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«Aus Bueb hani nie grännet.»

08/23/20, 07:17 AM

Geschwister: Sascha und Saschas Schwestern. 
Foto: Anne Gabriel-Jürgens.

Geschwister: Sascha und Saschas Schwestern. Foto: Anne Gabriel-Jürgens.

Ich erinnere mich noch genau: Wir haben damals in der zweiten Klasse Teletubbies gespielt, ich und meine drei «Freundinnen» Delia, Sina und Khanitta. Ich musste Dipsy sein, denn ich war unbeliebt und niemand wollte Dipsy sein. Im Nachhinein bin ich mir sicher: Das war eine internalisierte rassistische Ablehnung. Dipsy ist das einzige Teletubbie of Colour.

Wir spielten also Teletubbies, hüpften umher, sangen den Theme-Song und hopsten eine*r nach dem*der andere*n über einen Gulli auf dem Pausenhof. «Tinkywinky – Dipsy – Lala – Po». Lala und Po lachten und hüpften an mir vorbei, als ich über meine langen, dürren Beinli stolperte und mir die Knie blutig aufschlug. Das sah aber sehr schnell so grausam aus, dass sie bald nicht mehr lachten, sondern Mitleid hatten. 

Aber ich war tapfer. Wie gesagt: Als Bub habe ich nie geweint. Ich dachte: Das sei was für Mädchen.

Ich war stolz, als mir meine Lehrerin, die Beine verarztend, erleichtert zusprach «gut, bist du so tapfer, du weinst ja gar nicht!». Sie genoss gerade ihre 10:15 Uhr-Pause mit Kafi und Gipfeli. Das war sicher irgendwie positiv gemeint, aber mit diesem Lob für vermeintliche Stärke internalisierte ich ein Stück toxischer Maskulinität. Ich wurde desinfiziert, bepflastert und hüpfte mit unterdrückten Schmerzen™ 10 min später wieder meiner unbeliebten Rolle als Dipsy hinterher. 

Aber aus Meitschi hanni füu grännet

Und daran erinnere ich mich noch genau. Ich habe geweint, weil ich aus Freundinnen-Kreisen ausgeschlossen wurde. Weil ich Dipsy spielen musste. Und ich habe auch weinen müssen, als ich einen Film über ein magersüchtiges Mädchen sah und mir das so sehr weh tat, dass sich jemand selber so weh tun konnte, weil diesem Mädchen zuvor weh getan wurde. Ich verstand das nicht: Warum gibt es Ungerechtigkeit? Ich war paralysiert, ich konnte nur weinen. Ich empfand weinen als erlösend, ich sang mir selber traurige Lieder zu, wenn ich nicht einschlafen konnte.

Als ich ein Mädchen war, war ich sehr froh, dass viele Menschen sorgsam mit mir umgingen. Ich war schliesslich ein sehr sensibles Kind. Ich hatte Angst vor Gräuelgestalten; ich hatte Alpträume von Voldemort, Tierquälerei, und Magersucht.

Aber als Bub ärgerte ich mich, dass zimperlich mit mir umgegangen wurde. Es wurden mir Mädchengeschenke gemacht, wenn uns ein Familienmitglied aus Tschechien oder aus den Niederlanden besuchte. Warum genau wird mir ein glitzriges Ketteli geschenkt? So wie meinen Schwestern. Sie sind doch die Mädchen von uns dreien?! Oder ein rosa Shirt mit Pailetten? Ich hätte lieber eine Käpselipistole oder einen muskelprotzigen Superhelden gekriegt! 

Ich fühlte mich stark dabei, wenn ich eine Nachbarskatze quälte oder Streiche spielte. Ich wollte Skateboarden und Boxershorts tragen oder Spiderman-Turnschuhe. Mädchenzeugs, das war peinlich und schwach. Immer diese Gefühlsduselei. 

Wenn ich mit meinen Schwestern unterwegs war, dann war ich der Bueb. Weil da spürte ich klare Abgrenzung, Mädchenzeugs war dort nicht mein Metier. Ich konnte anders sein als sie – ohne grossen Aufwand. Sie verkörperten «das Normale». Sie waren normale Mädchen. 

Foto: Anne Gabriel-Jürgens.

Foto: Anne Gabriel-Jürgens.

Wenn ich mich heute, als erwachsener Mensch, als politisches Subjekt verorte, sage ich immer wieder: «Ich wurde als Mädchen sozialisiert». 

Klar, das stimmt schon, denn ich lernte einige Dinge, die ich nicht gelernt hätte, wäre ich als Junge sozialisiert worden. Ich lernte z.B. meinen weiblich gelesenen Körper dick zu finden. Aber ich lernte auch, mich z.B. in andere Personen hineinzufühlen, zu erahnen, wie wohl ihre Perspektiven sein mögen. Das macht es mir bis heute möglich, mein Gegenüber besser zu verstehen und damit empathischer zu sein.

