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Akku brennt

Generation Batterie – alle cruisen

Der Boom unter Trendfahrzeugen hält an. Wer fährt denn da und was geht hier eigentlich vor sich? Der gescheiterte Versuch einer Mitfahrgelegenheit.

07/01/22, 03:00 AM

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Leider kein Platz mehr frei: Das Trendmobil E-Scooter in freier Wildbahn.

Leider kein Platz mehr frei: Das Trendmobil E-Scooter in freier Wildbahn. (Foto: Daniel Faulhaber)

Wie kommt man mit Elektromobilen ins Gespräch? 

Wir hatten auf entspanntes Kennenlernen an der Ampel gehofft. Im Stillstand rüberlehnen, wir hätten da mal ne Frage. Aber das will sich nicht ergeben. Also fahren wir auf dem Velo durch die Stadt, und wenn irgendwo ein Elektroroller auftaucht, sprinten wir hinterher. Auf gleicher Höhe angekommen, die atemlose 20 km/h-Frage: 

Könntest du noch schneller, oder ist hier Schluss?

Von drüben die Antwort: «Bei Tempo 20 ist Schluss, ich werde heute nur noch langsamer.»

Ein mittelalter Mann, braungebrannt, Einkaufstasche zwischen den Beinen, sagt, der Akku sei fast leer. «Das Tempo ist mir egal, Hauptsache ich hab Wind im Gesicht.»

Wie weit bist du heute schon gefahren?

«20 Kilometer vielleicht. Hab gestern vergessen zu laden.»

Die Strasse steigt. Bevor die Puste weg ist, noch schnell die ganz grosse Frage: Bist du ein Pionier der Mobilitätswende?

«Bitte, nein. Ich brauche keinen ÖV und kann fahren, wo ich will. Alles andere ist mir egal.»

Er will jetzt rechts abbiegen, sagt er. Alleine. Darf man ein Foto machen?

«Nee, auf keinen Fall. Da werd ich doch ausgelacht.»

Am unteren Rheinuferweg fahren an einem Samstagabend im Juni zwei Jungs mit identischer Frisur auf einer Sky II mit herausnehmbarer Lithium-Ionen-Akku und 60 Kilometer Reichweite.

Aus dem Windschatten ransprinten, das Doppelgewicht macht das E-Mofa zum Glück langsam wie eine träge Hummel.  

«Wie weit geht's heute noch?»

«Zur Wettsteinbrücke. Dann heim nach Muttenz.»

Die Wettsteinbrücke ist steil. Reicht der Akku bis nach Hause?

«Vielleicht muss der da hinten beim Dreispitz absteigen», sagt der Fahrer.

Seid ihr die Avantgarde des Individualverkehrs?

«Ich versteh den ganz schlecht», ruft der von hinten nach vorne. 

Ob ihr Stress habt mit der Polizei?

Der am Lenkrad sagt: «Ich bin zum Glück erst einmal in eine Kontrolle geraten. Aber Kollegen von mir werden andauernd auf ihren Rollern kontrolliert. Dann heisst es, man darf nicht zu zweit fahren. Aber auf dem hier darf man zu zweit fahren.»

Der Fahrer zeigt mit dem Finger auf seinen Roller. Sie müssen dann auch langsam los, sagt er. Beide wollen lieber nicht fotografiert werden. Na dann, gute Fahrt. 

Weitere Aufholjagden bleiben ebenfalls ohne Erfolg. Niemand will sich fotografieren lassen. Ausser Kevin. Kevin ist am Freitagabend im St. Johann unterwegs und sagt ohne Umschweife: «Klar, mach ein Foto.» Das ist Kevin und seine Sky II. Eines der beliebtesten Modelle auf den Basler Strassen, wie sich herausstellen wird. 

Kevin und seine Sky II.

Kevin und seine Sky II. (Foto: Daniel Faulhaber)

Laut dem Importeurverband Motosuisse ist davon auszugehen, dass der urbane Nahverkehr innert kürzester Zeit komplett elektrifiziert sein wird. Treiber der neuen Mobilität sind die sogenannten «Trendfahrzeuge». Damit sind E-Trottinetts gemeint, die im Stehen gefahren werden sowie Elektroscooter, Fatbikes, Smartwheels, Singlewheels oder Hoverboards und sogar Gyropods, also Segways. 

