«Dieses Amt verlangt mehr als Haltung. Es verlangt Fairness.»
In ihrer Antrittsrede betont die neugewählte Grossratspräsidentin Gianna Hablützel-Bürki (SVP), dass sich im Grossen Rat unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen und Überzeugungen begegnen. Dieser Austausch sei herausfordernd, aber unverzichtbar für eine lebendige Demokratie. Gute Politik brauche Offenheit, Respekt und den Willen, einander zuzuhören.
Sehr geehrter Herr Statthalter
Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen des Grossen Rates
Sehr geehrter Herr Regierungspräsident
Sehr geehrte Damen und Herren Regierungsrätinnen und Regierungsräte
Sehr geehrter Herr Vorsitzender des Gerichtsrates
Sehr geehrte Mitarbeitende des Parlamentsdienstes und der Staatskanzlei
Sehr geehrte Medienvertreterinnen und Medienvertreter
Sehr geehrte Gäste auf der Tribüne und an den Bildschirmen
Liebe Familie, Freundinnen und Freunde
Stellen Sie sich einen normalen Tag vor. Auf dem Weg zur Arbeit, ins Büro, in die Werkstatt, ins Lehrerzimmer, zur Vorlesung – oder wie wir alle heute Morgen, auf dem Weg hierher ins Rathaus.
Wir sind umgeben von Eindrücken. Von Stimmen. Von Informationen. Von Erwartungen.
Manches nehmen wir bewusst wahr. Vieles rauscht an uns vorbei.
Und genau in dieser Welt voller Tempo und Ablenkung habe ich mich gefragt: Was soll von dieser Rede bleiben?
Nicht ein weiteres Rauschen, das unter tausend Stimmen verschwindet. Nicht ein weiterer Reiz, der unsere Sinne fordert, aber doch nichts hinterlässt. Sondern ein Moment der Aufmerksamkeit. Ein Moment der Bedeutung. Und in diesem Moment der Aufmerksamkeit stehen wir nicht allein.
Wir alle hier – mit unterschiedlichen Rollen, unterschiedlichen Meinungen, unterschiedlichen Wegen. Aber mit einer gemeinsamen Aufgabe: Orientierung zu geben.
Nicht jede Stimme lauter zu machen, sondern die richtigen hörbar.
«Vielfalt braucht Dialog. Sie braucht Respekt. Und sie braucht die Bereitschaft, andere Meinungen nicht nur zu hören, sondern auch auszuhalten.»
Es ist mir eine sehr grosse Ehre, heute vor Ihnen stehen zu dürfen und das Amt der Grossratspräsidentin des Kantons Basel-Stadt anzutreten. Dieser Moment bewegt mich zutiefst. Er ist getragen von Dankbarkeit, von Respekt – und auch von Demut. Es ist ein Moment des Innehaltens. Ein Moment, um bewusst wahrzunehmen, was dieses Amt bedeutet und welche Verantwortung damit verbunden ist.
Dank ist im Amt der Grossratspräsidentin weit mehr als eine höfliche Geste. Dank ist Ausdruck einer Haltung. Ausdruck von Respekt gegenüber allen, die dieses Haus tragen und mit Leben füllen: den Mitgliedern dieses Rates, den Mitarbeitenden der Verwaltung, den Institutionen sowie den Bürgerinnen und Bürgern unseres Kantons. Dankbarkeit und Demut bedeuten für mich, mir jederzeit bewusst zu sein: Dieses Präsidium ist keine Einzelaufgabe. Es ist eine gemeinsame Verantwortung.
SVP-Politikerin Gianna Hablützel-Bürki wurde vom Parlament zur höchsten Baslerin gewählt. Ein laufendes Gerichtsverfahren gab vorher zu reden, spielte bei der Wahl jedoch keine entscheidende Rolle. Im Gespräch erzählt Hablützel, wieso ein mögliches Urteil keinen Einfluss auf ihr Amt hat.
Wir leben in einer Zeit, die uns fordert. Das Weltgeschehen ist geprägt von Unsicherheiten, von Konflikten sowie von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüchen. Diese Entwicklungen machen auch vor unserem Stadtkanton nicht halt. Sie betreffen unsere Unternehmen und Arbeitsplätze, unsere Quartiere und Familien. Und sie prägen unsere politischen Debatten.
Gerade deshalb kommt diesem Haus eine besondere Verantwortung zu. Hier, im Herzen der baselstädtischen Demokratie, müssen wir Orientierung geben. Nicht mit einfachen Antworten. Nicht mit lauten Parolen. Sondern mit Haltung, Verantwortung und Augenmass. Demokratie ist kein Ort der schnellen Schlagzeilen, sondern ein Raum für sorgfältiges Abwägen, für Argumente,
für Respekt und für tragfähige Lösungen.
Basel-Stadt war schon immer ein besonderer Ort. Ein Stadtkanton mit internationaler Ausstrahlung und gleichzeitig starkem lokalem Zusammenhalt. Ein Ort der Wissenschaft und der Forschung, der Kultur und der Kreativität, der Innovation und der Industrie. Ein Ort, an dem Welt und Quartier aufeinandertreffen.
