«Ich bin Feministin aus vollem Herzen»

Zum ersten Mal in der mehr als 200-jährigen Geschichte leitet eine Frau die Geschicke der Israelitischen Gemeinde Basel. Im Interview spricht die neue Präsidentin Steffi Bollag über die Solidarität der Basler*innen, die Uni-Besetzung und die Zukunft der Gemeinde.

Steffi Bollag Israelitische Gemeinde Basel
Steffi Bollag ist seit ihrer Kindheit mit der Gemeinde verwurzelt. (Quelle: Valerie Wendenburg)

Steffi Bollag, Sie sind die erste Frau an der Spitze der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB). Beginnt nun eine neue Ära? Ja, seit der Gründung der dritten Basler Gemeinde vor mehr als 200 Jahren hat es das noch nie gegeben. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass es in den Gemeinden davor schon mal eine Frau gab, die die Geschicke einer jüdischen Gemeinde geleitet hat. Es ist sicher ein wichtiges Zeichen. Ob es eine neue Ära ist, das wird man erst nach meiner Amtszeit sagen können.

Werden Sie von allen Gemeindemitgliedern akzeptiert oder gibt es auch Stimmen, die sich mit einer Frau als Präsidentin schwer tun?

Ich fühle mich wirklich sehr akzeptiert. Ich bin in Basel geboren, und auch wenn ich zeitweise in Wien gelebt habe, bin ich hier sehr integriert. Ich persönlich habe noch keine negativen Stimmen gehört und erfahre viel Akzeptanz von allen Richtungen innerhalb der Gemeinde. 

Steffi Bollag Israelitische Gemeinde Basel
Steffi Bollag

Steffi Bollag wurde 1957 im jüdischen Altersheim La Charmille in Riehen geboren. Sie lernte die Berufe Pflegefachfrau, Hebamme und Lehrerin für praktische Krankenpflege. Sie hat während der 1990er Jahre das jüdische Altersheim in München geleitet, hat dann einige Jahre in Wien gelebt und ist 2000 wieder zurück in die Schweiz gekommen. Steffi Bollag war im Basler Gesundheitsdepartement tätig und hat 15 Jahre lang das Alterspflegeheim Humanitas in Riehen geleitet. 

(Foto: Scanu communications)

Wie steht es in der Gemeinde mit der Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern? In der Synagoge sitzen sie ja nach wie vor getrennt.

Die getrennte Sitzordnung hat aus meiner Sicht nicht so viel mit nicht vorhandener Gleichberechtigung zu tun. Es stimmt, die Frauen sitzen noch oben in der Synagoge. Es wäre aber zu simpel zu sagen, dass wir Gleichberechtigung hätten, nur weil alle gemeinsam unten sitzen. Ich bin Feministin aus vollem Herzen, weiss aber auch um die Grenzen innerhalb der IGB.

Was meinen Sie mit Grenzen?

Wir sind eine orthodoxe Einheitsgemeinde. Daher möchte ich die orthodoxen Gemeindemitglieder nicht vor den Kopf stossen. Es muss für alle stimmen. Ich kann dazu nur sagen: Wir arbeiten an einer Lösung. Wichtig ist mir, dass alle die freie Wahl haben und sich ihren Platz in der Gemeinde aussuchen können. Ich wünsche mir, dass die Synagoge ein Raum ist, in dem sich alle wohl fühlen und gerne kommen.

Wie geht es der Gemeinde aktuell? Fühlen Sie sich aufgrund des ansteigenden Antisemitismus in Basel noch sicher?

Wir fühlen uns dank der Sicherheitsmassnahmen sicher. Ausserdem fühlen wir uns sehr ernst genommen und unterstützt, was uns sehr freut. Ich habe den Grossteil meines Lebens hier verbracht und kann sagen, dass wir in den letzten Jahrzehnten noch nie so eine grosse Unterstützung erfahren haben, wie es im Moment der Fall ist. Das wissen wir sehr zu schätzen.