Interessante Beobachtung aus der Branche: «Bei den Autos findet die Elektrifizierung von oben nach unten statt», sagt Markus Lehner, Mediensprecher von Motosuisse. Tesla als Pionier ist Rollmaterial für Reiche. Nach und nach kommen günstigere Modelle auf den Markt. 

Anders bei den Zweirädern. Dort machen Leichtmotorfahrräder mit der Entwicklung am schnellsten voran. Schwere Töffs sind grossmehrheitlich Verbrenner. Lehner: «Die Elektrifizierung der Zweiräder kommt von unten.» 

Ihre Vorreiterrolle wird den Lenker*innen allerdings nicht verdankt. Im Gegenteil. 

Zwar sind E-Töffli beliebt, aber für die Nutzer*innen dieser Fahrzeuge hat die Gesellschaft vor allem ein Gefühl reserviert: Hass. Gängige Vorurteile zum Fahrstil: Asozial. Umsicht: Inexistenz. Die FAZ hat die Nutzer von E-Scootern unlängst als «Kleinstädter auf Rädern» beschimpft. Im Fokus des Unmuts: Roller ohne Nummernschildpflicht. Man kann die Dinger kaufen wie ein Pack Spaghetti. Da fragt an der Kasse auch niemand, ob man kochen kann. 

Stimmung rund um Trendfahrzeug im Internet.

Stimmung rund um Trendfahrzeug im Internet. (Foto: Twitter/@florianklenk)

Wo Disruption ist, da ist der Backlash nicht weit.

Im Internet lassen sich bereits radikale Widerstandszellen gegen Batteriefahrzeuge beobachten. Auf Instagram gibt es einen Account, der von sich behauptet, auf einem «ewigen Kriegspfad gegen E-Scooter» zu sein. Er heisst e_scooter_nemesis und zeigt, wie E-Scooter, nun ja, angepisst oder angezündet werden. «Suck on it Scooterz.» Eine Studie des US-Tech-Magazin Quartz zeigt: E-Trottinetts leben im Schnitt 28 Tage. 

Was geht hier eigentlich vor sich? Ist wirklich alles schlecht? Zeit, die Elektroschrottschwemme in unseren Strassen mal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. In ein Strassencafé sitzen. Dem Verkehr zuschauen.

Kulturhistorisch komplett unterbelichtet ist bislang zum Beispiel

Die neue Zärtlichkeit 

Mit dem überwältigenden Erfolg der E-Trottinetts hat eine neue, zärtliche Geste Einzug gehalten im öffentlichen Raum, mit der man auf der Bühne des Strassenverkehrs nicht zwingend gerechnet hätte. Umarmung, Nähe, Fürsorglichkeit. Menschen, die zu zweit auf E-Trottinetts fahren, brauchen Halt, um nicht vom Trittbrett zu kippen.

Also hält sich die Person hinten mit um die Hüften geschlungenen Armen oder mit Griff an die Schultern an der vorderen Person fest. Die Polizei sieht das nicht gerne. Genauer genommen ist es verboten und wird mit Busse bestraft. Den Outlaws ist es egal. Verboten, aber sexy.

Ebenfalls neu und in dieser Aussergewöhnlichkeit verblüffend ist die

Generationenschmelze

Alte, mobilitätseingeschränkte Menschen und topfitte Jungspunde teilen neuerdings dieselben Fortbewegungsmittel. 500 Watt für alle. Denn gleichzeitig mit den neuen, nicht zulassungspflichtigen E-Mofas wird trendiges E-Rollmaterial für Rentner*innen auf den Markt geworfen. Alle fahren 20 km/h. Die grosse Harmonisierung kommt aus der Steckdose. 

Zeit, über Stil zu reden, zum Beispiel über

Den Battery Drip

Auf der Erlenmatte in Basel steht an einem Juniabend Erdem und Kollege Sascha mit einem Segway E110SE, ein Leichtrollermodell. Erdem hat eine Bauchtasche übergestreift und ein T-Shirt mit Los-Angeles-Print. Er trägt eine Goldkette um den Hals und über seinen Roller sagt er, er habe ihm ein neues Lebensgefühl beschert. 

