. Diese hatten das Internet, inklusive Social Media durchsucht und die häufigsten Verschwörungstheorien gesammelt. Dabei wurde darauf geachtet, dass sich sowohl verschiedene religiöse wie ideologische Verschwörungstheorien darunter befinden, und auch aus dem rechten aber auch aus dem linken politischen Spektrum.

Welche fanden am meisten Zustimmung?

Aussagen, die auf Misstrauen gegenüber der Wissenschaft und den Behörden basieren und aus einer Skepsis resultieren. Mit am meisten Zustimmung finden Aussagen dazu, dass die offiziellen Erklärungen über die Ursache des Virus nicht stimmen würden zum Beispiel. Oder diejenige, die besagen, dass das Virus menschengemacht sei.

Welche am wenigsten?

Aussagen über eine jüdische Weltverschwörung als Ursache der Pandemie, über die Zerstörung der Menschheit oder auch über den Zusammenhang des Virus als angebliche Strahlenerkrankung mit der 5G-Technologie.

«Man kann Verschwörungstheorien als ungewöhnliche Ansichten abtun, aber sie können auch ernsthafte gesellschaftliche und persönliche Auswirkungen haben.»

Heisst das, auch für Menschen, die Verschwörungstheorien glauben, gibt es eher rationale und dann ganz absurde Theorien?

Die Neigung etwas zu glauben, hängt von vielen Faktoren ab, unter anderem auch davon, wie plausibel etwas erscheint. Nur hier wird es kompliziert. Neue Studien legen nahe, dass wir oft zu abgelenkt sind, um eine präzise Beurteilung einer Information vorzunehmen. Da viele Anhänger*innen von Verschwörungstheorien sich auch über Social Media Informationen zu diesen Theorien holen, besteht hier natürlich besonders die Gefahr, durch Ablenkung Informationen weniger zuverlässig nach ihrem Wahrheitsgehalt zu unterscheiden. Was eine gesicherte Information ist, lässt sich nicht immer sehr einfach feststellen. Und wenn dann Denkverzerrungen auftreten, kann die Anfälligkeit für Verschwörungstheorien weiter zunehmen.

Muss man sich Sorgen machen?

Nein, das würde ich so nicht sagen. Aber man muss das Phänomen dennoch weiter erforschen und beobachten. Man kann Verschwörungstheorien natürlich als ungewöhnliche Ansichten abtun, aber sie können auch ernsthafte gesellschaftliche und persönliche Auswirkungen haben.

Die wären?

Es gibt vermehrt wissenschaftliche Befunde, die darauf hinweisen, dass Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, tendenziell weniger bereit sind, behördliche Schutzmassnahmen zu befolgen. Das kann Konsequenzen haben für die Eindämmung der Pandemie.

Damit stünde unsere Gesundheit noch länger auf dem Spiel. Gibt es noch weitere persönliche Auswirkungen auf Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben?

Ja, man stellt auch einen Anstieg von Feindseligkeiten gegenüber gewissen Bevölkerungsgruppen fest. Rassistisches Verhalten gegenüber Chines*innen ist zum Beispiel bereits beobachtbar geworden, weil gemäss einigen Verschwörungstheorien China das Virus entwickelt und in Umlauf gebracht haben soll.

«Da Corona global Menschen betrifft, finden sich auch in Verschwörungstheorien Erklärungen, die eine globale Dimension haben.»

Sie haben Menschen aus der deutschsprachigen Schweiz und aus Deutschland befragt. Gab es Unterschiede?

Geringfügige. Im Bezug auf einige Aussagen zu Tests und zur Impfung gab es eine leicht grössere Zustimmung in der Schweiz als in Deutschland. Zum Beispiel bei der Aussage, dass Big Pharma das Coronavirus geschaffen habe, um finanziell von den Impfstoffen zu profitieren. 

Und wie erklären Sie sich das Schweizer Misstrauen?

Das könnte möglicherweise an der leicht höheren Impfskepsis in der Schweiz liegen. Die Unterschiede zwischen Teilnehmer*innen aus beiden Ländern waren jedoch klein, und man sollte diese nicht ohne weitere Untersuchungen interpretieren. Differenzen gab es zu einer vorausgehenden Studie aus Grossbritannien. Dort kursiert etwa eine Verschwörungstheorie darüber, dass die Elite das Virus benutze, um den Brexit zu stoppen. Oder, dass die Covid-Erkrankung des Premierministers Boris Johnson ein Fake sei. Diese Aussagen fanden in unserer Studie eine tiefere Zustimmung.

Verschwörungstheorien haben also regionalpolitische Variationen?

Die Bandbreite der verschwörungstheoretischen Aussagen ist gross. Dabei kann der nationale Kontext eine Rolle spielen, muss es aber nicht. Die Unterschiede, die wir in unserer Forschung beobachtet haben, sind eher klein. Da die Covid-19-Pandemie global Menschen betrifft, finden sich auch in Verschwörungstheorien Erklärungen, die eine globale Dimension haben. Das wird eventuell auch durch eine konkrete Denkverzerrung, der viele Anhänger*innen von Verschwörungstheorien unterliegen, verstärkt. 

Eine Denkverzerrung?

