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Basler Ballettschule

«Man brach uns, und alle schauten zu»

Schülerinnen der Ballettschule Theater Basel berichten von jahrelangem Missbrauch. Die Behörden unternahmen wenig. Wie kann das sein? Eine Kooperation mit der «NZZ am Sonntag».

Sacha Batthyany, NZZ am Sonntag
Anna Kardos, NZZ am Sonntag

10/22/22, 07:45 PM

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Ballet

(Foto: Kazuo ota / Unslplash)

Dieser Artikel basiert auf einer mehrmonatigen Recherche. Er entstand in Zusammenarbeit mit der «NZZ am Sonntag».

Julie Diethelm bekommt keine Luft. Zitternd steht sie im dritten Untergeschoss des Theaters Basel, wo sich der Übungssaal der Ballettschule befindet. Ihr Mund ist voller Schaum. Er stammt von den energiespendenden Drinks und dem vielen schwarzen Kaffee. Seit Tagen hat sie nichts anderes zu sich genommen.

Ihre Füsse schmerzen, die Zehen bluten, sie hat einen undiagnostizierten Ermüdungsbruch im linken Fuss und hat sechs Schmerztabletten eingeworfen, wie jeden Tag. Sie hört die abwertenden Worte gegen ihre Schädeldecke hämmern. Silly, ridiculous, wrong, fat. Einen kurzen Moment noch, dann ist sie dran. Die Musik beginnt, Julie setzt ein Lächeln auf. Und tanzt, als wäre nichts gewesen.

Julie Diethelm will nicht mehr schweigen: «Disziplin darf nicht bedeuten, Missbrauch oder Nötigung in Kauf zu nehmen.»

Julie Diethelm will nicht mehr schweigen: «Disziplin darf nicht bedeuten, Missbrauch oder Nötigung in Kauf zu nehmen.» (Foto: zvg)

Julie ist eine von 33 ehemaligen Schüler*innen der Ballettschule Theater Basel (BTB), mit denen Bajour und die «NZZ am Sonntag» gesprochen haben. Dazu kamen Gespräche mit ehemaligen Lehrpersonen, Auswertungen von E-Mails, Textnachrichten und Krankenakten. Die Vorwürfe gegen die BTB erstrecken sich über einen Zeitraum von zehn Jahren und sind massiv, denn so wie Julie Diethelm erging es vielen anderen.

Das System

Die Berufslehre zum*zur Bühnentänzer*in mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ) ist nicht nur eine der härtesten Berufslehren der Schweiz. Sie ist auch eine der gefährlichsten. 2009 wurde sie eingeführt, angeboten wird sie nur in Basel und Zürich. Rund 20 Prozent brechen die Aus­bildung in Basel wieder ab, in Zürich an der Tanz-Akademie (TAZ) ist die Zahl mit 30 Prozent noch höher.

Wie Die Zeit im Juni publik machte, herrschte an der TAZ ein System der Angst, Lehrlinge wurden beschimpft, gedemütigt, Verletzungen ignoriert – mit teilweise irreparablen Folgen. Die TAZ hat mittlerweile eine Administrativuntersuchung eingeleitet und das Leitungsteam suspendiert.

«Ein Lehrer kniff mir oft in die Beine und wies auf das Fett hin. Er sagte mir, dass ich aufhören solle, zu essen. Der gesamten Klasse sagte er, man solle nichts als einen Apfel und ein Joghurt pro Tag zu sich nehmen.»

Charla Tuncdoruk

Gegenüber Bajour und der «NZZ am Sonntag» berichten jetzt ehemalige Tänzer*innen der BTB von ebenso schwerwiegenden Missständen. Von Demütigungen und anzüglichem Verhalten gewisser Lehrer, von Panikattacken und Essstörungen. Die meisten Frauen hatten während der Zeit an der BTB keine Menstruation, eine 1,69 Meter grosse Studentin wog noch 36 Kilo. Einige litten später an posttraumatischen Belastungsstörungen. Manche nehmen bis heute Antidepressiva. Viele tanzen nicht mehr.

