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#generationgap

Jung und Alt in der Beziehungskrise

Bajour-Praktikantin Valerie macht sich Sorgen: Der Graben zwischen den Generationen wird in der Corona-Krise noch tiefer, fürchtet sie.

01/07/21, 04:10 AM

Aktualisiert 01/07/21, 03:15 PM

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Jahresanfänge finde ich immer eine schräge Zeit. Einerseits will man keine Vorsätze fassen, weil – wenn wir ehrlich sind – man erfüllt sie eh nicht. Andererseits hat man Hoffnungen, Träume für das neue Jahr, ganz speziell dieses Jahr. Mir geht es auch so. Vorsätze aufschreiben möchte ich nicht, aber einen Wunsch hab ich trotzdem: dass sich Alt und Jung wieder annähern.

Der Graben zwischen den zwei Generationen reisst in letzter Zeit immer weiter auf. Nachrichten über riesen Silvesterpartys in Frankreich oder Italien haben beispielsweise hohe Wellen geschlagen. Viele sind frustriert über die angebliche Verantwortungslosigkeit der «Jungen». SRF-Userin Patricia Mutaleno schreibt sogar: «Ich wäre nie zu einer solchen Party gegangen. Damals gab es noch keine iPads & Co. gegen die Langeweile. Die heutige Jugend hat genug um sich abzulenken. Die denken, dass sie alles besser wissen und mit ihrer Sorglosigkeit, das da sicher nichts passieren wird, sind sie potentielle Virenüberträger. Man sollte diesen Menschen zeigen, wie es aussieht auf einer Corona-Station.»

Das ist nur ein Beispiel unter vielen. Die meisten fangen auch an zu generalisieren. Viele sprechen in ihren Kommentaren von den «Jungen». Das nicht alle von ihnen an Silvester Partys geschmissen haben geht beinahe etwas unter. Und genau hier liegt die Gefahr der Spaltung zwischen Jung und Alt in der Krise. Und davor habe ich Angst, denn diese Spaltung birgt eine grosse Gefahr.

Aber zuerst einen Schritt zurück

Gräben zwischen älteren und jüngeren Generationen gab es schon immer. Schon der Philosoph Sokrates soll gesagt haben: «Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.» Ehrlich: es würde mich nicht wundern, wenn ich das heute noch genauso hören würde. 

Ein gewisser Graben zwischen Generationen ist wichtig. Denn wenn es keine Unterschiede gibt zwischen Jung und Alt, kann sich eine Gesellschaft nicht weiterentwickeln. Kleiner politischer Einschub: Unter anderem darum finde ich es auch wichtig, dass die junge Generation mehr in der Politik vertreten ist. Zum Beispiel mit einem Wahl- und Stimmrechtsalter 16

Heute entwickelt sich die Gesellschaft jedoch schneller als je zuvor. Wir sind ständig miteinander verbunden, senden SMS oder Mails innert Sekunden über die halbe Welt. Und diese Entwicklung hin zu einer schnelleren Gesellschaft kam relativ rasant. Erfindungen wie Handys und Computer sind nicht mehr wegzudenken. Diese Geschwindigkeit macht die Unterschiede zwischen dem Lebensstil der älteren und der jüngeren Generation sichtbarer, den Graben zwischen Jung und Alt immer weiter.

Einer der vielen Kommentare unter dem SRF Artikel über die Partys in Italien und Frankreich. Unter ihnen gab es aber auch viele verständnissvolle. Ein Anfang.

Einer der vielen Kommentare unter dem SRF Artikel über die Partys in Italien und Frankreich. Unter ihnen gab es aber auch viele verständnissvolle. Ein Anfang.

Dabei ist der eigene Lebensstil enorm wichtig für Stabilität im eigenen Leben. Nun, da sich der Lebensstil der Generationen so schnell verändert, nimmt das der älteren Generation Stabilität und Sicherheit. Ein aktuelles Beispiel: die Anmeldung zu Impfterminen. In Basel-Stadt kann man sich entweder online oder per Telefon anmelden. Die Telefonnummer allerdings steht ganz unten auf der Website. Für jemanden, der sich da nicht so gut auskennt, ist das schon eine erste Hürde, die zu Unverständnis und Zweifel führen kann. Für die jüngere Generation hingegen ein Klacks.

Oder: Viele kleine Läden sterben in der Innenstadt aus oder es gibt sie nur noch online. Für eine ältere Person, die ihr ganzes Leben in diesem einen Laden einkaufen ging, stellt das eine grosse Herausforderung dar. Ein eigenes Bankkonto online anlegen, das E-Banking einrichten oder per Twint bezahlen sind nicht Dinge, die man mit 70 einfach so von heute auf morgen lernt. 

Für die jüngere Generation ist es jedoch oft nicht ersichtlich, warum das alles so schwer sein soll. Dieses gegenseitige Unverständnis hat den Generationengraben in den letzten Jahren schon weit auseinandergehen lassen. Dabei geht es nicht bloss um kleine Veränderungen im Leben, wie zum Beispiel öfter auf Fleisch zu verzichten oder Flugreisen zu unterlassen, sondern um ein ganz anderes Verständnis, wie wir leben sollen. Und die Konfrontation völlig verschiedener Standpunkte zu diesen Lebensweisen, diese Unsicherheit auf beiden Seiten, wie man mit dieser Diskrepanz umgehen soll, kann zu einer Distanz führen. Bis man nicht mehr miteinander kann. Wir stecken so zu sagen in der Beziehungskrise.