Das klingt erstmal positiv in der aktuellen Situation.

Ja und Nein. Wir fühlen uns sehr unterstützt, aber es ist natürlich traurig, dass wir überhaupt Unterstützung brauchen.

«Wir bekommen täglich solidarische Mails und Zuschriften.»

Steffi Bollag, IGB-Präsidentin

Kommt die Unterstützung seitens des Kantons oder von der Bevölkerung?

Sie kommt von beiden Seiten. Wir bekommen täglich solidarische Mails und Zuschriften. Gerade heute habe ich einen Brief einer Baslerin gelesen, der mich zu Tränen gerührt hat. Es kommen viele Zeichen wie diese, und das ist unglaublich schön.

Israelkritik ist ja nicht immer gleich Antisemitismus. Haben Sie den Eindruck, dass sich Jüdinnen und Juden in Basel für die aktuelle israelische Politik rechtfertigen müssen?

Nein, das müssen wir sicher nicht. Ich habe es noch nie getan und werde es auch nicht tun. Sonst wäre ich nicht Präsidentin der IGB, sondern in der israelischen Politik engagiert. Ganz abgesehen davon habe ich auch keine Lösung für diesen Konflikt.

Israelitische Gemeinde Basel

Die Israelitische Gemeinde Basel ist vom Kanton Basel-Stadt öffentlich-rechtlich anerkannt. Sie ist die älteste und grösste der drei Gemeinden neben der Israelitischen Religionsgesellschaft und der Liberalen Jüdischen Gemeinde Migwan. Die IGB besteht seit über 200 Jahren und zählt heute rund 860 Mitglieder. Als Einheitsgemeinde ist sie Heimat für Jüdinnen und Juden aller religiösen Ausrichtungen und verfügt als eine der grossen Schweizer Gemeinden über eine ausgebaute Infrastruktur. Sie wird nach den Regeln der Halacha (den jüdischen Rechtsvorschriften) geführt.

Die IGB hat während der Besetzung der Uni Basel kommuniziert, sie fühle sich bedroht. Gab es da konkrete Anhaltspunkte?

Die Uni-Besetzung hat uns sehr beschäftigt. Unsere Stellungnahme ist sehr gut angekommen. Ich denke, es ist wichtig, sich in Zeiten wie diesen zu positionieren. 

Aber konkrete Erfahrungen mit den Aktivist*innen hat die Gemeinde nicht gemacht?

Die Bewegung ist aus meiner Sicht gut gesteuert und finanziert. Weil eine grosse Maschinerie dahinter steht, empfinden wir die Bewegung als sehr gefährlich. Wir haben keine konkreten Erfahrungen gemacht, aber unsere Gemeinde ist auch sehr gut geschützt.

Gibt es viele Gemeindemitglieder, die persönlich vom Krieg betroffen sind, weil sie Verwandte und Freunde in Israel haben?

Basel ist eng mit Israel verbunden, die Geschichte der beiden Orte ist auch durch den ersten Zionistenkongress mit Theodor Herzl 1897 in Basel eng verwoben. Viele Jugendliche und junge Erwachsene gehen nach Israel und wandern teilweise aus. Das ist eine Herausforderung für unsere Gemeinde in Basel, da uns die jungen Erwachsenen hier fehlen. Es gibt im Moment einige Basler Jüdinnen und Juden in Israel, teilweise sind sie auch in der Armee. Ein Soldat aus dem Kreis unserer Gemeinde ist bereits gefallen. Die Situation betrifft die jüdische Gemeinde hier sehr stark, weil fast jeder und jede Verwandte oder Freunde in Israel hat.

Synagoge Israelitische Gemeinde Basel
Die Synagoge der Israelitischen Gemeinde Basel. (Quelle: Valerie Wendenburg)

Die Gemeinde hat ein demografisches Problem und die Mitgliederzahlen sinken beständig. Wie wollen Sie neue Mitglieder gewinnen?