Wie konnte es so weit kommen? Was bedeutet es, wenn in Zürich und in Basel, den einzigen EFZ-Ausbildungsstätten für klassisches Ballett, derartige Missstände herrschen?

«Als eine Mitschülerin völlig abgemagert ins Spital eingeliefert und an die Sonde angeschlossen werden musste, rüttelte uns das durch. Wir waren zu jung, um das mit den Methoden der Schule in Verbindung zu bringen, für uns war die Botschaft: So dünn müssen wir also werden, um der Direktorin zu gefallen.»

Julie Diethelm

Sieben Frauen haben eingewilligt, in diesem Artikel mit Namen zu erscheinen. Eine ­Entscheidung, für die sie zum Teil Jahre gebraucht haben. Der Rest will anonym bleiben. Sie leben in allen Teilen der Welt und haben das dunkle Prinzip verinnerlicht, das Primaballerinas und Meistertänzern von klein auf vermittelt wird: Leiden ist Teil des Traums. Wer es nicht erträgt, ist nicht fürs Ballett gemacht. Ein Leitsatz, der Kinder zu Höchstleistungen motiviert. Aber auch ein System aufrechterhält, das gesundheitsschädigende Methoden gutheisst.

«Ich weinte regelmässig und hoffte, man würde uns helfen. Aber niemand setzte sich für uns ein. Es schien, als hätten sie alle eine stillschweigende Vereinbarung getroffen: Was hier läuft, mag hart sein, aber nötig. Man brach uns, und alle schauten zu.»

Madison Devietti

Teil dieses Systems ist auch Amanda Bennett. Seit 21 Jahren leitet die Texanerin die Ballettschule in Basel. Bennett machte ihre Ausbildung an der Schule des New York City Ballet und kam zeitgleich mit dem Ballettdirektor Richard Wherlock nach Basel, wo sie die Leitung der Ballettschule übernahm. Zusammen mit Wherlocks Frau Julie baute Bennett das Konzept der Schule aus: eine Junior School für Kinder, Kurse für Hobby-Tänzer*innen und ein professionelles Programm für angehende Bühnentänzer*innen.

Bennett sei ein impulsiver Mensch, sagen ehemalige Lehrpersonen der BTB, die nicht namentlich genannt werden wollen. In der Branche gilt sie als gut vernetzt, fair, freundlich. Die ehemaligen Tänzer*innen zeichnen ein anderes Bild. Die Liste an Vorwürfen ist lang, die Sätze, die sie gemäss den Tänzer*innen in den Übungsräumen zu hören bekamen, sind grausam:

«Du bist zu fett, um zu tanzen.»

«Ich kann sehen, wie das Fett aus deiner Strumpfhose hängt.»

«(Name einer Schülerin), du fettes Schwein.»

Madison Devietti hat Ballett geliebt. Seit ihrer Zeit bei der BTB habe sie aber nie wieder getanzt. «Mir wird schlecht, wenn ich nur daran denke.»

Madison Devietti hat Ballett geliebt. Seit ihrer Zeit bei der BTB habe sie aber nie wieder getanzt. «Mir wird schlecht, wenn ich nur daran denke.» (Foto: zvg)

Die Direktorin habe Schülerinnen systematisch beschimpft oder wochenlang ignoriert, heisst es. Zweimal habe sie eine Schülerin geschubst. Einigen habe sie Rollen in Aufführungen verweigert oder die Teilnahme am Pas-de-deux-Unterricht verboten, weil die Jungen unter ihrem Gewicht «zusammenbrechen würden».

