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Predigerkirche

Alte Musik, 100 Prozent lebendig

Basel gehört zu den europaweit – wenn nicht sogar weltweit – führenden Musikstädten. Die Konzertreihe «Abendmusiken Basel» macht diesem Ruf alle Ehre. Seit exakt zehn Jahren wird hier frühbarocke Musik mit teilweise unbekannten Komponist*innen geboten. Ein Gespräch mit den Mit-Initiant*innen Regula Keller und Jörg-Andreas Bötticher.

02/09/23, 04:00 AM

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Zu den Personen

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Jörg-Andreas Bötticher hat an der Schola Cantorum eine Professur für Cembalo, Generalbass und Ensemble. Regula Keller unterrichtet neben ihrer Konzerttätigkeit Violine an der Kantonsschule Wettingen und der Musikschule Frick.

Kennen Sie Grillo? Nicht Pepe, der Polteri, sondern Giovanni Battista, der venezianische Komponist des 16. Jahrhunderts. Nein? Macht nichts, nur wenige kennen ihn, ausser vielleicht ein paar Spezialist*innen der Alten Musik. Aber: Von denen gibt es in Basel an der Schola Cantorum doch einige.

Wir könnten locker Dutzende Namen weiterer wenig bekannter Komponisten aufzählen, wie etwa Peranda, de Rore, Bertali, Priuli, Sätzner, Eberlin, Rosenmüller … Diese wurden beispielsweise in den vergangenen zehn Jahren in knapp 120 Konzerten gespielt, wie selbstverständlich auch die bekannten Renaissance- und Frühbarockkomponisten wie Monteverdi, Schütz, Schein und Scheidt. Gemeinsam ist ihnen, dass diese Musik bei den «Abendmusiken Basel» auf höchstem Niveau geboten wird. Kein Wunder, ist die Predigerkirche an jedem zweiten Sonntag im Monat rappelvoll.

Bajour: Wie sind Sie auf diese Abendmusiken gekommen?

Regula Keller (RK): Die «Abendmusiken Basel» haben eine Vorgeschichte, die bis ins Jahr 2004 zurückgeht. In diesem Jahr haben wir (Albert-Jan Becking, Jörg-Andreas Bötticher, Kathrin Bopp, Liane Ehlich, Fanny Pestalozzi und ich) einen langgehegten Traum verwirklicht und das Projekt «Bachkantaten in der Predigerkirche» gegründet. Die Aufführung aller geistlichen Bachkantaten dauerte von 2004 – 2012.

Warum gerade die Predigerkirche?

Jörg-Andreas Bötticher (JAB): Ich bin dort Organist, ich kenne den Raum und die Akustik gut. Das Bach-Programm war von Beginn weg ein Grosserfolg. Wir hatten zuerst die Befürchtung, dass nur wenige Hörer kommen würden. Wir sind dankbar, dass die christkatholische Kirchgemeinde unser visionäres Projekt von Anfang an unterstützt hat und uns das Gastrecht gewährte.

RK: Wir waren wirklich überwältigt, dass so viele Zuhörer*innen und Musiker*innen sich für unser Projekt begeistern liessen. Ein unglaubliches Privileg.

War die Schola Cantorum mit dabei?

JAB: Ich habe zwar eine Professur an der Schola und unterrichte Cembalo, Generalbass und Ensemble, aber die Abendmusiken sind unsere private Initiative. Die Verbindung zur Schola war natürlich willkommen, aber sie ist nicht institutionell dabei.

Und was kam nach den Bachkantaten?

RK: Nachdem wir alle Kantaten gespielt hatten, trat die Frage auf, wie weiter? Einige Leute aus dem Publikum meinten: «Beginnt doch nochmals von vorne!» Das wäre eine Idee gewesen, aber wir entschieden uns für geistliche Musik des 17. Jahrhunderts, die bis heute noch viel zu selten gespielt wird. 

Hat sich in der alten Musik so etwas wie ein Basler Stil etabliert?

JAB: Inzwischen gibt es weltweit Orte, wo alte Musik seit Jahren praktiziert und studiert wird. Aber Basel spielte mit der Schola Cantorum schon immer eine Vorreiterrolle. Von einem Basler Stil würde ich nicht unbedingt sprechen, das hat sich diversifiziert. In der Mitte des 20. Jahrhunderts war es sicher so, dass man sich von einem falsch verstandenen postromantischen Aufführungsideal entfernte.

Radio

Hörtipp

Am 9. Februar2023 um 20 Uhr wird auf Radio SRF 2 Kultur ein Beitrag zum zehnjährigen Jubiläum der Abendmusiken ausgestrahlt. Ein Mitschnitt des Konzertes vom 8. Januar 2023 (Musik von Francesco Foggia, 1603 – 1688).

Und wie sieht es mit Ihrem Stil aus? 

Wir sind ständig daran, die Fragen der Aufführungspraxis weiter zu vertiefen und unseren Spielstil zu entwickeln, zusammen mit zum Teil langjährig mitwirkenden Musiker*innen aus Basel und aus ganz Mitteleuropa. Dazu kommt, dass wir hier in Basel ein treues Publikum haben. Dieses weiss, was es zu erwarten hat. Das unterscheidet sich von einem Konzert, wo man irgendwo hinfährt und vor einem unbekannten Publikum spielt.

