Fehlendes Schutzkonzept an der Fasnacht

Sicherheit im Schatten der Narrenfreiheit

Während Polizei und Opferhilfe an der diesjährigen Basler Fasnacht bislang nur wenige Meldungen zu Übergriffen verzeichnen, fordert die Juso beider Basel erneut ein Schutzkonzept. Gerade bei sexualisierter Gewalt sei die Dunkelziffer erfahrungsgemäss hoch.

Räppli Stopfen
Eine junge Frau wird von einem Waggis mit Räppli gestopft – ein häufiges Bild an der Fasnacht. (Bild: Dominik Asche)

Am Eurovision Song Contest setzte Basel ein Zeichen gegen sexualisierte Gewalt und Diskriminierung wie Queerfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus und Ableismus. Betroffenen wurde rund um die Uhr professionelle Unterstützung angeboten. Das neuartige Awareness-Konzept war als Pilotprojekt gedacht. «Die Erkenntnisse aus der Umsetzung dieses Pilotprojekts sollen der breiten Öffentlichkeit, Fachpersonen und Veranstaltenden zur Verfügung stehen, so dass sie auch über diesen Event hinaus dazu beitragen, ein sicheres und respektvolles Miteinander zu schaffen», heisst es auf der Website des Kantons. 

Für die Fasnacht existiert kein vergleichbares Gewaltschutzkonzept. Melanie Imhof, Sprecherin des Präsidialdepartements, verweist darauf, dass die Fasnacht nicht vom Kanton selbst veranstaltet werde, sondern vom Fasnachts-Comité. Dieses wiederum sieht sich nicht in der alleinigen Verantwortung für die gesamte Fasnacht, sondern lediglich für die Organisation des Cortège am Montag und Mittwoch.

Die Juso beider Basel hat bereits 2025 ein spezifisches Schutzkonzept für die Basler Fasnacht gefordert und bestärkten diese Forderung dieses Jahr wieder.

Die Zahlen

Die Kantonspolizei Basel-Stadt zieht eine positive Bilanz der diesjährigen Fasnacht. Im persönlichen Kontakt mit Besucher*innen sowie in sozialen Medien habe es viel Dank für die Präsenz gegeben, durch die sich viele sicher fühlten, teilt Mediensprecher Stefan Schmitt auf Anfrage mit. 

Gemeldet wurde ein Vorfall: Eine Frau erstattete Anzeige wegen sexueller Belästigung im Zusammenhang mit dem Stopfen von Räppli durch einen Waggis.

Räppli Stopfen
Räppli überall. (Bild: Dominik Asche)

Die Staatsanwaltschaft weist darauf hin, dass zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht zwingend alle Anzeigen eingegangen oder erfasst seien. Zudem gäbe es in ihrer Datenbank keine Verschlagwortung, anhand derer sich herausfinden liesse, welche Anzeigen im Zusammenhang mit der Fasnacht gemacht wurden. 

Auch bei der Opferhilfe beider Basel sind die Zahlen betreffend Fasnacht bislang tief. Die neue Hotline sei während der Fasnacht gleich genutzt worden wie in den letzten Monaten, so der Geschäftsleiter der Opferhilfe beider Basel, Beat John. Auch er weist darauf hin, dass womöglich noch nicht alle Meldungen gemacht wurden. Von der Fasnacht im Baselbiet habe es allerdings ein paar Vorfälle gegeben, bei denen eine direkte Kontaktaufnahme mit der Opferhilfe stattgefunden habe. «Die gemeldeten Delikte betreffen Sexualdelikte und Körperverletzung», so John.

Die Opferhilfe erhebt keine veranstaltungsbezogene Daten. Sie begrüsst jedoch, dass der Kanton ein Meldetool equivalent zu «Zürich schaut hin» prüft. Der Mediensprecher des zuständigen Justiz- und Sicherheitsdepartements, Toprak Yerguz, bestätigt das: «Es liegt ein Konzept für das Meldetool vor und es wird derzeit geprüft, mit welchen Begleitmassnahmen eine allfällige Einführung einhergehen soll.» Auskünfte zu weiteren Details seien zum jetzigen Stand noch nicht möglich.  

Die Forderung der Juso

Die Juso zeigt sich wenig überrascht davon, dass die Polizei und die Opferhilfe nur wenige Meldungen verzeichnen. «Gerade bei sexualisierter Gewalt sowie bei queerfeindlichen oder rassistischen Übergriffen ist die Dunkelziffer erfahrungsgemäss hoch», sagt Leon Bürgin, Co-Präsident der Juso beider Basel. Das sei Teil des Problems. Viele Betroffene würden Vorfälle nicht melden, weil sie Scham empfinden oder Angst haben, nicht ernst genommen zu werden, auch würden einige die Situation nicht als gravierend genug einstufen. «Besonders an der Fasnacht, wo Anonymität, Alkohol und die Berufung auf Narrenfreiheit eine Rolle spielen, sinkt die Hemmschwelle für Grenzüberschreitungen, während gleichzeitig die Hürden für eine Anzeige hoch bleiben», so Bürgin.

Die Juso sieht daher auch ohne umfassende Statistiken Handlungsbedarf. Bürgin berichtet, dass den Jungsozialist*innen gegenüber wiederholt von Personen, die aktiv an der Fasnacht teilnahmen, übergriffige Erfahrungen geschildert wurden. Das verdeutliche, dass es sich nicht um vereinzelte Vorfälle handle. Es herrsche vielmehr eine gewisse Dynamik, die solche Grenzüberschreitungen begünstige und Massnahmen dagegen erschwere, so Bürgin.  

Das Fasnachts-Comité kümmere sich in vielen Bereichen während der Basler Fasnacht um die Sicherheit, dies könne gut um ein Awarness-Konzept erweitert werden, ist die Juso überzeugt.

Fasnachtslaterne Junteressli
Die Laterne der Junteressli mit reaktionären Hyänen. (Bild: Dominik Asche)

Auch ohne Schutzkonzept wurde an der diesjährigen Fasnacht auf die Gefahr von Gewalt gegen marginalisierte Gruppen aufmerksam gemacht. Die Opferhilfe sei erfreut darüber, dass sich einige Cliquen mit ihren Sujets im Sinne des Opferschutzes gegen Gewalt engagiert haben, so John. Er erwähnt die Junteressli, die die Gefährdung der Frauenrechte thematisierten und die Rätz Clique mit dem Sujet der Femizide und die Bäbeli Clique, welche sich gegen sexualisierte Gewalt ausspricht und dazu einen QR-Code der Opferhilfe auf dem Wagen angebracht hatte.

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Helena Krauser

Das ist Helena (sie/ihr): Helena hat Kultur studiert, um über Kultur zu schreiben, während dem Studium aber in so vielen lokalen Redaktionen gearbeitet, dass sie sich in den Lokaljournalismus verliebt und die Kultur links liegen gelassen hat. Nach Bachelor und Praktika startete sie den zweiten Anlauf zur Versöhnung mit der Kunst, ein Master in Kulturpublizistik sollte es richten. Dann kam das Leben (Kinder, Festanstellung bei der bz) dazwischen. Finally beim FRIDA Magazin gab’s dann kurz richtig viel Kultur und die Entdeckung, dass mehr eben doch besser ist. Deshalb macht sie bei Bajour jetzt beides.

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