Im Ballett entscheidet das Gewicht über Erfolg und Misserfolg, so funktioniert diese Industrie. Und der Erfolg einer Direktorin liegt in der Vermittlungsrate: Schafft sie es, Tänzerinnen an bekannte Häuser zu vermitteln, steigt der Wert ihrer Schule. Es ist ein Teufelskreis, ausgetragen auf dem Rücken anorektischer Mädchen. Die Industrie sei von innen krank, sagt eine Kennerin der Szene, und Bennett, die Direktorin, nur ein kleines Rädchen. Aber entschuldigt das Sätze wie «Knochen sind schön»?

Neben der Direktorin habe es andere Lehrer gegeben, die sich ebenfalls unangebracht verhalten hätten. Die Mädchen seien an die Stange gestellt, in die Oberarme und Schenkel gekniffen worden. Dann habe die Lehrperson reihum gesagt, wer zu Abend essen darf und wer nicht.

«Einmal machte ich einen Fehler, und die Direktorin stoppte die Musik und fragte mich, ob ich dumm sei. Das tat sie öfter, entweder schreiend, oder dann so, dass es mir das Gefühl gab, ich würde mich absichtlich so verhalten, um sie wütend zu machen. Sie hatte so eine Art, mich anzuschauen, die mich derart einschüchterte, dass ich mich nicht mehr konzentrieren konnte.»

Charla Tuncdoruk

Es seien aber auch Sätze gefallen wie: «Du bist jetzt eine Frau, du musst so tanzen, dass ich dich ficken möchte.» Zumindest in einem Fall ist auch übergriffiges Verhalten dokumentiert. Ein Lehrer für Modern Dance hat mehreren Studentinnen anzügliche Nachrichten geschickt. Er vermisse sie, schrieb er, er wollte sich abends mit ihnen treffen, «gerne auch privat».

«Da waren männliche Lehrpersonen, die uns anwiesen, «sexy» zu tanzen, zu twerken, unsere Hüften zu schwingen. Sie machten unangebrachte Kommentare zu unseren weiblichen Rundungen und fassten uns an, ohne zu fragen.»

Madison Devietti

Der Lehrer, der mittlerweile in Süddeutschland arbeitet, sagt, er habe die Studentinnen nur aufmuntern wollen. Sie seien nach den Ballettstunden weinend in der Ecke gesessen, weil der Druck so gross gewesen sei. «Da wollte ich sie aufrichten. Das sind ja noch Kinder, die brauchen positive Energie.» ­

Möglich, dass er dabei Grenzen überschritten habe, sagt der Lehrer heute, es sei sicher ein Fehler gewesen, ihr Äusseres zu kommentieren. Er selbst sieht sich als Opfer der Atmosphäre in Basel und bezeichnet die Schule als «Haus der Angst». Die anderen Lehrpersonen hätten geschwiegen, weil sie es sich mit der Direktorin nicht hätten verscherzen wollen.

Wie kann es sein, dass die Missstände nicht früher erkannt wurden? Dass Menschen, die Einblick in die Ballettschule hatten, nie Alarm schlugen? Nicht nur Lehrpersonen, auch Ärzte, Physiotherapeuten, Musiker und die Betreuerin des Wohnhauses für die unter 16-Jährigen nie Alarm schlugen?

Charla Tuncdoruk fühlte sich teilweise so eingeschüchtert, «dass ich mich nicht mehr konzentrieren konnte».

Charla Tuncdoruk fühlte sich teilweise so eingeschüchtert, «dass ich mich nicht mehr konzentrieren konnte». (Foto: zvg)

Wie bei allen Systemen sind die Gründe komplex. Es geht um Abhängigkeiten. Um Angestellte, die es sich nicht leisten können, ihren Job zu verlieren, um Jugendliche, die von klein auf darauf konditioniert werden, zu funktionieren, statt sich zu wehren. Und um das Versagen von Behörden, die nicht genau zu wissen scheinen, wo sie die Grenze setzen sollen.