Unsere grosse Stärke liegt genau darin: in dieser Vielfalt. Doch Vielfalt ist kein Selbstläufer. Vielfalt braucht Dialog. Sie braucht Respekt. Und sie braucht die Bereitschaft, andere Meinungen nicht nur zu hören, sondern auch auszuhalten.
An dieser Stelle erlaube ich mir eine Analogie zum Sport. Als ehemalige Profisportlerin im Fechten habe ich früh gelernt: Ein starkes Team besteht nicht aus lauter gleichen Köpfen. Ein starkes Team lebt von unterschiedlichen Stärken, von unterschiedlichen Charakteren – und davon, dass alle bereit sind, für ein gemeinsames Ziel Verantwortung zu übernehmen.
Mein Präsidialjahr – mein Mantra
Für mein Präsidialjahr habe ich mir ein persönliches Mantra gesetzt. Nicht als Programm. Nicht als Parole. Sondern als innere Haltung, die mich durch dieses Jahr trägt – in Sitzungen, in Begegnungen, in Entscheidungen.
Es sind fünf Begriffe. Einfach in der Form. Anspruchsvoll im Gehalt.
- Zuhören
- Botschafterin sein.
- Vermitteln.
- Für alle eine Ansprechperson sein.
- Demütig und respektvoll sein.
Zuhören bedeutet für mich nicht, zuzuhören, um vorbereitet zu sein auf die eigene Antwort. Zuhören bedeutet, sich öffnen zu können für andere Perspektiven. Zuhören, um zu verstehen – auch dann, wenn man nicht einverstanden ist.
Zuhören den Stimmen in diesem Saal - Aber ebenso den Stimmen draussen:
- in den Quartieren,
- in den Vereinen,
- in der Wirtschaft
- in der Zivilgesellschaft.
Denn Demokratie lebt nicht von Monologen. Sie lebt vom Dialog. Und Vertrauen entsteht dort, wo Menschen spüren, dass ihre Anliegen ernst genommen werden.
Ich verstehe mein Amt als ein Relais. Als Verbindungsglied zwischen innen und aussen. Als Botschafterin dieses Rates nach draussen – und als Moderatorin nach innen.
Für alle Parteien. Für alle politischen Farben. Für alle Hintergründe.
Dieses Amt verpflichtet zur Überparteilichkeit. Und es verpflichtet zur Fairness.
Fairness ist für mich kein taktisches Instrument. Sie ist eine innere Haltung. Eine Haltung, die sich gerade dann zeigt, wenn es kontrovers wird. Wenn Interessen aufeinandertreffen. Wenn die Spannung im Raum spürbar ist.
Unser Parlament ist kein Elfenbeinturm. Es ist ein Arbeitsort. Ein Ort, an dem die Anliegen der Bevölkerung verhandelt werden. Wir sind gewählt, um zuzuhören, abzuwägen, zu entscheiden – und auch, um zu erklären.
«Man kann hart in der Sache sein und trotzdem fair bleiben. Man kann leidenschaftlich kämpfen und trotzdem anständig bleiben. Und man kann gewinnen oder verlieren, ohne den Respekt voreinander zu verlieren.»
Der Sport hat mich früh gelehrt, Regeln zu respektieren – auch dann, wenn sie einem im Moment nicht passen. Er hat mir beigebracht, dass Respekt gegenüber Gegnerinnen und Gegnern keine Schwäche ist, sondern Stärke. Und er hat mir eines ganz klar vor Augen geführt:
Man kann hart in der Sache sein und trotzdem fair bleiben. Man kann leidenschaftlich kämpfen und trotzdem anständig bleiben. Und man kann gewinnen oder verlieren, ohne den Respekt voreinander zu verlieren. Diese Erfahrungen prägen meine Haltung – auch in der Politik.
Vermitteln heisst für mich nicht, Konflikte zuzudecken oder Unterschiede kleinzureden. Vermitteln heisst, Unterschiede sichtbar zu machen – und trotzdem handlungsfähig zu bleiben.
Im Sport wie in der Politik braucht es dafür Klarheit. Respekt. Und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
Mit genau dieser Haltung will ich dieses Präsidialjahr gestalten.
- Klar.
- Strukturiert.
- Souverän.
Ja – wenn es nötig ist – auch bestimmt in der Führung.
Denn Debatten leben nicht von der Länge der Wortmeldungen, sondern von der Qualität des Austauschs. Nicht die Lautstärke entscheidet, sondern die Argumente. Nicht das Durchsetzen um jeden Preis, sondern das gemeinsame Ringen um die beste Lösung.
Dieses Amt verlangt mehr als Haltung. Es verlangt Fairness. Fairness, auf die man sich verlassen können muss. Das ist keine Nebensächlichkeit. Das ist die Infrastruktur unserer Demokratie.
Und Demut bedeutet für mich nicht Zurückhaltung. Demut bedeutet Bewusstsein.
