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Die vierte Welle

«Derzeit sind fünf Intensivbetten mit Corona-Patient*innen belegt – allesamt nicht geimpft»

Wir gehen wieder auf Konzerte, fliegen in die Ferien und vergessen mitunter ganz die Maske. Aber die Infektionszahlen steigen wieder. Kanton und Unispital sind sich einig: Die Impfung schwächt den Effekt der neuen Welle, aber Corona bleibt gefährlich. Ein Faktenüberblick.

08/20/21, 01:55 AM

Aktualisiert 08/20/21, 03:00 AM

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Eindrücke von der Intensivstation des Unispital Basel im Dezember 2020.

Eindrücke von der Intensivstation des Unispital Basel im Dezember 2020. (Foto: Keystone/SDA/Peter Klaunzer)

Letztens in der Beiz mit Kolleg*innen. Eine von uns steht auf und macht sich auf den Weg zum WC. Noch beim Gehen friert sie ein: «Aaah, stimmt, meine Maske!» Fast vergessen. Seit der Impfung sind viele entspannter geworden. Was vor ein einem halben Jahr noch undenkbar war, hat sich seit der Impfung bei mehr und mehr Leuten breit gemacht: Unbeschwertheit.

Trügt das wohlige Gefühl? 

Die vierte Welle hat schon längst begonnen, die Infektionszahlen steigen wieder, Basel steht schweizweit nicht gut da, liegt bei der 7-Tage-Inzidenz, also wie viele Fälle auf 100.000 Personen es in den vergangenen sieben Tagen gab, zeitweise auf dem dritten Platz, jetzt noch in den Top 5. Aber was bedeutet die Inzidenz, wenn ein Teil der Bevölkerung schon vollständig geimpft ist? Und was ist anders als letzten Herbst, als es nach dem Sommer anfing, wieder schlimmer zu werden?

Die vierte Welle ist am rechten Rand gut zu erkennen.

Die vierte Welle ist am rechten Rand gut zu erkennen. (Foto: Kanton BS/Screenshot)

Wir fragen bei Basels Kantonsarzt Thomas Steffen nach. Der deutliche Anstieg bei den Neuinfektionen sei «nicht unerwartet», sagt er. Das liege an den lascheren Schutzmassnahmen und der ansteckenderen Delta-Variante. Das klingt nach einer Wiederholung der vergangenen Wellen: Es wurde gelockert, die Fallzahlen gingen wieder nach oben.

Doch dieses Mal ist etwas anders. Wir haben die Impfung. Und dank der Impfung landen weniger Infizierte im Spital. Das zeigen auch die Zahlen, sagt Steffen. Die aktuelle Zahl der Neuinfektionen entspreche den Höhepunkten der ersten und dritten Welle in der Schweiz. Trotzdem liege die Anzahl der Spitaleintritte deutlich tiefer. Das sei «ganz erheblich auf die Impfung zurückzuführen», sagt Steffen.

Aber der Impffortschritt stockt. Die Quote liegt mit knapp 59 Prozent vollständig Geimpften in Basel niedriger als erhofft zu diesem Zeitpunkt. Für eine Herdenimmunität ist das viel zu wenig. Laut Infovac, einer Informationsplattform für Impfungen, müssen 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sein, damit auch die Ungeimpften geschützt sind. 

Auch Lukas Engelberger, Vorsteher des Gesundheitsdepartements Basel-Stadt und Präsident der Gesundheitsdirektorenkonferenz, warnt:  «Die epidemiologische Lage präsentiert sich im Moment sehr volatil. Der Effekt der Ferienrückreisen, des Schulbeginns sowie der Auswirkungen der Delta-Variante auf das epidemiologische Geschehen ist aufmerksam zu beobachten», sagt Engelberger. Die Kantone und der Bund müssten in der Lage sein, bei Bedarf rasch Massnahmen zu ergreifen. Heisst: Man beobachtet und wartet erst einmal ab.

Drängt sich die Frage auf: Kann man die vierte Welle überhaupt noch aufhalten? 

Thomas Steffen meint: «Die Frage ist im Moment eher, welche Stärke die Welle hat und was ihre Auswirkungen auf die Gesundheitsversorgung sind. Das ist schwierig vorauszusagen. Die Delta-Variante lässt sich auf die Länge aber kaum aufhalten. Entsprechend ist die Impfung nun so wichtig, um sich und andere zu schützen.»

Aber wie will der Kanton mehr Menschen zum Impfen bewegen? Anne Tschudin, Sprecherin des Gesundheitsdepartements kann noch keine konkrete Antwort liefern: «Wir haben die Situation nach den Ferien analysiert und werden uns bald dazu äussern, was wir im Kanton Basel-Stadt unternehmen, um noch mehr Menschen für eine Impfung zu gewinnen.» Mal schauen, ob es hier auch bald Bratwurst und Gutscheine als Anreiz für eine Impfung gibt.