Ein Infragestellen dieses Systems bedeutet auch das Infragestellen eines gesellschaftlichen Bedürfnisses. Ballett lebt von seiner übermenschlichen Ästhetik: Die schmalen Glieder, die schwerelosen Bewegungen, die hohen Sprünge – hier scheinen Menschen die Schwerkraft durch ihre ­eigenen Körper zu bezwingen. Der Mensch liebt Ballett, weil er die Überwindung des Möglichen liebt. Aber legitimiert dieses Verlangen eine gesundheitsschädigende Ausbildung?

Der Psychotherapeut

«Das Verhalten der Trainer an dieser Schule hat die Grenzen klar überschritten», sagt Ralph Erich Schmidt, Psychotherapeut an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Seit April 2022 befindet sich eine Absolventin der BTB bei ihm in Behandlung.

Aus der Forschung wisse man, sagt Schmidt, dass das Vorkommen von Missbrauch und Vernachlässigung im Bereich des Leistungssports höher sei als in der Allgemein­bevölkerung. Seine Patientin etwa wurde als «Schande der Schule» beschimpft: «Das fällt eindeutig in den Bereich des psychischen Missbrauchs», so Schmidt. «Die Schülerinnen sind sehr jung, befinden sich in einer heiklen Phase der Entwicklung und werden jahrelang diesen belastenden Erfahrungen ausgesetzt. Das sind Risikofaktoren für langanhaltende und teilweise schwere psychische Störungen.»

«Wenn wir an der Stange waren und sie vorbeilief, hatte ich immer solche Angst. Die Direktorin hatte ihre Lieblinge, und wer nicht dazugehörte, wurde ignoriert oder ausgeschimpft, wie ein unartiges Kind. Wenn wir weinen mussten, drehten wir uns mit dem Gesicht zur Wand, so dass uns die Lehrpersonen nicht sahen.»

Alyssa Hunkeler

Die psychiatrische Forschung unterscheidet gemäss Schmidt fünf Kategorien von Missbrauch und Vernachlässigung. Neben dem sexuellen Missbrauch gebe es den physischen Missbrauch, wie schlagen, stossen und schütteln, und den psychischen Missbrauch, wie beschimpfen, demütigen, bedrohen. Dazu kommen physische und psychische Vernachlässigung. Seine Patientin etwa habe ihre Lehrer darauf aufmerksam gemacht, dass sie Schmerzen hatte. Trotzdem habe sie weitertrainieren müssen. «Das ist inakzeptabel.»

Die meisten Ballettkarrieren beginnen schon im Kindergartenalter, auch das ist wichtig, um zu verstehen, warum die Tänzer*innen später all die Schmerzen auf sich nehmen, die Trainings, den Drill: Sie kennen es nicht anders. Schmidt sagt: «Kinder kommen nicht mit Massstäben zur Welt, sie lernen diese. Wenn in einem Umfeld ein gesundheitsschädigendes Verhalten normalisiert und mit Erfolg belohnt wird, dann verschieben sich die gängigen Massstäbe.»

«Einmal fiel ich während des Trainings von den Spitzenschuhen. Ich merkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Trotzdem trainierte ich 2½ Stunden weiter, unter unsäglichen Schmerzen. Mein Fuss war auf das Doppelte angeschwollen. Später erfuhr ich, dass ich mir die Bänder gerissen hatte. Das Wichtigste aber für mich war, mir nichts anmerken zu lassen. Weil ich mich in einem Umfeld befand, das solches Verhalten als Stärke bezeichnet. Ich war dermassen eingeschüchtert, dass ich verlernte, mir selbst zu trauen.»

Simone Solèr

Ballett sei ein Lebensprojekt, sagt der Psychotherapeut Ralph Erich Schmidt. Fällt es weg, haben viele Angst, ihr ganzes Leben bräche zusammen. Ähnliche Verhaltensmuster kenne man aus religiösen Sekten, wo ebenfalls eine «grosse Angst der Mitglieder» herrsche, eigenständig zu entscheiden, auf sich selbst zu hören, weil sie das nie lernen durften.

