Dr Hintergrübler

D Stimmig isch im Käller

An der Fasnacht passiert etwas Seltsames in unserer Stadt — etwas, das man im Alltag kaum bemerkt oder gar nicht mal so gern tut. Plötzlich zieht es einen nicht mehr nach oben in die warme Stube, sondern nach unten. In Keller, Untergeschosse, Hinterhöfe. Und dieser Abstieg fühlt sich nicht an wie ein Abstieg. Er geschieht fliessend, fast wie von selbst, als würde man einer unsichtbaren Strömung folgen.

Basler Fasnacht Keller
Der Abstieg eröffnet neue Welten. (Bild: Dominik Asche)

Normalerweise ist unsere gebaute Umwelt streng organisiert. Landschaftsarchitektur und Städtebau sprechen hier von Topologie — einem mathematischen Begriff, der sich mit zusammenhängenden Oberflächen beschäftigt. Wege sollen klar sein, Übergänge geregelt, Grenzen sichtbar: Bordsteine, Mauern, Fassaden, Stockwerke. In der Stadt wird diese Kontinuität der Oberfläche ständig unterbrochen. Hier endet der öffentliche Raum, dort beginnt das Private. Hier darfst du hinein, dort nicht. Jede Schwelle ist eine Entscheidung.

An der Fasnacht löst sich dieses System für drei Tage auf.

Plötzlich stehen Türen offen, aus denen Heiterkeit und Leben quillt. Erdgeschoss und Untergeschoss verschmelzen zu einer einzigen Fläche. Man geht nicht mehr treppauf in klar abgegrenzte Etagen, sondern treppab — und hat dabei das Gefühl, sich weiterhin auf derselben Ebene zu bewegen. Überall Fasnacht. Die Gässlein bekommen plötzlich Tiefe, ohne ihre Oberfläche zu verlieren. Es ist, als würde sich der Räppli bedeckte Boden unter den Füssen ausdehnen.

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Der Basler Stadtplan im Stil von Giambattista Nolli. (Bild: Architektur Basel)

Ein anschauliches Bild dafür liefert der berühmte Stadtplan aus dem 18. Jahrhundert: der Plan von Giambattista Nolli für Rom. In diesem sogenannten Nolli-Plan sind die Strassen weiss dargestellt, die Gebäude schwarz — doch Nolli zeichnete auch die Innenräume von Kirchen und öffentlichen Bauten weiss ein. Plötzlich erschien die Stadt ganz anders: Innenräume wurden als Teil des öffentlichen Raums sichtbar. Die Grenze zwischen draussen und drinnen verschwamm.

Genau so funktioniert Fasnacht — nur noch radikaler.

Keller, Hinterhöfe, Zunftstuben, Vereinslokale: Räume, die sonst privat oder halbprivat sind, werden für drei Tage öffentlich. Wenn man den Nolli-Plan gedanklich auf Basel überträgt, färben sich viele der normalerweise «schwarzen» Flächen plötzlich weiss. Die Stadt gewinnt an zugänglichem Raum, ohne dass ein einziges Haus neu gebaut wird – man darf einfach da sein.

Mit dem Raum verändert sich auch die Bewegung der Menschen – sowohl der Aktiven als auch der Passiven. Man treibt durch die Stadt wie Wasser, das seinem Weg entlang der Oberfläche folgt. Wasser sucht die tiefsten Punkte, sammelt sich, verschwindet in Öffnungen, taucht anderswo wieder auf – erfahrungsgemäss rund ums Bermuda-Dreieck, zwischen Pfäffergässli, Hotel Basel und Schnabel. Genauso zieht es einen an der Fasnacht in Gassen, Durchgänge und eben hinunter in Keller. Treppenhäuser nach oben spielen kaum eine Rolle — sie gehören nicht zu dieser zusammenhängenden Oberfläche.

Und das Erstaunlichste: Man weiss selten, wohin es einen führt. Singt dort ein Schnitzelbangg, folgt man dem Duft der besten Määlsuppe, die Basel je geschmeckt hat oder gibts dort den süffigsten Waggis — wer weiss? Und trotzdem biegt man ab, steigt eine Stufe hinunter, entdeckt einen Raum, von dessen Existenz man gestern vielleicht noch nichts wusste. So erlebt kaum jemand eine Fasnacht, ohne mindestens einen neuen Ort kennenzulernen. Jeder Keller wird zu einer kleinen Welt, einmalig und nur für diesen Moment.

Es entsteht eine Art unsichtbare Landschaft unter der Stadt — eine zweite Topografie, die nicht aus Strassen und Plätzen besteht, sondern aus Erlebnissen, Beziehungen und Stimmungen. Eine zusammenhängende Oberfläche im sozialen Sinn. Nicht geplant von Architekt*innen, sondern gewachsen aus Tradition und Gemeinschaft. Ihr Ziel ist nicht Effizienz oder Ordnung, sondern das Wohlbefinden der Menschen, das Zusammensein, das Sich-Verlieren-Dürfen.

Auch wenn die letzten Wochen an diesem Etat gerüttelt haben, bleibt die Bedeutung dieser wichtigen fasnächtlichen Räume unbestritten. Vermutlich braucht es nun eine kleine (Um-)Angewöhnung, bleib offen (und nicht verspielt) um genau diese neuen Räume zu erkunden und erschliessen – sei es in der Steine, den Vorstädten oder im Glaine. Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis: Wir gehen nicht (hin)unter, um uns zu verstecken. Sondern um Teil einer grösseren, zusammenhängenden Oberfläche zu werden — einer Realität, die sich öffnet, statt zu versperren.

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