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Interview mit Balz Herter

«Darf ich dazu schweigen?»

Balz Herter im Kandidaten-Schwitzkasten von Andrea Fopp über No-Go-Allianzen mit der SVP, Gratis-Tampons als Service public und die Sicherung der Renten – bis es ihm definitiv zu heiss wird.

08/23/23, 05:52 AM

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Zur Person

Zur Person

Balz Herter arbeitet in den Community Relations der Roche. Seit 2019 ist er im Grossen Rat, seit 5 Jahren präsidiert er die Mitte. Herter ist Meister der Ehrengesellschaft zum Greifen, ist gesellig und hat ein grosses Netzwerk. Nun tritt Balz Herter für die Stände- und Nationalratswahlen an. Man munkelt, Herter bereite sich damit auf den Zeitpunkt vor, wenn Lukas Engelberger sein Regierungsamt abgibt.

Balz Herter, Sie wissen, wie es läuft mit dem Gegenlesen?

Ja, das ist mir bekannt.

Dann los. Stimmt es, dass der nationale Mitte-Präsident Gerhard Pfister Sie hinterher zurückgepfiffen hat, weil Sie sich in der «BaZ» gegen die vielen Listen der GLP kritisch geäussert haben?

Nein, Gerhard Pfister hat sich nie bei mir gemeldet. Aber ich habe Anrufe von Wahlkampfleitern aus anderen Kantonen bekommen. Sie seien aktuell wegen Listenverbindungen am Verhandeln, unter anderem mit der GLP. 

Die Mitte ist Spitzenreiterin bei den Listen, sie tritt national mit über 1100 Kandidat*innen an.

Das ist mir bewusst, aber Basel tickt anders. Vor etwa sechzehn Jahren gab es riesige Diskussionen, damals hat die LDP eine Gewerbeliste gemacht. Das war ein ziemlicher Skandal in der Stadt, die anderen Bündnispartner fühlten sich desavouiert. Hier sind drei, vier Listen üblich, das ist Common Sense. Aber jetzt haben wir die Sache ja geklärt.

2017 sagten Sie «der bz», Sie wollten mit der SVP zusammen gehen. Erinnern Sie sich daran?

Ja, das war mein Antrittsinterview, kurz bevor ich Parteipräsident wurde. Damals war das Ziel, mit vereinten Kräften in die Zukunft zu gehen. Aber wenn man jetzt sieht, wie sich die SVP mittlerweile mit Ängsten politisiert, vor allem national, ist so ein Bündnis kein gangbarer Weg mehr.  

Ist vielleicht die LDP-Chefin Patricia von Falkenstein nach dem Interview zu Ihnen gekommen und hat Ihnen gesagt: «Wir gehen aber nicht mit der SVP zusammen!»

Nein, obwohl wir ein sehr gutes Verhältnis haben, lasse ich mich nicht von der LDP leiten. 

Alexander Preobrajenski

(Foto: Alexander Preobrajenski )

Werden Sie öfters gefragt, ob die LDP bei Ihnen den Ton angibt?

Eigentlich nicht. Die LDP ist halt der stärkste Partner in der Listenverbindung, daher sind sie auch ein bisschen der Taktgeber. Wir sprechen uns ab, aber das braucht es auch in einer Demokratie.

Gerhard Pfister positioniert die Mitte als vernünftige Stimme, welche sich von den extremeren Parteien am linken und am rechten Rand abgrenzt. In Basel ist die Stimme der Vernunft und des Anstands von der LDP besetzt. Wofür braucht es die Mitte?

Ich glaube nicht, dass die LDP die einzige Stimme des Anstands und der Vernunft ist.

Ist in Basel Ihre Mitte die Stimme der Vernunft?

Es kommt immer auf das Thema an. Man versucht überall Brücken zu bauen, Kompromisse zu machen. Sei das in der Finanzpolitik, sei es bei den sozialen Themen, die wir auch befürworten, solange es nicht im Giesskannenstil erfolgt. Es ist wichtig, dass das schwächste Individuum nicht zu kurz kommt.  

Die LDP will auch sozial sein für eine wirtschaftsliberale Partei. 