Aber was hat das alles mit Corona zu tun?

Mit der Pandemie kam im März der Shutdown. Die sozialen Kontakte wurden auf ein Minimum beschränkt. Ältere Menschen waren plötzlich Risikopatient*innen und das Coronavirus für sie lebensgefährlich. Ständig gab es Neuigkeiten über Symptome, Gefahren, Superspreader-Events, nun auch über mutierten Formen und noch ist kein Ende in Sicht. Alle Generation müssen auf Abstand gehen. Besonders die ältere Generation wird isoliert. Es kommt zur physischen Trennung zwischen Alt und Jung.

Die jüngere Generation kämpft währenddessen mit den psychischen Folgen der Pandemie. Je jünger man ist, desto grösser auch der Freundeskreis. Nun gibt es nur noch Schule zu Hause und Kontakt zu Freund*innen online. Wir Digital-Natives lernen, wie wichtig der physische und direkte Kontakt ist, und zwar auf die harte Tour. Gerade gegen Ende 2020 häuften sich die Meldungen: die Stationen der Jugendpsychiatrien füllen sich.  Vielen reisst der Geduldsfaden. Man trifft  sich wieder mit mehr Leuten und das Virus breitet sich aus. 

Auf die physische Trennung zwischen Jung und Alt folgt nun die geistige. Einige Ältere haben kaum Verständnis für die Jungen, die sich nicht mehr konsequent an die Massnahmen halten. Das ist durchaus verständlich. Die Fallzahlen sind jetzt schon lange auf hohem Niveau und das Coronavirus immer noch brandgefährlich. Aber man muss auch verstehen, dass jüngere Menschen durch den Lockdown einzugehen drohen und das als reale Gefahr anerkennen. Viele beginnen, die psychische Gesundheit der Jungen gegen die physische Gesundheit der Älteren abzuwägen, mit unterschiedlichen Ergebnissen.

«Nach dem Piepston»

«Nach dem Piepston»

Bajour hat während der ersten Welle und dem ersten Lockdown einen Anrufbeantworter eingerichtet. Dort konnten alle anrufen und aufs Band sprechen, zehn Minuten lang. Einmal pro Woche haben wir uns alle Nachrichten angehört und zu einer Piepston-Episode zusammengeschnitten. Viele Menschen haben ihre Sorgen, ihre Zuversicht und ihre Gefühle mit uns geteilt. Hier kannst du reinhören.

Wir hatten also schon vor Corona einen wachsenden Graben zwischen Jung und Alt, nun mit Corona scheint er noch grösser zu werden. Und in Zukunft?

Wenn wir davon ausgehen, dass die Coronakrise im Sommer mehr oder weniger durch ist, beziehungsweise wir durch die Impfungen eine Herdenimmunität erreicht haben, dann wird es nicht lange dauern und die andere Krise rückt (endlich) wieder in den Vordergrund: die Klimakrise. Seit Jahren gehen junge Menschen auf die Strasse, man nennt sie auch Generation Greta. Getan hat sich seitdem nicht viel. Das Ziel, die Erderwärmung unter 1.5 Grad zu halten, ist in weite Ferne gerückt. 

#NoBoomerNeeded

Und auch dort tut sich ein Graben auf. Zwar sind hier die Grenzen zwischen Jung und Alt nicht mehr ganz so klar wie in der Coronakrise, denn in der Generation Greta sind auch nicht alle umweltbewusst. Doch die Klimakrise wird sie deutlich stärker betreffen als die ältere Generation von heute. Und auch hier finden wir wieder Unverständnis. Viele Ältere nerven sich darüber, wie die «privilegierten» Jungen vor Wut auf die Strasse gehen und Forderungen stellen. Schliesslich haben sie ihnen den hohen Lebensstandard ermöglicht, den sie haben. Aber mit dieser Einstellung kommen wir nicht weiter.

Wenn die Menschheit noch länger existieren will, müssen wir die Klimakrise abschwächen (von Verhinderung kann kaum mehr die Rede sein). Und das müssen wir gemeinsam tun. Jeder Mensch muss sich fragen; Brauche ich dieses Shirt wirklich? Muss ich heute schon wieder Fleisch essen? Muss ich wirklich per Flugzeug in die Ferien fliegen?

Wenn zwei sich streiten...freut sich das Coronavirus

Um sowohl die Coronakrise wie die Klimakrise zu bewältigen, müssen wir zusammenhalten – und zwar alle. Der Graben zwischen Alt und Jung wird viel zu häufig mit Frust und Wut gefüllt, dadurch wird er nur noch tiefer. Was wir jetzt brauchen ist Verständnis und Solidarität. Das bringt uns in der Coronakrise wieder zusammen. Verständnis bei der älteren Generation für die schwierige Lage der Jungen, und Solidarität der Jungen, sich zurückzunehmen. Wenn das eine nicht da ist, gibt es auch das andere nicht. Und wenn wir das in der jetzigen Coronakrise nicht schaffen, stehen die Chancen für die Klimakrise schlecht. 

Darum wird es jetzt schnulzig: Nur gemeinsam schaffen wir das!