Nachbar*innen fordern Ende des Sexbetriebs
Anwohner*innen der Sperrstrasse im Kleinbasel wenden sich in einem offenen Brief an die Basler Regierung. Der Kanton müsse Verantwortung übernehmen und sich in Sachen Menschenhandel klarer positionieren.
Auf den Punkt:
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«Wir fühlen uns von den zuständigen Behörden nicht ernst genommen und in unserem eigenen Wohnumfeld nicht mehr sicher.» Das steht in einem offenen Brief, der am Rande des Drogenstammtischs, den Bajour gemeinsam mit dem Stadtteilsekretariat Kleinbasel organisiert, von Anwohner*innen der Sperrstrasse am Dienstag an LDP-Regierungsrätin Stephanie Eymann übergeben wurde. In dem Schreiben fordern sie, dass der Kanton Verantwortung übernehme und sich die «untragbare Situation» rund um die Bar La Perla und das Sexgewerbe in den Etagen darüber verbessere.
Trotz mehrerer Lärmklagen in den Jahren 2019 und 2024 bestünden die Störungen weiter, wie die Anwohner*innen gegenüber Bajour ausführen. Der Betrieb La Perla, zu dem neben der Bar auch die angrenzende Pizzeria (die auch als Feigenblatt bezeichnet wird) gehört, hat quasi 24 Stunden geöffnet. Regelmässig müssten die Anwohnenden die Polizei rufen.
Verdacht auf Menschenhandel
Bei den Klagen geht es allerdings nicht nur um Lärm, sondern auch um Menschenhandel, Förderung der Prostitution, Gewalt- und Drogendelikte. 2024 führte die Basler Kantonspolizei in Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft eine Grossaktion gegen die Rotlichtkriminalität in dem Lokal durch. Dabei wurden insgesamt sechs Personen festgenommen, unter anderem wegen Verstössen gegen das Ausländer- und Integrationsgesetz oder wegen Verdachts auf Menschenhandel, hiess es damals in einer Medienmitteilung. Die Verfahren sind hängig.
«Man muss Vertrauen zu den Opfern schaffen, damit sie die Täter auch wirklich zur Verurteilung bringen»LDP-Regierungsrätin Stephanie Eymann
Das Urteil, so sagt Stephanie Eymann zu Bajour, könne eine Basis zur Verbesserung der Situation sein. Verhärtet sich der Verdacht auf Menschenhandel, geht die Justizdirektorin davon aus, «dass es Konsequenzen für den Betrieb haben wird». Dieser Verdacht dürfte auch der Grund sein, wieso die Verfahren so lange dauern: «Man muss Vertrauen zu den Opfern schaffen, damit sie die Täter auch wirklich zur Verurteilung bringen», sagt Eymann. Es brauche zudem Vertrauen in die Strafverfolgung.
Abgesehen vom offenen Brief haben die Anwohner*innen in den vergangenen Tagen eine Petition lanciert, die bis Dienstagabend von 31 Personen unterschrieben wurde. In den kommenden Wochen wird weiter gesammelt, wie die Petitionär*innen zu Bajour sagen. Sie fordern die sofortige Überprüfung der Bau- und Gastrobewilligung des Etablissements, genauer: die Einstellung des Sexbetriebs. Denn: «Das Quartier ist dadurch weder familienfreundlich noch lebenswert; es kommt vermehrt zu Wegzügen.»
Das Anliegen soll Mitte April an einer behördeninternen Sitzung besprochen werden, an der verschiedene Verwaltungsstellen teilnehmen sollen. Die anberaumte Sitzung ist das Ergebnis eines Runden Tisches, der Ende Januar organisiert durch das Stadtteilsekretariat Kleinbasel stattgefunden hat. Eymann sagt zu den Anwohner*innen: «Ich sehe, dass es ist im Quartier ein grosses Anliegen ist. Wir nehmen das ernst. Sie werden von mir eine Antwort bekommen.»
Wie die Anwohner*innen gegenüber Bajour betonen, «richtet sich die Kritik ausdrücklich nicht gegen die vulnerablen Sexarbeiterinnen, sondern gegen das System, welches solche Zustände ermöglicht und toleriert». Konkret sind das die Betreiber*innen. Aber auch die zuständigen Ämter, die nach Meinung der Petitionär*innen «wegsehen und dieses rücksichtslose Treiben gewähren lassen».
Das Bau- und Gewerbeinspektorat (BGI) ist für die Bewilligungen der Gastrobetriebe zuständig. Auf Nachfrage beim Bau- und Verkehrsdepartement (BVD), wo das BGI angesiedelt ist, heisst es zur angeblich «betriebsfreundlichen Haltung»: «Wir können uns nicht zu konkreten Einzelfällen äussern.» Das Amt für Umwelt und Energie (AUE) wiederum schreibt auf Anfrage von Bajour: «Uns ist der Betrieb bekannt.» Das AUE stehe aufgrund von Lärmbeschwerden im Aussenbereich in Kontakt mit den Betriebsinhaber*innen.
Das Gastgewerbegesetz, auf das sich das BGI in seiner Arbeit stützt, wird oft als ein «zahnloser Tiger» bezeichnet. So wird in Betrieben wie dem La Perla, die unter dieses Gesetz fallen, häufig ein sogenanntes Buebetrickli angewandt, sollte es Probleme mit den Behörden geben. Im Falle von zu vielen Beschwerden wechselt einfach der*die Bewilligungsinhaber*in. Es soll allerdings Bestrebungen geben, die Bewilligung am Betrieb festzumachen und nicht an einzelnen Bewilligungsinhaber*innen, um zu verhindern, dass trotz zahlreicher Beschwerden weiter gewirtschaftet werden kann. Das BVD bestätigt diese Neuerungen zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Im Falle von La Perla hat der Betreiber 2019 das letzte Mal gewechselt.
«Die Bekämpfung von Menschenhandel gehört zu unserem Kriminalitätsschwerpunkt, wir müssen die Strukturen durchschauen.»LDP-Regierungsrätin Stephanie Eymann
Die Anwohner*innen kritisieren, dass Basel sich regelmässig auf seine humanistische Tradition und sein fortschrittliches Selbstverständnis berufe, sich aber im Jahr 2026 im Umgang mit Menschenhandel und organisierter Ausbeutung – «Menschenhandel, der in unserer Strasse auf der anderen Seite der Hausmauer stattfindet» – nicht positioniere. Eymann sagt dazu auf Nachfrage: «Die Bekämpfung von Menschenhandel gehört zu unserem Kriminalitätsschwerpunkt, wir müssen die Strukturen durchschauen.»
Der Justizdirektorin geht es um die organisierte Kriminalität: «Da hinken wir hinterher.» Und: «Es gibt Anzeichen, dass sich die organisierte Kriminalität langsam wohlfühlt in dieser Stadt.» Bandenkriege wolle sie auf jeden Fall verhindern. Dafür brauche es nicht nur mehr spezialisierte Ermittler*innen, auch die Opferhilfe müsse gestärkt werden. «Wir müssen einen vernetzten Ansatz fahren.» Das hat der Drogenstammtisch auch in Bezug auf die Drogenproblematik gezeigt.