Bewusstsein dafür, dass dieses Amt grösser ist als die Person, die es gerade ausübt. Grösser als ein Name. Grösser als eine Funktion auf Zeit.
«Nur dort, wo Respekt gewahrt bleibt, bleibt auch der Raum für Kompromisse offen. Bleibt Vertrauen möglich. Und bleibt unsere demokratische Kultur lebendig.»
Dieses Amt trägt Geschichte. Es trägt Verantwortung. Und es trägt die Erwartungen einer Bevölkerung, die zu Recht verlangt, dass wir sorgfältig, fair und integer handeln.
Wer dieses Amt innehat, steht nicht im Mittelpunkt – sondern stellt sich in den Dienst. In den Dienst dieses Rates. In den Dienst unserer demokratischen Institutionen. Und letztlich in den Dienst der Menschen, die uns gewählt haben.
Respekt ist dabei kein formaler Akt. Respekt ist die Grundlage unseres gemeinsamen Arbeitens. Er zeigt sich im Ton, den wir wählen. Im Umgang mit Minderheiten. Im Ernstnehmen anderer Positionen – auch dann, wenn sie der eigenen widersprechen.
Respekt ermöglicht es uns, politische Auseinandersetzungen hart in der Sache zu führen, ohne persönlich zu werden. Leidenschaftlich zu argumentieren, ohne Grenzen zu überschreiten.
Denn nur dort, wo Respekt gewahrt bleibt, bleibt auch der Raum für Kompromisse offen. Bleibt Vertrauen möglich. Und bleibt unsere demokratische Kultur lebendig.
Diese Haltung ist kein Selbstzweck. Sie ist Voraussetzung dafür, dass unser Parlament handlungsfähig bleibt – heute, morgen und für kommende Generationen.
Mit diesem Mantra. Mit dieser Haltung. Und mit grossem Respekt vor diesem Rat trete ich mein Präsidialjahr an.
Mein Kommunikationsprinzip: POET
Meine Kommunikation im Präsidialjahr folgt bewusst dem Akronym POET: proaktiv, offen, ehrlich und transparent. Diese vier Begriffe sind für mich kein theoretisches Modell, sondern eine praktische Richtschnur für Führung und Zusammenarbeit.
Proaktiv bedeutet, Entwicklungen frühzeitig wahrzunehmen, Themen anzusprechen und Verantwortung zu übernehmen, bevor Probleme eskalieren. Offen bedeutet, unterschiedliche Perspektiven ernst zu nehmen und Dialog zuzulassen – auch dann, wenn er herausfordernd ist. Ehrlich bedeutet für mich, klar zu kommunizieren, auch wenn Antworten unbequem sind. Glaubwürdigkeit entsteht nicht durch Perfektion, sondern durch Verlässlichkeit. Transparent bedeutet, Entscheidungen nachvollziehbar zu machen und politische Prozesse verständlich zu erklären. Denn Demokratie lebt davon, dass sie verstanden wird.
An dieser Stelle danke ich meinem Vorgänger Balz Herter von Herzen. Lieber Balz, du hast mich mit grosser Professionalität, Umsicht und Kollegialität in dieses Amt eingeführt. Du hast mir Sicherheit gegeben, mir Vertrauen geschenkt und mir stets den Rücken gestärkt. Dafür danke ich dir aufrichtig.
Dank ist ein zentrales Stichwort an diesem Tag. Und so richte ich meinen Dank an jene Menschen und Institutionen, die mich auf meinem Weg begleitet haben.
Liebe Familie, ich danke euch von Herzen. Ihr seid mein Rückhalt, meine Kraftquelle, mein sicherer Hafen. Das war schon immer so. Ohne eure Unterstützung wäre dieser Weg nicht möglich gewesen. Ich danke meiner Partei, die mich getragen, gefördert und immer an mich geglaubt hat. Dieses Vertrauen ist für mich Ansporn und Verpflichtung zugleich. Mein Dank gilt ebenso meinem Arbeitgeber, der mir grosses Verständnis entgegenbringt und mir dieses auch für das kommende Präsidialjahr zugesichert hat. Das ist in einer Funktion mit vielen Verpflichtungen alles andere als selbstverständlich. Und ich danke dem Ratsbüro für die verlässliche Unterstützung. Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit.
Dieses Präsidialjahr verstehe ich nicht als Einzelauftritt. Ich verstehe es als Mannschaftsleistung. Als gemeinsames Spiel mit klaren Regeln, gegenseitigem Respekt und dem gemeinsamen Ziel, unseren Kanton Basel-Stadt verantwortungsvoll weiterzuentwickeln.
Ich verspreche Ihnen: Ich werde aufmerksam sein. Ich werde zuhören. Ich werde klar und fair führen. Ich werde nahbar bleiben – und mir den Humor nicht nehmen lassen.
Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen. Ich freue mich auf dieses Präsidialjahr, auf den Austausch, auf engagierte Debatten und auf das gemeinsame Gestalten unseres Kantons Basel-Stadt.
Herzlichen Dank.