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«Als die ersten Schülerarbeiten bei mir eintrudelten, war ich den Tränen nah.»

08/09/20, 08:00 AM

Aktualisiert 08/16/20, 05:18 PM

Im eigenen Rhythmus gelernt. (Bild: Unsplash/Steinar Engeland)

Im eigenen Rhythmus gelernt. (Bild: Unsplash/Steinar Engeland)

Als im März die Schulen schlossen, befand ich mich wie viele andere Menschen im luftleeren Raum. Als Lehrerin einer 6.Klasse, Coach mit eigener Praxis sowie Mutter von zwei Teenagern war ich gefordert, das Beste aus der komplett neuen Situation zu machen. Ich wollte die mir anvertrauten Menschen gleichzeitig stärken, fördern und aus physischer Distanz möglichst gut begleiten.

Ich wagte keine Prognosen, sondern stellte mir Fragen. Unsere lebhafte Klasse und meine Coachees mussten nun ohne professionelle Aufsicht lernen und mit viel Ungewissheit umgehen. Würde das funktionieren? Und wie würden sich meine eigenen Kinder motivieren lassen?

Als die ersten Schülerarbeiten bei mir eintrudelten, war ich den Tränen nah. Die Minimalanforderungen waren grösstenteils nicht nur erreicht, sondern bei weitem übertroffen: Vor mir lagen Zeichnungen, Gedichte und gelöste Aufgaben von einer Intensität, die ich im Unterricht nur selten zu sehen bekomme.

«Vor mir lagen Zeichnungen, Gedichte und gelöste Aufgaben von einer Intensität, die ich im Unterricht nur selten zu sehen bekomme.»

Jana

In dieser eigenartigen Zeit des Fernunterrichts musste niemand das Erlernte auf Prüfungsknopfdruck auswerfen. Und Woche für Woche erlebte ich Kinder, die über sich hinauswuchsen. Natürlich wurde auch viel Youtube geschaut, mit den Eltern gestritten und die Schulaufgaben verhühnert. Es gab gähnende Langeweile, Stimmungstiefs und man vermisste die Kolleginnen schrecklich.

Was mich aber geradewegs überrumpelte, war die riesige Kreativität, die Selbständigkeit und das Realisieren, dass gerade ganz viele Kinder einen natürlichen Rhythmus und eine individuelle Art des Lernens entwickelten. Nicht wenige Schüler*innen genossen auch eine Auszeit von den täglichen sozialen Spannungen im Klassenzimmer und Pausenhof. Und schnell überreizte Kinder waren froh um die Ruhe fern vom Klassenverband.

Anstrengende, aber glückliche Wochen mit Teenagern

Auch mit meinen zwei Teenagern erlebte ich enorm anstrengende, aber interessante und glückliche Wochen zuhause. Allein schon der pubertätskonforme Tagesrhythmus brachte grosse Entspannung. Das Lernen verlief selbstgesteuert, mal mehr und mal weniger motiviert, und führte oft an unerwartete Orte. 

Ein Beispiel: Mein Sohn musste das Schweizer Zollsystem symbolisch darstellen und abfotografieren. Er tauchte geradezu in das Fotobearbeitungs-Programm ein und vertiefte sich weiter in das Erstellen von ästhetisch ansprechenden Grafiken. Natürlich dauerte die für 20 Minuten angedachte Aufgabe damit einen ganzen Tag, doch abends sass ein zufriedener Siebtklässler am Tisch, der fand, er lerne gerade wirklich brauchbare Dinge. Dieses Mäandrieren vom Ausgangspunkt einer Aufgabe über viele Umwege zum Ziel, verbunden mit den eigenen Interessen und Neigungen, empfand ich bei ihm als enorm wertvoll und befriedigend.

Menschen mit AD(H)S lernten neue Strategien

In meiner Arbeit als Personal Coach stellte ich während des Lockdowns auf Online-Sitzungen um. Ich begleite unter anderem Menschen mit AD(H)S, für welche die Selbstorganisation eine grosse Herausforderung darstellt. Hier berührte mich besonders eine Jugendliche, die Strategien entdeckte und ungestört umsetzen konnte, so dass sie in ihrer eigenen Zeit fast sämtliche Schulaufgaben selbständig anfangen, erarbeiten und zu Ende führen konnte. Dass ihr dies gelang, erfüllte sie mit riesigem Selbstbewusstsein und Stolz. In klassischen Prüfungssituationen versagt jeweils ihre Aufmerksamkeit. Doch diese Prüfung des Lebens meisterte sie bravourös.

