Gen Z beim Vogel Gryff

«Wer diese Tradition liebt, sollte dabei sein dürfen»

Der Vogel Gryff ist eine der ältesten Traditionen in der Schweiz und der höchste Feiertag in Kleinbasel. Wie sieht es da mit dem Nachwuchs aus? In diesem Jahr sind erstmals Frauen Teil der Drei Ehrengesellschaften (3E). Wir wollten von zwei junge Mitglieder wissen, was sie davon halten und wie sie den alten Brauch in Zukunft prägen wollen.

Elis Riggenbach und Timo Simonett Vogel Gryff
Elias Riggenbach (23) und Timo Simonett (25) vor dem Du Pont, hier werden beim Vogel Gryff Läberli zum Frühstück gegessen. (Bild: Annalou Baumann)

Als Elias Riggenbach den Wild Maa als kleiner Junge zum ersten Mal tanzen sah, war er sofort fasziniert von der maskierten, mit einem Blätternest geschmückten Figur, die in regelmässigen Bewegungen eine Tanne schwingt. Der Wild Maa ist Teil des Vogel Gryffs, einer circa 700 Jahre alten Kleinbasler Tradition, in deren Zentrum die drei tanzenden Ehrenzeichen Wild Maa, Vogel Gryff und der Leu stehen. «Ich fand den Brauch toller als Weihnachten und Geburtstag», sagt Riggenbach. Deshalb war er dann bald darauf Teil des «kleinen Spiels», bei dem Kinder und Jugendliche die Tänze lernen und in Kostümen auftreten. 

Dieses Jahr darf der 23-jährige Elias erstmals als Ueli beim Vogel Gryff mit dabei sein. «Ich freue mich enorm, bin aber auch nervös», sagt er. Teil des Vogel Gryff zu sein, sei beeindruckend und emotional, man sehe die Freude in den Augen der anderen.

Ein Ueli am Vogel Gryff, dem volkstuemlichen Feiertag der Drei Ehrengesellschaften Kleinbasels (3 E) zum Rebhaus, zur Haeren und zum Greifen, in Basel am Donnerstag, 27. Januar 2022. An diesem Tag ziehen die drei Ehrenzeichen Vogel Gryff, Wild Maa und Leu gemeinsam mit drei Tambouren, drei Bannerherren und vier Ueli, welche Geld fuer die Beduerftigen sammeln, durch's Kleinbasel und fuehren dabei immer wieder ihre traditionellen Taenze vor. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)
Hinter einer der Ueli-Larven verbirgt sich Elias Riggenbach am Vogel Gryff. In der Box klimpern dann die gesammelten Münzen für Bedürftige im Kleinbasel. (Bild: © KEYSTONE / GEORGIOS KEFALAS)

Dass jemand, wie Riggenbach, ohne familiäre Verbindungen zum Brauch findet, sei bis jetzt eher eine Seltenheit, erzählt er. Viele jüngere Mitglieder kommen über Familienmitglieder dazu, die bereits aktiv dabei sind. So wie Timo Simonett. Er sitzt mit uns am runden Tisch im Restaurant Du Pont bei der Mittleren Brücke. Das Lokal ist ein wichtiger Treffpunkt für die 3E. 

Der 25-jährige Sportstudent wurde sozusagen in den Brauch hineingeboren und tanzte schon früh in der Kinder-Version des Vogel Gryffs. Nun ist er Mitglied der Ehrengesellschaft zum Greifen und kann am Gryffemähli mit rund 450 anderen Männern im schwarzen Anzug und nun auch ein paar wenigen Frauen von 13 bis 19 Uhr den exklusiven Reden und Tänzen beiwohnen.

Vogel Gryff, Wild Maa und Leu, von links, tanzen auf der Mittleren Bruecke am Vogel Gryff, dem volkstuemlichen Feiertag der Drei Ehrengesellschaften Kleinbasels (3 E) zum Rebhaus, zur Haeren und zum Greifen, in Basel am Donnerstag, 27. Januar 2022. An diesem Tag ziehen die drei Ehrenzeichen Vogel Gryff, Wild Maa und Leu gemeinsam mit drei Tambouren, drei Bannerherren und vier Ueli, welche Geld fuer die Beduerftigen sammeln, durch's Kleinbasel und fuehren dabei immer wieder ihre traditionellen Taenze vor. (KEYSTONE/Georgios Kefalas)
Vogel Gryff für Anfänger*innen

Bajour-Kollege David Rutschmann hat 2023 ein ausführliches Interview mit Stefan Ospel, dem Medienverantwortlichen der 3E geführt. Für alle, die es noch genauer wissen wollen ...

