«Der Kanton will uns gar nicht besser anbinden»
Früher musste man aus dem Gundeli raus, wenn man etwas erleben wollte – heute zieht es Auswärtige ins Quartier hinter dem Bahndamm. Architektin Barbara Buser hat mit dem Gundeldinger Feld die Quartiersentwicklung mitgeprägt. Ein Rundgang durchs Quartier.
Wenn das Gundeli eine eigene Gemeinde wäre – und das wird ja von einigen der knapp 20’000 Einwohner*innen des Quartiers gerne mal halb im Scherz, halb ernst ins Spiel gebracht –, würde sicher jemand auf die Idee kommen, Barbara Buser als Gemeindepräsidentin vorzuschlagen.
Ihr würde das nicht zusagen. Den Einfluss, den sie als Architektin auf die heutige Gestaltung des Quartiers hatte, beansprucht sie ungern nur für sich selbst. Lieber namedroppt sie all die Wegbegleiter*innen, die mindestens genauso viel fürs Quartier geleistet haben. Nicht immer nur sie – am liebsten würde sie Jüngeren das Spotlight überlassen. Buser ist jetzt 71.
Doch vor allem sind ihr Behördenapparate und Parteipolitik zu langsam. «Ich will einfach machen», sagt sie beim Kaffee am Tellplatz. Und gemacht hat sie einiges, das wird schon deutlich, wenn man nur schon einen kurzen Spaziergang durchs Quartier mit ihr macht. Zu fast jedem Gebäude kann sie eine Anekdote erzählen.
Barbara Buser (Jahrgang 1954) schloss 1979 ihr Architekturstudium an der ETH ab. Während der 80er war sie in der technischen Zusammenarbeit im Sudan und in Tansania tätig. Nach ihrer Rückkehr baute sie die Bauteilbörse Basel auf, bei der Bauteile wiederverwertet werden. In den 90ern begann sie gemeinsam mit Eric Honegger, schweizweit Umnutzungsprojekte umzusetzen. In Basel kennt man sie vor allem für das Gundeldinger Feld, die Alte Markthalle und das Unternehmen Mitte.
Sie erzählt dann zum Beispiel, wie sie dieses oder jenes Haus «gerettet» hat. Damit meint sie, dass man das Gebäude vor Abriss und Neubau bewahrt hat – zum Beispiel, indem man die Bewohner*innen dabei unterstützt, das Haus selbst zu kaufen oder eine Stiftung aufzutreiben. «Wir probieren, wo es geht, Spekulation auszubremsen», sagt sie, oder Alternativen zum Abbruch vorzuschlagen. Wenn das nicht gelingt, wie jüngst beim Haus der Ingenieure, dann ärgert sie sich.
Am liebsten spricht Buser von ihrer Arbeit in der Wir-Form. Das «Wir» ist jedoch fluid, denn damit sind immer andere Unternehmungen gemeint. Sicher 20 Firmen hat sie mitgegründet. «Je nach Projekt will ich andere Leute miteinbeziehen. Wenn es dann läuft, steige ich auch wieder aus», sagt sie.
In diesen Strassen ist Buser aufgewachsen, im umgebauten Haus ihres Urgrossvaters – in dem sie noch heute lebt. «Als Kind war das wunderbar im Quartier: Wir hatten die Kunsteisbahn, das Sonnenbad und haben auf dem Winkelriedplatz gespielt und im Margarethenpark geschlittelt. Und auch in der Bibliothek war ich jeden dritten Tag», sagt sie.
Als Buser erwachsen wurde, zogen immer mehr Schulkamerad*innen aus dem Gundeli weg. «Sie sagten: ‹Hier hat es so viele Ausländer, da kann man doch keine Kinder grossziehen.›» Für Buser, die schon immer weltoffen war, war das kein Thema. Und ihre Tochter hatte keine Probleme in der Schule. «Die Lehrer hier geben sich sehr viel Mühe.»