RK: Die Zuhörer hier sind wach und aufnahmebereit. Sie begleiten uns treu weiter in unserem Abendmusiken-Projekt und sind mit uns neugierig auf die vielen unbekannten Komponisten. Das ist eine schöne Erfahrung!

Die Noten zu Bachkantaten zu finden, ist einfach. Jetzt spielen Sie aber Komponisten, deren Namen kaum jemand kennt. Wo finden Sie die Noten?

JAB: Wir haben mit bekannten Komponisten begonnen: Schütz, Schein, Scheidt. Dann haben wir begonnen, tiefer zu graben, Buxtehude, Weckmann, Schelle. Danach ging unser Fokus Richtung Italien, Habsburg, also Österreich, und Süddeutschland. So entwickelte sich das. Was wir zudem suchen, ist immer eine gewisse Unmittelbarkeit in der Beziehung von Text und Musik.

Und die Noten?

Frithjof Smith, Zinkenist und Mitglied unserer Kerngruppe, hat eine grosse Bibliothek und ich habe auch eine Sammlung. Heute ist natürlich viel über das Internet zu finden. Zum Beispiel die aus dem 17./18. Jahrhundert stammende Düben-Sammlung. Sie umfasst 2400 Titel und ist auf einer vorbildlichen Webseite komplett zugänglich. Da kann man nach Besetzung suchen, zum Beispiel Werke für einen Sopran, zwei Posaunen und Basso Continuo. Die Noten müssen jedoch aufgearbeitet werden. Diese aufwendige Arbeit übernimmt in unserem Team Katharina Bopp.

Eine Probe, pretty casual in der Anfangszeit (2013)

Eine Probe, pretty casual in der Anfangszeit (2013)

Erwähnenswert sind Ihre Programmhefte. Das sind wahre Abhandlungen. Biografien von Komponisten, musik- und politikhistorische Einordnungen, Fotos, alte Stiche, Portraits, Faksimile-Noten …

JAB: Dem Publikum solche Hintergrundinfos zu geben, ist uns sehr wichtig. Einer unserer Kerngruppe, Albert Jan Becking, hat uns als Historiker sehr stark unterstützt und über all die Jahre die Programmhefte gestaltet, jetzt hat die Musikwissenschaftlerin Eva-Maria Hamberger diese Aufgabe übernommen. Lateinische oder italienische Texte zu übersetzen und die Werke für ein heutiges Publikum zu kommentieren, ohne dass daraus eine musiktheoretische Analyse wird, ist sehr anspruchsvoll.

Sehr oft steht eine grosse Zahl von Musiker*innen auf der Bühne, manche sind herausragende Solist*innen. Wie finanzieren Sie das?

JAB: Mittlerweile können wir zwar keine fürstlichen, aber doch tarifübliche Honorare bezahlen. Wir finanzieren uns über grosszügige Beiträge von unseren Gönnern, Stiftungen und über die Kollekte. Bis heute ist es uns ein Anliegen, die Schwelle sehr niedrig zu halten, deshalb verlangen wir keinen Eintritt. Das Publikum ist sehr treu und über die Coronazeit sogar gewachsen.

Wie das?

Die Solidarität war überwältigend. Wir machen praktisch keine Werbung, da die Kirche ohnehin immer voll ist. Während Corona übertrugen wir Konzerte im Livestream, das hatte grosses Echo, auch von sehr weit weg. Aber solche Streams in guter Qualität sind sehr teuer, deshalb konzentrieren wir uns jetzt wieder auf die unmittelbaren Live-Konzerte. Staatliche Subventionen haben wir keine. Für die finanziellen Dinge sorgen Annemarie Fränkl-Knab und Gabrielle Grether.

Die Mitwirkenden kommen aus halb Europa. Sie müssen sich da gut organisieren.

JAB: Natürlich braucht es eine langfristige Planung. Zudem liegen die Proben und der Auftritt zeitlich ganz nahe beieinander. Dieser konzentrierte Probeprozess wird von den Mitwirkenden sehr geschätzt.

RK: Es ist schön, den vielen über ganz Europa verstreuten Musikerfreunden bei den Abendmusiken begegnen zu können. Wir freuen uns immer auf diese intensive Zusammenarbeit und den Austausch, der auch beim gemeinsamen Essen weitergeht.

Haben Sie Pläne für die Zukunft?

JAB: Unsere Wunschliste ist lang. Wir haben vor kurzem eine CD mit Musik von Balthasar Erben aufgenommen. Er wirkte in Danzig, Polen. Jetzt haben wir eine Einladung dorthin bekommen. Es wird sicherlich weitere CDs geben. Und gerne würden wir unser Repertoire auf andere Länder ausdehnen, wie etwa Spanien, Frankreich und England.

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Infos zu den Abendmusiken

  • Wann: Jeweils am zweiten Sonntag im Monat, 17 Uhr.
  • Wo: Predigerkirche Basel.
  • Wieviel: Eintritt frei, Kollekte.
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