Wenn Sie die Sotomo-Analyse anschauen, die Bajour gemacht hat, sehen Sie, dass wir noch etwas linker sind als die LDP.

Das Grossrats-Rating 2012 bis 2022, erstellt von Sotomo im Auftrag von Bajour.

Das Grossrats-Rating 2012 bis 2022, erstellt von Sotomo im Auftrag von Bajour.

Aber in der Mitte des politischen Spektrums sind Sie trotz Ihres Namens nicht, dort ist die GLP.

Genau. Es kommt auf das Geschäft an. Und auf die Metriken, wie definiert man ein Geschäft links oder rechts? Nehmen Sie die gratis Damenhygieneartikel auf öffentlichen WCs, für die mich die «Weltwoche» drangenommen hat, – das ist ein gesellschaftspolitisches Thema, das für mich eigentlich nicht wirklich mit links oder rechts zu tun hat, sondern eher damit, ob man progressiver unterwegs ist oder nicht. 

Warum braucht es gratis Tampons und Binden auf öffentlichen Toiletten?  

Der Bedarf ist da. Früher war das ein Tabu, jetzt steht vor allem das linke Lager zum Thema. 

Warum sollte man das kantonal regeln? 

Mich geht es ja nicht viel an als Mann, aber ich finde trotzdem, dass man das Thema auch kantonal vorantreiben muss. Gratis-Artikel in öffentlichen Toiletten wären Service public, weil die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler dafür aufkommen.

Warum gerade Tampons? Man könnte ja auch sagen, Windeln sollen gratis werden. Wenn sich Familien Binden nicht leisten können, muss man bei den Sozialausgaben ansetzen. Einen Artikel rauszupicken und gratis zur Verfügung zu stellen, ist etwas willkürlich und systemfremd, nicht?

Ich glaube nicht, dass es systemfremd ist. Ich war kürzlich auf einer Unisex-Toilette in einem Restaurant, wo es die ganze Range gab: Hygieneartikel und Windeln.

Es steht ja jedem privaten Geschäft frei, das anzubieten.

Ja, aber auf öffentlichen WCs sollte das auch gemacht werden.

«Es ist Zeit, dass man inklusiv ist und alle Bevölkerungsgruppen mitnimmt.»

Balz Herter über den Genderstern

Wenn wir schon bei den Unisextoiletten sind: Wie stellen Sie sich zur Wokeness-Debatte? Die SVP macht jetzt sehr fest Wahlkampf gegen – wie nennen sie es – «Gender-Gaga»?

Von solchen Formulierungen distanziere ich mich, das braucht es nicht. Es ist Zeit, dass man inklusiv ist und alle Bevölkerungsgruppen mitnimmt. Das Unternehmen, in dem ich arbeite, benutzt heute schon den Genderstern. 

Die Roche schreibt mit Genderstern?

Ja, konsequent.

Muss man als Roche-Mitarbeiter*in den Genderstern benutzen oder darf man? 

Man darf. Aber alles, was offizielle Kommunikation ist, wird mit Genderstern geschrieben, also die Webpage, das Intranet, alle Mailings…

Und Sie begrüssen das?

Ja, ich finde das richtig. Aber ich habe auch Verständnis für die ältere Generation, die sich ein bisschen schwer tut mit diesem Schritt.

Sollte die Basler Verwaltung auch den Genderstern benutzen? Oder den Doppelpunkt?

In der Verwaltungssprache hat man generell ein bisschen ein Problem, dass vieles saumässig kompliziert geschrieben ist. Das sollte man allgemein barrierefreier gestalten.

Benutzen Sie als Parteipräsident bei Dokumenten der Mitte den Genderstern?

In Basel-Stadt benutzen wir ihn teilweise. National habe ich nicht den Überblick. 

Macht es Sinn, wegen einer verschwindend kleinen Minderheit, die weder Frau noch Mann ist, eine grosse Sprach-Reorganisation zu machen?

So eine grosse Reorganisation ist das nicht. Es geht darum, alle Menschen einzubinden, das ist ein Schritt Richtung Gleichstellung. Wichtig ist, dass man den Genderstern nicht obligatorisch macht. Jeder soll so schreiben, wie er möchte. 