Die Eltern

Auch die Eltern sind nicht unschuldig an dieser Mauer des Schweigens, die die Ballettwelt umgibt. Er habe viele Mütter erlebt, die über ihre Töchter den eigenen Traum ausgelebt hätten, sagt einer, der die Ballettschule Theater Basel gut kennt, aber nicht namentlich genannt werden will.

Sie hätten die Inszenierung dieser perfekten Zauberwelt aus rosa Tüll mitgetragen, ihre Kinder in die Trainings gefahren, den Drill und die Tränen überschminkt und nicht gesehen, wie sehr sie damit das System unterstützten.

«Ich weinte jedes Mal, wenn meine Eltern mich anriefen. Sie begannen sich grosse Sorgen zu machen und wollten die Direktorin kontaktieren, um ihr zu sagen, dass ich Mühe hatte. Ich verbot es ihnen. Zu gross war meine Angst, dass es einen Einfluss darauf haben würde, wie man mich im Unterricht behandelte.»

Charla Tuncdoruk
Paloma Ramírez entschied sich, die Schule zu verlassen.

Paloma Ramírez entschied sich, die Schule zu verlassen. (Foto: zvg)

«Als ich mich entschied, die Schule zu verlassen, rief mich die Direktorin ins Büro. Sie war richtig böse auf mich, sagte, sie könne nicht verstehen, wie ich so undankbar sein könne. Sie hätte alles für mich getan. Was falle mir ein, jetzt gehen zu wollen. Dann beleidigte sie mich: Ich sei respektlos und dumm. Ich sei eine Prinzessin, die nur an sich selbst denkt. Sie könne meine Eltern ins Gefängnis bringen, dafür, dass sie mich jetzt aus der Schule holen. Sie wolle mich nie wieder sehen, ich solle jetzt sofort packen und verschwinden.»

Paloma Ramírez

Bajour und die «NZZ am Sonntag» haben mit mehreren Eltern gesprochen, die lange gezögert hatten, bevor sie sich aus Sorge um ihre abgemagerten und kranken Kinder bei der BTB meldeten. Sie alle teilen dasselbe Problem: Wenn es der Lebenstraum des Kindes ist, Ballerina zu werden – wie schlecht muss es dem Kind gehen, bis man ihn zerstört?

Dass das Schweigen über den zerstörten Traum hinausgehen kann, zeigt ein Fall von 2015. Der Vater einer Tänzerin an der BTB nimmt Kontakt zu einem Basler Sportarzt auf. Seine Tochter, nennen wir sie Mila, befinde sich in einer psychischen Krise, schreibt der Vater, es gehe um ihr Körpergewicht, um Belastungssituationen. Frau Bennett hatte sie aufgefordert, Gewicht zu verlieren, worauf der Arzt antwortet, er werde Mila untersuchen und krankschreiben. Er fragt den Vater, ob er die Behörden informieren dürfe, was der Vater bejaht.

Ana Paredes Sanz' Selbstvertrauen litt enorm.

Ana Paredes Sanz' Selbstvertrauen litt enorm. (Foto: zvg)

Es ist nicht das erste Mal, dass dieser Arzt Schülerinnen der BTB untersucht. Er werde gemeinsam mit dem Sportamt gegen die Direktorin vorgehen, sagt er dem Vater. Er wisse von mehreren Fällen.

Später heisst es, man habe beschlossen, eine Grundsatzdiskussion mit Frau Bennett zu führen und sie zurechtzuweisen. Doch zu so einem Treffen kommt es nie. Obschon alle Beteiligten, auch der Kanton, etwas unternehmen wollten, um Mila zu helfen. Wie kann das sein?