Vor allem in der Gruppe der 16- bis 49-jährigen Basler*innen zögern noch viele, sagt Anne Tschudin mit Blick auf die Daten. Nur 50,8 Prozent dieser Kohorte sind bisher vollständig geimpft.

Vor allem in der Gruppe der 16- bis 49-jährigen Basler*innen zögern noch viele, sagt Anne Tschudin mit Blick auf die Daten. Nur 50,8 Prozent dieser Kohorte sind bisher vollständig geimpft. (Foto: Kanton BS/Screenshot)

Ungeimpfte Ferienrückkehrende auf Intensiv

Lassen wir mal die moralischen und politischen Aspekte aussen vor und konzentrieren uns auf die Zahlen. Die sprechen eindeutig für eine Impfung. Geimpfte sind beim Krankheitsverlauf im Vorteil, bestätigt Unispital-Sprecher Nicolas Drechsler: «Derzeit sind fünf Intensivbetten mit Covid-19-Patient*innen belegt – allesamt nicht geimpft. Auf Station liegen derzeit gut 20 Covid-Patientinnen und Patienten, auch hier die absolut überwiegende Mehrheit ungeimpft.» Drechsler schätzt, dass sich die aktuelle Dynamik noch zwei Wochen fortsetzen wird. «Da im Moment überwiegend Ferienrückkehrer, alle nicht geimpft, auf der Intensivstation liegen, gibt es eine gewisse Hoffnung, dass sich die Dynamik mit dem Ende der Ferienzeit abschwächt.»

Zwischen dem 20. Juli 2021 und dem 17. August 2021 registrierte der Kanton Basel-Stadt nach Angaben des Gesundheitsdepartements von 1149 neu mit Corona infizierten Personen lediglich 82 vollständig Geimpfte. Das sind etwas mehr als 7 Prozent. Und wer geimpft ist, steckt sich nicht nur seltener an, sondern landet auch eher nicht mit einer Corona-Infektion im Spital. In den vergangenen 4 Wochen wurden 24 in Basel-Stadt wohnhafte Personen hospitalisiert, davon war eine Person vollständig geimpft – sie war laut Departementssprecherin Anne Tschudin 84 Jahre alt und hatte Risiko-Vorerkrankungen. Die geimpfte Person musste nicht auf die Intensivstation verlegt werden und konnte genesen nach Hause entlassen werden.

Wie Steffen und Engelberger, betont auch Nicolas Drechsler die Wichtigkeit der Impfung – vor allem mit Blick in die Zukunft. «Diese vierte Welle ist aller Voraussicht nach nicht die letzte Covid-19-Welle. Für die zukünftigen Wellen lässt sich mit Sicherheit sagen, dass sie nur dann moderater ablaufen werden, wenn sich möglichst alle Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen impfen lassen.»

Solange nicht alle geimpft sind, brauche es weiterhin andere Vorkehrungen. Dazu gehören Tests, Contact Tracing, Maskenpflicht und gegebenenfalls ergänzende Massnahmen, sagt Kantonsarzt Thomas Steffen. «Sollte sich im weiteren Verlauf zeigen, dass dies nicht genügend möglich ist, müssten gegebenenfalls wieder erneute, stärkere Massnahmen ergriffen werden.» Dazu könnte eine Ausdehnung der Maskenpflicht und auch Zertifikatspflicht zählen. 

Hier hagelt es Fakten.

Die Zertifikate werden momentan vor allem bei Grossveranstaltungen verlangt und bei Flugreisen. Falls sich die epidemiologische Lage verschlechtert, erwägt der Bundesrat, den Einsatzbereich zum Beispiel auf Bars, Restaurants, Fitnesszentren und Veranstaltungen im Kultur- und Sportbereich auszuweiten. Zutritt hat dann nur, wer mit dem Zertifikat eines der drei Gs nachweisen kann – geimpft, genesen oder getestet.

Druck auf Ungeimpfte nimmt zu

Die Covid-Zertifikate dürften mit steigenden Fallzahlen damit noch wichtiger werden in den kommenden Monaten. Und sie sind schon jetzt Teil der Diskussion. Ab Oktober sollen Corona-Tests für Menschen ohne Symptome nicht mehr kostenlos verfügbar sein. Der Gedanke: Wer die Chance nicht nutzt, sich impfen zu lassen, für den will der Staat nicht mehr die Kosten übernehmen, um an ein Covid-Zertifikat zu kommen. Dies erhöht den Druck auf Ungeimpfte und soll der Impfquote einen Push geben. 

Das Basler Gesundheitsdepartement befürchtet jedoch, Betroffene könnten Symptome künftig vortäuschen, um weiterhin kostenlos zu einem Test und damit zu einem Zertifikat zu kommen. Das Departement erwägt deshalb nach einem Bericht der Basler Zeitung, das Zertifikat nur an Menschen auszuhändigen, die keine Symptome haben – selbst wenn ihr Corona-Test negativ ausfällt. So oder so: Geimpfte und Genesene bleiben im Vorteil. Thomas Steffen erinnert: «Wir können die neue Normalität nur gemeinsam erhalten und ausbauen.»

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