Interview

(Foto: Alexander Preobrajenski )

Nun ist die Mitte nicht nur die Partei des Gendersterns, sondern auch der Ehe und der Familie. Sie sammelt aktuell Unterschriften für eine Steuerinitiative für Ehepaare. Können Sie erklären, wie diese funktioniert?

Momentan werden Ehepaare stärker besteuert als ledige Paare.

Bei der Bundessteuer.

Ja, wenn man heiratet und die Vermögen und Einkommen zusammenlegt, wird man steuermässig raufkatapultiert. Es ist problematisch, dass dort die kalte Progression greift, das diskriminiert das Konstrukt Ehe. 

Sie sprechen die sogenannte «Heiratsstrafe» an. Was wollen Sie dagegen tun?

Wir schlagen vor, dass man die beiden Steuersätze separat nimmt, ohne sie zu kumulieren, damit der Bogen der Progression nicht so wahnsinnig hoch wird. 

Was ist denn der Unterschied zu der Individualbesteuerung, die jetzt die FDP-Frauen und andere fordern?

Bei der Mitte-Reform gibt es nach wie vor nur ein Steuerdossier pro Paar, die beiden Vermögen werden einfach separat angeschaut. Bei der Individualbesteuerung dagegen wird jede Person einzeln besteuert. 

Heisst das, beim Mitte-Vorschlag würde ich als Frau weiterhin als Nebeneinkunft übers Steuerkonto meines Mannes laufen, sogar wenn ich mehr verdiene?

Genau. Die Mitte-Reform fokussiert auf das Paar, die Individualbesteuerung auf das Individuum. Letztere verursacht mehr bürokratischen Aufwand, weil es mehr Dossiers gibt. Aber ich unterstützte im Gegensatz zur nationalen Partei auch die Individualbesteuerung.

Was finden Sie besser? Die Idee der Mitte oder die Individualbesteuerung der FDP-Frauen?

Darf ich dazu schweigen?

Nein. Also doch, Sie dürfen natürlich. Im Interview steht dann einfach, dass Sie dazu nichts sagen wollen und das ist auch eine Antwort.

Also, ich habe Sympathien für beides, bin aber eher für die Individualbesteuerung, weil da jede Person einzeln angeschaut wird und für sich selbst verantwortlich ist. 

«Wenn mit dem neuen Wohnschutzgesetz sinnvolle Abbrüche wie in Riehen verhindert werden, einfach aus Prinzip. Was bringt uns das?»

Balz Herter über Wohnschutz

Ah, ein Mitte-Politiker freisinniger Prägung.

Nein, das wird ja beispielsweise auch von Sozialdemokratinnen unterstützt.

Stimmt. Progressiv wäre vielleicht das bessere Wort. Da sind wir wieder beim Thema.

Im Detail wird die Individualbesteuerung noch tricky, weil man sich überlegen muss, wie man beispielsweise gemeinsame Konten oder Liegenschaften verrechnet oder bei wem man die Kitakosten abzieht. Das Ganze hat noch Systemprobleme.

Solche Systemwechsel kommen noch einige auf uns zu, oder? Männer müssen Ehefrauen nach der Scheidung oftmals keine Alimente mehr bezahlen. Wenn man diese Eigenverantwortungslogik der Ehepartner*innen zu Ende denkt, müsste man auch das Rentensystem anpassen.

Das ist ein riesiger Rattenschwanz. Die Politik entscheidet manchmal Sachen und übersieht den Gesamtkontext. Das sehen wir in Basel aktuell bei der Wohnpolitik. Die Bevölkerung wollte günstige Mieten, das möchten wir alle. Aber wenn jetzt mit dem neuen Wohnschutzgesetz sinnvolle Abbrüche wie in Riehen verhindert werden, einfach aus Prinzip. Was bringt uns das?

Sie sprechen die BaZ-Berichterstattung an. Bei den besagten Häusern an der Rainallee ist nicht ganz klar, wer wo blockiert hat. Ob es das Gesetz oder die Wohnschutzkommission oder das Bauinspektorat war…

… wahrscheinlich alle.