«Früher bin ich mit dem Tram zur Schule gefahren, das dauerte 20 Minuten. Heute fahre ich mit dem Roller. Dauert 10 Minuten.» 

Uns fällt auf, dass gerade junge Verkehrsteilnehmer*innen diese Elektroscooter in ihren Style integrieren. Nicht nur in Basel, auch in der grossen Welt, wie dieser Beitrag bei Telezüri beweist. Wie würde Sahin seinen Stil bezeichnen?

«Bro, was ist das für eine Frage?» Kurze Beratung mit dem Kollegen. Dann die lachende Antwort:

«Battery Drip.»

Was gehört dazu?

«Man muss entspannt sein. Chillen. Ein Ketteli ist gut, kurze Hosen. Es soll nicht so aussehen, als würde man bei der Bank schaffen.»

Haben die beiden Freunde eine Clique, mit der er sich zum Cruisen verabredet? Ist E-Scooterfahren ein Gruppending?

«Es geht nicht so sehr ums zusammen herumfahren. Eher darum, rechtzeitig irgendwo zu sein».

Was heisst rechtzeitig?

«Na, einfach rechtzeitig, bevor etwas abgeht.»

Bei dieser Gelegenheit: Dürfen wir mal mitfahren?

Aber Erdem sagt, dazu sei er nicht in der Stimmung. Ein Foto vielleicht? Auch kein Foto, danke, schon rollen die beiden davon.

Im Unterschied zu den sogenannten Autoposer*innen, die sich mit den Autos gerne darstellen und fotografieren lassen, hat der leichte E-Scooter für Teenager Erdem und die anderen Lenker*innen offensichtlich keinen Vorzeigewert nach aussen. Die Scooter sind nicht wirklich cool, sie sind nur ironisch cool. Die meisten Fahrzeuge sind folgerichtig beschädigt. Hier fehlt ein Stück Chassis, da ist was abgebrochen. Mit Tipp-Ex sind Herzen und Pimmel auf die Falschledersitze gekrakelt. 

Kaputte Statussymbole und aufreizende Langsamkeit. Man darf das in Zeiten des Turbokapitalismus schon als Kritik interpretieren. Allerdings sind gar nicht alle so langsam, sagt 

Die Polizei

Die hat nämlich unlängst einen E-Roller geschnappt, der für 20 km/h zugelassen war, aber auf der Testrolle dann doch 70 km/h erreichte. Das schnellste in Basel kontrollierte E-Trotti fuhr gar 90 Stundenkilometer. Gefährlich. «Die Stabilität dieser Fahrzeuge ist für dieses Tempo einfach nicht gemacht», sagt Elias Bitterli, Verfahrensleiter des Ressort Kontrollen der Verkehrspolizei Basel-Stadt.

Seit 2020 werden in Basel-Stadt pro Jahr stabile 200 Anzeigen gegen Trendfahrzeuglenker*innen ausgestellt. Die meisten davon kassieren Elektroroller. Häufigste Gründe für Bussen sind zu hohe Geschwindigkeiten und mehr als 500 Watt Leistung. Problematisch aus Sicht der Polizei: Die Geschwindigkeitsdrosselungen vieler Fahrzeuge können leicht überwunden werden. Bei manchen Modellen muss man dazu nur einen Stecker ziehen. Bei anderen reicht eine Tastenkombination am Lenkrad. 

Dann kann es vorkommen, dass jemand in eine Polizeikontrolle gerät und hektisch am Lenkrad rumfummelt, um die Werkseinstellung zurückzukriegen, erzählt Bitterli vom Ressort Kontrollen. «Aber wir haben auf sowas ein Auge.» 

Der Polizist rät, sich vor dem Kauf bei mehreren Händler*innen parallel über das Wunschmodell zu informieren. Basistipp Bitterlis: «Die Leistung des Motors muss zum Beispiel immer gut sichtbar von aussen angeschrieben sein.»  Viele Lenker seien sich nicht bewusst, welche Leistung ihr Fahrzeug tatsächlich habe.  

