Oppenheim Architecture wollte Epsteins Insel bebauen
Die Gemeinde Muttenz vertraut Oppenheim Architecture: Die US-Architekturfirma mit Basler Büro hat die Wasseraufbereitungsanlage und eine Wohnsiedlung am Bahnhof entworfen. Doch der Gründer geschäftete auch mit Sexualstraftäter Jeffrey Epstein.
Auf den Punkt:
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Wer durch den Hardwald in Muttenz wandert, wird irgendwann auf ein kantiges, erdfarbenes Gebäude stossen. Wie ein menschgemachter, kantiger Fels steht der Bau in der Landschaft. Darin befindet sich seit 2017 eine hochmoderne Trinkwasseraufbereitungsanlage. Schadstoffe werden dort so kleinteilig wie kaum woanders in Europa aus dem Wasser gefiltert. 19 Millionen Franken hat sich die Gemeinde das kosten lassen.
Entworfen wurde das Gebäude von der Firma Oppenheim Architecture. Die Architekturfirma des US-Amerikaners Chad Oppenheim hat ihren Hauptsitz in Miami, ein Schweizer Büro befindet sich in Basel – genauer gesagt in Münchenstein auf dem Freilager Platz, wo sich die Kantonsgrenze durch den Dreispitz zieht.
Die Wasseraufbereitungsanlage ist eine von wenigen öffentlichen Bauten, die Oppenheim Architecture gebaut hat. Die Architekturfirma entwirft sonst eher private Villen (wie in Oberwil), Apartmentbauten (wie an der Basler Leimenstrasse) – und international auch gern mal Luxusresorts. Dieser Aspekt ist wichtig zu erwähnen, denn er erklärt, warum auch der berüchtigte US-amerikanische Sexualstraftäter Jeffrey Epstein Interesse hatte, mit Oppenheim Architecture Geschäfte zu machen. Doch bleiben wir zunächst in der Region Basel. Genauer gesagt in Muttenz: bei der Arealentwicklung CoNext.
Beim Polyfeld zwischen FHNW-Campus und Bahnhof entstanden jüngst 109 Wohnungen (die meisten sind bereits vermietet) und 1’527 Quadratmeter Gewerbefläche mit Co-Working und Co-Living. Oppenheim Architecture erhielt 2020 den Zuschlag für den architektonischen Entwurf. Verkauft wurde das Areal damals von der Gemeinde Muttenz, dem Kanton Baselland und der Privateigentümer*innenschaft Leumann an die Swiss Prime Anlagestiftung, die Gesamtentwicklung übernahm die Bricks AG.
Zum Zeitpunkt, als Oppenheim Architecture dieses für die Gemeinde wichtige Projekt entwerfen durfte, war Jeffrey Epstein schon tot. Der Milliardär und Sexualstraftäter mit viel diskutierten Kontakten in die internationale High Society hatte zwischen 2016 und 2019 immer wieder Kontakt mit Chad Oppenheim. Das belegen die Epstein Files – eine öffentlich einsehbare Sammlung von Dokumenten, die das US-amerikanische Justizdepartement jüngst veröffentlicht hat.
Als Oppenheim und Epstein Kontakt hatten, war letzterer bereits seit zehn Jahren als Sexualstraftäter bekannt. Epsteins illegale Praktiken waren ab 2006 Gegenstand der Medienberichterstattung in den USA: Eine 14-Jährige zeigte ihn damals wegen Vergewaltigung an. Die Polizei fand bei einer Hausdurchsuchung Hinweise auf weitere sexuelle Kontakte mit Minderjährigen. Das Urteil lautete 2007 allerdings nicht auf Vergewaltigung sondern auf erzwungene Prostitution – ein viel milderer Schuldspruch. Epsteins Haftbedingungen waren sehr lasch, er hatte zwölf Stunden Freigang pro Tag. Nach knapp einem Jahr kam er frei.
Besuch auf der «Pedophile Island»
Im Januar 2016 kaufte Epstein für 17,5 Millionen Dollar die Insel Great Saint James auf den US-Jungferninseln. Bereits zuvor gehörte ihm die benachbarte Insel Little Saint James – diese ist in Medienberichten als «Island of Sin», «Orgy Island», «Pedophile Island» oder einfach «Epstein Island» bekannt. Die Insel ist Dreh- und Angelpunkt hundertfacher organisierter Kinderzwangsprostitution und Vergewaltigung Minderjähriger.