Vom 29. bis zum 31. August 2025 findet das Gundeli Fest im Quartier statt. Wenn wieder Konzerte auf dem Tellplatz stattfinden und das Quartier sich feiert, wollen wir nicht fehlen. Wir verlagern unsere Redaktions mitten ins Festgeschehen und sind mit unserer rosa Rakete vor Ort. Wir wollen der Quartierbevölkerung auf den Zahn fühlen: Was macht das Gundeli aus, von was braucht es mehr und von was weniger?
Darüber diskutieren wollen wir nicht nur vor Ort, sondern wie gewohnt auch digital bei unserer Frage des Tages.
Was aber stimmte: Früher musste man für zahlreiche Erledigungen, Freizeitaktivitäten und sogar zum Essen («Bis 2000 gab es keine anständige Beiz im Quartier», findet Buser) «über die Bahn», also auf die andere Seite des Bahnhofes. «Und bis heute gibt es ja kaum ernsthafte Bemühungen, das Gundeli mehr Richtung Stadt zu öffnen. Lange haben wir für eine gute, sichere Veloquerung gekämpft. Aber SBB und Kanton schieben sich seit Jahren die Verantwortung für eine bessere Anbindung hin und her.»
Doch das macht Buser nicht mehr stinkig, auch wenn sie sagt: «Man hat den Eindruck, der Kanton will uns gar nicht besser anbinden.» Aber sie hat sich abgefunden mit dem Inseldasein des Gundeli, sieht darin sogar Vorteile. Denn mittlerweile hat es im Quartier alles, was man braucht («nur ein Kino fehlt») – und mittlerweile kommen Basler*innen sogar andersrum «über die Bahn», um im Gundeli zu wohnen und ihre Freizeit zu verbringen.
Am Anfang war eine Fabrik
Das hat auch mit dem Gundeldinger Feld zu tun, das diese Entwicklung mit angestossen hat. Barbara Buser führt auf das wuselige Areal, wo zur Mittagszeit viel los ist: Nicht nur in den Bistros auf dem Gelände, sondern auch beim Indoor-Spielplatz, von dem Kindergekreische nach aussen dringt.
Kaum ist das Velo angekettet, muss Buser sogleich einige Leute begrüssen, denn hier kennen sie so gut wie alle. Der Gärtner freut sich so, sie zu sehen, dass er ihr direkt eine Ladung Weintrauben von den feldeigenen Reben abschneidet. «Das hier ist eine Oase, ein Dorf in der Stadt», schwärmt er.
Klar, Barbara Buser hat das «Betätigungsfeld» möglich gemacht, wo heute neben Gastrobetrieben, Ateliers, Büros und Handwerksbetrieben auch die Unser-Bier-Brauerei, eine Kletterhalle, ein Indoor-Spielplatz und eine Musik- sowie eine Zirkusschule Platz haben. Neben Weintrauben wachsen und gedeihen hier Ideen.
Die Idee des Gundeldinger Felds reifte vor 40 Jahren. Schon damals war Barbara Buser im Neutralen Quartierverein (NQV) Gundeldingen tätig. «Wir haben festgestellt, dass es viel zu wenig Freiräume im Quartier hat und haben überlegt, wo man noch welche schaffen könnte», erzählt sie. «Und schon damals haben wir an die Maschinenfabrik Sulzer-Burkhardt gedacht – wenn die mal aufhören, müssen wir da was machen.»
Als Franz Burkhardt Mitte des 19. Jahrhunderts seine Fabrik erbauen liess, war das Gundeli wirklich noch ein Feld: Es war der Obst- und Gemüsegarten der Stadt. Doch mit dem Bau des Bahnhofs entstanden «auf einen Chlapf», wie Buser sagt, auch Wohngebäude für die Eisenbahner*innen und andere – Freiräume wurden damals noch nicht mitgedacht. Innerhalb eines halben Jahrhunderts war rund um die Maschinenfabrik ein mittelständisches Wohnquartier gewachsen.
Industriecharme sichtbar machen
Das schränkte die Expansionsfantasien beim Winterthurer Industriekonzern Sulzer, der Burkhardt übernommen hatte, ein. 1999 stand dann in der Zeitung, dass Sulzer gedenke, die Produktion vollständig nach Winterthur zu verlagern und das Gelände zu verkaufen, um den Umzug zu finanzieren. Gemeinsam mit Irene Wigger und Eric, beide ebenfalls Architektinnen und Quartierbewohner, schrieb Buser einen Brief an Sulzer: Man wolle das Gelände kaufen. Zahlen würde man sofort, ohne auf einen Quartierplan zu warten.
