Kopiert!

Interview mit einem Penis

«Früher verstand man meine Standing Ovations noch als Kompliment»

Alle reden über Dickpics. Jetzt nimmt erstmals ein betroffenes Geschlechtsteil Stellung.

05/05/21, 04:00 AM

Aktualisiert 05/05/21, 09:09 AM

Kopiert!
Das grosse (oder kleine) Bajour-Penis-Interview

Eine Stimme, die bisher nicht gehört wurde, stand für unsere Fragen bereit. (Foto: Karpi)

Der Verein #Netzcourage und ihre Geschäftsführerin Jolanda Spiess-Hegglin machen Schlagzeilen mit ihrem #NetzPigCock. Mit diesem Webtool lassen sich Strafanzeigen gegen die Absender von unerwünschten Penisfotos erstellen. Innert wenigen Tagen wurden auf diese Weise über tausend Anzeigen erstellt, 100 in der Region Basel allein.

Geht es den Dickpics jetzt an den Kragen? Ob die Opfer Gerechtigkeit erfahren, steht noch aus, aber durch die Aktion #NetzPigCock erhalten sie Unterstützung und ihr Anliegen eine gemeinsame Stimme.

Eine Stimme, die bisher noch nicht gehört wurde, ist die des Geschlechtsteiles selber. Wir haben beim Penis nachgefragt – und er stand für Fragen bereit.

Herr Penis –

Sagen Sie doch Johannes zu mir.

Lieber nicht. Herr Penis, Sie mussten in letzter Zeit viel Kritik einstecken – wie geht es Ihnen?

Bedrückt. Ich habe schon viele Shitstorms erlebt, teils aus nächster Nähe, aber die Kritik der letzten Tage hat auch mir zugesetzt. Ich trau mich kaum noch raus.

Waren Sie denn überrascht? Wussten Sie nicht, weshalb die Fotos von Ihnen gemacht wurden? Wem sie verschickt wurden?

Über den Sinn und Zweck der Photoshootings wusste ich Bescheid. Oft geschahen sie sogar auf meine Anregung hin. Die Fotos und deren Versand sind ja auch nichts Neues. Das gibt es seit Jahren. Die Reaktionen, die waren neu – und erscheinen mir hysterisch.

«Ich werde systematisch versteckt, klein gehalten.»

Penis

Zeiten ändern sich. Aber glauben Sie, dass der unerwünschte Empfang von Penisfotos jemals Freude auslöste?

Bei mir schon! (lacht) Und dass sich die Zeiten ändern, weiss ich auch. Deswegen interessiere ich mich sehr für moderne Kommunikationsmittel. Ich bilde mich weiter. Wann immer eine neue App oder ein neues soziales Netzwerk lanciert wird, bin ich der Erste, der dort auftaucht.

Fakt ist, Dickpics sind nicht nur sexualisierte Belästigung, sie sind auch strafbar.

Ach strafbar ist noch vieles... Flitzen im Fussballstadion ist auch strafbar, wird aber von allen gerne gesehen. Oder wie soll ich den tosenden Applaus sonst verstehen?

Sind Dickpics für Sie nur ein Kavaliersdelikt?

Wir sollten uns alle weniger aufregen. Grundsätzlich bin ich ja nur ein natürliches Körperteil – eines, das seit Jahren medial untervertreten ist. Ich werde systematisch versteckt, klein gehalten. Und wenn ich dann einmal aus dem akzeptierten Rahmen ausbreche, kommt gleich die Gutmensch-Guillotine. Ein penibler Akt der Cancel Culture! Und das in Zeiten von Bevölkerungsschwund und sinkender Fruchtbarkeit! Früher verstand man meine Standing Ovations noch als Kompliment. Und wer nicht will, muss ja nicht hinsehen. Haben wir keine grösseren Probleme als mich?

Wir scheinen einen wunden Punkt getroffen zu haben.

Das können Sie laut sagen. Immer auf die Kleinen!

«Dickpics sind für mich Ausdruck meiner Freiheit.»

Penis

Sie stellen sich gerne als das Opfer dar. Empfinden Sie denn keine Empathie für die Empfänger*innen von Dickpics?

Ich weiss schon, dass meine Präsenz niemanden kalt lässt. Und nicht jeder Gruss aus der Küche kommt so an, wie er gemeint ist. Ein Penis existiert nicht ohne Kontext. Er kann auch falsch verstanden oder instrumentalisiert werden. Und von diesen harten Straftätern will ich mich distanzieren, auch wenn das unmöglich ist. Wir hängen gewissermassen zusammen.

Können sie sich ein Leben ohne Dickpics nicht vorstellen?

Wissen Sie, ich werde nicht immer so fantastisch aussehen – auch ich werde älter und irgendwann äusserlich nicht mehr von einem Nacktmull zu unterscheiden sein. Wer weiss, wie viele Leute mich bis dahin noch zu sehen bekommen? Wenn ich auf moderne Kommunikationsmittel und Dickpics verzichten muss, bestimmt nicht mehr viele. Das macht mir Angst.

Karpi: Das männliche Glied

Ein Dickpic, anatomisch betrachtet. (Foto: Karpi)

Hat ein Dickpic nicht auch mit Macht zu tun?

Da regt mich ja schon die Frage auf. Typisch linke Moraldiktatur.

Was hat das jetzt mit Politik zu tun?

Sehen Sie es denn nicht? Dieser Hosenladen-Lockdown ist nichts anderes als eine weitere unnötige Zwangsmassnahme. Ihre heuchlerische Sexualmoral ist doch veraltet. Dickpics sind für mich Ausdruck meiner Freiheit, meiner liberal-libertären Grundhaltung. Das Mass ist voll! Ich will wieder Wind unter meinen Flügeln spüren!

Ich muss das Gespräch hier abbrechen. Haben Sie noch etwas hinzuzufügen?

Gerade nicht. Aber geben Sie mir ihre Handynummer, falls mir noch was Spontanes einfällt?

Nein.

Wird geladen