Chad Oppenheim hatte ab Sommer 2016 Kontakt mit Epstein. Ende August reisten er und der damalige Vizepräsident von Oppenheim Architecture, Christian Glauser Benz, für eine Übernachtung auf die Epstein Island. Das lässt sich durch die Fluginformationen im Mailverkehr in den Epstein Files belegen – und den darauffolgenden Austausch darüber, dass Oppenheim seine Sonnenbrille auf der Insel vergessen hatte. Das Ziel: Die Architekten sollten sich vor Ort ein Bild machen, um Epsteins neue Insel Great Saint James zu bebauen.
Am 30. August schickte Glauser Epstein eine Mail, gezeichnet von Oppenheim: «Lieber Jeffrey, danke dir vielmals für die Möglichkeit, dir zu helfen, dein Inselparadies zu schaffen.» Die Architekturfirma hatte ein Konzept erstellt, wie man die Insel bebauen könnte. In den Epstein Files findet sich auch eine auf den 2. September 2016 datierte Rechnung in Höhe von 100’000 Dollar, die Oppenheim Architecture für die Planung eines ersten Konzeptentwurfs für das «USVI Island Project» ausgestellt hatte. USVI steht für «US Virgin Islands».
Epstein liess lieber andere planen
Doch richtig in die Gänge kam das Projekt nicht. Christian Glauser fragte am 7. September 2016 per Mail, ob Epstein sich das Angebot schon angeschaut habe. Als Epsteins Assistentin die Anfrage intern weiterleitete, antwortete ihr Richard Kahn, Epsteins Buchhalter und enger Vertrauter, man sei derzeit mit einer anderen Firma in Gesprächen: Hart Howerton.
Recherchen zu Hart Howerton in den Epstein Files zeigen, wie umstritten es in Architekturkreisen damals bereits war, ein Bauprojekt für Epstein zu planen. Im Sommer 2017 schrieb Epstein dem befreundeten Investor Tom Barrack, dass er immer noch eine Architekturfirma für seine neue Insel suche und fragte nach Empfehlungen. Als dieser Hart Howerton empfahl, antwortete Epstein: «Ich glaube, sie dachten, dass mein schlechtes Urteilsvermögen und meine schillernde Vergangenheit für einige in ihrer Firma ein Problem sein könnten.»
Chad Oppenheim derweil hatte offenbar keine Probleme damit, mit Epstein zusammenzuarbeiten. Dass dieser schon längst nach anderen Architekturfirmen suchte, scheint Oppenheim nicht mitbekommen zu haben. Bis Frühjahr 2017 erkundigte sich Oppenheims Assistentin immer wieder bei Epsteins Assistentin, wie es um das Projekt stehe. Einmal erhielt sie die Antwort, dass man noch Probleme mit den Bewilligungen habe. Das entsprach auch der Wahrheit. Schon im April 2016 hatte Epstein von der Naturschutzbehörde der Jungferninseln eine Unterlassungsbusse für Bautätigkeiten auf der Insel erhalten.
Geplant war eine «private Ladies' Area»
Doch Epstein ignorierte das und plante munter weiter. Ende 2017 heuerte er die Architekturfirma Radyca an. Die Visualisierungen in den Epstein Files zeigen, dass er auf Great Saint James neben einem Kino und einem Spa auch eine eigene «private Ladies’ Area» mit mehreren Schlafzimmern und Pool plante (Details dazu bei Business Insider). Epstein feuerte Radyca im Juni 2018.
Chad Oppenheim hatte gemäss den Dokumenten im Mai 2019 noch einmal ein Lunch-Treffen mit Epstein. Im Juli 2019 wurde Jeffrey Epstein vom FBI verhaftet. Angeklagt wurde er wegen sexuellen Handlungen mit Hunderten Minderjährigen in den Jahren 2002 bis 2005. Bevor es ein Gerichtsverfahren geben konnte, wurde Epstein im August 2019 tot in seiner Zelle aufgefunden. Die Behörden gehen von Suizid aus. Eine Bebauung von Great Saint James wurde nie realisiert.