Der Arzt kann sich heute an den Fall erinnern, er bedauert, dass er nicht mehr wisse, warum es nie zu diesem Treffen kam. Auch im Sportamt des Kantons weiss niemand mehr, warum die damals angestrebte Grundsatzdiskussion nie vollbracht wurde.

Der Branchenverband

2015 schreibt im Jahresbericht des Branchenverbands Danse Suisse der damalige Präsident Christoph Reichenau, dass in offiziellen Tanzausbildungen die Figur der Lehrlinge ein zu grosses Thema sei: «Wenn ein oberer BMI festgelegt wird, wenn regelmässig das Gewicht gewogen wird, wenn eine an Zerbrechlichkeit und Elfenhaftigkeit orientierte Ästhetik vorgegeben wird, dann überschreitet dies eine Grenze. So werden Hungerkünstlerinnen herangebildet – nicht selbstbewusste, starke Tänzerinnen, die auf ihre künstlerische Leistung setzen.» Reichenau schreibt, man müsse «derartige Praktiken bekämpfen».

«Am Ende des letzten Jahres versuchten wir, Vortanzen bei Compagnien zu bekommen. Bennett sagte, wir seien schlecht in Form, deshalb würde sie uns nun jede Woche wiegen. Ich hatte jedes Mal grosse Angst vor der Waage. Dann ass ich zum Frühstück und am Abend vorher nichts. Ich versuchte, keine Spangen in meine Haare zu tun, damit ich leichter war. Irgendwann hörte die Schule mit dem Wiegen auf, aber ich machte weiter. Ich war besessen von meinem Körpergewicht. Ich hatte an der BTB jeweils die Hauptrolle getanzt, sie sagten mir, ich könne Solistin werden, aber schliesslich traute ich mich nicht einmal bei Compagnien vorzutanzen, weil ich dachte, sie finden mich sowieso zu dick.»

Ana Paredes Sanz

Auf die Frage, was Danse Suisse seit 2015 konkret unternommen habe, um keine «Hungerkünstler» zu züchten, schreibt der seit Juni amtierende Geschäftsführer Cyril Tissot: «Danse Suisse ist ein Berufsverband, wir haben keine Befugnisse, in solchen Fällen direkt einzugreifen. Danse Suisse setzt sich aber dafür ein, dass sich die Strukturen im Berufs- und Ausbildungsfeld laufend verbessern.» So gab der Verband etwa eine Empfehlung für Mindestlöhne heraus und veröffentlichte 2021 einen Code of Conduct.

Der Verband schafft also Strukturen, aber auf deren Umsetzung hat er keinen ­Einfluss. Auch eine anonyme Meldestelle für Missbrauch, wie sie seit Anfang Jahr für Sportler*innen existiert, zieht der Verband nicht in Betracht, «da bei anonymen Meldungen ein konkretes Handeln nicht möglich ist».

Die Lehraufsicht

Im Jahr 2018 haben lediglich vier Tänzerinnen an der Ballettschule Theater Basel ihre Lehre abgeschlossen, zehn haben ihre Verträge aufgelöst und sind von der Schule abgegangen. Über die letzten Jahre gesehen, liegt die Lehrabbruchquote bei rund 20 Prozent, damit ist sie doppelt so hoch wie die durchschnittliche Abbruchquote aller 250 Berufe im Kanton Basel-Stadt.

Die hohe Lehrabbruchquote ist auch dem Erziehungsdepartement Basel-Stadt aufgefallen, die als Aufsichtsbehörde fungiert und einschreitet, sollte es Probleme zwischen Ausbildungsbetrieben und Auszubildenden geben, nicht nur beim Tanz, auch bei Schreiner*innen oder Bäcker*innen.