«Wir haben ein bisschen geblufft: Wir haben einfach behauptet, wir hätten schon Investoren – wir dürfen aber noch keine Namen nennen», sagt sie und schmunzelt. Aber: Glauben kann Berge versetzen, das hatte Barbara Buser schon beim Umbau der Schweizerischen Volksbank zum Unternehmen Mitte in den Jahren zuvor gelernt.
Für das Gundeldinger Feld konnte sie den mächtigen Manager und damaligen CVP-Grossrat Rolf Soiron als Investor gewinnen. «Sein Name hat uns geholfen, weitere Investoren zu finden», erzählt sie. Am Ende hatte man 14 Millionen Franken für den Kauf und drei Private und drei Pensionskassen an Bord.
Was für ein Konzept Buser, Wigger und Honegger verfolgten, zeigt sich heute – 25 Jahre nachdem sie für einen symbolischen Franken das Bau- und Nutzungsrecht für fast ein Jahrhundert erhalten und in drei Etappen das Areal entwickelt haben – bei einem Rundgang über das Feld. Die industrielle Bausubstanz ist wo immer möglich, erhalten. Wenn ein Dach entfernt wurde, um mehr Freiraum zu schaffen, wurde es woanders als Wand wieder eingesetzt. Buser kämpfte dafür, dass das Treppengeländer des Turms in der Mitte rosten darf. «So passt auch das Neue besser zum Alten. », findet sie.
Und ganz wichtig war auch: Grünraum (denn der fehlt ja auch einigen im Quartier, wie bei einer Umfrage von Bajour deutlich wird). «Als wir die Fabrik übernommen hatten, gab es eine einzige Kiste mit einer Agave drin, und ein paar Geranien», erzählt sie. Also wurde als Allererstes ein Gärtner angestellt und es gab ein Zeitungsinserat, dass Pflanzen gesucht würden. Noch über Jahre hinweg brachten Quartiersbewohner*innen zu gross gewordene und nicht mehr genutzte Pflanzen auf das Feld.
«Wenn wir irgendwo ein Loch in den Boden machen mussten, haben wir das nicht zugemacht, ohne etwas zu pflanzen», sagt Buser. Guerilla-Begrünung quasi. Heute steht dort eine zwanzig Meter hohe Birke.
«Manchmal wird uns ja vorgeworfen, das Gundeldinger Feld habe den Anstoss für die Gentrifizierung des Gundeli gegeben.» Doch Barbara Buser wehrt sich dagegen, dass ein attraktiveres Quartier an Verdrängung schuld sei. «Das Problem sind Kleinspekulanten und Erbengemeinschaften, die nur Pinselrenovationen machen oder abreissen wollen, weil sich der Umbau wegen der Aufzonung auf fünfeinhalb Stockwerke nicht mehr lohnt.»
Und sie ist auch froh, dass sich etwas getan hat im Quartier. «Als ich hier aufgewachsen bin, konnten wegen dem intensiven Verkehr keine Kinder auf der Strasse spielen. Man musste die Kinder immer an die Hand nehmen, wenn man vor die Haustür ging.» Die hohe Verkehrsbelastung im Quartier war ein Grund für die günstigen Mieten.
Doch mittlerweile konnte der Quartierverein gleich mehrere Projekte durchsetzen, um den Verkehr zu beruhigen: Vorzugsspuren für Bus, Taxi und Velos, ein Nachtfahrverbot. «Und Tempo 30. Das habe ich aber selber erst gemerkt, als ich eine Busse gekriegt habe», sagt sie und lacht. Mittlerweile gibt es sogar während des Sommers ein Fahrverbot auf dem Tellplatz, wo wir uns wieder verabschieden. Buser muss weiter. Als Nächstes soll nämlich das Franck-Areal im Kleinbasel dem Beispiel des Gundeldinger Felds folgen.