Die Pandemie hat weltweite Konsequenzen, also muss auch etwas Globales dahinter stecken: eine grosse Verschwörung.

Was muss man sich unter einer Denkverzerrung genau vorstellen? 

Wir verstehen in der Forschung darunter eine systematische Verzerrung in einem Denkprozess. Umgangssprachlich wird das auch als «Denkfehler» bezeichnet. Am besten lässt sich das an einem Beispiel erklären. Nehmen wir, um bei Verschwörungstheorien zu bleiben, die Proportionalitätsverzerrung: Wenn es etwas komplex ist – wie eine Pandemie –, muss es, so denken Menschen, die dieser Verzerrung unterliegen, eine grosse, bedeutsame Erklärung dafür geben. Andere Beispiele für solche Verzerrungen können sein, dass jemand zu Schlussfolgerungen «springt», obwohl zu wenige Informationen eingeholt wurden, oder das jemand systematisch die Informationen, die der eigenen Überzeugung widersprechen, ausblendet oder sich diese so zurechtlegt, um die eigene Haltung zu bestätigen.

«Wir gehen davon aus, dass Empfänglichkeit für Verschwörungstheorien bei diesen Menschen unter anderem mit Angst zusammenhängen könnte.»

Hängen Pandemiemüdigkeit, Frust über die Einschränkungen und wirtschaftliche Ängste mit der Bereitschaft an Verschwörungstheorien zu glauben, zusammen?

Das können wir aufgrund unserer Studie nicht beantworten. Wir haben jedoch untersucht, wie stark Denkverzerrungen bei den Teilnehmer*innen vorhanden waren. Bei einem grossen Teil der Anhänger*innen von Verschwörungstheorien war ein Zusammenhang da: Je stärker die Zustimmung zu einer Verschwörungstheorie, desto stärker waren die von uns untersuchten Denkverzerrungen. Aber es gab unter den Anhänger*innen auch Befragte, die kaum Denkverzerrungen aufgewiesen haben. Daher werden wir nun in weiteren Studien untersuchen, warum diese Menschen dennoch an Verschwörungstheorien glauben.

Haben Sie eine Vermutung?

Wir haben eine spekulative Überlegung: Wir gehen davon aus, dass Empfänglichkeit für Verschwörungstheorien bei diesen Menschen unter anderem mit Angst zusammenhängen könnte. Mit Angst meine ich eine ängstliche, verunsicherte Grundhaltung. Dies, weil diese Menschen bei der Befragung tendenziell nach mehr Informationen gesucht haben. Das könnte den Schluss zulassen, dass sie sehr unsicher waren und allgemein sehr viele Informationen erhalten wollten, ehe sie Entscheidungen treffen.

Also haben Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben einfach Angst?

Das könnte bei manchen Menschen unter gewissen Bedingungen eine Rolle spielen. Wichtig ist jedoch, dass es aus psychologischer Sicht nicht den oder die Verschwörungstheoretiker*in gibt, und dass es verschiedene Gründe und Wege gibt, warum sich eine Person diesen Aussagen zuwendet und sie auch beibehält.

Gab es Unterschiede je nach Alter, Geschlecht oder Bildungsniveau?

Wir konnten feststellen, dass jüngere Menschen und weniger gut ausgebildete Menschen eher geneigt waren, Verschwörungstheorien zu glauben.

Wie lässt sich das erklären?

Das müssen wir weiter untersuchen. Grundsätzlich kann man sagen, dass Menschen mit einem tieferen Bildungsniveau nicht sehr fit in analytischem Denken sind, was wiederum Verschwörungstheorien attraktiver erscheinen lassen kann.

Noch Fragen?

Was kann man ganz konkret machen, wenn jemand im Umfeld an Verschwörungstheorien glaubt oder droht abzurutschen? Wie soll man sich verhalten?

Als erstes: Man kann eine ganze Menge tun. Bei Verschwörungstheorien geht es um starke Überzeugungen eines Menschen. Am besten begegnet man seinem Gegenüber offen und empathisch. Zu sagen, du liegst falsch, nützt nichts, und kann dafür sorgen, dass sich die Fronten verhärten. Aber vielleicht könnte es helfen, mit folgender Haltung ein Gespräch zu suchen: Wir sind beide neugierige Menschen, versuchen, wir mal die Wahrheit, oder zumindest einen Teil davon, herauszufinden. Wer weiss, vielleicht sitzt man selber auch einer Denkverzerrung auf. 

Ok, leider kommt es nur selten zu einem Gespräch. Wie sollte ich es angehen?

Diese Fragen bringen viele Menschen weiter: Wie gehst du mit Informationen um? Wie bist du sicher, dass eine Quelle glaubwürdig ist? Für junge Menschen ist es auch wichtig, die Medienkompetenz im Umgang mit der Informationsflut und Fake News zu stärken: Hier gibt es auch Online-Spiele, eines ist Bad News. Wenn die Ideen zu Verschwörungen sehr gefestigt sind, könnte es auch helfen, wenn man versucht herauszufinden, ob die Person tiefgreifendere Sorgen hat, die die Zustimmung zu Verschwörungstheorien begünstigen. Allgemein sollte man die Betroffenen nicht belehren oder abschätzig behandeln, das führt zu nichts.