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Crowd-Recherche

Handy-Akku statt Darvida-Snack: Wie der Selecta-Algorithmus das Sortiment optimiert

Bajour-Leser*innen haben die Blackbox des Snack-Automaten-Sortiments geknackt. Jetzt wissen wir, was wo verkauft wird. Und dank Expert*innen auch, was in Zukunft auf uns Konsument*innen zukommt.

04/01/24, 12:00 AM

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Bajour-Leser*innen sendeten über 50 Fotos von Selecta-Automaten in der Region Basel ein.

Bajour-Leser*innen sendeten über 50 Fotos von Selecta-Automaten in der Region Basel ein.

Bisher wusste niemand ausser Selecta selbst, wie sich die Sortimente ihrer Automaten unterscheiden. Dank unseren fleissigen Briefing-Leser*innen und Instagram-Follower*innen haben nun auch wir einen Einblick, welche Produkte der Selecta-Algorithmus seinen Kund*innen wo zur Verfügung stellt.

Nach Auswertung von etwas über 50 Bildern müssen wir allerdings feststellen: Trotz viel Computerpower beim Berechnen des optimalen Sortiments sind die Unterschiede in den von Leser*innen gemeldeten Selecta-Automaten in der Region Basel gering. Die Standardprodukte sind überall dieselben, oben Chips, unten Coke.

Feine Unterschiede gibt es dennoch, die 3-dl-Wasserfläschli mit und ohne Kohlensäure mussten mancherorts Eistee-Dosen in zwei Geschmacksrichtungen Platz machen. Und in gewissen Automaten fehlen die gesunden Darvida-Snacks, weil sie Powerbanks weichen mussten.

auch wir haben bei der Auswertung auf Algorithmen gesetzt, genauer auf das Tool segment-anything.com von Meta zur KI-gestützten 
Segmentierung des Selecta-Angebots.

auch wir haben bei der Auswertung auf Algorithmen gesetzt, genauer auf das Tool segment-anything.com von Meta zur KI-gestützten Segmentierung des Selecta-Angebots.

Dass es diese Unterschiede gibt, war der eigentliche Ausgang unserer Recherche. Eine Sprecherin sagte im Mai 2023 auf Anfrage: «Es ist in der Tat so, dass sich unser Sortiment je nach Standort unterscheiden kann. Diese Unterscheidung basiert aufgrund von Telemetrie-Daten. Alle unsere Geräte sind miteinander verknüpft und wir sehen in Echtzeit, welches Produkt wann an welchem Standort verkauft wurde.»

Angaben zu den Sortimenten oder auch schon nur ein Verzeichnis aller Automaten gab der Konzern nicht preis – dafür sorgten die Bajour-Leser*innen, die in der dritten Januarwoche Automaten in der ganzen Region fotografierten und uns die Aufnahmen schickten.

«Food-Wüsten» wie in den USA?

Strukturelle Angebots-Unterschiede, etwa abhängig von der sozio-ökonomischen Stärke der Quartiere, konnten wir nicht feststellen. Es gibt also keine «Food-Wüsten», wie gewisse Gebiete in den USA genannt werden, in denen die Menschen zwar umgeben sind von Fastfood-Ketten, aber keinen Zugang mehr zu gesundem Essen haben. Rein algorithmusgesteuert wäre das auch in Basler Selecta-Automaten denkbar: Wer in einem Quartier wohnt, in dem kaum jemand Wasser kauft, hätte dann irgendwann keine Wahl mehr und müsste den Durst mit Süssgetränken stillen.

Ausgeprägter sind Sortimentsanpassungen bei grösseren Läden. «Supermärkte passen ihre Sortimente dem Standort an; ein Coop auf dem Bruderholz führt andere Produkte als im Kleinbasel», sagt Claude Messner, der an der Universität Bern das Verhalten von Konsument*innen untersucht. «Ob die Produkte gesund sind oder nicht, spielt dabei eine untergeordnete Rolle, viel wichtiger ist die Marge. Deshalb steht das Wasser mit Vitaminzusätzen auf Augenhöhe und nicht das normale Wasser; oder eben ein Süssgetränk.»

Ob beim Selecta-Automaten oder im Supermarkt sei der Effekt solcher Massnahmen jedoch kleiner als die Grundeinstellung der Kund*innen. «Meist haben diese eine grobe Kaufidee im Sinn, möchten also entweder etwas Süsses kaufen oder gezielt Wasser. Innerhalb der Kategorie weichen sie möglicherweise ab, aber es ist unwahrscheinlich, dass sie ein ganz anderes Produkt kaufen.»