Was aber realisiert wurde, ist das CoNext-Areal in Muttenz. Ende 2025 wurden die Bauarbeiten an bester Lage in Muttenz abgeschlossen. In eine Geschäftsfläche ist eine Kita eingezogen, viele weitere Räume stehen noch leer. Als Oppenheim Architecture 2020 den Zuschlag für die Neubebauung erhielt, titelte Architektur Basel: «Monopoly in Muttenz». Das Architekturkollektiv kritisierte in dem Artikel, dass die damaligen Grundeigentümerinnen (die Gemeinde, der Kanton und ein Privater) sich offenbar nicht für die Bewerbung mit der höchsten städtebaulichen Qualität entschieden habe, sondern für jene mit dem höchsten Kaufpreis.
Bei der Bricks AG, die als Totalunternehmerin den Bau verantwortet, heisst es auf Anfrage, dass man keinen Kontakt zu Chad Oppenheim gehabt habe, sondern mit dem für Europa zuständigen Management. Eine weitere Zusammenarbeit sei derzeit nicht geplant.
Bajour wollte von der Gemeinde Muttenz wissen, ob ihr die Kontakte von Oppenheim Architecture zu Jeffrey Epstein bekannt waren – und welche Abklärungen zu den Architekturbüros im Vorfeld gemacht wurden. Die Kommunikationschefin schreibt, dass aufgrund der Skiferien derzeit mehrere potenzielle Ansprechpartner*innen abwesend seien. Ausserdem liege die Planung der Trinkwasseraufbereitungsanlage derweil so weit in der Vergangenheit – kaum eine der mitverantwortlichen Personen sei heute noch in der heutigen Funktion tätig. Eine Stellungnahme wäre also zum jetzigen Zeitpunkt nicht fundiert – man möchte «keine spekulativen Aussagen machen».
Fakt ist, dass der Leiter des Basler Büros von Oppenheim Architecture, Beat Huesler, in Muttenz gut vernetzt ist. Im historischen Dorfkern am Kirchplatz hat er ein altes Bauernhaus zu einem modernen Wohnbau umgebaut, in dem sich auch ein Ausstellungsraum für die lokale Bevölkerung und sein Muttenzer Architekturbüro befindet. Er ist Präsident der Konferenz der Gewerbe- und Industrievereine Baselland, wo sich Baselbieter KMU-Verbände austauschen. Zudem ist er Mitglied im Zentralvorstand der mächtigen Wirtschaftskammer Baselland.
Basler Büro distanziert sich von Oppenheim
Huesler und Oppenheim sind laut Auskunft bei Swiss Architects langjährige Freunde und Weggefährten. Entsprechend wollte Bajour von Huesler wissen, welche Kenntnis er von der Zusammenarbeit mit Epstein hatte und ob er versucht hat, zu intervenieren. Die Antwort kam mittels Anwaltsbüro Swiss Legal. Dort wird betont, dass das Schweizer Büro vollständig unabhängig von der amerikanischen Einheit arbeite. Man sei weder in deren Projekte noch in deren Mandate eingebunden noch an deren Projektauswahl oder Entscheidungsprozessen beteiligt.
Zu Oppenheims Kontakten zu Epstein schreiben sie: «Etwaige Kontakte der amerikanischen Gesellschaft zu Jeffrey Epstein waren der Schweizer Gesellschaft nicht bekannt. Oppenheim Architecture + Design Europe LLC distanziert sich ausdrücklich von jeglicher Form strafbaren oder unethischen Verhaltens und beteiligt sich grundsätzlich nicht an Projekten mit Personen, die wegen schwerwiegender strafrechtlicher Verfehlungen verurteilt wurden oder in entsprechende Sachverhalte verwickelt sind.»
Obwohl die Büros in Miami und Basel laut Swiss Legal unabhängig agieren, wird Chad Oppenheim sowohl bei der Trinkwasseraufbereitungsanlage als auch beim CoNext in Muttenz als Teil des Projektteams aufgezeigt. Die Rückfrage von Bajour, warum Oppenheim dort genannt ist, wenn die Büros keine «projektbezogenen Verbindungen» haben, blieb unbeantwortet.