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#nonbinary

Wie merkt man eigentlich, dass man trans ist?

Und ab wann ist man trans genug? Es gibt viele verschiedene Arten, trans zu sein. Wie es – immer – verschiedene Körper gibt. Saschas neueste Kolumne für Bajour.

04/25/20, 08:27 AM

Aktualisiert 07/22/20, 06:46 PM

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(Foto: Anne Gabriel-Jürgens)

(Foto: Anne Gabriel-Jürgens)

«This is my voice on my first day of testosterone», quiekt die Stimme eines jungen trans Mannes. Er hat gerade zum ersten Mal eine Dosis Testosteron erhalten. Das Hormon, das sein Körper so nicht selber produziert. Auf diesen Moment hat er lange gewartet – und einen langen Weg bis hierhin zurückgelegt.

Schnitt.

«This is my voice one month on T.», geht das Video weiter. Schnitt.

«This is my voice two months on T.» Schnitt.

«This is my voice three months on T.» Langsam hört es sich nach einen Anflug von Stimmbruch an.

«This is my voice 6 months on T.». Erste dünne Barthaare zieren das deutlich virilere Gesicht.

Sein Grinsen wird bei jedem Schnitt breiter.

«This is my voice 9 months on T.»

Sein Gesicht zeigt nicht nur eine männliche Pubertät im Schnelldurchlauf, sondern sagt vor allem: Ich bin glücklich. Ich bin jetzt ich. Ich bin bei mir angekommen.

«This is my voice two years on T.», ended das Video. Würde ich dem jungen Mann jetzt auf der Strasse begegnen, ich würde ihm nicht ansehen, dass er trans ist. Ich würde ihn für einen attraktiven, jungen Mann halten, der nie mit Transphobie und falscher Zuschreibung kämpfen musste. Sähe ich ihn beim Skateboard fahren oder Basketball spielen, ich würde denken: Ja, so schaut das aus, wenn sich jemand im eigenen Körper gut fühlt.

(Foto: Anne Gabriel-Jürgens)

(Foto: Anne Gabriel-Jürgens)

Bestimmt haben Sie auch schon mal irgendwo ein Vorher-Nachher Bild einer Person gesehen, die eine Diät und Sport gemacht hat und dann gedacht: Das könnte/sollte/wollte ich auch! Das Problem bei diesen Darstellungen ist: Sie sind verlockend und versprechen das ultimative Glück.

«Wie merkt man das eigentlich, also, dass man trans ist?»

Das kennen auch manche der ratsuchenden Jugendlichen, die sich auf www.du-bist-du.ch von mir eine Online-Beratung wünschen. Ich berate dort junge Menschen seit vier Jahren – gerade jetzt in der Corona-Zeit kommen noch viel mehr Anfragen rein.

Die Ratsuchenden sind oft verunsichert. Etwa, warum sie solche Videos von jungen trans Männern so toll finden. Identifizieren sie sich vielleicht ein bisschen wegen ihrem burschikosen Ich damit? Oder sind sie wirklich trans? Und wie merkt man das eigentlich, also, dass man trans ist?

Manche beklagen sich auch darüber, dass sie selber nie so aussehen würden – selbst wenn sie transitionieren und Testosteron nähmen. Weil sie nicht in das Bild des dargestellten Ideals eines jungen trans Mannes passen. Weil sie klein sind. Oder dick. Oder unattraktiv. Oder etwa zu feminin für Männlichkeit? Und manche verspüren Druck: «Ja, muss ich denn jetzt auch Testosteron nehmen, wenn ich mich nicht als Frau identifiziere?»

«Ich schaue morgens nicht in den Spiegel und denke: Ich bin trans!»

Ich antworte dann üblicherweise: Ich weiss imfall auch nicht, wie ich trans bin. Weil so eine intrinsische Gewissheit, die habe ich auch nicht. Ich schaue morgens nicht in den Spiegel und denke «Ich bin trans!», oder bestelle ein Bier und denke «Ich bin non-binary».

Was ich spüre, ist einzig und allein: So wie mich die Gesellschaft gerne hätte, anspricht und einordnet und was sie dieser Kategorie zuschreibt, das trifft nicht auf mich zu. Schon als Kind mochte ich es nicht, ein Mädchen sein zu müssen. Ich spüre: Heute fühle ich mich wohler, zum Beispiel weil ich nicht mehr den Namen tragen muss, der mir bei Geburt zugewiesen worden ist.

(Foto: Anne Gabriel-Jürgens)

(Foto: Anne Gabriel-Jürgens)

Das ist schlussendlich das Einzige, was alle trans Menschen gemeinsam haben: Das ihnen zugewiesene Geschlecht stimmt für sie nicht.

Ich antworte der ratsuchenden Person: Wenn das auch auf Dich zutrifft und Du Dich mit dem Attribut «trans» wohlfühlst, fine! Das heisst noch lange nicht, ob und welche Angleichungen Du für Dich annehmen musst. Ich versuche zu ermutigen: Probier doch einfach mal nachzufühlen, womit Du Dich gut fühlst.

Sei experimentierfreudig und mach Dir keinen Druck.

Oft ergänze ich auch, wie ich mich damals vor meinem inneren Outing fühlte (das heisst, wenn man sich selber gegenüber eingesteht: «Ich bin trans». Oder «Ich bin bisexuell». Oder «Ich steh auf kitschige Einrichtung»). Ich hatte mich tatsächlich auch gefragt, ob ich wirklich trans sei.

Ich wollte ja erst auch so sein wie alle diese jungen glücklichen trans Männer in den unzähligen Youtube-Videos. Mit denen man meiner Meinung nach aber auch dazu verleitet werden kann, das alles etwas zu romantisieren. Und die dazu führen können, dass man sich schlecht fühlen kann, weil man diesen gezeigten Körpern nicht entspricht.

Ich möchte diese Videos aber nicht verteufeln: Es ist unfassbar toll, dass wir uns diese Verläufe ansehen können, dass es diese Videos und ihr medial aufbereitetes Glücksversprechen abrufbar gibt. Die Menschen darin können tolle und bestärkende Rollenbilder sein.

Denn sie zeigen uns nämlich auch:

Hej! Dieses Glück hat die Gesellschaft nicht für uns vorgesehen, aber wir dürfen uns das nehmen! Wir dürfen so sein, wie wir uns genau richtig fühlen! Und das ist ein verdammt gutes Gefühl.

Was ich mir jetzt noch wünsche, sind diversere Repräsentationen derjenigen Menschen, die das alles betrifft: trans Menschen of Colour, trans Menschen mit Behinderung, dicke, kleine und alte trans Menschen. Feminine trans Männer. Und auch solche, die zwar glücklich sind mit ihrer Transition, aber immer noch sagen dürfen: Ich bin zwar glücklicher, aber ich habe trotzdem Depressionen – und das ist auch okay.

Und dass unsere Gesellschaft offener wird: Damit man als Frau genauso burschikos wie als Mann zierlich sein darf, ohne deswegen die eigene Geschlechtsidentität hinterfragen zu müssen.