«Die Ratten übernehmen das sinkende Schiff»
Magnus Roth bastelt jährlich opulente Laternen in speziellen Formen: Dieses Jahr hat er der Olympia-Laterne eine riesige, schiefe Krone aufgesetzt. «DemokRATTE» heisst das Sujet, das unser Hofieren von Autokraten kritisiert.
Magnus Roth erscheint in einem üppigen Reifrockkleid und rosa Federboa auf dem Münsterplatz. Er ist mit seinem Zyschtigsziigli unterwegs, doch das Outfit passt auch zu der Laterne, die er für die Fasnachtsgesellschaft Olympia gemalt hat, schliesslich sieht man darauf unter anderem eine Ballsaalszene à la Louis XIV.
Doch um Grandesse und Glamour geht es bei der Laterne nicht, im Gegenteil: «Das ist alles nur Fassade», erklärt Roth. Das Sujet der Olympia heisst «DemokRATTE», was als Wortspiel selbsterklärend ist: Jene, die sich «Demokraten» schimpfen, sind eigentlich Ratten. «Es gibt ja das Sprichwort: ‹Die Ratten verlassen das sinkende Schiff.› In unserer Gesellschaft sind die Ratten das sinkende Schiff am übernehmen», so Roth.
Grosse Inspiration für das Design der Laterne ist das Andersen-Märchen «Des Kaisers neue Kleider»: Der Monarch, der eigentlich nackig ist, dem aber trotzdem der ganze Hofstaat folgt und ihm versichert, wie schön seine neuen (unsichtbaren) Kleider sind. Dieser selbstgefällige König wird auf einer Seite der Laterne gezeigt – eine im Vordergrund platzierte Ratte bedeckt seinen Schambereich (wir danken es ihr).
Neben dem König befindet sich ein zerbrochener Spiegel, aus dem ihm drei Gesichter entgegenblicken: Donald Trump, Wladimir Putin, Viktor Orban. Roth erklärt: «Ich wollte den König bewusst nicht eindeutig als einen der gängigen Autokraten unserer Zeit identifizierbar malen – und sie auch nicht in voller Grösse zeigen, denn man gibt ihnen ja sonst schon mehr als genug Platz. Die Darstellung ist mehr als Platzhalter gedacht: Der blutte König könnte jeder von denen sein.»
Die Ballsaal-Szene auf der Rückseite zeigt dann die Gefolgschaft dieses Monarchen, alle im barocken Dress: Ueli Maurer als «Bückling» der Diktatoren, Karin Keller-Sutter, die den Knicks vor den Autokraten macht, und der (ehemalige) Prinz Andrew – «er ist in vielerlei Hinsicht ein klassischer Hofnarr», findet Roth. «Ich musste merken, dass hier nicht alle sein Gesicht erkennen, also habe ich ihm als Lesehilfe nachträglich noch einen Union Jack auf die Kleidung gemalt.» Und noch einer darf nicht fehlen: Fifa-Präsident Gianni Infantino – er kriecht auf einer Seite der Laterne einem Chlorhühnchen aus den USA in den Arsch.
Unten im Ballsaal-Bild sind noch zwei weitere Figuren: Sie sehen aus wie Zombies, tragen aber auch die edle Kleidung der Ballsaal-Gäste. «Das sind wir», sagt Roth, «Wir als Gesellschaft beteiligen uns auch an diesem falschen Spiel der Mächtigen – hofieren, lobbyieren, profitieren – indem wir das alles passieren lassen.»
Gross im Bild zu sehen ist ausserdem noch eine riesige Ratte – Roth nennt ihn den «Rattenkönig». Auch in diese Bezeichnung kann man noch mehr hineinlesen: Im Mittelalter gab es Erzählungen von ganzen Ansammlungen von Ratten, deren Schwänze sich durch Schmutz, Blut und Exkremente verknotet hatten – das nannte man Rattenkönige, sie waren ein böses Omen.
Das eindrücklichste Merkmal der Laterne ist allerdings die riesige Krone, die oben auf der Laterne thront. Sie krönt auf der einen Seite den nackten Monarchen, auf der anderen den Rattenkönig. Auf der Krone sind die Wappen der USA, Russlands, Nordkoreas und China eingraviert. Roth erzählt: «Wegen eines Berechnungsfehlers war die Krone ursprünglich zu weit oben – sie hätte fast an den Tramoberleitungen anstossen können. Also habe ich sie weiter runtergesetzt. Jetzt sieht sie aus, als würde sie absinken – das passt gut, denn sie rostet auch und sitzt schief.»
Die Krone leuchtete am Morgestraich wie auch der Rest der Laterne – dank einem LED-Band. Solche opulenten, speziell geformten Laternen sind das Merkmal von Magnus Roth. «Freiform» nennt man das in Laternenmaler*innen-Sprache. Ihm gefällt es, wenn eine Laterne mehr ist als die klassische Kofferform: «Man bringt mit solchen 3D-Modellen einen ganzen Körper zum Leuchten. Die Formsprache macht aus der Laterne ein Gesamtkonzept.» Sein Schreiner Kenny kann ihm dann jedes Jahr den gewünschten Formentwurf umsetzen.
Roth hat 25 Jahre lang die Laternen der Opti-Mischte zum Hingucker gemacht. Er ist im Vortrab mitgelaufen und konnte unerkannt lauschen, was die Leute am Strassenrand zu seiner Laterne sagten. Vor zwei Jahren wurde er vom vorherigen Laternenmaler der Olympia, der in der gleichen Strasse wie er wohnt, als Nachfolger vorgeschlagen. «Die Olympia sind natürlich in Basel keine unbekannte Clique. Ich fand aber auch den Zeitpunkt zum Wechseln gut: Nach 25 Jahren bei den Opti-Mischte war ein Generationenwechsel für ihre Laternen sinnvoll.»
Bei der Olympia finden die ersten Sujet-Sitzungen schon im Mai statt, ab Oktober kann sich Roth dann der Laterne widmen – rund 200 Arbeitsstunden sind das dann bis zur Fasnacht. Das ist hauptsächlich Arbeit «zur zweiten Schicht» für die Feierabende und Wochenende, denn hauptberuflich ist er Szenograf und Grafiker: «Für mich ist es eine gute Ergänzung zur konzeptionellen Denkarbeit, die ich sonst mache – beim Laternenmalen kann man dann mal wieder die Arme anstrengen.»
Alle langjährigen Laternenmaler*innen können nach einigen Jahren Arbeit auch ein paar Hyylgschichte erzählen. Die von Magnus Roth trug sich eine Woche vor der Fasnacht 2002 zu. Er bemalte die Laterne gerade in seinem Atelier von innen (man muss Laternen von der Aussen- und der Innenseite bemalen, damit sie leuchtet) – als Leiter benutzte er aufeinander gestapelte Regaltablare.
Er bemerkte zu spät, dass sie wegrutschten, da flog er schon mitsamt der Laterne durch den Raum. Der Stoff der Laterne riss auf, die lila Farbe verteilte sich überall. «Es war eine dramatische Szene: Wir hatten gerade frisch ein Baby, also hörte man direkt nach dem Donnern lautes Kindergeschrei – und ich lag wie ein Käfer auf dem Bauch in der Laterne und dachte: ‹Das war’s.›» Trotz gebrochener Rippe versuchte er noch bis zur Fasnacht, mit Schleifpapier und Gelatine zu retten, was zu retten war. «Aber seither weiss ich: Man braucht immer eine stabile Leiter und nicht so einen Micky-Maus-Aufbau.»