Indes sozialisierte ich mich hingegen auch selber: Ich schielte über den mir vorgesetzten Meitli-Teller und sah all die coolen Dinge, die Buben durften und fand dieses Menü viel attraktiver: Selbstbestimmung, Selbstvertrauen, Mut, Macht, Abenteuer, Entdeckungslust. Es war ja wohl 10 Mal cooler der Ritter zu sein, der sich am Drachen vorbeikämpfte, um die passive Prinzessin zu küssen und zu heiraten. 

«Frauen sind nicht dazu da, Quellen meiner Inspiration zu sein.»

Aber das Coole war ohne ein paar negative Aspekte nicht zu haben, Stichwort: Pflaster, Stichwort: nicht weinen. Ich internalisierte durch die Besetzung von Männlichkeit = Stärke einige misogyne (griechisch für «frauenfeindliche») Züge, die ich später aufarbeiten musste.

Ich musste zum Beispiel tatsächlich lernen: Frauen sind nicht nur dafür da, dass ich sie als Musen für mein eigenes künstlerisches Schaffen verstehe. Sie sind nicht die Quellen meiner Inspiration und sie sind auch nicht dafür da, damit ich mich mit mir selber auseinandersetze und meine Traumata aufarbeite – wofür ich sie, sobald sie das mit mir getan hatten, verliess, «weil sie mir zu nahe stehen».

Als ich realisierte, dass sich Muster toxischer Männlichkeit auch in meine Persönlichkeit eingetragen haben, hat mich das zunächst ziemlich erschüttert. Das muss 2015 gewesen sein.  

«Einerseits verstand ich mich als feministisch (...) Dennoch verhielt ich mich zur selben Zeit auch wie ein chauvinistisches Arschloch gegenüber meinen Partnerinnen.»

Sascha

Einerseits verstand ich mich als feministisch, weil ich viele Ungerechtigkeiten strenger wahrnahm als gleichaltrige cis Freundinnen. Mir fielen diese Ungerechtigkeiten auf, weil ich in den meisten heteronormativen Diskursen nicht mitmachte und mir darum «die Unterdrückung», die aus der klaren Verteilung in männliche und weibliche Codes und Verhaltensweisen hervorgeht, viel «früher» bewusst wurde.

So habe ich mit 20 aufgehört mich zu rasieren, worauf ich mir sowohl von cis Frauen als auch von cis Männern einiges anhören musste. Ich hatte auch keine einzige gleichaltrige Freundin, die das ebenfalls tat und dagegen ankämpfte. Dennoch verhielt ich mich zur selben Zeit eben auch wie ein chauvinistisches Arschloch gegenüber meinen Partnerinnen: Wenn sie mir zu nahe standen oder langweilten, verliess ich sie für eine neue Partnerin, die mich wieder inspirierte.

Als ich das realisieren musste, für mich war das heftig.

Eins ist mir noch wichtig, werte Leser*innen, Leser und Leserinnen dieser Kolumne: Ich habe die Erfahrungen und Beispiele in diesem Text bewusst sehr binär aufgedröselt. 

Also indem ich schrieb, wie ich mal Meitschi und mal Bueb war. Bekanntlich war ich immer ich: «Sascha». Als Kind bediente ich mich völlig unschuldig an den vorgegebenen Bildern. Und mal war eben das eine, mal das andere zutreffend. Denn ein «Dazwischen» als Option wurde mir nicht angeboten. Das heisst, ich schielte einfach hier und da mal hin und her und pickte heraus, womit ich mich identifizieren konnte. 

Und hoffentlich versuchen wir alle, egal ob trans oder cis, egal ob Enby, Mann oder Frau, über unsere «einfach so passierte», aber auch über die selbstgewählte Sozialisation nachzudenken. So wie ich, was toxische Männlichkeit anbelangt: Ich bin ihr immer noch und immer wieder ausgesetzt und nehme sie an mir wahr. Ich traue mir mehr Belastung zu, als ich tatsächlich auf meinen Schultern tragen mag. Das ist toxisch. Ich trinke manchmal lieber Alkohol, als über Gefühle zu reden. Manchmal kann ich auch erst dann über Gefühle reden, wenn ich Alkohol getrunken habe. Das ist toxisch. Ich halte mich manchmal für kompetent, wenn ich es nicht bin. Das ist toxisch.

Aber manchmal weiss ich auch, wovon ich schreibe, z.B. jetzt gerade.

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Die Fotos dieser Serie sind Arbeiten der freiberuflichen Fotografin Anne Gabriel-Jürgens. Sie lebt und arbeitet in Zürich und Hamburg und begleitet Sascha für ein Langzeitprojekt mit dem Titel «Outbetweeninside». Die Fotografin beschreibt die Arbeit als visuellen Dialog mit Sascha. Alle Bilder dieser Artikelserie sind Teil dieser Zusammenarbeit.

Foto: Anne Gabriel-Jürgens.

Foto: Anne Gabriel-Jürgens.