«Ich bin kein Fan von Rentenalter 66.»

Balz Herter über die AHV.

Bleiben wir bei den nationalen Themen und reden wir über die Altersvorsorge. Glauben Sie, die Kinder von heute werden im Alter noch eine anständige Rente bekommen? 

Schwierig. Wir haben eine Überalterung, es gibt immer mehr über 65-Jährige, welche das System tragen muss. Und es sind weniger Menschen da, welche die Renten finanzieren können. 

Was wollen Sie dagegen tun? Das Rentenalter auf 66 erhöhen, wie es die Jungfreisinnigen und andere wollen?

Ich bin kein Fan von Rentenalter 66. Jetzt haben wir erst grad das Rentenalter der Frauen dem der Männer angeglichen. Aber man wird sehen müssen, wie man die Renten finanziert. Dazu kommen noch weitere Herausforderungen, wie zum Beispiel der Fachkräftemangel…

Die Gewerkschaften warnen, dass die Rentner*innen aufgrund des Kaufkraftverlusts etc. bis 2024 eine ganze Rente weniger im Portemonnaie haben. Sie fordern eine dreizehnte AHV-Rente. Was sagen Sie dazu?

Das ist ein Thema. Man muss schauen, wie man das finanziert. Die Mitte hat auch bei der AHV eine Initiative am Laufen. 

Worum geht es?

Wenn man verheiratet ist oder seine Partnerschaft eingetragen hat, bekommt man zu zweit nur anderthalb Renten, auch wenn beide gearbeitet haben. Das wollen wir ändern.

Wieviel macht das pro Monat aus?

Den Frankenbetrag weiss ich nicht auswendig, aber es macht schon einen Unterschied, wenn man nur eineinhalb Renten hat statt nur zwei.

Sie wollen also lieber die Renten für Ehepaare erhöhen, statt allen Rentner*innen eine dreizehnte AHV auszuzahlen?

Ja, wieder werden Paare benachteiligt.

(Foto: Alexander Preobrajenski )

Bei der Witwenrente werden dafür die Ledigen diskriminiert, welche die Witwenrente mitfinanzieren. Und die Witwer erhalten nur Geld, bis die Kinder volljährig sind. Die Witwen ein Leben lang.

Auch dort braucht es Anpassungen. Ich glaube, es braucht eine Systempflege – Ungleichheiten müssen beseitigt werden.

Wie würden Sie die Systempflege angehen? Die Rente der Witwer ausbauen? Oder die Witwenrenten ganz abschaffen?

Nein, die Witwenrente so anpassen, dass Männer nicht mehr diskriminiert werden.  Ganz abschaffen würde ich sie nicht, sonst geraten Familien in Not. 

Sie haben es vorher gesagt: Die Bevölkerung hat letztes Jahr beschlossen, das Frauenrentenalter dem der Männer anzupassen. Die Bürgerlichen haben während des Abstimmungskampfes versprochen, dass dafür die Frauen nachher in der Pensionskasse besser gestellt werden. Die entsprechende Reform ist nun durch das Parlament, wir werden darüber abstimmen. Sind Sie zufrieden mit den Resultaten? 

Ich denke schon, dass es so stimmt, wie es jetzt ist, und bin gespannt, wie das dann herauskommen wird.

Haben die Bürgerlichen ihr Versprechen gegenüber den Frauen eingehalten? Die Linken haben das Referendum ergriffen. Sie argumentieren, die Reform sei unfair, weil Frauen mit Kleinsteinkommen mehr einzahlen, als sie später bekommen.

Ich weiss nicht, ob es dann wirklich so ist. Ich bin nicht der Top-Crack auf dem Gebiet.

Ich wollte mit Ihnen jetzt noch über die heiklen Punkte der Reform wie Eintrittsschwelle, Koordinationsabzug und Umwandlungssatz reden.

Ich bin nicht so der Rentenspezialist.

Dann eine andere Frage: In der AHV kriegt man ja Betreuungsgutschriften, wenn man Kinder oder betagte Eltern betreut und deshalb sein Pensum reduziert. Sollte man das in der Pensionskasse auch einführen?