Ich möchte nicht nur neue Mitglieder gewinnen, sondern auch bestehende Mitglieder halten und motivieren, und sich willkommen zu fühlen. Die Zeiten, in denen wir 2000 Mitglieder hatten, sind vorbei. Ich möchte zu Beginn meiner Amtszeit eine Umfrage unter allen 860 Gemeindemitgliedern machen und ihre Bedürfnisse abfragen. Es gibt in der IGB eine grosse schweigende Mehrheit, die kaum sichtbar ist. Mir ist es wichtig, diesen Menschen zuzuhören, sie zum Reden zu bringen und auf ihre Bedürfnisse einzugehen. Die Gemeindemitglieder, die ohnehin regelmässig in die Synagoge kommen, sind gut eingebettet. Alle anderen möchte ich versuchen, abzuholen.

Haben Sie genug Nachwuchs, damit die Gemeinde auch in Zukunft Bestand hat?

Es ist ein Fakt, dass mehr als 50 Prozent der Gemeindemitglieder älter sind als 60 Jahre. Wir haben aber auch viele Kinder, die Krippe und der Kindergarten sind ausgebucht. Uns fehlen aber Menschen in der Altersgruppe zwischen 30 und 50, das ist ein Problem. 

Kann auch eine nicht jüdische Person die IGB unterstützen?

Auf jeden Fall. Wir haben vor einigen Jahren das Programm «Friends of IGB» ins Leben gerufen. Menschen, die sich der jüdischen Gemeinschaft nah fühlen und solidarisch sein möchten, können hier Mitglied werden. Es geht nicht nur um Geldspenden, sondern auch um fachliche Unterstützung. Es ist mein Ziel, interessierte und engagierte Basler*innen mit einzubeziehen. «Friends of IGB» können unsere Anlässe besuchen und auch aktiv in der Gemeinde mitwirken.

«Ich möchte mich bemühen, die nichtjüdischen Partner*innen in unserer Gemeinde zu begrüssen und sie willkommen zu heissen.»

Steffi Bollag

Mehr als 50 Prozent aller Ehen, die von Gemeindemitgliedern geschlossen werden, sind interreligiös. Beziehen Sie die nichtjüdischen Partner*innen auch mit ins Gemeindeleben ein?

Ja, selbstverständlich. Wir haben ein tolles Angebot für Kinder, das auch von Kindern mit nur einem jüdischen Elternteil genutzt werden kann. Ich möchte mich bemühen, die nichtjüdischen Partner*innen in unserer Gemeinde zu begrüssen und sie willkommen zu heissen.

Wie steht es um die Finanzen der Gemeinde?

Die sind seit Jahren angespannt. Wir leben von Steuereinnahmen und mit sinkender Mitgliederzahl sinken auch die Einnahmen. Auch deshalb ist es unser Bestreben, neue Mitglieder zu gewinnen.

Werden Sie den interreligiösen Dialog suchen?

Auf der politischen Ebene sicher, das gehört zu meiner Aufgabe als Präsidentin. Ich unterstütze auch Angebote wie die Christlich-jüdischen Projekte oder die Christlich-Jüdische Arbeitsgemeinschaft.

Gibt es auch einen Austausch mit muslimischen Gemeinden?

Nach dem 7. Oktober gab es immer wieder Gespräche, es gibt auch den Runden Tisch der Religionen. Mir ist Networking sehr wichtig.

Im August kommt ein neuer Rabbiner in die IGB. Haben Sie gemeinsam neue Pläne für die Zukunft?

Rabbiner Elimelech Vanzetta möchte alles, was Rabbiner Moshe Baumel etabliert hat, beibehalten. Er spricht aber auch vom Wachstum der IGB. Wenn sich dann neue Fragen stellen, braucht es auch neue Antworten. Ich denke, wir sind ein gutes Team, da wir beide lebensbejahende Menschen sind, bei denen das Glas immer halbvoll ist. 

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