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Zum ersten Mal sind Frauen dabei

Es gibt viele Regeln bei diesem alten Brauch und er lässt sich nur behäbig neuen gesellschaftlichen Gegebenheiten anpassen. Seit 2022 können sich auch Frauen auf den Wartelisten für die Ehrengesellschaften eintragen. Dieses Jahr ist es soweit und die ersten beiden weiblichen Mitglieder werden beim Gryffe-Mähli in der Messe aufgenommen, wie das Regionaljournal berichtete.

«Wer diese Tradition liebt, sollte dabei sein dürfen. Der Rest ist mir eigentlich egal», sagt Riggenbach. Die beiden jungen Männer finden es mehr als notwendig, dass jetzt Frauen dabei sind. Es werde aber bestimmt noch eine Weile dauern, bis sich die Tradition für Frauen wirklich etabliere, sagen sie. Es gebe durchaus auch die Meinung in den Ehrengesellschaften, dass es ein reiner Männeranlass sei – die Reaktionen auf die Öffnung waren intern gemischt. Riggenbach verweist auf das Kostüm des Vogel Gryff, das nach traditioneller Art mit Leder und Metall gefertigt ist – allein der Kopf sei 21 Kilogramm schwer und für einen Männerkörper genormt. Es gäbe also noch Herausforderungen für Frauen.

Die Jungen fallen auf

In den Ehrengesellschaften sei der Altersdurchschnitt schon eher um die 55 Jahre, erzählen Simonett und Riggenbach. «Man fällt schon auf als Junger», sagt Simonett. Die Leute kämen deshalb auf einen zu und man komme schnell ins Gespräch, das sei interessant. Für ihn ist dieser gesellschaftliche Aspekt die Hauptmotivation dafür, bei der Ehrengesellschaft dabei zu sein. «Viele andere Jüngere, die weniger im Kleinbasel verwurzelt sind, ziehen schneller mal weg und wissen nicht, ob sie für immer hier bleiben wollen», sagt Simonett. Wer Mitglied sein will, muss in Basel-Stadt eingebürgert sein und eine Kleinbasler Postleitzahl haben. Bei der Wohnungssuche heisst das: Nur das Kleinbasel kommt infrage.

Auch Stefan Ospel, der Medienverantwortliche der 3E, macht sich Gedanken zum Nachwuchs. Wegen allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen sei die Verbindlichkeit insbesondere für jüngere Menschen schwieriger geworden. Davon sei aber das ganze Vereinswesen betroffen, nicht spezifisch die 3E. Laut Ospel finden sich aber dennoch immer wieder Junge im Kleinbasel, die sich für das Brauchtum Vogel Gryff engagieren wollen. Durch die Aufnahmemöglichkeit von Frauen habe sich dieses Potenzial nun deutlich vergrössert.

Timo Simonett
«Am Grundkonzept wird sich nichts ändern in den nächsten 20 bis 50 Jahren.»
Timo Simonett

«Es ist ein extrem traditioneller Anlass», sagt Simonett. «Am Grundkonzept wird sich nichts ändern in den nächsten 20 bis 50 Jahren.». Riggenbach sagt, er finde es wichtig, dass die Abläufe und Tänze gleich bleiben würden. Das heisst, dass auch keine neuen Tiere geschaffen werden, wie die Bärin beim Bärentag, der progressiven Alternative zum Vogel Gryff. Allerdings würde sich Riggenbach wünschen, dass der Vogel Gryff noch mehr ein Event fürs ganze Kleinbasel wird. Ganz sicher aber werde es nie passieren, dass der Vogel Gryff über die Brücke geht und im Grossbasel tanzt, ergänzt Simonett.

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