Ja, das fände ich sinnvoll.

Wer würde das zahlen? 

Die Pensionskassen, schlussendlich.

«Es ist einfach nicht mehr sexy, eine Lehre zu machen. Das hat sehr viel mit der Erziehung zu tun, dass die Eltern unbedingt wollen, dass ihre Kinder studieren.»

Balz Herter zum Arbeitskräftemangel

Gerhard Pfister betonte kürzlich gegenüber Tamedia, bei 90% der Einwanderer*innen handle es sich um Personen, die via Freizügigkeitsabkommen herkommen, um zu arbeiten. Wo sehen Sie die Chancen der 10-Millionen-Schweiz?

Wir brauchen nicht nur Fachkräfte, sondern auch Arbeitskräfte. Schauen Sie, wie sehr die Gastrobranche Mühe hat, Leute zu finden. Das funktioniert eigentlich fast nur über die Zuwanderung. Auch in der Berufslehre hat man Mühe: Es ist einfach nicht mehr sexy, eine Lehre zu machen. Das hat sehr viel mit der Erziehung zu tun, dass die Eltern unbedingt wollen, dass ihre Kinder studieren.

Hat diese Erziehung etwas mit der Herkunft zu tun oder wo sehen Sie den Zusammenhang mit der Zuwanderung?

Die Bemerkung zu den Lehrstellen hat sich nicht auf die Zuwanderung bezogen. Was diese angeht, müssen wir die Infrastruktur ausbauen, beispielsweise den Verkehr, die Bahn, das Strassennetz. Das benötigt Investitionen. Jetzt am Wochenende habe ich gerade wieder gemerkt, wie sehr das System an einer Linie hängt. Der Gotthard ist blockiert, und fast der ganze Schweizer Zugverkehr kollabiert. Hier müssen wir vorwärts machen. Man sieht ja beim Herzstück, wie lange das gehen kann. Ebenso beim Rheintunnel.  

Sie wollen also investieren. Was noch?

Man muss auch die Drittstaatenkontingente erhöhen. Oder gleich ganz abschaffen. Es kann nicht sein, dass unsere internationalen Firmen in Basel im Frühling schon sagen müssen: Wir können leider keine Fachkräfte aus dem Ausland holen, unser Kontingent ist schon aufgebracht.

Warum bilden wir diese Fachkräfte nicht selbst aus?

Gewisse Erfahrungen sammelt man in spezifischen Firmen, die ihren Sitz woanders haben. Aber ich gebe Ihnen Recht, die Schweiz muss vorwärts machen, gerade was etwa die Informatik betrifft.

«Man soll auf die Menschen schauen, die es nötig haben.»

Balz Herter über Ausschaffungen.

An gefühlt jedem zweiten Basler Wirtschaftsapéro wird eine Stärkung der Digitalisierung gefordert. Zürich zieht grosse Firmen und Start-ups an. Können wir da mitziehen?

Die Mitte hat im Grossen Rat gerade einen Vorstoss eingereicht, dass die Universität Basel mit einer IT-Fakultät gestärkt wird. Das brauchen wir. Aber klar, es gibt einen Standortwettbewerb, ja. Das ist jetzt halt wieder ein lokales Thema. 

Kann der Staat überhaupt etwas bewirken im Bereich digitale Innovation?

Man muss ab und zu auf die Problematik hinweisen, das reicht manchmal schon, dass ein bisschen was passiert. Man kann nicht einfach einen Studienbereich aufbauen, den nachher niemand besucht. 

Möchten Sie noch einen Schluck Wasser?

Das wäre ein guter Plan.

Die FDP möchte Eritreer nach Rwanda bringen, weil Eritrea abgewiesene Asylsuchende nicht zurücknimmt. Der Ständerat hat einem entsprechenden Vorstoss zugestimmt.

Das sehe ich jetzt nicht.

Warum nicht? Rwanda nimmt sie gerne auf. 

Das klingt nach «aus den Augen, aus dem Sinn», das ist nicht das Mindset, nach dem ich lebe.