«Supermärkte passen ihre Sortimente dem Standort an; ein Coop auf dem Bruderholz führt andere Produkte als im Kleinbasel.»

«Supermärkte passen ihre Sortimente dem Standort an; ein Coop auf dem Bruderholz führt andere Produkte als im Kleinbasel.»

– Claude Messner, Forscher im Bereich «Consumer Behavior» Universität Bern

Verhaltensforscher Emanuel de Bellis von der Uni St. Gallen beobachtet eine Rückkehr zu vorindustriellen Verhältnissen. «Bevor es Supermärkte gab, haben Verkäufer*innen bereits dynamische Preise verlangt – abhängig davon, wer ihren Laden oder ihre Werkstatt betreten hat, haben sie die Preise angepasst. Das machen Algorithmen im Online-Shopping nun im deutlich grösseren Stil ebenfalls, zum Beispiel, wenn sie iPhone-Nutzer*innen teurere Preise anzeigen als anderen Kund*innen. In Zukunft ist das auch in Supermärkten vorstellbar.»

De Bellis erzählt von einem Besuch in einem «Amazon-Go-Store» in den USA, in dem man am Eingang die Kreditkarte vorweisen muss und sich danach bedienen und wenn man fertig ist, den Laden verlassen kann. «Da ist es denkbar, dass der Shop künftig personalisierte Preise oder Rabatte für einzelne Produkte anbietet, abhängig von demographischen Variablen wie bspw. dem Alter der Kund*innen, das vorab von Kameras erfasst und ausgewertet wurde.»

«Personalisierte Preise sind in Zukunft auch in Supermärkten vorstellbar.»

«Personalisierte Preise sind in Zukunft auch in Supermärkten vorstellbar.»

– Emanuel de Bellis, Verhaltensforscher Uni St. Gallen

Ob und wie gut Kund*innen solche Angebote akzeptieren, hänge stark von der Kommunikation ab. «Dynamische Preise zum Beispiel für Tageskarten in Skigebieten, die dazu führen, dass Skifahren an sonnigen Wochenenden teurer ist als an nebligen Wochentagen, sind unbeliebt. Die Sparbillette der SBB hingegen kommen gut an, obwohl es sich in beiden Fällen um einen sehr ähnlichen Mechanismus handelt.»

Dynamische Preise sind nur eine Möglichkeit, den Absatz einzelner Produkte zu steuern. Eine gezielte Platzierung innerhalb des Supermarktes hilft ebenfalls. Die Forschung zeigt, dass Käufer*innen eher zu Produkten auf Augenhöhe greifen und sowohl Regale als auch Selecta-Automaten von links nach rechts anschauen; Plätze links und auf Augenhöhe führen demnach zu höheren Absätzen. So wie beim oben genannten Beispiel des Wassers mit Vitaminzusätzen.

Die negativen Effekte verstärken sich selbst

Zudem sind diese Effekte selbstverstärkend, wie de Bellis erklärt: «Wenn ich in einem Quartier aufwachse und regelmässig einkaufen gehe, wo Süssgetränke und Fertiggerichte überdurchschnittlich nachgefragt werden, dann werden diese dort auch attraktiver platziert – was die Kund*innen wiederum dazu verleitet, ebendiese Produkte zu kaufen.» In einem Quartier, in dem die Mehrzahl der Bewohner*innen Wert auf gesunde Ernährung legen, werden entsprechend auch gesunde Produkte an absatzfördernden Positionen platziert – und Kund*innen dazu verleitet, sich gesünder zu ernähren.

ARD-Doku: Die Verkaufstricks von IKEA

Eine sehenswerte Recherche über die Tricks des Schwedischen Möbelgiganten, ARD 2023.

Wenn du das nächste Mal in einem Supermarkt zupackst oder vor einem Selecta-Automaten stehst, dann überlege dir genau, weshalb die Produkte genau da stehen, wo sie stehen. Und wenn wir von Bajour zur nächsten Crowd-Recherche aufrufen, dann hilf unbedingt wieder mit! 

Diese Recherche wird ermöglicht durch das Bündnis für Recherche und Reportagen JournaFonds.

Diese Recherche wird ermöglicht durch das Bündnis für Recherche und Reportagen JournaFonds.

Diese Recherche ist im Rahmen eines Stipendiums von AlgorithmWatch entstanden.

Diese Recherche ist im Rahmen eines Stipendiums von AlgorithmWatch entstanden.

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