Bullwinkels Blickwinkel

Hass in eigenen Reihen

Der Co-Präsidentin der jungen EVP war’s irgendwann zu viel. Wie so viele Frauen zieht sie sich aus der Politik zurück. Ungezügelter digitaler anonymer Hass, oft auch aus den eigenen Reihen, gefährdet die Demokratie.

Wochenkommentar Lea Blattner
(Bild: KEYSTONE/Peter Klaunzer (Bearbeitung: Bajour))

Sich für eine Karriere in der Politik zu entscheiden, hat heutzutage sowohl mit Mut als auch mit einer gewissen Abgebrühtheit zu tun. Sich öffentlich zu exponieren – das muss man wollen und vor allem aushalten können. Der Gegenwind, der weder aus einer konstruktiven noch aus einer debattierfreudigen Ecke weht, kann beträchtlich sein. Besonders Frauen schrecken davor zurück, sich überhaupt für ein politisches Amt aufstellen zu lassen oder sie verlassen den Politikbetrieb wieder, nachdem sie Cybermobbing erfahren haben. Das zeigte kürzlich eine Studie der Uni Basel. Die Autor*innen sprechen von einer strukturellen Ungleichheit, denn es sind vor allem Frauen betroffen.

Wegen Hasskommentaren hat diese Woche auch die Co-Präsidentin der Jungen EVP Schweiz, Lea Blattner, ihren Rücktritt angekündigt. Sie hat nicht nur online anonymen Hass erfahren, sondern offenbar auch aus den eigenen Reihen. Dies, nachdem sie sich als lesbisch geoutet hatte. Ihre sexuelle Orientierung ist es also, die einigen nicht ins Konzept passt. Zurückgetreten ist Blattner nach eigener Aussage auch deshalb, weil sie sich nach Drohbriefen, die sie erhielt, mehr Initiative von der Mutterpartei gewünscht hätte. Hass ist der eine Aspekt, der Umgang mit ihm und das Aufarbeiten durch das Umfeld ist aber ebenfalls zentral für die Betroffenen. Die Baselbieterin kann sich vorstellen, ins Amt zurückzukehren, aber erst müsste ihre Partei «bereit sein, sich zu hinterfragen und an sich zu arbeiten».

Besonders Frauen schrecken davor zurück, sich für ein politisches Amt aufstellen zu lassen oder sie verlassen den Politikbetrieb wieder, nachdem sie Cybermobbing erfahren haben.

Und falls sich jemand fragt, wo der Hass gegen Frauen herkommt, ein einfaches Beispiel. Auf der Plattform von Elon Musk, dem wohl reichsten Mann der Welt, dient die App Grok aktuell vor allem dazu, beliebigen Frauen per künstlicher Intelligenz massenhaft die Kleider auszuziehen oder sie in einen virtuellen Bikini zu stecken. Auch vor Minderjährigen machen die Nutzer*innen keinen Halt. Eine Gesellschaft, die 2026 so etwas zulässt, muss sich über zivilisatorische Defizite nicht wundern.

Es ist erstaunlich, wie absolut empathielos und ungerechtfertigt gerade in der digitalen Anonymität politisch geurteilt und beschimpft wird. Dinge werden kommentiert, die von Angesicht zu Angesicht niemals fallen würden. Der Respekt vor dem Gegenüber sollte aber eigentlich nicht vom Kanal abhängen. Und auch nicht vom Geschlecht, vom Aussehen, von der Herkunft oder der sexuellen Orientierung. Die Realität sieht anders aus. Und Beispiele, wie die von Lea Blattner, schrecken andere junge Frauen ab, sich politisch zu engagieren. Die Studienautor*innen der Uni Basel stufen das als demokratisches Problem ein, wenn eine bestimmte Bevölkerungsgruppe sich weniger beteiligt und bewusst darauf verzichtet, die eigene Meinung zu teilen.

Wenn wir bei uns selbst anfangen und andere nur so behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen, trauen sich vielleicht auch wieder mehr, den Gegenwind auszuhalten und für den fairen Dialog einzustehen.

Wir müssen uns als gesamte Gesellschaft und als Individuum fragen, wie fair wir selbst mit Andersdenkenden umgehen. Akzeptieren wir deren Meinung, bemühen wir uns um eine konstruktive Diskussion, auch wenn uns diese Meinung nicht passt? Schauen wir weg oder erheben bewusst keinen Einspruch, wenn jemand abgekanzelt wird, der uns nicht passt? Am Ende noch aus «Solidarität» für die gute, richtige Sache?

Es lohnt sich, sich selbst zu überprüfen. Wenn wir bei uns selbst anfangen und andere nur so behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen, trauen sich vielleicht auch wieder mehr, den Gegenwind auszuhalten und für den fairen Dialog einzustehen. Weil sie wissen, dass die Mehrheit auf ihrer Seite steht: auf der Seite der demokratischen Teilhabe, und der Kraft des guten Arguments, die allen zusteht, die Menschenrechte einhalten. 

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