Was ist Ihr Mindset?

Man soll auf die Menschen schauen, die es nötig haben. 

(Foto: Alexander Preobrajenski)

Im Juni ist ein Schiff mit hunderten von Geflüchteten vor Griechenland untergegangen. Derweil hat die Schweiz das Resettlement-Programm gestoppt. Sollte die Schweiz das Programm wieder in Kraft setzen? Oder gar ausbauen, wie es Flüchtlingsorganisationen möchten?

Das ist tragisch. Wir haben eine humanitäre Pflicht, so viele Menschen wie möglich aufzunehmen. Aber das Thema muss man mit der gesamten EU anschauen und dafür sorgen, dass Geflüchtete so schnell wie möglich einen Asylentscheid erhalten.

Andere Frage: Frauenorganisationen weisen darauf hin, dass Opfer häuslicher Gewalt sich häufig nicht zur Polizei trauen, wenn ihr Aufenthaltsstatus an den ihres Mannes geknüpft ist. Was ist die Lösung der Mitte für dieses Problem?

Diese Frauen sollten das Aufenthaltsrecht bekommen, es ist ein No-Go, dass sie sich nicht zur Polizei trauen, aus Angst, bei einer Scheidung ausgewiesen zu werden. 

Was hat die Mitte im nationalen Parlament eigentlich zum Kredit für mehr Containersiedlungen von Elisabeth Baume-Schneider gesagt? 

Ich bin gar nicht sicher.

Ich meine, die Container seien auch an Stimmen von der Mitte gescheitert.

Ich hätte Ja gesagt. Wir müssen neue Infrastrukturen schaffen und über Container-Lösungen ist es am einfachsten. Und man muss versuchen, die Gastfamilien auch für Geflüchtete aus anderen Ländern als der Ukraine einzusetzen. Die GGG in Basel versucht das ja.

«Falls die Mitte die FDP überholt, sollte sie ihren zweiten Bundesrat angreifen.»

Balz Herter über die Zauberformel.

Wenn die Mitte die FDP überholt im Herbst, hätte sie arithmetisch einen zweiten Bundesratssitz verdient. Und die Grünen schielen auch auf einen Sitz. Wie fänden Sie einen Bundesrat aus zwei SVPlern, einer Freisinnigen, zwei Mitte-Politiker*innen, einer Sozialdemokratin und einem Grünen? 

Jä. 

Wie klingt das in Ihren Ohren?

Das klingt speziell. Wir haben uns an die aktuelle Zauberformel gewöhnt. Wenn wir einen zweiten Bundesratssitz hätten, würde mich das freuen. 

Also wären Sie bei einem guten Resultat dafür, die FDP anzugreifen?

Ja.

«Ich habe jetzt grad auch eine absolute Vollscheibe, es ist mir, glaube ich, einfach zu heiss.»

Balz Herter über die Erfolge der Mitte BS

Und bei den Regierungswahlen? Die Mitte hatte bei den letzten kantonalen Wahlen nur einen Wähleranteil von 6.3 Prozent. Grüne und Basta hatten zusammen 16.6 Prozent. Wären Sie allenfalls bereit, den Sitz von Lukas Engelberger an Sibel Arslan oder Jo Vergeat abzugeben, wenn Engelberger einmal nicht mehr antritt? Oder an einen SVPler?

Nun, in Basel haben wir eine andere Ausgangslage. Regierungswahlen sind Personenwahlen, die Regierung wird vom Volk gewählt, nicht vom Parlament. Da sehe ich unseren Anspruch durchaus als gegeben an.

Aufgrund welcher Fakten?

Lukas Engelberger war der zweitbestgewählte Regierungsrat. 

Was hat dann die Mitte in Basel-Stadt erreicht, ausser dass sie einen Beitrag zum Steuerpaket geleistet hat, welches die Bevölkerung im Frühling angenommen hat?

Die Mitte ist auf sehr vielen Ebenen engagiert, beispielsweise in der Quartierpolitik.

Können Sie einen konkreten Erfolg in der Quartierpolitik nennen?