«Natürlich haben wir uns gefragt, was da los ist», sagt Ulrich Maier, Leiter Mittelschulen und Berufsausbildung Basel-Stadt. Der zuständige Berufsinspektor des Kantons habe im Schnitt einmal im Jahr das Gespräch mit der Schule geführt, habe die Zuständigen, darunter Amanda Bennett, darauf hingewiesen, dass es Missstände gibt, dass die jungen Männer und Frauen überfordert seien. «Die heiklen Themen wurden angesprochen», sagt Maier, darunter auch Gesundheitsfragen, Ernährung, psychischer Druck. Die Schule gelobte Besserung, jedes Jahr aufs Neue, aber passiert sei nichts. «Die Probleme wurden weggelächelt», heisst es.

Auch vom Sportamt, das die Spitzensportförderung kontrolliert und Möglichkeiten hat, Einfluss zu nehmen, heisst es, man habe bis zu acht Gespräche mit der Leitung der Ballettschule geführt. «Oft ging es um die raue Wortwahl der Schuldirektorin, um psychischen Stress und zu hohe Belastungen», sagt der Sprecher Simon Thiriet.

Alyssa Hunkeler traute sich nicht, Schwäche zu zeigen.

Alyssa Hunkeler traute sich nicht, Schwäche zu zeigen. (Foto: zvg)

Doch offenbar zeigten auch diese Treffen wenig Wirkung. Gemäss Recherchen von Bajour und der «NZZ am Sonntag» gab es im Zeitraum der letzten zehn Jahre mehr als ein Dutzend Gespräche zwischen der Ballettschule und den kantonalen Behörden. Sie handelten von Ernährung, vom Druck im Unterricht, den vielen Lehrabbrüchen.

Der Tanz ist die bisher einzige Kunstsparte in der Schweiz mit einer Berufslehre EFZ. In Zürich betreut die kantonale Aufsichtsperson für die Lehrlinge im Bühnentanz gleichzeitig auch die Coiffeurlehrlinge. Die Lehraufsicht in Basel betreut sogar noch 13 weitere Berufsausbildungen, darunter jene der Dentalassistent*innen und der Messerschmied*innen. Die Frage drängt sich auf: Wäre die Akzeptanz von Missständen genauso hoch, wenn 30 Prozent der Bäckerlehrlinge die Lehre abbrächen?

Als 2021 die sogenannten «Magglingen-Protokolle» die Schweiz erschütterten und Kunstturnerinnen von Missbrauch und Vernachlässigung berichteten, hat der Bund eine Untersuchung eingeleitet und Massnahmen ergriffen, auch in anderen Sportdisziplinen wie Synchronschwimmen oder Eiskunstlauf. Doch beim Ballett passierte – nichts.

«Nach elf Jahren als Profitänzerin weiss ich: Das Schlimmste, was du einer jungen Tänzerin antun kannst, ist, ihr Gewicht zum wichtigsten Teil ihrer Person zu machen. Ich bin froh, habe ich die Schule verlassen, und weiss nicht, ob ich eine professionelle Karriere gehabt hätte, wäre ich länger an der BTB geblieben.»

Charla Tuncdoruk

Die Konfrontation

Ein Dienstagmorgen im Oktober. Draussen ist es sonnig, im dritten Untergeschoss des Theaters Basel bekommt man davon nichts mit. Amanda Bennett steht vor 17 jungen Tänzer*innen und gibt Anweisungen. Sie trägt eine schwarze Sweatjacke um die Hüfte, auf dem «Youth American Grand Prix» steht. Ihre Stimme ist bestimmt, aber freundlich. Einmal fragt sie einen Tänzer, ob er sich mit seiner Verletzung zutraue, die Übungen zu machen.

Die schwere Tür zum Saal ist geöffnet, ein Detail, das den Verantwortlichen später sehr wichtig sein wird. Keine Tür sei bei der BTB, auch in der St. Jakobshalle, wo man üblicherweise trainiere, je geschlossen. Die Botschaft ist klar: Man hat nichts zu verbergen.