Und das nervt, das nervt wirklich unheimlich fest, sagt

Der Handwerker Florian Nassi 

Nassi, der sich seit 13 Jahren in seiner Töffwerkstatt an der Hammerstrasse die Hände schmutzig macht, schwört auf Verbrenner. Weil das echte Maschinen sind mit Sound und Vibration und Gefühl. «Elektrofahrzeuge haben keine Seele», sagt Nassi. Man sei, was man fährt. Im Unterschied zu den Töffli-Gangs von früher wächst mit den E-Scootern keine nächste Generation von Schrauber*innen und Tüftler*innen heran. 

«Es macht einfach keinen Spass, einen Computer zu flicken.»

Hasst E-Scooter bis 2023: Florian Nassi.

Hasst E-Scooter bis 2023: Florian Nassi. (Foto: Daniel Faulhaber)

Zwei Dinge stören Nassi sehr: Einerseits die Ökobilanz der Elektromobile. Der Lithiumabbau für die Batterien führt in den Produktionsländern zu katastrophalen Umweltschäden. Andererseits ist Nassi vom Fahrverhalten der Elektrobande persönlich beleidigt. Weil deren Fahrstil den Ruf von Töfffahrer*innen wie ihm kaputtmache. «Sie fahren wie Wahnsinnige», knurrt Nassi. 

Einmal kam dem Motorradfahrer Florian Nassi jemand auf einer dieser tiefergelegten Harley-Imitaten mit dicken Rädern entgegen, einem sogenannten Fatbike. «Er trug Lederjacke, Helm, Stiefel, die komplette Montur. Aber dann 20 km/h auf dem Tacho.» Der Typ, so erzählt es Nassi, hatte dann die Unverfrorenheit, auch noch zu grüssen, wie es unter Motorradfahrer*innen üblich sei. 

«Da bin ich dann aber sauer geworden», sagt Nassi. Er hat trotzdem zurückgegrüsst. Mit dem Mittelfinger. 

Aber die Zeit spielt gegen den Mann mit den Tattoos und den schwarzen Händen. Das Europaparlament will ab 2035 keine Verbrennermotoren mehr zulassen. Florian Nassi wappnet sich und eröffnet kommendes Jahr ein neues Standbein, die Werkstatt FRo-41. Man wird dort Velos kaufen können. Und Elektroroller.  

Neue Arbeiter*innenklasse

Noch ein paar letzte Begegnungen im Stadtverkehr. Nicole trägt einen Velohelm. Aber fährt einen E-Roller vom Typ NeXT, der vom Händler als «Maserati unter den City Rollern» angepriesen wird. Auch dieser Maserati fährt 20, Nicole brauchte vor dem Gesetz gar keinen Helm. Sie trägt trotzdem einen, wegen der Sicherheit. Gerade hat sie mit dem Roller ihre Tochter von der Schule abgeholt. «Nach einem langen Arbeitstag in der Pflege mag ich nicht auch noch heimlaufen.»

Nicole müsste auf diesem Fahrzeug keinen Helm tragen. Sie trägt trotzdem einen.

Nicole müsste auf diesem Fahrzeug keinen Helm tragen. Sie trägt trotzdem einen. (Foto: Daniel Faulhaber)

Arbeit. Gutes Stichwort, denn folgenden Hinweis hat diese gescheiterte Mitfahrgelegenheit einmal quer durch die ganze Stadt dringend verdient: Die allermeisten Fahrer*innen von E-Scootern nutzen die Fahrzeuge nicht für den Lifestyle. 

Sondern zum Arbeiten. 

Es sind die Lieferant*innen, die uns auf dieser Recherche am allermeisten begegnen. Manche fahren eigene Fahrzeuge, andere solche des Arbeitgebers. Egal welches Wetter herrscht, die Lieferant*innen fahren. Auf den Schultern tragen sie grosse, viereckige Boxen, damit das Essen warm bleibt. 

Wir lassen sie fahren, belästigen sie nicht mit Fragerei. Ihr Job ist stressig genug. 

Ausserdem haben wir müde Beine. 

Ohne Helm und ohne Gurt

Bajour – jetzt einsteigen und Member werden.

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