Vorher wollten Sie lieber über die nationale Politik reden, jetzt sprechen Sie doch noch die kantonale Politik an.

Ja, ich habe das Glück, dieses Interview leiten zu dürfen.

Jetzt habe ich mich völlig auf die nationale Politik vorbereitet. Ja, also. Beispielsweise die Abfallthematik im Gundeli, da war Mitte-Politikerin Beatrice Isler sehr fest dran.

Was hat sie erreicht? Wurden mehr Abfallkübel aufgestellt oder was war das Problem? Ich kann mich nicht genau erinnern.

Ich habe jetzt grad auch eine absolute Vollscheibe, es ist mir, glaube ich, einfach zu heiss.

Das verstehe ich. Sie dürfen das Jackett gerne ausziehen, wenn Sie möchten, meins hängt auch an der Garderobe.

Das mache ich. So. Die Gemeindeinitiative in Riehen, da sind wir sehr aktiv gewesen. Aber stimmt, diese war auch Teil des Steuerpakets.

(Foto: Alexander Preobrajenski )

Ja, das war Patrick Hubers Erfolg.

Genau. Mir ist wirklich zu heiss.

Gut. Dann kommen wir zum Schluss. Ich habe noch drei Fragen. Alle national, ich komme Ihnen da gerne entgegen. Die SRG ist seit Jahrzehnten unter Beschuss und wird seit Jahrzehnten von der Mitte geführt, im Moment vom Jean-Michel Cina. Sind Sie für oder gegen die Halbierungsinitiative?

Ich bin gegen die Halbierung.

Warum?

Die SRG hat ein gutes Programm auf verschiedensten Kanälen. Es zeigt verschiedene, auch gehaltvolle Angebote, die jung bis alt interessieren. Einiges kann man schon hinterfragen.

Was?

Die ganzen Abläufe, die Bürokratie. Aber insgesamt gibt die SRG ein gutes Bild ab.

Was kann denn die SRG von der Mitte lernen, die es irgendwie schafft, nicht von den Polparteien zerrieben zu werden? 

Ja, ich glaube, da muss man irgendwie einen gescheiten Weg finden, wie man dort irgendwie ausgewogen berichten kann.

Ist die SRG ausgewogen?

So empfinde ich es. Die einen sagen, die Wetterprognosen seien gefälscht aus politisch motivierten Gründen.

Lustigerweise kam die SVP damit just ein paar Tage, bevor sie die Halbierungsinitiative einreichte.

Was für ein Riesenzufall. 

(Foto: Alexander Preobrajenski )

Sie sind verwandt mit der Familie Eymann von Falkenstein. Diese Familie stellt das Präsidium der LDP, der Mitte und der Jungliberalen, eine Regierungsrätin, eine Grossrätin (aktuell, es waren auch schon mehr)  und eine Nationalrätin, welche für den Vater ihrer Kinder nachgerückt ist. Ist es üblich in der Schweizer Demokratie, dass eine Familie so viele Ämter hat? Oh, das war doch eine lokale Frage.

Es ist ja nicht so, dass diese Familie ihre Ämter vererbt. Jede einzelne Person hat sich zur Wahl gestellt und wurde gewählt. Wir sind halt seit klein auf politisiert worden. Mein Vater war in der SP, ich bin mit Politik aufgewachsen. Aber ich habe ihm immer Kontra gegeben und bin ja jetzt in einer anderen Partei.

Mit wem reden Sie öfters über Politik, mit Ihrer Fraktionschefin oder mit Patricia von Falkenstein von der LDP?

Weder noch. Am meisten rede ich mit Personen aus meinem engen Umfeld, mit Freunden und Bekannten.

Sie haben ja nicht grosse Chancen, National- oder Ständerat zu werden. Bringen Sie sich für die nächsten Regierungswahlen in Position? 

Die Frage stellt sich jetzt noch nicht. Ich habe von Lukas Engelberger noch kein Signal gekriegt, dass er aufhören möchte. Jetzt fokussieren wir uns auf den Herbst.

Balz Herter, danke für dieses Gespräch.

Storytelling war gestern.

Ganz langweiligen Bajour-Politjournalismus unterstützen.

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