Als die Schulen wieder öffneten, versuchten wir Lehrpersonen, die gewonnenen Erfahrungen umzusetzen. Dafür befragten wir die Klasse nach ihren Wünschen und Befürchtungen. 

Zurück kamen folgende Antworten:

 «Dass wir die nächsten 7 Wochen genau so gut arbeiten wie zuhause.»

«Ich fürchte mich vor zu viel Stress.»

«Angst vor Tests!»

«Ich fürchte, dass meine Schulangst zurück kommt.»

«Ich wünsche mir, dass man zusammen lachen kann.» 

«Dass es jetzt nicht so stressig wird wie am Anfang des Schuljahres.»

Die Schüler*innen sagten zudem, wie sehr sie es genossen hätten, ihre Zeit selber einzuteilen, ohne Unterbruch an einer Arbeit zu bleiben und die Reihenfolge ihrer Aufgaben selber wählen zu können. All das nahmen wir im Unterricht auf. Wir arbeiteten wie üblich nach Lehrplan, aber für einmal ohne Druck, da die Sommerzeugnisse gestrichen worden und die Einteilungen für die Sek bereits im Januar geschehen waren. 

«Sogar Interesse an Rechtschreiberegeln und Grammatik wurde plötzlich geäussert.»

Jana

Aus innerer Motivation heraus entstanden über mehrere Wochen unglaubliche Werke im Bildnerischen Gestalten, in unterschiedlichem Tempo und mit Begeisterung wurde Mathe entdeckt und gefestigt, es entstand eine von den Schüler*innen zusammengestellte, ausgeklügelte Choreografie und es wurden Texte voller Tiefe geschrieben, über das momentane Leben und die Zukunft. Sogar Interesse an Rechtschreiberegeln und Grammatik wurde plötzlich geäussert.

Am letzten Schultag vor den Sommerferien gingen wir mit der Klasse noch einmal ihre Momentaufnahmen durch und wollten wissen, inwiefern sich ihre Hoffnungen und Befürchtungen erfüllt hatten.

Man war sich einig: Selten hatte Lernen so viel Spass gemacht wie in diesem 2. Semester der 6. Klasse. Niemand hatte den Eindruck, ohne Noten weniger gelernt zu haben. Niemand klagte über fehlende Motivation oder mangelnden Anreiz. Einzelne meinten, ohne Prüfungsvorbereitung würde wohl weniger Stoff repetiert, das sei vielleicht etwas schade. Dafür hätten sie nie Angst gehabt, zu wenig Leistung zu erbringen. Viele Konflikte in der Klasse und auf dem Pausenhof seien zudem weggefallen, weil die allgemeine Stimmung viel entspannter als sonst gewesen sei.

«Es ist für mich ein grosses Geschenk, dass ich während der letzten Monaten eine Schule gestalten durfte, die mir als gesund erschien.»

Jana

Bereits vor der Corona-Zeit hatte ich meine Anstellung als Primarlehrerin auf das neue Schuljahr gekündigt, um mich ganz dem Coaching zu widmen. Es ist für mich ein grosses Geschenk, dass ich während der letzten Monaten eine Schule gestalten durfte, die mir als gesund erschien. Und das paradoxerweise während einer Zeit, in der sich alles um ein gefährliches Virus drehte.

Ich habe nie die Augen vor den negativen Auswirkungen von Corona verschlossen, doch persönlich erlebte ich einmalig wertvolle Situationen, die ich nicht missen möchte.

Ob es möglich sein wird, aus solchen Erfahrungen zu lernen und unser Schulsystem entsprechend anzupassen? Ich wünsche es von ganzem Herzen und hoffe, dass wir diese aussergewöhnliche Zeit jetzt wirklich als Chance für ganz dringende Veränderungen nutzen.

Jana Landolt (47) ist Personal Coach und ADHS-Trainerin in Basel.

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