«Ballett war früher alles für mich. Seit meiner Zeit bei der BTB aber hasse ich es. Ich habe nie wieder getanzt, nie wieder eine Aufführung gesehen. Ich weiss, was hinter diesen mageren Körpern steckt. Mir wird schlecht, wenn ich nur daran denke.»

Madison Devietti

Die Schule steckt in finanziellen Schwierigkeiten. Weil die EFZ-Ausbildung aufgrund einer neuen Regelung um ein Jahr verlängert wurde, benötigt die BTB mehr Geld für Personal, zusätzliche Trainingsräume und Unterkünfte.

Der Kanton Basel-Stadt hat bereits Überbrückungskredite von 168'000 Franken gesprochen, um einer Insolvenz vorzubeugen. «Noch aber sprechen wir von einer Finanzierungslücke von 300'000 bis 500'000 Franken im Jahr», sagt die Basler Grossrätin Catherine Alioth (LDP), die in einer Motion eine langfristige Finanzierung fordert. Die Schule sei auf Drittmittel angewiesen und suche mit Hochdruck neue Sponsoren, so Alioth.

Hört man sich in Basel um, wird die Finanzierung aber nicht von allen begrüsst. Vielen Politiker*innen stösst sauer auf, dass man mit dem EFZ-Lehrgang eigentlich nur ausländische Studierende ausbildet.

Simone Solèr trainierte trotz Verletzung weiter.

Simone Solèr trainierte trotz Verletzung weiter. (Foto: zvg)

Als die Stunde vorbei ist, setzen sich ­Bennett, die Leiterin der Junior School, Julie Wherlock, und Wolfgang Kirchmayr vom Verwaltungsrat an einen Tisch in der Kantine. Das Gespräch verläuft freundlich reserviert. Bennett und Wherlock bestreiten jeden Vorwurf und dass sie jemals derartige Dinge gesagt hätten. Selbst als sie mit schwer­wiegenden Vorwürfen konfrontiert werden, zeigen die drei kaum eine Reaktion.

Drei Tage später schreibt Bennett in einer E-Mail: «Ich bin erschüttert über die vorgebrachten Vorwürfe. Die Zitate und Aussagen widerspiegeln nicht die Realität der BTB-Ethik.» Sie fügt an: «In Bezug auf Ihre Aussagen: Im Frühjahr 2015 wurde ich darauf aufmerksam, dass ein Lehrer Regeln und Richtlinien nicht eingehalten hatte. Um eine sichere und produktive Umgebung für die Schüler*innen und Mitarbeitenden zu gewährleisten, wurde er entlassen. Als Direktorin der BTB stehe ich hinter meiner Arbeit und der Arbeit unseres Teams.»

Die Worte wiederholen die Aussagen des vorangegangenen Gesprächs. Auch auf die Frage, warum 33 ehemalige Schülerinnen derart lügen würden, hat Bennett immer noch keine Antwort.

Julie Diethelm holt tief Luft. Riesige Scheinwerfer zeichnen helle Kreise auf den Boden. Aber sie gelten nicht der jungen Frau, die schon seit Jahren nicht mehr tanzt, sondern dem FCZ, der gleich nebenan am Stadtrand von Zürich trainiert. Julie Diethelm holt mit dem Arm aus und schleudert einen blauen Gummiball in die Herbstdämmerung. Labrador Miro rast hinterher.

In den vergangenen Jahren wurde Machtmissbrauch in vielen gesellschaftlichen Bereichen publik: in der Filmindustrie, den Medien, in Sportarten wie dem Turnen, dem Synchronschwimmen. Das System des Schweigens bröckelt – mittlerweile auch im Ballett. Julie Diethelm sagt: «Ich will nicht, dass es jungen Menschen heute so ergeht wie uns damals. Disziplin darf nicht bedeuten, Missbrauch oder Nötigung in Kauf zu nehmen. Und um das zu erreichen, müssen wir aufhören, still zu sein. Wir müssen Worte finden für das, was uns angetan wurde.»

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