Drei Länder, kein Patentrezept
In der Schweiz beginnen die meisten Kinder ihre obligatorische Schulzeit mit vier Jahren, wenn sie in den Kindergarten kommen. Ein Blick ins Dreiländereck zeigt, dass Kinder in Frankreich früher, in Deutschland jedoch später eingeschult werden. Den einen richtigen Weg scheint es nicht zu geben.
Basler Kinder, die bis zum 31. Juli ihren vierten Geburtstag gefeiert haben, müssen Mitte August in den Kindsgi eintreten. Sollte ein Kind nicht reif für den Kindergarten sein, kann der Eintritt um ein Jahr verschoben werden. Diese Regel gilt auch für ihre Altersgenoss*innen in den Kantonen, die sich am Harmos-Konkordat beteiligen. Während der Stichtag sowohl in Baselland als auch in Basel-Stadt immer wieder diskutiert und auch kritisiert wird, zeigt ein Blick in die Nachbarländer Deutschland und Frankreich, dass die Einschulung dort ganz anders gehandhabt wird.
Frühkindliche Bildung
Während die französische École maternelle (Vorschule) für Kinder schon ab drei Jahren national verpflichtend und Teil des Schulsystems ist, beginnt in Deutschland die Schulpflicht erst mit sechs Jahren und dem Eintritt in die Grundschule. Eine Kindergarten- oder Vorschulpflicht gibt es in Deutschland nicht, ist aber immer wieder im Gespräch.
Unbestritten scheint zu sein, dass die frühkindliche Bildung eine entscheidende Rolle für die Entwicklung und das Wohlbefinden von Kindern spielt. Das ist auch im OECD-Bericht nachzulesen, in dem es heisst, dass frühe Bildung, Betreuung und Erziehung die sprachlichen, kognitiven, sozialen und emotionalen Kompetenzen von Kindern erheblich verbessere und die Selbstregulierung und das Selbstvertrauen fördere. Es gibt aber auch kritische Stimmen und Studien zu dem Thema.
Wann ist ein Kind parat, um eingeschult zu werden? In einer Motion macht sich SP-Landrätin Miriam Locher dafür stark, dass der Stichtag zur Bestimmung im Kanton Baselland von Ende Juli auf Ende April vorverlegt wird. Der Grund: Einige der Kinder seien noch nicht reif für die Schule. Auch SP-Grossrätin Sasha Mazzotti beschäftigt sich mit dem Thema und hält es für notwendig, die Situation in Basel-Stadt zu evaluieren, wo der Stichtag ebenfalls auf Ende Juli festgelegt ist. Anstatt den Stichtag nach vorne zu verlegen, plant sie, einen Vorstoss für eine gezielte Frühförderung einzureichen. Was denkst du?
Thomas Oeschger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Bildungswissenschaften der Uni Basel, verweist auf zentrale Befunde aus Langzeitstudien aus verschiedenen Ländern. Sie würden zeigen, dass früh eingeschulte Kinder ein höheres Risiko für Klassenwiederholungen und sonderpädagogische Förderdiagnosen aufweisen. Oeschger spricht auch von häufigeren ADHS‑Diagnosen bei den relativ Jüngsten in einer Klasse.
Diese jüngsten Kinder (relativ zum Stichtag) seien im Schnitt meist etwas leistungsschwächer in den ersten Schuljahren gegenüber ihren Peers. «Sie holen das aber kognitiv häufig bis Ende der Primarstufe weitgehend auf», sagt er. Ältere Kinder (relativ zum Stichtag) hätten gemäss Studien etwas bessere Testergebnisse und Noten sowie häufiger eine Empfehlung für anspruchsvollere Bildungsgänge wie das Gymnasium.
Zusammenfassend sagt er: «Relativ ältere Kinder profitieren statistisch leicht, wobei relativ jüngere ein etwas höheres Risiko für Probleme tragen.» Es gebe aber grosse individuelle Unterschiede.
«Studien zeigen: Eine sture Vorverlegung oder eine pauschale spätere Einschulung ist kein Allheilmittel.»Thomas Oeschger, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Bildungswissenschaften der Uni Basel
Eine «sture Vorverlegung» oder eine pauschale spätere Einschulung ist Studien zufolge kein Allheilmittel. «Entscheidend ist eine gute Passung von Entwicklungsstand, Förderung im Kindergarten und flexibler Handhabung der Stichtagsregelungen», sagt er und dürfte damit ins gleiche Horn derjenigen Basler Politiker*innen stossen, die sich für dafür stark machen, den auf den 31. Juli festgesetzten Stichtag zu überdenken, das System ganzheitlich zu betrachten und zu evaluieren.
Wann ist ein Kind parat, um eingeschult zu werden? Im Kanton Baselland beschäftigt sich die Politik aktuell mit dem Stichtag zur Einschulung. Auch SP-Grossrätin Sasha Mazzotti plant einen Vorstoss: Sie hält es für notwenig, die Situation in Basel-Stadt zu evaluieren.
Ganzheitlich deshalb, weil es in der Schweiz neben dem obligatorischen Kindsgi auch noch Spielgruppen und Kitas gibt, die viele Kinder im Anschluss an den Kindergarten über Mittag und am Nachmittag besuchen. Bajour-Leserin Rosie, die in einer Tagesstruktur arbeitet, schreibt in unserer Frage des Tages zum Thema Einschulung: «Wir sehen im August durchgehend knapp Vierjährige, die emotional überfordert sind.» Die Kinder seien noch nicht so weit, dass sie sich einen ganzen Tag in Kindergarten und Kita selbst regulieren können: «Bedürfnisse bleiben auf der Strecke.»
Anders ist dies in Frankreich, wo die Kinder zwar schon mit drei Jahren in der Vorschule sind, die aber ganztags organisiert ist. Die jungen französischen Kinder wechseln daher nicht zwischen unterschiedlichen Angeboten. Aber lassen sich die Regelungen überhaupt miteinander vergleichen? Und welches System ist das richtige?
Daniel Schmerse, Leiter der Professur Kindliche Entwicklung und Sozialisationsprozesse am Institut Kindergarten-/Unterstufe der FNHW, sagt: «Ein internationaler Vergleich zur Einschulung ist nicht 1:1 möglich, da sich die Bildungssysteme der Länder sehr voneinander unterscheiden.» Auch er verweist auf die genannten Bildungseinrichtungen vor der Primarschule, die von Land zu Land unterschiedlich organisiert seien und die eine Rolle bei der Gesamtbetrachtung spielen.